Von der Aktualität des Erinnerns
Von Bernd Hüppauf
Das 20. Jahrhundert kann als eine Zeit der Katastrophen erzählt werden, eingeleitet durch den Ersten Weltkrieg, fortgesetzt durch einen noch mörderischeren Krieg und die Vernichtung der europäischen Juden. Auch wenn wir an die ruhiger verlaufene zweite Hälfte dieses Jahrhunderts denken, herrscht kein Mangel an Gewalt, die am Ende in die globale Bedrohung durch den Terrorismus und den Krieg gegen den Terrorismus führte. In diese katastrophale Geschichte sind Daten eingelassen, an die das Jahr 2009 erinnert: 1919, 1949, 1989. Sie markierten die Enden von Phasen der Gewalt und Diktatur und weckten zugleich Hoffnungen auf Neubeginn, die alsbald in Gefahr laufen enttäuscht wurden.
Was bedeutet Erinnerung heute?
Die Erinnerung macht die Zeiten konzentrierter Gewaltsamkeit, die Deutschland und Europa von 1914 bis 1919 und 1939 bis 1945 erschütterten, zu Phasen temporaler Verdichtung. Sie sind mit zeitlichem Abstand nicht verblasst, sondern haben an Gewicht gewonnen. Sie fordern die Frage heraus, wie diese Phasen und insbesondere die nationalsozialistischen Verbrechen in der Zukunft erinnert werden können oder sollen. Diese verdichteten Zeiten von Gewalt, Krieg und Terror, die mit dem jungen und vagen Wort „Trauma" - für die Wunde, die sich nicht schließen will - charakterisiert werden, erfordern besondere Formen des Erinnerns. Man kann von einem Problem der negativen Erinnerung sprechen. In welchem Verhältnis steht diese Erinnerung zur anderen Dimension von Geschichte: der Zukunft. Ohne eine Zukunftsperspektive wird Erinnerung antiquarisch.
Um den Blick auf das vergangene Jahrhundert in eine Zukunftsperspektive einzubetten, ist das Jahr 1989 fundamental. Aus diesem historischen Jahr, das den Komplex des Endes des Kalten Kriegs und der Teilung Deutschlands und Europas bezeichnet und mit dem blassen Wort „Wende" nicht angemessen bezeichnet wird, ergeben sich die Fluchtlinien für die Komposition des Bildes, in das die anderen Daten und ihre Zeiten eingearbeitet werden können. Seit dieser Wende lässt sich in Deutschland und Gesellschaften Westeuropas eine neue Tendenz zur Zentralisierung des Gedenkens beobachten. Sie erlaubt Politik und Regierungen einen Einfluss auf die Formen des Gedenkens, wie sie in nicht demokratischen Gesellschaften praktiziert wird. Die Zentralisierung und Politisierung verleiht dem Gedenken eine große öffentliche Sichtbarkeit, birgt aber die Gefahr des Affirmativen. Einen weiteren Umbruch erleben wir gegenwärtig durch das Sterben der letzten Zeitzeugen der großen Katastrophen des frühen 20. Jahrhunderts. Die ungeordneten und unübersichtlich verstreuten persönliche Erinnerungen gehen verloren, und andere Träger und Strukturen des Erinnerns treten an ihre Stelle. Die Veränderung in der öffentlichen Erinnerungskultur sowie das Ende der Zeit der Zeitzeugen lassen Fragen nach Inhalten und Formen des Erinnerns entstehen: Wer leistet die Arbeit des Erinnerns? Was tun wir – Individuen und Gesellschaften -, wenn wir uns erinnern? Was sollen wir tun?
Zwischen Erinnerung und Geschichtsschreibug
Mit dem Tod der Zeugen ändern sich die Akteure und die Medien des Erinnerns. Damit wandelt sich das Erinnern selbst. Wenn wir zwischen Erinnerung und Geschichtsschreibung unterscheiden, ist die Erinnerung subjektiv und relativ: Täter, Opfer und Zuschauer haben verschiedene Wirklichkeiten erlebt und erinnern sich an Verschiedenes. Auch Geschlecht, soziale Schichtung und Alter schaffen Trennungen unter den Zeugen und beeinflussen, was auf welche Weise erinnert wird. Diese Heterogenität ist elementar für das Erinnern. Sie erlaubt nicht, aus Erinnerungen den Anspruch auf das eine und richtige Bild zu erheben. Sie sind lebendig und öffnen einen Raum für Diskussion und Streit in der Lebenswelt. Mit dem Tod der Augenzeugen droht das Ende dieses lebendigen Streits. Droht damit das Vergessen? Während das Vergessen in der Folge der unabwendbaren biologischen Tatsache Tod eine heilsame Wirkung haben kann, betont der öffentliche Diskurs der Gegenwart die Sorge, dass das Vergessen zu einer Gefahr für die Zukunft werden könnte, da sich das Vergessene zu wiederholen drohe. An die Stelle des individuellen und an biologische Organismen gebundenen Erinnerns treten überindividuelle Formen des Gedächtnisses. Ihre Techniken und Strukturen gilt es zu verstehen.
Die Frage: „Was tun wir, wenn wir uns erinnern?", ist nicht identisch mit der Frage nach dem Gedächtnis. Sie hängen zusammen und müssen doch getrennt gehalten werden. Die Frage, was wir tun, wenn wir Vergangenes zurückrufen und gegenwärtig machen, was der Lauf der Zeit abwesend gemacht hat, legt das Augenmerk auf das Tun. Erinnern und, das ist von ihr nicht zu lösen: Vergessen sind aktive Leistungen. Sie sind nicht in jeder Hinsicht bewusste Leistungen, sondern kommen oft aus einem unklaren Nirgendwo, überfallen uns, hüllen uns in eine Wolke diffuser Angst ein. Ist es überhaupt möglich, aus persönlichen Erfahrungen ein öffentliches kollektives Gedächtnis zusammenzusetzen, fragte Reinhart Koselleck und verneinte die Frage. Dennoch erleben wir ständig, wie aus individueller Leidenserfahrung kollektive Erinnerung wird? Aber wie entsteht überhaupt ein öffentliches Gedächtnis, wenn es einen solchen Übergang nicht gibt? Was tun Medien, Museen, Bücher, Filme, Videos? Auch die Verbreitung meist vager persönlicher Erinnerungen durch das Internet bedeutet eine Herausforderung, denn die spezifischen Eigenschaften der Kommunikation im Internet beeinflussen die Art und die Inhalte des Erinnerns. Dies Handeln des Erinnerns muss verstanden werden. Es fordert eine Ethik der Erinnerungsbilder.
Orte des Erinnerns
Neue Formen und Techniken zum Speichern und Verbreiten von Erinnerungen entstehen seit einigen Jahrzehnten. TV und elektronische Medien werden zu Orten, die an die Stelle des persönlichen Erinnerns das öffentliche Gedächtnis setzen. Erinnern ist mobil und verändert seine Inhalte in einem beständigen Prozess der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Gegenwart. Schwindet mit dem öffentlichen Gedenken diese Lebendigkeit und der beständige Umbau der Gedächtnisinhalte durch die sich erinnernden Subjekte? Im Unterschied zu den unscharfen aber lebendigen Bildern der Erinnerung haben die Bilder des öffentlichen Gedenkens schärfere Konturen, aber sie bewegen sich nicht. Das Gedächtnis in öffentlichen Medien ist stets gefährdet, starr zu werden und die Beziehung zur Lebenswelt zu verlieren. Teil dieser Veränderung ist auch der Übergang von der Erinnerung zur methodischen Geschichtsschreibung, die nun zunehmend die ausschließliche Deutungshoheit beansprucht. Das Erinnern wird nich t einfach an die Geschichtsschreibung übertragen. Vielmehr herrscht ein gespanntes Verhältnis. Methodisch geschulte Fachleute an Universitäten übernehmen diese Arbeit, und diese Professionalisierung durch die Geschichtswissenschaft erfordert die Abwehr des Subjektiven der Erinnerung. Diese Professionalisierung schafft Distanz zu den moralische, religiöse und ästhetische Dimensionen des Erinnerns.
Das alles führt zu einer Distanzierung des Erinnerns, und man könnte von einer Enteignung der Lebenswelt sprechen. Die Bilder werden emotionslos und abstrakt und sind bedroht, durch beständige öffentliche Präsenz Leben und Bedeutung zu verlieren. Sie gehen in Metonymie verloren. Gerade die Bilder der jüngeren Vergangenheit, der Weltkriege, des Holocaust, der Diktaturen sind gefährdet, in der Funktion beständig wiederholter Demonstration zu erstarren und einer Entleerung im Rituellen zum Opfer zu fallen. Selbst wenn wir an das jüngste Datum der Serie, 1989, denken, erinnern wir uns an Bilder, die bereits an Bedeutung verlieren.
Werke von Ernst Volland sind Erinnerungslandschaften
In der Ausstellung sind unscharfe Bilder Ernst Vollands zu sehen. Sie nehmen zu dieser Situation Stellung. Sie oszillieren zwischen den beiden Polen der Bildlichkeit: Evidenz und Imagination. Sie lösen Konturen auf und lassen Bildinhalte verschwimmen. So könnten sie als ein Mittel des Vergessens verstanden werden. Das sind sie nicht. Die Unschärfen dieser Bilder schaffen eine mehrdeutige Zone zwischen Erinnern und Vergessen, in der das durch Unschärfe abwesend Gemachte, das Vergessene, zum Einfallstor der Imagination wird, die dem Erinnern beispringt und es vor der Erstarrung im Gedächtnis bewahrt. Damit leisten sie einen besonderen Beitrag zur Erinnerung unter den Bedingungen einer Krise der Repräsentation.
Die Absicht dieser Bilder ist nicht, subjektive Erfahrung zu zeigen, sondern sie tragen zu einer neuen Entwicklung in der Erinnerungskultur bei, in der das Subjektive mit Dokumentation verwoben wird. So können sie gegen innere und äußere Widerstände der Forderung entsprechen, Medien der negativen Erinnerung zu entwickeln. Bilder können nicht negieren, aber sie können einen Beitrag zum Herstellen eines Bild-Sprachnetzes machen, das auch die Gewalt- und Unrechtsgeschichte in die Erinnerung einschließt. Diese Erinnerung kann nur wirksam werden, wenn sie die eigene Beteiligung an der Gewalt- und Unrechtsgeschichte nicht verdängt. Vollands unscharfe Bilder sind der Erinnerung an diese Beteiligung gewidmet.
Eine Ikonographie der traumatischen Erinnerungen wie auch der Wende von 1989 sollte erarbeitet werden; sie verspricht Aufschluss über den Zusammenhang von Erinnerung und Zukunft, aus dem sich Identität bildet. Diese Ikonographie muss um Fragen der Form erweitert werden, und Unschärfe ist ein wesentliches Element der Form von Bildgeschichte. Erst unter Einschluss der Unschärfe entsteht, was Aleida Assmann „Erinnerungslandschaft" genannt hat. Unschärfe sorgt für den offenen und beweglichen Horizont der Landschaft, durch die sich der Wanderer durch die Vergangenheit bewegt.
Bernd Hüppauf ist Germanist und seit 1993 Professor of German, New York University



