Interview
"Ostalgie muss man aushalten"
Wieviel Osten steckt in Ihnen?
Konkret 18 Jahre. Aber vor allem meine Kindheit, diese Zeit ist entscheidender als eine andere. Als ich im vorletzten Jahr 36 wurde, habe ich ein großes Fest gefeiert: 18 Jahre DDR, 18 Jahre Freiheit. Und jetzt lebe ich schon länger im Westen als im Osten.
Aber Sie verdienen Ihr Geld mit Büchern über Ihr Leben im Osten.
Das ist nicht richtig. Ich verdiene mein Geld mit Geschichten. Darin spielt meine Kindheit und Jugend oft eine Rolle und die ist nun mal mit der DDR verwoben. Literatur ist immer lokal verortet. Das kann man bei allen Autoren erkennen.
Hören Sie öfter, das DDR-Thema endlich fallen zu lassen?
Gelegentlich. Ich empfinde diese Aufforderung als Zumutung und bin diesbezüglich sensibel geworden. Martin Walser hat sein Leben lang über den Bodensee geschrieben, dem würde nie jemand sagen, er soll das jetzt mal lassen.
Sie definieren sich nicht über dieses Thema?
Ich erzähle Geschichten, die mit mir verbunden sind, nicht welche über die DDR.
In Ihrem neuen Buch „Aufbau Ost“ bereisen Sie die 15 ehemaligen Bezirke der DDR und erzählen aus einer vergangenen Zeit und von Orten, die sich in den vergangenen 20 Jahren mitunter komplett gewandelt haben. Ist es ein Buch für das Erinnerungsjahr 2009?
Dieses Buch habe ich zielgerichtet geschrieben, ja.
Worin unterscheiden sich Ihre Geschichten von den Geschichten der unzähligen anderen Autorinnen und Autoren, die sich diesem Thema zugewandt haben? Ist nicht alles schon erzählt?
Wenn Sie der Meinung sind, dass meine Geschichten auch schon mal erzählt worden sind, dann wohl nichts… Es ist doch so, dass jeder Autor seine ganz eigenen Geschichten hat. Selbst wenn sie thematisch verwandt sind, zählt doch immer vor allem der andere Blick. So ist das in der Literatur. Es gibt diese Theorie, dass im Geschichtenerzählen ohnehin nur eine Handvoll Grundkonflikte existieren, die stets variiert werden. Das kann schon sein.
Warum sind die Leute, vor allem die im Osten, so scharf darauf, solche Geschichten zu lesen?
Ich habe ebenso viele Lesungen im Westen wie im Osten und kann diese Erfahrungen überhaupt nicht teilen. Das Interesse ist beiderseits gleich groß oder klein – je nach dem, von wo man es betrachtet. Aber in diesem Jahr steht das Thema natürlich ganz besonders im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Sie sind viel auf Lesereisen, auch im Ausland. Was wollen die Leute in anderen Ländern wissen von der DDR und vom heutigen Ost-Leben im West-Alltag?
Noch mal: Vor allem mein erstes Buch handelt nicht von der DDR, sondern von meiner Kindheit in einer Diktatur. Diktaturen haben die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert entscheidend geprägt. Nicht nur in Deutschland. Ich habe Post bekommen von Menschen über 80, die sagten, sie erkennen so viel wieder, auch aus ihrer eigenen Kindheit und Jugend. Und die fand nicht in der DDR statt, sondern im Dritten Reich.
Sind Ost und West zusammen gewachsen?
Wir sind schon sehr stark zusammen gewachsen und an manchen Stellen sogar stärker, als wir wahrhaben wollen. Darüber schreibe ich ja auch in meinem neuen Buch. Natürlich gibt es Probleme, allen voran die soziale und wirtschaftliche Realität im Osten. Dafür muss es politische Lösungen geben, sonst steuern wir auf ein deutsches Sizilien zu.
Welche?
Wenn ich das wüsste, säße ich jetzt nicht hier im Interview, sondern im Bundestag und würde Politik betreiben.
Definieren Sie sich als Ostdeutsche?
Ich sehe mich zuerst als Berlinerin und dann als Norddeutsche. Ich bin froh, dass es die DDR nicht mehr gibt und dass die Deutschen wieder ein Volk sind. Aber ich weiß, dass ich in vielem sehr ostdeutsch bin. Natürlich – hier liegen meine Wurzeln.
Wie halten Sie es mit der Ostalgie?
In meinem Wortschaft existiert die Vokabel eigentlich gar nicht. Aber natürlich beobachte ich, dass es zunehmend Leute gibt mit dem geneigten Ja-Aber-Blick auf den Osten: Je länger die DDR vorbei ist, desto besser wird sie, so ein richtig schönes Kuschelland. Was soll man dagegen tun? Dagegen kann man nichts tun, das muss man aushalten und seine eigenen Geschichten dagegenhalten.
Das Interview führte Simone Schmollack
Claudia Rusch, 1971 geboren, studierte Germanistik und Romanistik, seit 2001 ist sie freie Autorin in Berlin. Ihre Mutter gehörte zum Freundeskreis des Dissidenten Robert Havemann, ihre Kindheit ist durch Einschränkungen und Bespitzelung gekennzeichnet. 2003 erschien ihr erstes Buch "Meine freie deutsche Jugend". Im März 2009 erschien "Aufbau Ost. Unterwegs zwischen Zinnowitz und Zwickau" (S. Fischer Verlag). Darin erzählt sie von Zonenrandgebieten, Flucht über die Ostsee, veränderten Alltagsgewohnheiten und über Gewinner und Verlierer der Wende.
Reaktionen (2)
1_ Bernd2. Januar 2010, 20:02 Uhr
2_ Michael Stognienko
7. Januar 2010, 16:17 Uhr



