Mut zur Veränderung
Engagement
Mit dem Jahr 1989 verbinde ich persönlich Freiheit: die Freiheit selbst zu bestimmen und die Freiheit, die Richtung (fast) selbst vorgeben zu können. Wenn ich mein Engagement in den vergangenen drei Jahrzehnten reflektiere, gibt es große Veränderungen. Leider auch Ernüchterung, aber immer noch Ideale. In der DDR zeichnete sich mein Engagement dadurch aus, dass ich mich so wenig wie möglich für das politische System einsetzte. Statt dessen suchte ich mir Nischen, in denen ich „unbeschadet“ (über)leben konnte. In den Vorwendemonaten kam die Chance, gesellschaftlich etwas zu verändern, mitzugestalten und auch teilzuhaben. Nun wandelte sich mein Engagement: Ich wurde politisch aktiv. Bei uns zu Hause traf sich das Neue Forum, das eine Veränderung in der Bildung anstrebte, zum Beispiel mit der Arbeitsgruppe „Umweltbewusstes und ganzheitliches Lernen“. Mein Sohn war damals fünf Jahre alt, das Thema war für mich persönlich also hochaktuell.
Entscheidungsträger waren nur Männer
Für Bildungspolitik interessierte ich mich dann noch viele Jahre und engagierte mich dafür. Aufgrund meiner ostdeutschen Erfahrungen war es damals für mich undenkbar, einer Partei anzugehören. Mit der geplanten Schließung des Autonomen Frauenhauses 1996, das ich 1990 mit aufgebaut hatte, änderte sich das allerdings nachhaltig. Mir wurde bewusst, dass sich Frau auch parteipolitisch engagieren muss, um etwas verändern und mitgestalten zu können. Es ist mühsam darauf zu warten, dass Männer das für uns Frauen tun. Als ich für den Erhalt des Autonomen Frauenhauses bei den Fraktionen der damaligen Stadtvertretung warb, stellte ich fest, dass in allen entscheidenden Funktionen Männer saßen. Als ich denen von der Misere und vor allem von der politischen Brisanz erzählte, verstanden die nur Bahnhof. Und wie sollten sich nun diese Männer für unsere Ziele einsetzen?
Persönliche Konsequenz: politisches Engagement
Ich sah nur einen Ausweg und eine persönliche Konsequenz: Ich wurde Mitglied von Bündnis/Die Grünen. Weil ich begriff, dass ich nur dann etwas verändern kann, wenn ich mich selbst einmische und mitgestalte.
Bis Ende 2001 habe ich durchgehalten. Die Position der damaligen rot-grünen Regierung zum Afghanistan-Krieg führte allerdings dazu, dass ich wieder ausstieg. Ich verabschiedete mich jedoch nicht gänzlich von der Politik. 2002 kandidierte ich für die Bündnisgrünen als parteilose Oberbürgermeisterkandidatin. Außenstehende registrierten häufig nicht, dass ich nicht mehr Mitglied war. Wichtig war ihnen, dass ich für bündnisgrüne Positionen wie Feminismus und Gewaltfreiheit stand.
Der Rückblick auf 20 Jahre Wende wiederum war ausschlaggebend für mich, es nochmals zu probieren. Ende 2008 wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, Landesvorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN für Mecklenburg-Vorpommern zu werden. Tage- und nächtelang überlegte ich, wog das Für und Wider ab und entschied mich: für einen Wiedereintritt. Ausschlaggebend dafür waren meine immer noch vorhandenen Ideale von 1989, meine Praxiserfahrungen aus den Wendejahren und die Ankunft in der sogenannten sozialen Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts.
Mut zur Veränderung
Ich habe zwei Systeme erlebt. Beide haben mich geprägt und geformt, von den Erfahrungen profitiere ich heute mehr denn je. Und bis heute kann ich nicht tatenlos zusehen, wie meine Ideale und Visionen von 1989 in Mittelmäßigkeit, Machtstreben und Ignoranz untergehen. Es lohnt sich, anderen Menschen etwas von sich mitzugeben, unter anderem den eigenen Mut auf Veränderung.
Silke Gajek, 1962 in Schwerin geboren, Ausbildung und Arbeit als Sekretärin, 1990 Aufbau des Autonomen Frauenhauses und bis 1992 deren Mitarbeiterin, 1993 bis1999 Studium an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg, Schwerpunkt Feministische Soziologie. Von 1996 bis 2001 Sprecherin BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN KV Schwerin. Seit 2000 Geschäftsführerin der Selbsthilfekontaktstelle Schwerin. Seit 2004 Stadtvertreterin Schwerin. Seit 2008 Geschäftsführerin der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfekontaktstellen MV und Landessprecherin BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Mecklenburg-Vorpommern.



