Interview
Letztendlich war doch das, was wir hier und heute haben, unser Ziel
Das komplette Interview kann hier nachgelesen werden (pdf-Datei, 99 kB).
Wo waren Sie am 9. November 1989, am Tag der Maueröffnung?
Ganz genau kann ich mich nicht mehr erinnern, aber vermutlich hatte ich Konfirmandenunterricht und habe das erst im Laufe des nächsten Tages und auch da erst am Abend erfahren. Ich weiß noch, dass mich ein Verwandter anrief, aber ehrlich gesagt, habe ich es ihm nicht richtig geglaubt. Ich dachte, wer weiß, am Ende ist das ein Gerücht, was da durch die Medien geht. Aber es sich ja bestätigt. Ich habe es dann noch einmal ausführlich im Deutschlandfunk gehört.
Was ging Ihnen dabei zuerst durch den Kopf?
Mein Gefühl war geteilt. Einerseits war da schon große Freude, das ist überhaupt keine Frage, denn es gab schon den sehnlichen Wunsch danach, dass die Grenze durchbrochen wird, dass die Grenze weg kommt. Andererseits hatte ich auch ein klein wenig Zweifel – ist das jetzt der richtige Moment? Lenkt uns diese geöffnete Grenze nicht nur von den Aufgaben ab, die vor uns liegen? Ich habe mir vorgestellt: Was wird passieren? – Alle fahren rüber, alle nutzen die Gelegenheit und keiner kümmert sich mehr um die dringlichen Aufgaben. Wir waren ja vollauf damit beschäftigt, darüber nachzudenken, wie es politisch weitergehen soll. Gerade im Herbst 1989 ging es ja darum auf den verschiedensten Gebieten neue Strukturen zu schaffen. Alle die Dinge, welche die Gruppe der 20 angestoßen hatte, sollten auf einen verwaltungstechnisch gangbaren Weg gebracht werden. Da waren viele Leute beschäftigt und ich hatte die Befürchtung: Wird die Energie nachlassen? Werden die Leute sich jetzt erst einmal damit beschäftigen, wen sie jetzt besuchen und was man da drüben kaufen kann?
Hatten Sie mit der Maueröffnung gerechnet?
Für mich war in der Zeit zwischen dem 8.Oktober und dem 9.November absehbar, dass die Grenze irgendwann durchlässiger wird. Das war für mich klar. Es war ja auch in dieser Zeit in der DDR ein Gesetz diesbezüglich in Arbeit, das wussten wir. Insofern bestand die Überraschung in dem Umstand, dass die Grenze so bedingungslos geöffnet wird, aber nicht darin, dass die Grenze für die Bürger der DDR durchlässiger wird. Man hat damit gerechnet, dass bestimmte Regeln formuliert werden, zu welchen Anlässen und wie lange die Menschen in den Westen reisen können, dass es aber am Ende darauf hinauslief, dass es gar keine Einschränkungen gibt, damit haben wir nicht gerechnet.
Durften Sie vor dem 9. November 1989 schon reisen?
Ja, ich war vorher zweimal im Westen zu einem persönlichen Anlass in der Familie. Es gab ja die Möglichkeit unter bestimmten Bedingungen zu reisen, wie runde Geburtstage, Hochzeiten, Taufen oder Beerdigungen. Und so war ich schon zweimal im Westen.
Wie war die erste Westreise?
Das war ein einschneidendes Erlebnis. Ich war ganz allein. Das war 1988, ich bin in der Nähe von Wolfsburg, Braunschweig mit dem Zug über die Grenze gefahren. Alle Sperranlagen waren noch da. Die Kontrolle an der Grenze stand unmittelbar bevor und da gehen einem ja viele Gedanken durch den Kopf. Man befürchtete, dass man doch nicht rüber kommt, dass irgendetwas mit dem Visum nicht stimmt. Und dann hörte man die Lautsprecher an der Grenze. Man bekam auch ein Paket damals, ich glaube, da waren Früchte drin, ich weiß es nicht mehr ganz genau, jedenfalls war das aber ein Moment, wo mir die Tränen in den Augen standen. Ich habe diese Grenze bei Oebisfelde als 9jähriges Kind 1961 schon einmal erlebt. Damals waren wir in Wolfsburg bei Verwandten und es gab eine lange Diskussion mit der Verwandtschaft, ob wir überhaupt zurück kehren. Eines meiner Geschwister war aber in der DDR geblieben und deshalb sind wir zurück gekehrt. Insofern war das damals 1961 der emotional wichtigere Moment. Doch wenn man an der gleichen Stelle viele Jahre später wieder in den Westen reist, erlebt man das wesentlich intensiver und auch als Erwachsener aus einer gänzlich anderen Perspektive.
Sind Sie nach dem Mauerfall auch sofort in den Westen gefahren?
Nein, erst viel später. Von Dresden aus war es ja auch ein weiter Weg. Wir sind aber damals das erste Mal zusammen als Familie gefahren. Ich, meine Frau und unsere drei Kinder - die waren damals 8, 5 und 3 Jahre alt. Wir sind nach Westberlin gefahren, das war einfach das Naheliegendste. Sicher war das beeindruckend, aber es war auch sehr stressig. Es gab ja dort viel mehr Verkehr als im Osten. Wir sind mit unserem Trabant nach Westberlin rein gefahren und als der Verkehr immer dichter wurde, haben wir das Auto einfach irgendwo stehen gelassen. Aber wir kannten uns ja überhaupt nicht aus. Ich weiß noch, wie wir da rumgeirrt sind. Wir hatten keine richtige Karte für Westberlin und alles war so weitläufig, es gab ja durch die Grenze extrem viele unbebaute Flächen und dort sind wir lange umhergeirrt. Ich erinnere mich, dass ich keine perfekte Orientierung hatte, die ich sonst eigentlich immer habe. Wir haben die Stelle gesucht, wo man das Begrüßungsgeld abholen konnte, das war in einem Bus. Das war schon ungewöhnlich. Wir haben uns noch ein paar Dinge angeschaut und sind dann wieder zurück gefahren.
Das klingt sehr nüchtern.
Ja, ich erinnere mich eher an den Stress. Ich hatte auch wenig Lust auf diese Reise. Der Terminkalender war voll, der Dienst musste weiter gehen. Ich war in viele Dinge in der Kirchgemeinde eingebunden, aber auch in politischen Aufgaben. Ich gehörte zur Gruppe der 20, habe diese Gruppe mit begleitet und das habe ich in dem Moment erst einmal als das Wichtigere angesehen.
Und die Westverwandtschaft?
Die haben natürlich alle erwartet, dass wir sie besuchen, aber das war fast undenkbar. Mit dem Trabant nach Stuttgart oder nach Hamburg zu fahren, das war zu weit. Und, wie gesagt, mir erschien das in dem Moment als pure Ablenkung. Es schien hier so viel zu tun zu geben.
Wie sind Sie in der DDR aufgewachsen?
Nun, ich stamme aus einer tradierten Pfarrersfamilie und habe meine Kindheit im Vogtland verbracht. Allerdings wollte ich selbst zunächst gar nicht Pfarrer werden, sondern Architekt. Das war mein feststehender Berufswunsch seit der Kindheit. Das hing mit meinem Onkel aus Wolfsburg zusammen. Zu ihm hatte ich eine sehr enge Beziehung und er war Architekt. Ich war dort als Kind häufig, auch für längere Zeit. Ich hatte mich an der TU Dresden beworben, wurde aber abgelehnt, weil ich den Wehrdienst verweigert habe. Das wurde mir auch damals sehr deutlich so gesagt.
Als Pfarrerskind hatte man bestimmt eine gewisse Außenseiterposition in der DDR?
Spätestens in der Schule hat sich das deutlicher bemerkbar gemacht. Ich war in der 1.Klasse bei den Pionieren. Dann bin ich ausgetreten. Das war natürlich eine Entscheidung meiner Eltern, aber das galt dann auch für alle anderen Organisationen. Es wurde in der Familie entschieden, dass sowohl ich, als auch meine Geschwister dort nicht Mitglied sind.
Haben Sie jemals mit ihren Eltern darüber gesprochen, warum Sie erst Mitglied in der Pionierorganisation waren und dann plötzlich nicht mehr?
Nicht direkt, aber ich glaube, meine Eltern haben zunächst erst einmal überlegt, was ist das für eine Organisation? Können dort unsere Kinder Mitglied sein? Meine große Schwester war damals auch noch Mitglied. Es stellte sich aber heraus, dass auch die Pioniere schon im Grunde vom Staat benutzt werden, um die atheistische Ideologie durchzusetzen. Ich kann mich sehr genau erinnern, dass diese Auseinandersetzung in diesem Dorf in dem wir lebten, innerhalb der ersten Schuljahre zugenommen hat. Sie war vielleicht am Anfang nicht so deutlich, nicht so erkennbar, nicht so massiv, man wollte möglichst alle Kinder für diese Organisation gewinnen, doch der Druck nahm schleichend zu. Ich kann es ein wenig aus den Schulheften dieser Zeit erkennen und dort war schon erkennbar, dass auch die Schule sehr klar die atheistische Weltanschauung vertreten hat.
Wie haben Sie den Austritt damals erlebt?
Das war für mich als Siebenjähriger schnell einsichtig. Wenn meine Eltern das so sehen, dann mache ich das. Da gab es keine Diskussion. Ich weiß zudem noch, dass ich schon als Kind eine sehr deutliche Distanz zu diesem Staat hatte, zu dieser Ideologie. Ich hatte also kein großes Problem damit, doch ich habe diese Ausgrenzung durchaus gespürt. Das lag aber nicht nur an den Pionieren, sondern ich war einfach das Pfarrerskind, der Sohn des Ortspfarrers. Dadurch hatte ich eine bestimmte Sonderrolle und darunter habe ich auch teilweise gelitten. Ich habe kürzlich auf einem Klassentreffen mit Mitschülern darüber gesprochen und die haben das auch so empfunden.
Worin bestand diese Ausgrenzung?
Das ging mehr von Seiten der Schule aus. Das waren so latente Dinge. Sicherlich, bei manchen Sachen war ich eben einfach nicht mit dabei. Pioniernachmittage fanden ohne mich statt. An eine Sache erinnere ich mich noch sehr deutlich. Wir haben mal in irgendeiner Unterrichtsstunde das Fahrrad besprochen und dazu sollte irgendjemand sein Fahrrad vom Hof holen. Ich hatte meins draußen stehen und da forderten mich andere Schüler auf, ich solle doch meins holen, aber da habe ich ganz deutlich gemerkt, dass der Lehrer das abgebogen hat. Ich weiß jetzt nicht, aus welchen Gründen, aber er wollte einfach nicht, dass ich mein Fahrrad vor der Klasse erkläre. Das war damals ein Moment, den ich nicht verstanden habe. Der Lehrer benannte dann einen anderen Schüler, der sein Fahrrad erklären sollte.
Haben Sie solche Erlebnisse sehr belastet?
Nein, eigentlich nicht. Wir haben in unserer Welt gelebt. Das war das Zuhause: der Pfarrhof, die Familie, die Eltern - und abgetrennt davon existierte der Schulalltag. Das waren zwei verschieden Welten, die wir auch nicht sehr viel miteinander vermischt haben. Wir haben zu Hause nicht allzu viel über die Schule gesprochen. Manchmal gab es aber so kleine Gesten, ich weiß noch, wir hatten in unserem Pfarrhof wunderschöne Birnbäume und wenn die reif waren gab es so viele Birnen, dass wir sie allein gar nicht essen konnten. Und da habe ich Birnen in die Schule mitgenommen und mir dadurch auch Respekt in der Klasse verschafft. So habe ich es jedenfalls wahrgenommen.
Gab es auch Lehrer, die Sie ermutigt haben?
Die gab es natürlich auch - zum Beispiel ein Geschichtslehrer, vor dem hatte ich sehr großen Respekt, denn er hat uns Dinge gelehrt, an die erinnere ich mich noch heute sehr lebendig und das ist doch wohl beeindruckend, denn gerade ein Geschichtslehrer hätte ja nun viel Ideologie lehren können, aber das hat er nicht gemacht. Zumindest in meiner Erinnerung nicht.
Sind noch mehr Schüler in Ihrer Klasse christlich erzogen wurden?
Ja, ich würde mal sagen, zwei Drittel der Schüler unserer Klasse gingen in die Christenlehre. Die fand unmittelbar im Anschluss an den Unterricht statt, aber ich hatte deutlich den Eindruck, dass die Schule Druck ausübt, um diese Anzahl zu verringern. Wie war es später? Sie sind von einem vogtländischen Dorf in die Großstadt Dresden umgezogen. Das bedeutete eine andere Schule, andere Lehrer, andere Mitschüler. 1963 sind wir umgezogen, da war ich in der 4. oder 5. Klasse. Das war eine große Umstellung, eine völlig neue Erfahrung. Wir haben uns aber relativ schnell in Dresden eingelebt. Auch in der Schule. Ich hatte eine tolle Klassenlehrerin, das war eine Physiklehrerin und ich hatte bei ihr von Anfang an das Gefühl, sie behandelt mich wie die anderen Schüler, das lief sehr fair, fast könnte man sagen, sie hat mich ein wenig auch in Schutz genommen, wenn man es von heute so betrachtet.
Woran haben Sie das gemerkt?
Zum Beispiel zum 1.Mai –Umzug. Normalerweise wurde da ein großer Druck auf alle Schüler ausgeübt, dort vollzählig zu erscheinen. Aber ich wurde eigentlich in Ruhe gelassen. Es war wahrscheinlich klar, bei einem Pfarrerssohn haben sie keine Chance, der kommt sowieso nicht. Da wurden sicherlich auch Dinge eingeräumt, die anderen Schülern so ohne Weiteres nicht eingeräumt wurden.
Haben Sie sich in der Schule wohlgefühlt?
Immer mehr zumindest. Es war auch für mich erkennbar, dass die anderen Schüler mit zunehmendem Alter kritisch über die DDR dachten und dass darüber auch gesprochen wurde. Insofern fühlte ich mich nicht mehr so in einer Außenseiterrolle, im Gegenteil. Wir hatten oft die gleiche Meinung, verhielten uns nur im Schulalltag unterschiedlich. Bis hin zur Kuriosität. Ich erinnere mich an einen Fahnenappell. Dort sollte das Lied vom Kleinen Trompeter gespielt werden. Und normalerweise stand ich beim Appell in der letzten Reihe, weil ich kein Halstuch hatte und auch später keine FDJ-Bluse getragen habe. Bei diesem Fahnenappell aber fand sich keiner, der das Lied spielen konnte und da stand ich dann mit einem weißen Hemd - es sollte nicht so auffallen, dass mir ja das Pionierhemd fehlt - vor allen und spielte das Lied.
Sie wollten Architekt werden, das ging nur mit Abitur. War es schwer einen Platz auf der Erweiterten Oberschule zu bekommen?
Ich spürte irgendwann, ich muss gut sein in der Schule, damit ich Abitur machen kann. Ich bin dann aber nach der 8.Klasse ganz einfach ohne weitere Gespräche, ohne Druck oder Sonstiges ganz normal auf die Erweiterte Oberschule gewechselt, das war die Romain-Rolland-Oberschule in Dresden. Das war überhaupt nicht schwierig. Ich habe einfach einen Antrag gestellt und es klappte. Ich weiß nicht, woran das liegt. Vielleicht habe ich es bestimmten Lehrern zu verdanken oder der Schule oder auch, dass immer mal wieder bewusst ein Nicht-FDJ-Mitglied zugelassen wurde, damit man nach Außen die Toleranz des Staates demonstrieren konnte. Ich weiß es nicht.
Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich dort war und nicht auf der Kreuzschule, denn dort war meine Schwester und sie hatte viel mehr Probleme. Der Direktor hat dort ganz anderen Druck auf die Leute ausgeübt, die sich auf die Ideologie nicht eingelassen haben. Das war ein deutlicher Unterschied zu meiner Schule.
Gab es an Ihrer Schule keine Probleme?
Naja. Fast nicht. Der Anfang war etwas heftig, gleich in der ersten Woche gab es eine große Schulversammlung und da wurden vier Schüler von der Schule öffentlich ausgeschlossen, also relegiert. Wir waren da gerade neu und haben gar nicht verstanden, worum es eigentlich ging, aber es war erkennbar, dass es um politische Dinge ging. Das war mein erstes Erlebnis dort. Darüber haben wir auch in der Klasse gesprochen und dabei stellte sich auch heraus, dass es in der Klasse unter den Schülern überhaupt kein Problem war, ganz offen über politische Dinge zu sprechen. Ich habe mich da auch überhaupt nicht vorgesehen. Ich war ganz offen. Nun könnte man rückblickend sagen, das war naiv, das kann auch sein, aber es war so offensichtlich, dass die Schüler die DDR relativ kritisch sahen.
Allerdings haben es viele dann in der Schulstunde nicht mehr so offen gezeigt. Das waren zwei Welten. Unterrichtsgespräche waren komplett anders als die Pausengespräche. Aus meiner Position heraus war ich eigentlich der Einzige, der auch im Unterricht noch offen und kritisch blieb. Das war wieder das Pfarrerskind. Ich war geschützt und hatte auch das Gefühl, dass mir die Lehrer nicht feindselig gesonnen sind.
Trotzdem Sie den Wehrdienst verweigert haben, hat es mit der Erweiterten Oberschule geklappt. War das auch der Bonus Pfarrerskind?
Wahrscheinlich ja. Die meisten Gespräche wurden darüber geführt, ob die Schüler drei Jahre zur Armee gehen sollen. Dieses Gespräch wurde aber mit mir gar nicht geführt, weil ich von vornherein schriftlich erklärt habe, dass ich den Wehrdienst ablehne und Bausoldat werde. Diese Entscheidung ist mir allerdings später bei der Bewerbung für das Studium zum Stolperstein geworden.
Wie das?
Nun, ich hatte ein Bewerbungsgespräch und dort wurde mir sehr deutlich gesagt, dass ich nicht Architektur studieren kann, weil ich den Wehrdienst verweigere.
Das war eine große Enttäuschung und auch eine große Ratlosigkeit, weil ich etwas naiv in dieses Gespräch gegangen bin. Ich hatte keinen Zweitwunsch und konnte mir auch gar nicht vorstellen, dass man mich ablehnen könnte. Und dann kommt die Ablehnung. Da bricht eine Welt zusammen. Ich habe überlegt, ob ich ein Jahr warten sollte, um es noch einmal zu probieren, aber eigentlich war ich ziemlich orientierungslos.
Hatten Sie Wut auf den Staat?
Natürlich hatte ich auch Wut auf diesen Staat. Aber diese Wut bestand in so einer Kontinuität, dass mir dieser Moment der Ablehnung jetzt gar nicht als so ein besonders emotionaler Moment in Erinnerung geblieben ist. Diese Wut passte sich wie ein Puzzlestück in eine lange Kontinuität ein und hat eher das Gesamtgefühl der Ablehnung gegenüber diesem Staat verstärkt. Also die Ablehnung dieses Staates als System.
Wie ging es weiter?
In dieser Situation hat mein Vater mir den Vorschlag gemacht: Du könntest ja in Leipzig an der kirchlichen Hochschule anfangen und Theologie studieren. Ich selbst bin ehrlich gesagt nicht auf die Idee gekommen. Irgendwie musste ich mich erst einmal an den Gedanken gewöhnen, aber mein Vater hat das sehr ergebnisoffen formuliert. Mach mal und wir werden ja dann sehen, was dabei rauskommt. Allerdings war ich weiter skeptisch, ich bin nicht sehr sprachbegabt und ich wusste, wenn man Theologie studiert, muss man Latein, Hebräisch und Griechisch lernen. Darauf hatte ich überhaupt keine Lust und ich hatte auch keine genauere Vorstellung von einem Theologiestudium. Da die Zeit aber mittlerweile sehr knapp war, hat mein Vater viel für mich organisiert, ich weiß noch, dass er da sehr viel in die Hand genommen hat. Und am Ende, erinnere ich mich, bin ich nach Leipzig gefahren, ohne eigentlich zu wissen, was da jetzt genau auf mich zukommt.
Ab wann hatten Sie denn in dem Studium, das Sie sich ja nicht selbst ausgesucht haben, Feuer gefangen?
Eigentlich sofort, nachdem ich alle Sprachprüfungen bestanden hatte. Da wurde dieses Studium eine ganz spannende Sache für mich. Gerade die Entwicklung einer freien Diskussionskultur war mir vorher in dieser Weise nicht bekannt. Ich habe das zwar aus der Kirchgemeinde ein wenig gekannt, aber auf so hohem Niveau ist mir das vorher nie begegnet. Also dass in Vorlesungen auch über Philosophen der westlichen Welt diskutiert wurde, das kannte ich so vorher noch nicht. Marcuse, Adorno, Jaspers, Horkheimer. Das war für mich faszinierend und ich habe mit zunehmender Begeisterung Philosophie studiert. Die philosophischen und ethischen Fragestellungen, die dort offen diskutiert wurden, das war für mich neu. Ich habe das alles förmlich in mich aufgesogen. Die Bücher standen zwar in Leipzig in einem Giftschrank, aber sie waren verfügbar. Wenn man ein entsprechendes Dokument von der Kirchenhochschule hatte, kam man auch in der Deutschen Bücherei an diese Dokumente ran und konnte sie für die wissenschaftliche Arbeit nutzen.
Was hat Sie an der Philosophie interessiert?
Die Philosophie hat uns gezwungen über bestimmte Dinge, auch politische, nachzudenken. Wie stellen wir uns unsere Zukunft vor? Kann es einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz geben?
Also der Sozialismus spielte in der Theologie schon eine Rolle?
Ja, unbedingt. Ich meine, das war doch unsere Lebensrealität. Ich kann mich noch gut an ein Buch erinnern von Milan Machowitz, das war ein Marxist, der sich intensiv mit dem Christentum auseinandergesetzt hat. Das war ein Buch, das ich intensiv durchgearbeitet habe. Das war für mich spannend und das hatte ich so vorher noch nie gehört. Ein Marxist, der einen anderen Sozialismus anstrebt und sich gleichzeitig sehr intensiv mit dem Christentum auseinandersetzt. Wir hatten auch Marxismus als Unterrichtsfach. Das fand extern statt, bei einem marxistischen Hochschullehrer, der für die Theologiestudenten den Unterricht gemacht hat. Das war für ihn ein schweres Brot. Dreißig Theologiestudenten, die alle kritisch dachten und diese Theorie als Diskussionsstoff betrachteten, das war für ihn sehr schwierig.
Haben Sie an die Möglichkeit eines christlichen Wertemodells im Sozialismus gedacht?
Das war für uns zumindest nicht ausgeschlossen. Ein Sozialismus, der demokratisch funktioniert, der vielleicht auch seine atheistische Weltanschauung vertritt, aber in einer völlig anderen Praxis, als wir es in der DDR erlebt haben. Unsere Idee damals war, die DDR oder die sozialistischen Staaten insgesamt müssen so verändert werden, dass sie demokratische Mindestprinzipien einhalten. Freie Meinungsäußerung. Ein Freiraum für die Kirche, die öffentlich auftreten darf und ein völlig anderes Rechtssystem. Das war der Gedanke: Es muss in einem sozialistischen Staat ein unabhängiges Rechtssystem geben. Unabhängige Richter, die unabhängig von der Weltanschauung und unabhängig von der politischen Einstellung ein Urteil treffen. Es war doch offensichtlich, dass das in der DDR überhaupt nicht funktionierte. In so einem Staat war für uns Kirche als gleichberechtigte Instanz denkbar. In der Endkonsequenz habe ich das aber immer im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung gesehen. Davon habe ich geträumt.
Wann kam der Gedanke an die Wiedervereinigung auf?
Das war erst während des Studiums. Ich habe irgendwann in Geschichte eine Semesterarbeit geschrieben bei dem Dozenten Karl-Heinz Blaschke über das Konkurrenzverhältnis von Österreich-Ungarn-Preußen – und ich erinnere mich sehr genau an die letzten Sätze in dieser Arbeit. Die waren ganz eindeutig darauf gerichtet, als Zielvorstellung eine Einheit Deutschlands wieder herzustellen. Das war schon etwas ungewöhnlich, denn ich erinnere mich daran, dass das normalerweise bei den Diskussionen unter den Theologiestudenten keine Rolle spielte. Das lag außerhalb der Möglichkeiten, die wir uns vorstellen konnten. Uns war klar, die Sowjetunion wird bei den gegenwärtigen politischen Konstellationen niemals zulassen, dass Deutschland sich wiedervereinigt. Aber in der Arbeit, in der ich darüber nachgedacht habe, kam der Gedanke zum Ausdruck und ich habe den ganz explizit formuliert. Das hing sicherlich auch mit dem Lehrer zusammen, der einfach in den Vorlesungen von seiner Haltung solche Gedanken auch zugelassen hat.
Wie haben Sie den Einmarsch der Warschauer- Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei erlebt?
Ich war damals in Bad Gottleuba mit meinem Vater zu zweit im Urlaub und wir haben das sehr unmittelbar erlebt, weil das Militär dort stand. Das war sehr bedrückend. Und natürlich brach da eine Hoffnung zusammen, denn wir verbanden natürlich mit Dubcek eine Hoffnung, weil wir aus unserer Perspektive damals erkennen konnten – über den Umweg der Westmedien – dass dort ein anderer Geist am Werk ist. Ein Geist, so war damals unsere Sicht, der gewisse demokratische Prinzipien und zugleich eine neue Vision verkörpert. Diese Vision hat man ganz deutlich gespürt. Es ging nicht mehr darum, Macht lediglich zu verwalten, sondern die Urprinzipien der sozialistischen Internationale wieder zum Vorschein zu bringen. So haben wir es damals eingeschätzt. Und diese Hoffnung wurde abrupt begraben. Nachdem das passiert war, sahen wir keine Hoffnung mehr im Ostblock.
Welche anderen politischen Ereignisse haben Sie in der DDR geprägt?
Wesentlich positiver hat mich 1986 der Olof-Palme-Friedensmarsch geprägt.
Das war in Dresden die erste Demonstration an der ich teilgenommen habe, die eindeutig politischen Charakter hatte und über das, was bis dahin politisch möglich war, nämlich sich mit Kerzen und Gesängen jedes Jahr am 13.Februar zu treffen, weit hinausging. Es wurden Transparente getragen. Ich habe dort zum ersten Mal in meinem Leben ein Transparent gebaut und getragen. Da stand drauf: GEHEN IST BESSER ALS STEHEN. Ich hatte ein paar Schuhe an das Plakat gebändelt.
Zeitgleich fand in Dresden auf dem Theaterplatz eine Kundgebung statt, das wussten wir. Wir Demonstranten versammelten uns an der Reformierten Kirche und wir gingen dann über das Terrassenufer zum Theaterplatz. Dort trafen dann die beiden Gruppen aufeinander. Das war einer der emotional spannendsten Momente, die ich überhaupt erlebt habe. Die Leute auf dem Theaterplatz, die dort aus den Schulen und Betrieben kamen, die hörten dort einem Redner zu und plötzlich tauchten Demonstranten auf mit Schildern und die beiden Gruppen vermischten sich und es gab plötzlich Diskussionen zwischen den beiden Gruppen über den Inhalt der Transparente. Das fing erst einmal mit Olof Palme und Frieden an und wechselte dann aber sofort in eine allgemeine politische Diskussion. Das war nach meiner Erinnerung das erste Mal in Dresden eine öffentliche Veranstaltung in dieser Massivität. Da hat man deutlich gespürt, was da ausgelöst wird. Auch die völlig irritierten Gesichter der Anderen vergesse ich nie, die konnten sich gar nicht vorstellen, dass da plötzlich Leute mit Transparenten umherlaufen und dass das möglich war. Das war ein erster Ermutigungsschub.
Haben Sie jemals an Ausreise gedacht?
Nein. Das stand außerhalb jeglicher Überlegung. Das einzige Mal war dieser Moment 1961, aber danach nie wieder. Unsere ganze Familie war hier in der DDR und die Familienbindungen waren relativ eng. Wir hätten uns das überhaupt nicht vorstellen können uns jemals von unseren Familien zu trennen. Andererseits konnten wir uns auch nicht vorstellen, dass wir als ganzer Familienverband die DDR verlassen. Auch aus politischen Gründen. Für uns war klar: Hier ist der Platz, der uns von Gott vorgegeben ist und hier sollen wir wirken. Egal, was passiert.
Ich hatte dann als Pfarrer später viel mit den ausreisewilligen Leuten zu tun und meine Intensität bestand darin diese Leute zum Bleiben zu ermutigen. Ich kann mich erinnern an einen Versöhnungsgottesdienst, das war bei meiner ersten Pfarrstelle. Dieser Gottesdienst hatte einen ganz einfachen Titel, ein Wort: Bleiben. Das war 1986 oder 87.
Woran haben Sie die politischen Veränderungen in den 80er Jahren in der DDR festgemacht?
Der entscheidende Umstand war Gorbatschow. Das war der Moment, der auch meine Haltung verändert hat, im Sinne einer Ermutigung. Also, das was vorher für uns unvorstellbar war, war die SU und wenn sich der höchste Mann dieses Landes für Perestroika und Glasnost einsetzt, dann war das eine neue Möglichkeit. Und wir merkten das auch in jedem Gespräch mit Staatsvertretern, dass sie sich einfach anders verhielten, also verhalten mussten, weil plötzlich die eigene Ideologie nicht mehr stimmte. Also mit dem Satz: Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen, konnte man ja früher jede Diskussion abwürgen. Das war ein Totschlagargument. Doch plötzlich bekam dieser Satz eine ganz neue Bedeutung. Die Reden von Gorbatschow waren ja auch im Neuen Deutschland abgedruckt und plötzlich konnte man auch mit dem Neuen Deutschland argumentieren. Vorher habe ich nie so intensiv diese Zeitung gelesen. Aber in dieser Zeit haben wir die Zeitungsartikel ausgeschnitten und da kamen überall Diskussionen zustande, sowohl innerhalb der Kirche, als auch mit den Staatsvertretern, mit denen wir immer mal wieder zu tun hatten.
Haben Sie sich selbst politisch engagiert?
Ich hatte hauptsächlich die Jugendarbeit und die war erst einmal nicht politisch. Die Hauptaufgabe war und blieb die Verkündung des Evangeliums und das ist ja nicht politisch. Da gab es ganz andere Dinge über die wir gesprochen haben. Aber es kam immer wieder mal ein politisches Thema auf die Tagesordnung, das kann der Wehrdienst gewesen sein, das kann die politische Gesamtsituation in der DDR gewesen sein, das konnte jemand sein, der aus dem Land fliehen wollte und geschnappt wurde. Solche Themen kamen natürlich auch in die Kirche hinein, also in die Jugendgruppen.
Wie haben Sie diese Jugendlichen erlebt?
Ich habe sie als politisch sehr wach erlebt, vielleicht nicht sehr politisch differenziert, aber durchaus wach. Diese Jugendlichen mussten ja in ihrem Leben ständig einen Kompromiss finden zwischen Schule und Kirche.
Ich habe damals auch die Junge Gemeinde des Kreuzchores betreut. In der Kreuzschule gab es einen ganz schwierigen Schuldirektor, der die Kreuzschüler massiv unter Druck gesetzt hat und da wurde die Frage Wehrdienst sehr intensiv in der Jungen Gemeinde diskutiert. Wehrdienstablehnung – ja oder nein? Was bedeutet das für mein späteres Leben? Das wurde wesentlich existenzieller diskutiert, als ich das damals von mir kannte. Ich hatte das als Jugendlicher sehr naiv entschieden und mir nie die Frage gestellt, was bedeutet das, wenn ich in der DDR studieren will?
Waren Sie jemals in der DDR wählen?
Nein. Es war in meiner Familientradition einfach selbstverständlich, dass man nicht zur Wahl ging. So bin ich auch nie zur Wahl gegangen. Es gab auch nie Probleme deswegen, einmal hatte ich ein Gespräch, aber das habe ich als nicht sehr dramatisch in Erinnerung.
Allerdings erinnere ich mich an eine ganz andere Situation. Wir wohnten in der Nähe von Leipzig auf einem kleinen Dorf, als ich an der kirchlichen Hochschule gearbeitet habe. Und an einem Wahlsonntag kam plötzlich der Bürgermeister in unsere Wohnung mit der dringenden Bitte an der Wahl teilzunehmen. Er hatte die Wahlurne auch gleich mitgebracht. Ich habe ihm daraufhin dargelegt, warum ich so eine Wahl nicht mit meinem Gewissen vereinbaren könne und daraufhin sagte er: Tun Sie es doch bitte um meinetwillen. Tun Sie mir den Gefallen und werfen Sie den Zettel hier rein! – Es entwickelte sich eher eine Seelsorgesituation, wo er an mein Mitleid appellierte und mir erklärte, in welch schwierigen Situation er sei, bzw. in welch´ schwierige Situation ich ihn mit meiner Weigerung bringe. Da habe ich zum ersten Mal erlebt, dass ich mit so einer Situation nicht so gut zu recht kam. Es ging nicht mehr um einen politischen Disput, sondern es ging um die Frage, wie gehe ich mit einem Vertreter des Staates, der sich mir so hilflos präsentiert.
Haben Sie sich unter Druck gesetzt gefühlt?
Natürlich. Das war eine Erpressung. Ich habe trotzdem nicht gewählt, aber die Situation hat mich noch wochenlang begleitet. Ich erinnere mich auch noch, dass meine Frau Angst hatte beim Einkaufen plötzlich komisch angeschaut zu werden, sie fürchtete, wir wären plötzlich ausgeschlossen in diesem Dorf.
Hat sich dieser Eindruck bestätigt?
Ich glaube eher nicht. Ich kann mich so genau nicht mehr erinnern, aber dieses Gefühl war da, es könnte passieren. Das war 1980. In der Stadt, nach unserem Umzug nach Dresden, habe ich dann später eine vergleichbare Situation nie wieder erlebt. Und doch waren Sie 1989 zwar nicht zur Wahl, aber bei einer Wahlveranstaltung.
Im Frühjahr 1989 war die Situation eine völlig andere, denn schon im Vorfeld stand die Frage im Raum, wie wird diese Wahl vor dem Hintergrund von Gorbatschow, Sputnik-Verbot und Ausreisewelle ablaufen? Alle spürten, dass etwas anders war. Im Vorfeld der Wahlen gab es ja immer Wahlveranstaltungen und dort war es üblich, dass Beschwerden der Bürger entgegen genommen wurden. Die Wahl wurde also auch als ein Kommunikationsfeld betrachtet, zwischen Bürger und Staat. Man konnte sich dort über bestimmte Dinge beschweren, wie kaputte Dächer oder andere Dinge, welche die Leute auf dem Herzen hatten, die wurden notiert und der eine oder andere Abgeordnete bei den Kommunalwahlen hat sich dann durchaus bemüht, da Abhilfe zu schaffen. Das war ein Ritual.
Und Sie wollten diesen Kommunikationsbedarf nutzen?
Genau. Deshalb bin ich dorthin und habe auf dieser Veranstaltung auch die politische Situation im Grundsatz angesprochen. Ich erinnere mich deshalb auch so genau, weil ich mir das, was ich sagen wollte, auf einem Zettel notiert habe, weil ich damit gerechnet habe, dass danach etwas passiert. Verhaftung oder anderes. Ich wollte nachweisen können, was ich dort gesagt habe.
Was haben Sie dort gesagt?
Das war sinngemäß so: Sicher, solche Fragen wie die kaputten Dächer sind wichtig und das belastet auch die Bürger, aber wir müssen doch irgendwann einmal erkennen, dass die eigentlichen Probleme auf einer ganz anderen Ebene liegen. Wir müssen uns doch die grundsätzlich Frage stellen: Warum gelingt es hier nicht, einen normalen Dialog zwischen den Bürgern und dem Saat herzustellen. Warum gelingt es uns wirtschaftlich nicht, die Häuser in Ordnung zu halten, bis hin zu der Frage, warum gelingt es nicht auch einmal über die Verfahren bei dieser Wahl generell zu sprechen.
Wie haben die Leute im Raum reagiert?
Da war erst einmal ein großes Schweigen und auch große Betroffenheit, aber plötzlich war es so, als wenn man aus einem Fass einen Stöpsel zieht. Da meldeten sich dann zeitgleich mehrere und stellten einfach diese Grundsatzfrage: Was ist in diesem Land los? Warum wollen so viele Menschen ausreisen? Warum ist denn so vieles kaputt? Das muss doch im System begründet sein, wenn so vieles kaputt ist. Das wurde natürlich noch sehr zurückhaltend formuliert, man wollte nicht als prinzipieller Gegner dieses Staates gelten, aber es gab Ansätze, wo man erkennen konnte, hier sind Veränderungen im System nötig.
Wie haben die Kommunalvertreter darauf reagiert?
Die waren absolut hilflos. Sie haben alles aufgeschrieben, aber es gab keine klaren Antworten. Das war ein großes Stammeln. Damit konnten die überhaupt nicht umgehen.
Wie haben Sie sich danach gefühlt?
Es ging mir danach erst einmal gut. Ich hatte das erste Mal für mich selbst auch das Empfinden, es ist wichtig, dass auch ich mich einmische, um die öffentliche Diskussion zu ermöglichen. Dort hatte ich das Gefühl, das ist meine Aufgabe, denn ich war ja durch die Kirche eine geschützte Person und aus dieser Position heraus konnte ich andere ermutigen.
Wie kam es schließlich zu der Idee die Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 zu beobachten?
Der Gedanke war vielleicht schon früher da, aber man hat es nie gemacht. Wahrscheinlich weil man dachte, das hat keinen Sinn. Aber plötzlich hatte man das Gefühl, vielleicht macht es ja jetzt Sinn. Und dass das so viele unabhängig voneinander gemacht haben, ohne dass das jemand direkt koordiniert oder organisiert hat, das war schon erstaunlich. Da gab es unzählige kleine Gruppen, das war wie ein Lauffeuer. Das Gerücht funktionierte ja in der DDR relativ perfekt und durch das Gerücht hat es auch funktioniert. Es gab meines Wissens keine Stelle, die Einsatzpläne gemacht hätte, wer was kontrolliert. Und trotzdem war am Ende in fast jedem Wahllokal einer dabei, der sich Notizen gemacht hatte.
Wo waren Sie?
Ich war selbst bei der Wahl nicht dabei. Ich hatte, ehrlich gesagt, Hemmungen an einer Wahlauszählung teilzunehmen bei einer Wahl, an der ich nicht beteiligt war. Ich habe lange geschwankt, aber am Ende habe ich mich dagegen entschieden.
Und im Vorfeld?
Ich hatte viele Gespräche mit Leuten aus meiner Gemeinde. Ich habe öffentlich im Gottesdienst nie zur Wahl aufgerufen, also ich habe nie gesagt: Geht zur Wahl. Ich habe nur gesagt: Geht in die Kabine. Das war meine Linie.
Und macht dort was?
Dazu habe ich mich nicht geäußert. Meine Vorstellung war, das ist ein Zeichen von Zivilcourage, in die Kabine zu gehen. Weil es damit, wenn das viele tun, die Freiheit ermöglicht das eine oder das andere zu tun. Wenn man nicht in die Kabine geht, steht man unter Beobachtung und damit auch unter erheblichem Druck. Wenn viele in die Kabine gehen würden, egal was sie dort tun, dann ist das ein Signal der Zivilcourage.
Wie ging es nach der Wahl weiter?
Ich habe viele Zettel mit den einzelnen Ergebnissen von Gemeindemitgliedern und auch von Leuten, die ich gar nicht kannte, bekommen. Daraus habe ich meine eigenen Hochrechnungen angestellt. Nach meinen Berechnungen waren die einzelnen Zahlen in den Wahllokalen korrekt, bis auf die Frage, wie man einen einzelnen Wahlzettel bewertet. Dort gab es immer Diskussionen. Normalerweise war es so, dass, wenn nicht alle Namen durchgestrichen waren, es als Ja-Stimme gilt. Das wusste aber niemand, denn es war nirgends offiziell bekannt gegeben. Ich hatte selbst mal an die Zeitung geschrieben, mit der Bitte, mir mitzuteilen, wie eigentlich eine Nein-Stimme aussieht. Auch in der Wahlveranstaltung habe ich diese Frage gestellt, sie wurde mir aber nie beantwortet.
Ich habe dann von zwei Wahllokalen die Ergebnisse in einem Schaukasten veröffentlicht. Das hatte ich vorher noch nie gemacht, daran sieht man, die Situation hatte sich deutlich verändert.
Warum haben Sie das gemacht?
Ich wollte eine öffentliche Diskussion in diese Richtung lenken. Über diese Wahl muss gesprochen werden. Es war ja offensichtlich, dass hier Wahlfälschung vorliegt und das wollte ich öffentlich machen.
Gab es eine Reaktion?
Es wurde mir mitgeteilt, man könne bei Verdacht eine Eingabe an den Stadtbezirk richten, das habe ich auch gemacht. Meine Begründung war, dass ich den Eindruck habe, hier sind Wahlergebnisse nicht korrekt weiter gegeben wurden und habe das beim Rat des Bezirkes persönlich abgegeben. Dort wurde lediglich gesagt, das sei Angelegenheit der Nationalen Front, diese sei zuständig für die Wahlen, das leiten wir weiter. Der Eingang ihrer Eingabe wird hiermit bestätigt. Die Ergebnisse, die ich aus den einzelnen Wahllokalen hatte, wurden dann zu Superintendent Ziemer gebracht. Der hat noch mehr gesammelt und diese Sachen wurden am Ende im Landeskirchenamt aufbewahrt.
Wie kamen Sie zur Gruppe der 20?
Ich war am 8.Oktober bei der Demonstration auf der Prager Strasse. Der Demonstrationszug wurde plötzlich geteilt und es eine große Zahl von Demonstranten wurde von der Polizei eingekesselt, da war ich nicht dabei. Ich war außerhalb auf der Altmarktseite. Ich konnte nur von außen sehen, dass da irgendwas passierte. Da war dann Frank Richter, der Kaplan der Katholischen Kirche und parallel dazu gab es ja schon Gespräche zwischen dem Oberbürgermeister und Superintendent Ziemer und Landesbischof Hempel, sie haben zur gleichen Zeit im Rathaus miteinander gesprochen. Und draußen auf der Strasse hat sich dann die Gruppe der 20 gebildet.
Wie genau ging das vor sich?
Frank Richter hatte einen Polizeiobermeister um ein Gespräch gebeten. Das wurde nicht abgelehnt und daraufhin rief er in die Runde, wer an diesem Gespräch teilnehmen wolle, sollte sich melden. Da meldeten sich ganz viele und so hat Frank Richter ungefähr 20 Namen, das waren ja ein paar mehr, auf einem Zettel notiert. Ich weiß auch, dass es diesen Zettel noch gibt, auf dem die Namen dieser Leute drauf stehen. Dieser Zettel wurde dann übergeben und diese Personen sollten als Vertreter des Volkes ein Gespräch mit den Verantwortlichen in der Stadtverwaltung führen. Gleichzeitig kamen vom Rathaus Superintendent Ziemer und Landesbischof Hempel von ihrem Gespräch aus dem Rathaus und haben direkt zu den Demonstranten gesprochen.
Standen Sie auch auf dem Zettel?
Nein, ich war ja außerhalb des Kessels. Ich habe das alles erst im Nachhinein erfahren. Aber nachdem das Gespräch vereinbart war, wurde der Kessel geöffnet und als ich dann Superintendent Ziemer traf, hat er mich gebeten, an diesem Gespräch auch teilzunehmen.
Was erinnern Sie von diesem Gespräch?
Emotional war das hoch brisant. Zum ersten Mal saßen im allerheiligsten Haus der Staatsmacht für die Stadtebene der OB und Bürger der Stadt. Ganz einfache Bürger der Stadt. Ich kannte keinen von denen. Sie waren aber in einem Punkt alle einer Meinung und der hieß: Wir erwarten Rechtsstaatlichkeit. Die ersten Forderungen waren: Freilassung der Inhaftierten. Es waren ja viele Leute inhaftiert wurden, freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit.
Wie hat der OB Berghofer reagiert?
Er hat gesagt, ich kann mir das anhören, aber wir leben in einem Staat mit bestimmten Regeln und wir können hier über alles reden, doch ich kann nicht über politische Grundsatzfragen entscheiden, ich bin nur der Bürgermeister dieser Stadt.
Er hat also nicht politisch argumentiert und er gehörte sicher bei all den Genossen, die es in dieser Stadt gab zu den klügsten und charmantesten. Er war einer, der mit so einer Situation überhaupt umgehen konnte.
Was wurde dort noch besprochen?
Eine Forderung war, die Ergebnisse der Wahlen sollten öffentlich bekannt gegeben werden. Die Kirche hat auch entschieden, ihre Räume dafür der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Es war klar, bei diesen Bürgerversammlungen spricht nicht die Kirche, sondern in den Kirchen sprechen die Bürger dieser Stadt zu Bürgern dieser Stadt. Eine dieser Versammlungen fand dann auch in der Versöhnungskirche in Striesen statt. Die Kirche war überfüllt und wir mussten gleich zwei Veranstaltungen hintereinander machen. Die Gruppe der 20 hat dort über das Gespräch im Rathaus informiert. Wir mussten dann auch manche zu hohen Erwartungen dämpfen, denn es wurde bei diesem ersten Gespräch nur vereinbart, dass diese Gespräche weiter gehen. Das war für manche zu wenig. Aus unserer Sicht war das schon ein großer Erfolg, denn es war ja erst einmal wichtig, dass man überhaupt miteinander sprechen konnte.
Wie lange hat die Gruppe der 20 noch existiert?
Bis ins Frühjahr 1990. Wir haben uns wöchentlich getroffen und ich war die ganze Zeit dabei. Es gab viele Widerstände zu überwinden. Die Stadt Dresden hat ja erst einmal die Autorität der Gruppe infrage gestellt und daraufhin gab es eine Sammelaktion. Wir haben gesagt, gut, dann weisen wir eben nach, wie viele Bürger der Stadt Dresden hinter dieser Gruppe stehen. Jeder solle eine Mark spenden. Ich weiß nicht mehr, wie viel Geld da genau zusammenkam, aber es war eine gewaltige Summe, die da innerhalb kurzer Zeit zusammenkam.
Haben Sie heute noch Kontakt zu Menschen aus dieser Gruppe?
Ich habe jetzt durch das Jubiläum im Jahr 2009 mit einem telefoniert, das ist jemand der auch noch in Dresden lebt. Sonst habe ich aber kaum noch Kontakt. Viele sind weggezogen, zwei leben nicht mehr, manche sind gar nicht mehr auffindbar. Ich finde es schade, dass die Stadt Dresden diese Gruppe nicht stärker in ihrem Stadtgedächtnis behalten hat. Und ich finde es bis heute sehr schade, dass man ihnen nur ein kleines, von den meisten übersehenes, Denkmal gesetzt hat, auf der Prager Strasse, das ist eigentlich als Denkmal nicht zu erkennen. Es ist da ein Stein eingelassen und da ist nur das Datum genannt. Weil das eben so unscheinbar und nicht deutbar ist, hat man an einen Laternenmast einen kleinen Erklärtext geklebt, vorausgesetzt man findet die Stelle überhaupt. Deshalb habe ich auch in diesem Jahr einen Brief an die Oberbürgermeisterin geschrieben mit der Bitte, es wäre an der Zeit dieser Gruppe ein Denkmal zu setzen.
Wie soll das aussehen?
Mein Wunsch wäre, dass auf diesem Denkmal nur ein Satz steht und darunter die Originalnamen, die auf dem Zettel von Frank Richter standen. Ich befürchte es wird nicht so kommen, es sind ja auch später andere Leute in die Gruppe hereingekommen, die dann auch bestimmte Richtungen innerhalb der Gruppe forciert haben, aber mir wäre daran gelegen, dass es die Originalgruppe ist, weil es erstens die Spontanität deutlich macht, denn es sind Leute die keiner kennt, und es sind eben nicht die, welche dann später einfach auf den Zug aufgesprungen sind, wenn man das mal so salopp formulieren darf.
Können Sie heute sagen, alle meine Wünsche sind in Erfüllung gegangen?
Alle nicht, einer ist in Erfüllung gegangen. Aber einer ist auch schon etwas und das ist ein entscheidender. Das hängt vielleicht nicht in erster Linie mit der Wiedervereinigung zusammen. Sicher, das habe ich mir gewünscht, insofern bin ich glücklich über die Wiedervereinigung und halte das für eine einmalige Chance und bin dafür dankbar und sage das auch jedem, das ich dafür dankbar bin. Aber mindestens genauso wichtig ist die wieder errungene Demokratie. Also diese friedliche Revolution, die von den Bürgern der DDR selbst errungen wurde. Die Bürger dieses Landes haben ganz entschieden dazu beigetragen, dass es eine Revolution war und dass es eine friedliche Revolution war und darauf bin ich stolz. Ich bin auch darauf stolz, dass die Kirche einen so entscheidenden Anteil hatte, dass sie das alles vorbereitet hat.
Inwiefern vorbereitet?
Vorbereitet im Sinne von Demokratie lernen, denn in der Kirche wurde Demokratie gepflegt, das konnte man auch daran erkennen, dass die runden Tische fast überall von Kirchenvertretern geleitet wurde, es gab keine andere Institution, die das leisten konnte. Und der Verzicht auf Gewalt war eine so tradierte und so starke Bedingung. Das war nicht selbstverständlich, denn Rachegedanken waren ja durchaus bei den Menschen da, gerade in Bezug auf die Stasi. Und dass das so möglich war, das ist ein Wunder.
Wo sehen Sie sich heute?
Ich würde sagen, deutlicher in der Mitte der Gesellschaft. Natürlich ist auch heute noch die Kirche ein besonderer Ort, der aber viel mehr Bestandteil der Gesellschaft ist. Gut, bestimmte politische Dinge haben wir früher oft in der Kirche diskutiert, weil die Opposition keinen Raum hatte, also waren die Mensche auch in der Kirche präsent. Heute spielt sich das auf einer ganz anderen Ebene ab, draußen auf den Straßen oder in anderen Räumen. Man muss nicht mehr in die Kirche gehen, um eine politische Frage in Freiheit und mit demokratischen Spielregeln zu entscheiden. Dazu ist der Kirchenraum als geschützter Raum nicht mehr nötig.
Macht Sie das froh oder traurig?
Beides. Aber ich denke es ist eine normale Entwicklung und ich trauere dem nicht nach, weil ich denke, das ist eigentlich die von uns angestrebte Situation. Gefühlsmäßig vermisst man vielleicht manchmal diese Stimmung, weil man in dieser Zeit von der Brisanz politischer Diskussionen geprägt wurden ist. So etwas findet heute in der Kirche nicht mehr statt oder es findet nur als parteipolitische Differenzierung statt. Aber ich bin insgesamt froh über diese Entwicklung, weil es der Kirche auch Luft schafft, ihren eigentlichen Auftrag in einer demokratischen Gesellschaft zu finden. Letztendlich war doch das, was wir hier und heute haben unser Ziel. Vielleicht haben wir uns das idealer vorgestellt und wir merken natürlich heute, wie mühsam eine Demokratie ist. Wie kompliziert auch eine Demokratie ist. Das haben wir uns damals nicht so klar gemacht. Wenn ich ehrlich bin würde ich heute sagen, wir waren uns damals in der DDR häufig auch einig aufgrund einer Oppositionshaltung und nicht aufgrund einer wirklich differenzierten Zielvorstellung. Denn sonst hätten wir damals schon gemerkt, dass wir durchaus unterschiedliche Vorstellungen haben.
Diese Welt heute ist ja auch nicht ohne Probleme. Rechtsextremismus, Arbeitslosigkeit, Migration, Globalisierung. Empfinden sie diese Gesellschaft als die gerechtere?
Ja. Das ist für mich keine Frage. Das ist die gerechtere Gesellschaft, weil es solche Katastrophen, wie es die Verhaftungen und Misshandlungen zu DDR-Zeiten waren, in dieser Gesellschaft nicht mehr gibt. Das ist zunächst erst einmal der entscheidende Punkt. Es gibt nach meinem Eindruck eine deutliche Trennung zwischen der Justiz und der Vollzugsgewalt des Staates und das ist eine wichtige Voraussetzung für Rechtsstaatlichkeit. Und die war ja zu DDR- Zeiten nie gegeben. Das ist ein deutlicher Erfolg.
Und die heutigen Probleme?
Natürlich ist auch heute das Problem Arbeitslosigkeit ein existenzielles, aber ich muss trotzdem sehen, ich lebe in einem Sozialstaat und ich verliere nicht mein Leben, wenn ich meine Arbeit verliere. An der Arbeit hängt viel und ich halte mich als Beamter auch zurück da jetzt leichtfertig darüber zu reden. Die Familie gerät in ungeheure Turbulenzen, wenn der der das Geld nach Hause gebracht hat, plötzlich in Hartz IV landet. Aber das Leben ist damit noch nicht bedroht, das sage ich auch.
Sind Sie ein politischer Mensch?
Parteipolitisch nicht. Politisch in dem Sinne, dass ich denke, dass eine Kirchgemeinde politisch sein muss. Also zum Beispiel der Autobahnbau - wie wirkt sich so eine Autobahn auf unseren Ortsteil Leubnitz aus? Das war damals eine sehr kleinteilige und detaillierte Arbeit. Und jetzt sind wir in Vorbereitung auf die Wahlen aktiv, dass sich die Kandidaten hier in der Kirche vorstellen, denn Kirche hat meiner Meinung nach den Auftrag Wahlen durchschaubar zu machen, vielleicht so etwas wie Wahlprüfsteine aufzustellen, an denen ein Bürger die Kandidaten befragen kann, sich selbst auch ein Urteil bilden kann.
Werden alle Kandidaten kommen oder gibt es Grenzen?
Es gibt Grenzen. Wir haben als Vorstand entschieden, dass wir die NPD nicht einladen. Es gab durchaus eine angeregte Diskussion darüber. Sie ist eine zugelassene Partei, aber am Ende haben wir entschieden: Die NPD ist nicht wählbar für Christen.
Würden Sie sich politisch als links bezeichnen?
Nein. Das ist mir zu kurz gedacht. Ich war zwar nach der Wende ein Jahr lang für die SPD im Stadtrat ohne Parteimitglied zu sein und es gibt sicherlich Fragen, da würde mich ein Beobachter vielleicht als links einschätzen, soziale Fragen, es gibt aber auch Fragen, da bin ich so konservativ, dass das dann wieder nicht hinhaut.
Die da wären?
Die deutsche Einheit ist für mich so ein wesentlicher Punkt. Und ich bin auch jemand, der dieses Land dermaßen liebt, dass ich sehr emotional davon reden kann und ich vermute mal, viele Linke hätten damit Probleme.
Funktioniert der Kapitalismus für Sie?
Ich würde erstmal sagen: Er funktioniert. Der Sozialismus hat nicht funktioniert, so viel weiß ich und ich würde sagen, das hängt damit zusammen, dass der Kapitalismus ein realistischeres Menschenbild hat. Das ist sehr problematisch, weil wir Menschen problematisch sind, aber das ist sein Vorzug. Er geht realistisch mit den menschlichen Interessen um, also auch mit dem menschlichen Egoismus. Aber er ist deshalb nicht für mich der Weisheit letzter Schluss.
Wo sind die Grenzen Ihrer Kapitalismusakzeptanz?
Ich halte es für extrem problematisch, dass man, wie kürzlich passiert, eine Bank als systemrelevant bezeichnet. Wieso eigentlich? Wieso ist eine Bank systemrelevant? Nun kann mir jemand erklären, wenn diese Bank zusammenbricht, dann reißt sie vieles mit. Aber ich frage, wie kann ein Staat sein ganzes System daran koppeln? Das heißt im Endeffekt, unser System hängt an einer Bank oder an den Banken. Das halte ich für problematisch. Meiner Meinung nach muss sich dieser Staat jetzt so verändern, dass eine Bank jetzt nicht mehr systemrelevant sein kann.
Systemrelevant ist die Verfassung und das ist die Trennung von Legislative, Exekutive und Justiz. Das ist für mich systemrelevant. Oder die Freiheit des Wortes oder die Freiheit der Medien. Aber die Freiheit einer Bank? Damit wird der Staat erpressbar. Ein Staat muss die Freiheit haben eine Bank zu retten oder nicht zu retten.
Sehen Sie für sich eine Chance dort zu intervenieren?
Das kann ich sicherlich nicht lösen, aber es gibt regelmäßige Gespräche zwischen Kirche und Staat und dort muss die Kirche dieses Problem formulieren. Dort sehe ich Handlungsbedarf. Gerade als Pfarrer.
Das Interview führte die Journalistin Claudia Hempel



