Meinungsfreiheit
Ist Nörgeln schon Meinungsfreiheit?
Ich gehöre zu den Menschen, die behaupten und beweisen können, dass Meinungsfreiheit in der DDR im Prinzip gewährt wurde. Zumindest in den letzten zwanzig Jahren ihrer Existenz. Ja, Meinungsfreiheit war möglich in der DDR. Es haben nur zu Wenige dieses Grundrecht genutzt. Ich bin nicht blauäugig, wenn ich sage: Es war für jeden möglich, seine Meinung zu sagen und dafür einzustehen. Der Grundtenor der Meinungsäußerung musste allerdings „konstruktiv“ sein und nicht destruktiv. Aber wir haben es damals einfach zu wenig praktiziert. Meinungsfreiheit mit Hilfsmitteln hingegen, als Demos, öffentliche Papiere und in den Medien, war nur sehr eingeschränkt möglich.
Ist Nörgeln schon Meinungsfreiheit?
Wo war der Haken? Wir lebten in einem System, einer Diktatur, die aus dem Prinzip der eigenen Machterhaltung beim Menschen Angst erzeugen sollte. Davor hatten die Menschen Angst. Wir lebten also in ständiger Angst vor der Angst. Jeder Dialog verschlang sich, noch bevor er begann, an sich selbst, er fand nicht statt. Wagten wir dennoch, diese Freiheit in Anspruch zu nehmen, waren wir eines großen Interesses gewiss. Plötzlich wollten viele wissen, was der Einzelne dachte und sagte. Und der Staat beobachtete das mit Argusaugen.
Die Meinung ist frei, heißt es heute gemeinhin. Schließlich leben wir in einer Demokratie. Ist das wirklich der Fall? Nehmen wir uns wirklich die Freiheit, eine Meinung zu äußern? Was ist Meinungsfreiheit? Ist Meckern und Nörgeln, das permanente Erheben über den anderen, das Unterdrücken der Meinung von Andersdenkenden schon Meinungsfreiheit? Können wir es uns überhaupt leisten, unsere Meinung frei zu äußern? Über den Vorgesetzten? Wegen der menschenunwürdigen Löhne? Über den Arzt, der Kassenpatienten viel zu lange warten lässt? Über den Ausbildungsbetrieb, der den billigen Azubi Facharbeiten erledigen lässt, um zu sparen?
Es frustriert, wenn man nicht gehört wird
Wenn wir unsere Meinung frei äußern, durch Sprache, Demonstration, im Film, in der Musik, bemerken wir oft: Es interessiert niemandem. Und das frustriert!
Trotzdem bin ich der Meinung: Wir können nicht nur palavern. Wir müssen etwas tun. Wir müssen unsere Meinung äußern. Wir müssen dem ökologischen Imkermeister beistehen, der das Feld, das ihm nicht gehört, das er aber trotzdem vom genmanipulierten Mais befreit hat, und dafür jetzt im Gefängnis sitzt. Wir müssen unsere Meinung klar sagen: Stop dem Verbrechen an der Menschlichkeit! Stop Genmanipulation, Waffenexporten, Atominduistrie.
Meinungsfreiheit täglich neu erkämpfen
Wo sind wir plötzlich, in welchem Land leben wir, wir früheren Bürgerrechtler? Müssen wir uns nicht ständig neu den Mut zur Freiheit erarbeiten? Fordert das heute nicht genauso viel Kraft, Mut und Zeit wie früher? Hat sich denn gar nichts geändert?
Doch! Es gibt ein verbrieftes Recht auf diese Meinungsfreiheit. Hüten wir es vor allen Angriffen!
Rudolf Keßner, Jahrgang 1950, ist selbstständiger Flexografenmeister und Medienunternehmer in Weimar. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. Inzwischen ist er rehabilitiert wegen Übergriffen der SED-Diktatur.



