Auf jeden Einzelnen kommt es an

13. November 2009
Von Elisabeth Schroedter
Von Elisabeth Schroedter

Bürgerschaftliches Engagement ist ein unerlässlicher Bestandteil lebendiger Demokratie. Folgende Zitate, die aus einem historischen Text stammen, erinnern daran, was bürgerschaftliches Engagement bewirken kann:

In unserem Land ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört. Belege dafür sind die weitverbreitete Verdrossenheit bis hin zum Rückzug in die private Nische oder zur massenhaften Auswanderung.

Die gestörte Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft stört die schöpferischen Potenzen unserer Gesellschaft und behindert die Lösung der anstehenden lokalen und globalen Aufgaben. Wir verzetteln uns in übelgelaunter Passivität und hätten doch wichtigeres zu tun für unsere Leben, unser Land und die Menschheit.

Es kommt darauf an, dass in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklung eine größere Anzahl von Menschen an gesellschaftlichen Reformprozessen mitwirkt, die vielfältigen Einzel- und Gruppenaktivitäten zu einem Gesamthandeln zusammenfinden. Wir bilden deshalb gemeinsam eine politische Plattform, die es Menschen aus allen Berufen, Lebenskreisen, Parteien und Gruppen möglich macht, sich an der Diskussion und Bearbeitung lebenswichtiger Gesellschaftsprobleme in diesem Land zu beteiligen. Für eine solche übergreifende Initiative wählen wir den Namen „Neues Forum“.

Engagement im Keim erstickt

Dieser Aufruf leitete zusammen mit anderen Initiativen wie dem Aufruf von „Demokratie Jetzt“ die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR ein. Es gibt für mich kein anschaulicheres Beispiel dafür, was bürgerschaftliches Engagement vermag. Das System der DDR konnte sich so lange halten, weil bürgerschaftliches Engagement und die kritische Auseinandersetzung mit der bestehenden Situation im Keim erstickt wurden.

Im Umkehrschluss möchte ich folgende These aufstellen: Findet kein bürgerschaftliches Engagement mehr statt, gibt es keine den Menschen dienende gesellschaftliche Entwicklung. Dann fehlt das Korrektiv zu Verwaltungsentscheidungen und zur Politik und dann fehlt der Dialog. Und es verselbständigt sich das Ringen um die beste Lösung zum Wohle und Nutzen von allen Mitgliedern in der Gesellschaft und Verwaltungen. Das lässt, wie die Geschichte der DDR gezeigt hat, Demokratie sterben und gefährdet Menschenrechte und bürgerliche Grundfreiheiten.

Wer unzufrieden ist, muss sich einmischen

Während damals Eigeninitiative unterbunden wurde, weil gesellschaftliche Veränderungen nicht gewollt waren, breitet sich heute vielerorts Passivität gegenüber ungelösten Problemen aus, viele vertrauen nicht mehr der Bewegungskraft. Doch nur dort, wo Bürgerinnen und Bürger sich in eigener Sache friedlich einmischen, findet gesellschaftliche Entwicklung statt. Meckern oder der Hinweis auf „die da oben“, reicht nicht aus, um aus einer gesellschaftlichen Krisensituation herauszukommen. Unzufriedenheit muss im „Einmischen in eigener Sache“ münden, im bürgerschaftlichen Engagement. Dann können enorme Kräfte entwickelt werden. Dann können Missstände behoben werden.

Elisabeth Schroedter, 1959 geboren in Dresden, ist Pädagogin und Umweltberaterin. 1989 engagierte sie sich in der Bürgerrechtsbewegung „Neues Forum“, Anfang 1990 trat sie in die Grüne Partei der DDR ein, die im Dezember 1990 mit den Grünen (West) fusionierte. 1994 wurde sie als erste Ostdeutsche ins Europäische Parlament gewählt. Ihre Themen sind Soziales und Chancengleichheit in Europa und überall auf der Welt.

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