Interview

Zwischen den Fronten

Foto: Bettina Stöß

3. März 2009
Vor 20 Jahren fiel die Mauer und die Bundesrepublik überschlägt sich mit Feierlichkeiten zu diesem Anlass. Ist 2009 auch für Sie ein besonderes Jahr?
Ich halte von Jahrestagen gar nichts, außer dass man sich gemeinschaftlich an ein bestimmtes Ereignis erinnert. Aber wieso muss man sich 20 Jahre später erinnern und nicht 21 oder vielleicht 17?

Auch Ihr Theater veranstaltet derzeit eine ganzen Erinnerungsreigen. Sie selbst haben „Rummelplatz“ inszeniert, nach dem gleichnamigen Roman von Werner Bräunig, in dem es um das Uranbergbauunternehmen WISMUT im Erzgebirge in der Zeit von 1949 bis 1954 geht.
Uns war ja klar, dass diese ganze Erinnerungswelle kommt. Und wir als Theater sind ja so etwas wie ein Marktteilnehmer, wir müssen uns richten nach dem, was verlangt wird. Mit „Rummelplatz“ aber haben wir uns bewusst nicht auf das Jahr 1989 gestürzt, sondern auf 1953.

Sie sind mit Ihren Eltern 1970 aus Westdeutschland in die DDR gekommen, damals waren sie sechs Jahre alt. Dann wurden Sie 1988, mit 24 Jahren, ausgebürgert. Jetzt leben und arbeiten Sie wieder im Osten. Welche Rolle spielt dieses Grenzgängertum für Sie heute?
Die Vergangenheit ist der Ort, in dem ich wohne. Meine Erfahrungen werden mich mein Leben lang begleiten. Das spiegelt sich dann im Theater wider, beispielsweise in den Stücken, die sich mit der DDR-Vergangenheit befassen. Aber das sind nur etwa zehn Prozent aller unserer Inszenierungen.

Das Maxim-Gorki-Theater ist eine der wenigen Bühnen in Deutschland, die sich überhaupt mit diesem Teil deutscher Geschichte beschäftigen.
Dass wir solche Themen aufgreifen, fällt offensichtlich derartig auf, dass uns das einen besonderen Stallgeruch gibt. Aber ich finde richtig, dass wir das wir machen. Die Leute sollen ja etwas lernen von ihrer eigenen Geschichte.

Sind Sie „der“ Wende-Regisseur?
Ich interessiere mich sehr für Geschichte, vor allem für die deutsche. Das müssen nicht vordergründig DDR-Themen sein. Aber es stimmt: Unter Theaterregisseuren ist es nicht üblich, sich vordergründig mit ostdeutscher Vergangenheit zu beschäftigen.

Was reizt Sie an diesem Thema?
Ich habe zu diesem Teil deutscher Geschichte einen leichten Zugang, als Autor und als Regisseur. Anders als zur Geschichte der Bundesrepublik der frühen fünfziger Jahre. Hier können andere Künstler besser Auskunft geben.

Wenn sich Künstler aus dem Westen an Themen aus dem Osten wagen, hagelt es häufig Kritik: Die Sujets seien nicht authentisch genug dargestellt, der Ton werde nicht richtig getroffen, es sei an der Sache vorbei gearbeitet worden. Westdeutsche würden den Osten nicht kennen und ihn deshalb auch nicht verstehen. Wie sehen Sie das?
Das ist Quatsch und würde im Umkehrschluss bedeuten, dass ich keinen westdeutschen Autor aus den sechziger oder siebziger Jahren inszenieren dürfte. Nur, weil ich das Leben in dieser Zeit in diesem Land nicht kenne. Aber genau das Gegenteil ist doch interessant, wenn beispielsweise eine 25-jährige Regisseurin aus München einen Text von Christa Wolf aus den sechziger Jahren verarbeitet. Möglicherweise stößt sie auf Textpassagen, die einem Ex-DDR-Bürger gar nicht auffallen. Und gerade diese anderen Blicke sind es, die uns etwas Neues, etwas Anderes erzählen. Das bringt uns weiter.

Manchmal beschleicht einen aber auch das Gefühl, westdeutsche Künstler wagen sich an ostdeutsche Themen, weil ihre eigene Geschichte nicht ausreichend Stoff bietet, möglicherweise sogar langweiliger ist.
In den vergangenen Monaten habe ich zwei Mal öffentlich gesagt, dass meine Zeit in der DDR zwar nicht meine schönste war, aber die aufregendste und wildeste. Danach habe ich gedacht: Oh Gott, diesen Satz bekommst du eines Tages um die Ohren gehauen.

Und?
Einige sagen: Damals warst du jung, da sieht man das so. Ich habe in den vergangenen zwanzig Jahren mehr Zeit im Westen als im Osten verbracht. Trotzdem fällt es mir schwerer, westdeutsche Stoffe zu bearbeiten. Ich habe den Eindruck, dass in ihnen das Abenteuer, die Irritation, die Eruption versteckter ist. Andererseits gibt es Stoffe, die ich wahnsinnig reizvoll finde. Ich habe beispielsweise mal Heinrich Bölls Erzählung „Kumpel mit dem langen Haar“ inszeniert. Der Text ist voller Emotionen, das ist spannend. Aber er ist von 1947, das ist Nachkriegsgeschichte und hat mit Ost und West nichts zu tun.

Heiner Müller hat mal gesagt, dass man nur in der Diktatur richtig schreiben und Theater machen kann, weil das nur dort Sinn macht. Dieser Satz trifft sich mit Ihrer Aussage, dass Ihre Zeit in der DDR Ihre aufregendste war. Wie sehen Sie Müllers Aussage heute?
Mit den Begriffen habe ich Schwierigkeiten. Ich weiß nicht, was eine Diktatur ist und was eine Demokratie. Man hat versucht, es mir zu erklären, aber ich habe es nicht verstanden.

Sie waren im Gefängnis, aber Sie sehen sich trotzdem nicht als Opfer. Warum?
Es gibt andere, die tatsächlich Opfer waren. Die würde ich verraten, wenn ich mich als Opfer darstellte. Ich bin nicht über die Mauer gesprungen, ich habe immer versucht, einen soften Weg zu gehen. Das Regime damals war nicht mein wirklicher Feind. Vielleicht ist das Regime, in dem wir heute leben, mein wirklicher Feind?

Sehen Sie einen Unterschied zwischen der Bundesrepublik, auf die Sie 1988 nach Ihrer Ausreise stießen, und dem heutigen, wiedervereinigten Land?
Als ich in den Westen kam, war alles ein Schock für mich. Ich hatte immer das Gefühl, in einer bunten Autoausstellung zu sein. Außerdem war ich arbeitslos und hatte innerhalb eines Jahres 20.000 Mark Schulden. Und ich hatte eine schwangere Freundin. Das war eine große Katastrophe. Jetzt habe ich einen Computer, ein beheiztes Büro und ein paar Leute, die gern mit mir arbeiten.

Und unabhängig von der sozialen und materiellen Seite?
Ich bin aus der DDR weggegangen, weil ich es dort nicht mehr ausgehalten habe. Ich war zwar Regieassistent am Deutschen Theater in Berlin und hatte mit tollen Künstlern zu tun. Das war eine großartige Sache mit 21, dadurch war ich privilegiert. Aber dann bin ich nach der Arbeit nach Hause gegangen und habe mit Freunden Theater gespielt, in einem Hinterhof oder in einer Kirche. Von den acht Freunden saßen irgendwann sechs im Gefängnis. In dieser Schizophrenie wäre ich verrückt geworden. Erst viel später habe ich begriffen, dass meine Jugend auch eine Zeit der großen Depression war.

Depression?
Allein solche Büchertitel wie „Flucht in die Wolken“ oder „Nachdenken über Christa T.“. Die sind nicht positiv, nicht vital, nicht nach vorn schauend. Die DDR war eine Gesellschaft, die innerlich verzweifelte.

Wie kann diese Zeit dann Ihre beste gewesen sein?
Es waren die Jahre der größten Auseinandersetzung, zwischen den Menschen untereinander und zwischen den Menschen und dem Staat. Einmal haben wir im Berliner Dom Theater gespielt, plötzlich waren 200 Stasi-Leute da. Das kann sich heute niemand mehr vorstellen. Dadurch gab es eine starke Interaktion. Aber das ist heute völlig uninteressant.

Warum?
Weil die Äußerung eines einzelnen Menschen uninteressant ist.

Was ist heute interessant?
Der Warenwert. Alles andere ist egal.

Ist das nicht frustrierend?
Frustrierend sind noch ganz andere Dinge, zum Beispiel die Schere in meinem Kopf. Mit 25 hatte ich die nicht. Damals konnte ich frei reden, das kann ich jetzt nicht mehr. Wenn ich jetzt drei Sätze falsch sage, gibt es ein Problem.

Wie meinen Sie das?
Ich bin Intendant eines Theaters, ich bin für 240 Leute verantwortlich. Natürlich darf ich bestimmte politische Dinge sagen und auf der Bühne zeigen. Aber in der Summe der Dinge gibt es keinen qualitativen Unterschied.

So denken sicher auch viele Leute im Osten.
Es gibt eine ganze Menge Menschen im Osten, die haben viel mehr Geld als früher. Es gibt einige, die haben genauso viel und andere, die haben weniger. Aber die Summe des Glücks ist für die meisten von ihnen nicht größer geworden.

Heute wird viel gejammert.
Früher wurde gemeckert.

Macht das einen Unterschied?
Mir scheint Meckern positiver zu sein als Jammern. Meckern ist aktiv, Jammern depressiv. Ich kann verstehen, warum die Leute meckern. Wer zum Beispiel in Schkopau lebt und hochverschuldet ist, weil er keinen Job mehr hat, fragt sich, warum das so gekommen ist. Er kann ja in der Regel nichts dafür, dass er arbeitslos ist. Und dann vergleicht sich noch mit dem Nachbarn, dem es besser geht, und rutscht ab in die Depression. Das ist heute allerdings unangenehmer als in der DDR. Damals schaffte die relative Ähnlichkeit eine relative Solidarität.

Wie sieht es im Westen aus?
Wenn man in München, Frankfurt am Main oder Hamburg auf der Straße steht, vergehen keine drei Minuten, ohne dass hundert Jeeps an einem vorbei fahren. Ich frage mich dann immer: Hey, wo ist hier das Problem? Wieso sind die Leute nicht glücklich, wieso lassen sie es nicht krachen? In solchen Momenten verstehe ich aber auch die Selbstgenügsamkeit der Menschen im Westen und deren Ansicht, dass es „da drüben“ nur Jammer-Ossis gibt. Dem Westen sind London und Buenos Aires näher als Cottbus und Magdeburg.

Wo werden wir in zwanzig Jahren sein?
In den kommenden Jahren werden wir zwei Entwicklungen erleben: eine Portugalisierung und eine Brasilianisierung. Unter der Portugalisierung verstehe ich eine große Depression, die Deutschland in den nächsten zehn, zwanzig Jahren erfasst. Momentan ist Deutschland noch eine Kolonialmacht ohne Kolonien. Unsere Kolonien sind der Außenhandel. Der wird zurückgehen und dann kommt die große Depression, also eine Trauerkultur auf hohem Level. Deutschland wird international keine Rolle mehr spielen. Die einzige Chance, das wieder rückgängig zu machen, also irgendwann doch wieder ganz oben mitzumischen, ist die Brasilianisierung.

Was verstehen Sie darunter?
Die Sozialdemokratisierung der fünfziger und sechziger Jahre wird endgültig aufgelöst. Die Agenda 2010 ist bereits der Anfang davon. Bald wird es nur noch eine schmale Oberschicht geben und eine riesige Unterschicht.

Die Mittelschicht verschwindet komplett?
Ja. Und jeder, der nicht zur Oberschicht gehört oder Banker ist, wird drei oder vier Jobs haben müssen, um einigermaßen leben zu können.

Welche Rolle werden dabei Ost und West als Kategorien spielen?
Sie werden dann nur noch ein tertiäres Problem sein. Weil es niemanden mehr gibt, der sich an die früheren Unterschiede erinnert. „Der Ostdeutsche“ wird komplett aufgefressen von der Entwicklung. Das deutet sich ja schon an: Für junge Leute sind Osten und Westen kein Thema mehr.

Sind wir ein Einheitsland?
In vielen Dingen sind wir zusammengewachsen, beispielsweise beim Fußball. Das finde ich großartig, auch wenn es vielleicht banal klingt. Andererseits gibt es nicht viele Orte auf der Welt, in denen die Menschen besser oder sinnvoller miteinander leben als hier, egal ob im Westen oder im Osten. Im internationalen Vergleich steht Deutschland gar nicht so schlecht da.

Materiell gesehen?
Materiell, sozial, kulturell, medizinisch. Vieles in diesem Land finde ich toll. Wenn ich das sage, werde ich oft als Verräter beschimpft: So etwas könne man nur sagen, wenn man so wohlsituiert ist wie ich. Wie man es macht, es ist immer verkehrt. Man steht immer zwischen den Fronten.

 

Das Interview wurde durchgeführt von Simone Schmollack

Foto: Thomas Aurin

Über Armin Petras

Armin Petras (geboren 1964 in Meschede, Sauerland), bekannt geworden unter dem Pseudonym Fritz Kater, wuchs in Ostberlin auf und studierte Regie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. 1988 reiste er aus und arbeitete u.a. am Frankfurter TAT und an den Müncher Kammerspielen und nach der Wende an den Theatern in Frankfurt (Oder), Chemnitz, Leipzig und Nordhausen. Seit 2006 ist der Intendant des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin.
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