Interview

„Uns bleibt nicht mehr viel Zeit“

9. März 2009
Simone Schmollack
Am 26. Januar 2009 ist IRENA, die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien, gegründet worden. Jetzt wird über ERENE diskutiert, die Europäische Gemeinschaft für Erneuerbare Energien. Macht es Sinn, zwei solcher Großprojekte zu haben?
Ja, das ist durchaus sinnvoll. Bei ERENE geht es um die Frage, wie die europäischen Energiesysteme aussehen und wie wir sie optimal nutzen können. Jetzt hat jedes Land seine eigenen Strukturen. Es geht aber darum, ein einheitliches europäisches Energienetz zu schaffen und dafür erneuerbare Energien zu nutzen. Und zwar so, dass die Vorteile jeder Region genutzt werden, also im Süden verstärkt die Sonne und im Norden den Wind. Dafür braucht es eine gemeinsame europäische Politik, die die entsprechenden Anreize und Technologien und Infrastrukturen dafür schafft.
Bei IRENA geht es um den internationalen Aspekt: Wie schnell und effizient ist der Technologietransfer für erneuerbare Energien in die Entwicklungsländer? Wie sieht eine praxisnahe Beratung der Industrie- für die Entwicklungsländer aus? Wie kann ein Wissensaustausch verstärkt werden? Wie können möglichst schnell gemeinsame Forschungsstrukturen aufgebaut werden? Ohne eine gute Ausbildung von Wissenschaftlern und Ingenieuren vor Ort wird es nicht gelingen, die Entwicklungsländer beim Einsatz signifikant erneuerbarer Energien zu beteiligen.

Wie groß sind die Herausforderungen für Europa, die Energieversorgung von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien zügig umzustellen?
Sehr groß, uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Es geht ja nicht nur um Europa, sondern verstärkt um den rasant wachsenden Energiebedarf in den asiatischen Ländern. Der Energiebedarf beispielsweise in China wird sich in den nächsten zwanzig Jahren verdoppeln. Wenn der nicht zunehmend auch mit erneuerbaren Energien gedeckt wird, ist ein gefährlicher Klimawandel nicht zu verhindern. Und für Europa heißt das, einen Wissens- und Technologietransfer für erneuerbare Energien vor allem mit Schwellenländern wie China und Indien zu gewährleisten. Weltweit geht es um die Transformation der fossil betriebenen Weltwirtschaft in Richtung einer „low carbon economy“. Im Zentrum steht dabei die Energiewirtschaft.

Wie viel Zeit bleibt dafür?
Klimaforscher haben errechnet, dass der Scheitelpunkt des Treibgasausstoßes etwa um 2015 liegen muss, damit wir einen drastischen Klimawandel noch verhindern können. Das heißt, dass wir danach schnell die Emissionen drastisch senken müssen: bis 2050 um 50 Prozent, bis Ende des Jahrhunderts bis zu 90 Prozent.

Das ist nicht billig.
Richtig, das kostet was. Energie kostet immer viel Geld. Aber es ist nicht so, dass der Auf- und Ausbau erneuerbarer Energien mittelfristig teurer ist als die Erhaltung der herkömmlichen Energieanlagen, die 30 oder 40 Jahre alt sind. Die müssen jetzt nämlich saniert werden. Warum dann aber nicht gleich auf ein nachhaltiges Energiesystem umstellen, dessen Zentrum zunehmend die erneuerbaren Energien sein müssen? Wir brauchen in Europa und weltweit Fahrpläne zum Umbau der globalen Energiesysteme, die kompatibel sind mit dem Ziel der Klimapolitik, die Erderwärmung um 2 Grad zu senken. Und das heißt: Der Anteil der erneuerbaren Energien muss kontinuierlich ausgebaut werden. Ende des Jahrhunderts werden fossile Energieträger nur noch geringe Beiträge zur Energieversorgung leisten.

Wie sieht es damit in den Schwellenländern aus?
In Asien entstehen sehr rasch neue Energiesysteme, die Länder dort müssen dafür generell viel investieren. Wenn möglich, sollte von vornherein mit einem signifikanten Anteil erneuerbarer Energien geplant werden.

Wie weit ist Europa in der Pflicht, die Entwicklungsländer dabei zu unterstützen?
In Klimakreisen wird derzeit vor allem eine Frage debattiert: Sollen die Industrieländer den Wissens- und Technologietransfer in die Entwicklungsländer finanziell unterstützen? Diese Frage ist stark umstritten. Die Industrieländer lehnen eine Hilfe bislang ab, China oder Indien aber fordern sie.

Was ist der Ausweg?
Bis Ende des Jahres muss diese Frage geklärt sein. Dann findet in Kopenhagen die 15. Weltklimakonferenz statt, der Nachfolger des sogenannten Kyoto-Protokolls. Es müssen Lösungen gefunden werden, an denen sich beide Seiten finanziell beteiligen.

Ist die EU fähig, zügig auf klimapolitische Anforderungen zu reagieren?
Die Pläne der Europäischen Union die Emissionen zu senken, sind sehr ehrgeizig: Bis zum Jahr 2020 sollen die europäischen Kohlendioxid-Emissionen um 20 Prozent gesenkt und der Anteil der erneuerbaren Energien auf 20 Prozent gesteigert werden. Bis Mitte des Jahrhunderts sollen die Emissionen um 80 bis 90 Prozent reduziert werden. Das zeigt in die richtige Richtung.

Aber die Pläne müssen auch umgesetzt werden.
Die Finanzkrise stellt hierbei eine neue Herausforderung dar. Durch die Krise werden allgemein eher kurzfristige Konjunkturprogramme akzeptiert als langfristige. Daher ist zu befürchten, dass der Ausbau einer Infrastruktur für erneuerbare Energien zurückgestellt wird. Die Betreiber von Windparks merken das bereits, sie haben Finanzierungsprobleme.

Aber es heißt doch immer, die Wirtschaftskrise ist auch eine große Chance, vor allem für die erneuerbaren Energien.
Positiv zu bewerten ist die neue Regierung in den USA. Sie hat den Ernst der Lage erkannt und begreift Klimapolitik als wichtiges Aktionsfeld, stärker als jede andere amerikanische Regierung zuvor. In den USA deutet sich eine Energiewende an.

Sollten wir nicht lieber erst einmal abwarten, was Präsident Barack Obama tatsächlich erreicht?
Das ist richtig. Aber wenn Obama etwas in Gang setzen kann, dann hat das rasch Auswirkungen auf Europa und die anderen Länder der Welt. Bislang ist Europa Pionier in Sachen erneuerbarer Energien. Wenn die USA sich jetzt bewegen, muss Europa rasch nachziehen. Es geht um einen der größten Zukunftsmärkte dieses Jahrhunderts: die Energieinfrastruktur für die Weltwirtschaft. Und wenn ein solcher Prozess in Gang kommt, dann werden sicher auch Schwellenländer wie China und Indien mitmachen, um nicht von der Innovationsdynamik abgeschnitten zu werden.

Wäre Ihr Institut, das DIE – Institut für Entwicklungspolitik – bereit, ERENE zu unterstützen?
Wir haben großes Interesse daran, dass Programme und Werkzeuge wie IRENA und ERENE erfolgreich sind. Unsere Ziele sind die globale Armutsbekämpfung und eine umweltgerechte Entwicklung der Weltwirtschaft und das Ressourcenmanagement vor allem für die Entwicklungsländer. Eine Unterstützung von oder eine Zusammenarbeit mit ERENE kann ich mir durchaus vorstellen.


Interview Simone Schmollack

Über Prof. Dr. Dirk Messner

Prof. Dr. Dirk Messner ist Direktor des Instituts für Entwicklungspolitik in Bonn (DIE). Das DIE zählt weltweit zu den führenden Forschungsinstituten und Think Tanks zu Fragen globaler Entwicklung und internationaler Entwicklungspolitik. Als unabhängiges wissenschaftliches Institut begleitet das DIE mit seinen Forschungsergebnissen aktiv und auf allen Ebenen die entwicklungspolitische Meinungsbildung. Das DIE baut Brücken zwischen Theorie und Praxis und setzt auf die Zusammenarbeit in leistungsstarken Forschungsnetzwerken mit Partnerinstituten in allen Weltregionen.

Eine Europäische Gemeinschaft für Erneuerbare Energien (ERENE)

Die vollständige Deckung des europäischen Strombedarfs durch erneuerbare Energien ist möglich. Doch dazu braucht es neue Instrumente und Strategien - so das Ergebnis von ERENE.

Eine Machbarkeitsstudie von Michaele Schreyer und Lutz Mez unter Mitarbeit von David Jacobs

» Weitere Infos und Download
» Infos auf Englisch

Ihr Warenkorb

 

Lieferbedingungen
Allgemeine Geschäftsbedingungen der Heinrich-Böll-Stiftung (AGB hbs)
Hier finden Sie Informationen rund um die Bestellung: Porto-Kosten, Hinweise zum Datenschutz, Ausnahmeregelungen oder die Nummer der telefonischen Beratung. mehr»
Hilfe
So bestellen Sie auf boell.de
Der Bestellvorgang auf boell.de Schritt für Schritt erklärt: Hier erfahren Sie ausführlich, wie Publikationen auf boell.de bestellt werden. mehr»
Veranstaltungen
Das waren unsere Veranstaltungen 2009

» Veranstaltungsarchiv

» Aktuelle Veranstaltungen finden Sie in unserem Veranstaltungskalender auf boell.de

Bundesweite Projekte und Initiativen
http://www.mauerfall09.de Video: Was ist für dich Demokratie? 19./20. März 2009 Internationale Konferenz: 1989 - Europa im Aufbruch Super 700 – die siebenköpfige Band aus Berlin will sich nicht in Schubladen stecken lassen. Frontfrau Ibadet Ramadani spricht über Identität, Europa und ihre Musik. Dazu gibt es Musikausschnitte von Super 700.