Studie
Die Lebensentwürfe junger Frauen im Osten unterscheiden sich auch heute noch von denen im Westen
Flexibel, modern und willensstark
Seit dem Mauerfall ist eine Generation nachgewachsen, die die DDR nur noch aus Erzählungen kennt. Was heißt das für junge Frauen in Ostdeutschland? Was hat sich speziell für sie verändert? Unterscheiden sich die Lebensentwürfe junger Frauen im Osten tatsächlich von denen im Westen?
Wer sind sie eigentlich, die jungen ostdeutschen Frauen?
Ihr Bild wurde in den vergangenen Jahren vor allem geprägt durch die permanenten „Schreckensmeldungen“ über ihre überproportionale Abwanderung in den Westen. Das wirft eine weitere Frage auf: Warum verlassen junge Frauen häufiger ihre Heimat als junge Männer? Und was bedeutet das für den Osten?
Um diese Fragen zu beantworten und ein differenzierteres Bild junger Frauen in den neuen Bundesländern zu entwerfen, führte der pme Familienservice, eine Work-Life-Balance-Organisation, im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung eine groß angelegte Studie durch: „Frauen Machen Neue Länder – Lebenssituation und Perspektiven junger Frauen in den neuen Bundesländern“.
Hohes Bildungsniveau
Das Bildungsniveau der jungen Frauen in den neuen Bundesländern ist heute das höchste in der gesamten Bundesrepublik. In den aktuellsten PISA-Ergebnissen bewegen sich die neuen Bundesländer auf den vorderen Rängen, vor allem Sachsen und Thüringen schneiden im Bundesvergleich sehr gut ab. Einen entscheidenden Einfluss auf die positiven Ergebnisse des ostdeutschen Bildungssystems haben die jungen Frauen. Inzwischen überflügeln sie nicht nur ihre Alterskollegen im Osten – der prozentuale Anteil der Schülerinnen an Gymnasien schwankt zwischen 56,5 Prozent in Brandenburg und 53,7 Prozent in Sachsen. Sie sind auch besser als die Schülerinnen und Schüler in den alten Bundesländern. So erreichten im Schulabgangsjahr 2006 in den neuen Bundesländern 35,7 Prozent aller Schülerinnen, die die Schule verließen, das Abitur. Bei den Schülern waren es 25,3 Prozent. Im gleichen Jahr erlangten in den alten Bundesländern 29,3 Prozent der Schülerinnen und 22,8 Prozent der Schüler die Hochschulreife.
Mobil und erfolgsorientiert
Die sehr guten Bildungserfolge der jungen Frauen sind ein Grund für ihre starke Wanderungsbereitschaft. Die Tatsache, dass Frauen zwischen 18 und 25 Jahren die Bevölkerungsgruppe sind, die seit Anfang der neunziger Jahre am häufigsten die neuen Bundesländer Richtung alte Bundesländer verlassen haben, ist unbestritten. Doch häufig wird das als defizitär und negativ beschrieben. Es lässt außer Acht, dass Mobilität und Flexibilität heute Eigenschaften sind, die vielfach als Voraussetzung für einen globalisierten Arbeitsmarkt gelten. Die jungen ostdeutschen Frauen zeigen durch ihre hohe Mobilität, dass sie flexibel sind und sich dahin aufmachen, wo sie für sich die besten Chancen auf Ausbildung und Arbeitsbedingungen sehen.
Die hohen Abwanderungsraten müssen im Verhältnis gesehen werden zu anderen Wanderungsströmen. So wandern junge Frauen nicht ausschließlich von Ost nach West. Sie ziehen auch vom Land in die Städte. Ein Trend, der nicht allein spezifisch ist für Ostdeutschland. Für junge Frauen attraktive Städte gibt es auch in den neuen Bundesländern. Unter den zehn deutschen Kreisen mit den höchsten positiven Wanderungssalden von Frauen der Altersgruppe zwischen 18 und 30 Jahre befanden sich 2005 auch vier ostdeutschen Kommunen: Magdeburg, Greifswald, Dresden, Leipzig. Auch in die Universitätsstädte Potsdam, Halle und Jena ziehen mehr Frauen als Männer in dieser Altersgruppe. Und ein nicht zu verachtender Teil der Zuzüge in ostdeutsche Städte kommt dabei aus den alten Bundesländern. Die Bevölkerungsgruppe, die seit Anfang der neunziger Jahre am stärksten von West- nach Ostdeutschland gewandert ist, sind Frauen zwischen 18 und 25 Jahren.
Arbeit als Selbstverständnis
Eine der einschneidensten Veränderungen in Ostdeutschland nach der Wende war der Verlust zahlreicher Arbeitsplätze und die damit einhergehende Erfahrung der Arbeitslosigkeit. In Anbetracht der bis heute schwierigen Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage in den neuen Bundesländern ist es erstaunlich, dass die weiblichen Erwerbsquoten in den neuen Bundesländern seit der Wende auf hohem Niveau nahezu unverändert geblieben sind. 1991 waren 73,8 Prozent der ostdeutschen Frauen entweder erwerbstätig oder auf Arbeitsuche. Dieser Anteil sank im Jahr 2000 auf 69,3 Prozent, 2006 lag er mit 73,4 Prozent fast wieder auf dem Niveau der frühen neunziger Jahre. Die Erwerbsquote der Frauen in Westdeutschland stieg im gleichen Zeitraum zwar kontinuierlich an, von 56,9 Prozent 1991 auf 67,1 Prozent im Jahr 2006. Damit liegt sie aber immer noch deutlich unterhalb der Quote in den neuen Bundesländern. Vor allem wenn man berücksichtigt, dass westdeutsche Frauen wesentlich häufiger in einem Teilzeitarbeitsverhältnis stehen.
Anders als in Westdeutschland stellt Erwerbstätigkeit für ostdeutsche Frauen schon lange einen Teil ihres Selbstverständnisses dar. Das führt dazu, dass sie sich selbst in extrem schwierigen Arbeitsmarktsituationen nur selten gänzlich vom Arbeitsmarkt zurückziehen. Neben der Frage der Einstellung spielt sicher die größere wirtschaftliche Notwendigkeit eine Rolle bei der Erklärung der weiterhin großen Unterschiede bei den weiblichen Erwerbsquoten zwischen Ost und West. Angesichts der im Vergleich zu Westdeutschland wesentlich niedrigeren durchschnittlichen Haushaltseinkommen und der viel höheren Arbeitslosenquoten konnten Frauen in Ostdeutschland es sich schlicht nicht leisten, auf ein Einkommen oder auf Arbeitslosenunterstützung zu verzichten. Klar ist aber auch, dass in Ostdeutschland die Idee des Zweiverdienerhaushalts für Frauen und Männer schon lange eine Selbstverständlichkeit darstellt, während erwerbstätige Frauen mit kleinen Kindern in Westdeutschland noch immer mit dem Rabenmüttervorurteil zu kämpfen haben.
Fortschrittlicher Lebensstil
Lebensmodelle und Einstellungen ostdeutscher Frauen in Bezug auf Beruf und Familie entsprechen einem fortschrittlichen und modernen Lebensstil. Dies zeichnet sich dadurch aus, dass junge ostdeutsche Frauen gleichermaßen nach beruflicher Verwirklichung streben und trotzdem Kinder haben wollen. Zwar gab es in den Jahren nach 1990 einen starken Einbruch der Geburtenzahlen. Dieser ist darauf zurückzuführen, dass die Frauen die Realisierung ihres Kinderwunsches auf einen späteren Zeitpunkt verschoben haben und sich das Alter bei der Geburt des ersten Kindes sehr schnell dem Niveau Westdeutschlands angeglichen hat. Dennoch haben ostdeutsche Frauen bis heute noch immer mehr Kinder als ihre westdeutschen Alterskolleginnen.
Rückhalt erfahren junge ostdeutsche Frauen durch eine breite gesellschaftliche Anerkennung dieses Lebensmodells. Quer durch die Generationen und weitgehend unabhängig vom Geschlecht dominiert im Osten bis heute die Einstellung, dass Frauen auch mit Kindern eigenständig im Berufsleben stehen sollen. Die „Versorgerehe“, in der der Mann Karriere macht, während sich die Frau zu Hause um die Familie kümmert, findet kaum Anerkennung. Dies zeigt sich auch darin, dass es in den neuen Bundesländern bei der Entscheidung für ein Kind nicht wichtig ist, ob man verheiratet ist oder bereits beruflich etabliert. Vielmehr kommt es den Ostdeutschen darauf an, dass eine Balance zwischen beiden Partnern in Bezug auf die Berufstätigkeit vorherrscht, aber ebenso auf die zukünftige Kinderbetreuung. Somit ist es bei der Familiengründung nicht wichtig und nötig, ob die Partner miteinander verheiratet sind. Das zeigt sich auch daran, dass 2003 in Ostdeutschland 57 Prozent der Kinder außerehelich geboren wurden, während es in Westdeutschland gerade einmal 21 Prozent waren.
Voraussetzung für die erfolgreiche Vereinbarung von Job und Familie ist eine gute Kinderbetreuungsinfrastruktur. Hier profitieren Frauen in Ostdeutschland von der, selbst im europäischen Vergleich, sehr guten frühkindlichen Betreuungssituation. Einher geht dies mit einer positiven Einstellung zur ausserhäuslichen frühkindlichen Betreuung, die in Westdeutschland lange verpönt war. Der stärkere Wunsch ostdeutscher Frauen, auch mit Kindern vollwertig im Berufsleben zu stehen, spiegelt sich auch in der tatsächlichen Erwerbsbeteiligung wider: Frauen in den neuen Bundesländern steigen nach der Geburt von Kindern viel früher wieder in den Beruf ein und arbeiten auch sehr viel häufiger in einer Vollzeitbeschäftigung als in Westdeutschland.
Fazit
Auch zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer werden noch Unterschiede in Lebenseinstellungen und Lebensmodellen zwischen Ost- und Westdeutschland deutlich. Bei den jungen Frauen, aber auch in der gesamten ostdeutschen Gesellschaft, hat sich die zu DDR-Zeiten selbstverständliche Einstellung erhalten, dass Frauen gleichzeitig erfolgreich im Berufsleben stehen und eine Familie gründen können. Dieses Selbstverständnis ist eine wesentliche Voraussetzung für eine gerechtere und gleichzeitig zukunftsgerichtete Familien- und Arbeitsmarktpolitik. Die (jungen) Frauen aus den neuen Bundesländern haben gezeigt, dass sie auch unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen nicht einfach aufgeben, sondern durch Qualifikationen, Mobilität und Flexibilität selbstbewusst ihren eigenen Weg suchen und ihn auch finden. Vor allem diese Eigenschaften können gerade heute als Vorbild für die gesamte Gesellschaft dienen.
Die Studie ist zu finden unter www.frauenmachenneuelaender.de.
Quellen
Allmendinger, J., Puschmann, C., Helbig, M. (2008), Frauen auf dem Sprung – Die BRIGITTE-Studie 2008, HamburgErler, D.; Dähner, S. (2008), Frauen Machen Neue Länder. Lebenssituation und Perspektiven junger Frauen in den neuen Bunderländern – Forschungsstand, Berlin
Konietzka, D.; Kreyenfeld, M. (2005), „Nichteheliche Mutterschaft und soziale Ungleichheit. Zur sozioökonomischen Differenzierung der Familienformen in Ost- und Westdeutschland“, MPIDR Working Paper, 2005-001, Rostock
Kreyenfeld, M.; Konietzka, D. (2004), „Angleichung oder Verfestigung von Differenzen? Geburtenentwicklung und Familienformen in Ost- und Westdeutschland“, MPIDR Working Paper, 2004-025, Rostock
Kubis, A., Schneider, L. (2007), „’Sag mir, wo die Mädchen sind …’ Regionale Analysen des Wanderungsverhaltens junger Frauen“, Wirtschaft im Wandel, 8/2007, Institut für Wirtschaftsforschung Halle, S. 298-307
von der Lippe, H.; Bernardi, L. (2006), „Zwei deutsche Ansichten über Kind und Karriere“, Demografische Forschung aus Erster Hand, Nr.3, Rostock



