Film

„Der Markt heute ist schlimmer als die Zensur damals“

Věra Chytilová auf dem 42. Karlovy Vary International Film Festival, Foto: Che (CC)

9. März 2009
Simone Schmollack
Sie zählen zu den bedeutendsten Filmemacherinnen der früheren Tschechoslowakei, Filme wie „Tausendschönchen“ von 1966 und „Geschichte der Wände“ von 1981 sind einem breiten Publikum bekannt. Die „Geschichte der Wände“ beschreibt das chaotische und aggressive Leben einer Neubausiedlung. Damit stießen sie bei den tschechischen Entscheidungsträgern nicht unbedingt auf Gegenliebe. Sehen Sie sich selbst als eine cineastische Dissidentin?
So würde ich mich nie bezeichnen. Damals hatte ich viele Themen im Kopf, die ich filmisch umsetzen wollte. Ich wusste ja, dass manches schwierig werden würde. Ich lebte in einem sozialistischen Land, jedem von uns war klar, was das bedeutet, also was geht und was nicht. Aber ich habe getan, was ich konnte.

1968, nach der Zerschlagung des „Prager Frühlings“ wurde Ihr Film „Tausendschönchen“ verboten. Der Film gilt als ein Hauptwerk der tschechischen „Neuen Welle“, er erzählt am Beispiel von zwei Mädchen von der Unmoral der Welt. Von 1969 bis 1975 durften Sie nicht arbeiten. Wie sind Sie damit umgegangen?
Ich wusste gar nicht, dass ich Berufsverbot hatte. Es wurde mir nie offiziell mitgeteilt. Also habe ich einige Jahre lang brav gearbeitet: Drehbücher geschrieben, Entwürfe eingereicht, Schauspieler gesucht.

Aber Sie haben keinen Film gedreht in dieser Zeit?
Dass mir Steine in den Weg gelegt wurden, habe ich natürlich gemerkt. Ich war verärgert, aber was sollte ich tun?

Sie hätten das Land verlassen können.
Das wäre eine Möglichkeit gewesen. Ich hatte sogar ein Angebot aus dem westlichen Ausland. Nach meinem Film „Tausendschönchen“ meldete sich eine amerikanische Filmproduktionsfirma, die mit mir arbeiten wollte. Ich hätte für einige Jahre nach Frankreich gehen können. Aber ich habe abgelehnt.

Warum?
Das hatte zwei Gründe. Ich wäre nie allein gegangen, ohne meine Familie. Ich habe zwei Kinder, die waren damals noch recht klein. Möglicherweise hätte ich sie nicht mitnehmen können. Und wenn sie mitgekommen wären, hätte ich die ganze Zeit gefürchtet, sie würden als kleine Franzosen nach Hause zurückkehren. Aber ich wollte, dass sie Tschechen bleiben.

Und der andere Grund ...
... war ein beruflicher. Ich fragte die Amerikaner, welchen Film sie sich von mir wünschten. Jeden, sagten sie. Ich kann also alle Stoffe verfilmen?, fragte ich weiter. Alle, sagten die Amerikaner. Das war komplett neu für mich und sehr reizvoll. Einen Haken muss es doch aber geben, ahnte ich und bohrte nach: Ich kann alles bestimmen? Alles, sagten sie, bis auf eines: Die Schauspieler legen wir fest. Da habe ich sofort Nein gesagt.

Seit der Wende können Sie sich Ihre Schauspieler wieder selbst aussuchen. Können Sie auch ansonsten so frei arbeiten, wie Sie es sich wünschen?
Im Grunde könnte ich es, es gibt keine Zensur mehr. Aber es gibt den Markt und der ist schlimmer.

Wie meinen Sie das?
Es ist sehr schwierig geworden, das Geld für einen Film zu besorgen. Früher mussten wir die Ideen durchboxen und jetzt müssen wir das Geld für die Filme besorgen. Das können viele Filmemacher aber nicht. Wir wissen einfach nicht, wie das geht.

Das kann man lernen.
Ich bin inzwischen zu alt um zu begreifen, wie das funktioniert. Und zurzeit ist es ohnehin besonders schwer. Diese Weltwirtschaftskrise macht manches noch komplizierter, als es ohnehin schon ist.
Kürzlich wurde mir ein Stoff angeboten über die Schriftstellerin Bozena Nemcova, ich sollte einen historischen Film machen. Aber ich wollte etwas anderes zeigen, etwas, das mich mein Leben lang beschäftigt: Dass nämlich die Emanzipation heute nicht sehr viel weiter ist als damals, als die Nemcova gelebt hat.

Sie haben Ihre Idee nicht durchbekommen?
Auch heute noch müssen wir unsere Themen verteidigen, denn das Geld haben die Geschäftsleute. Denen fehlt aber die Intuition für das Künstlerische, sie wollen nur verdienen und müssen, bevor sie einen Film finanzieren, davon überzeugt sein, dass er genug Geld einspielt.

Haben Sie Ihre Ideale aufgegeben?
Die Geldgeber sagen, die Leute heute wollen hauptsächlich amüsiert und unterhalten werden, sie wollen nicht nachdenken. Aber das glaube ich nicht. Ich erlebe immer wieder Menschen, die ganz viel nachdenken, ihnen fehlen kluge Filme. Überall auf der Welt gibt es Fonds oder andere Finanzquellen für die Kunst und den Film. In der tschechischen Republik ist das leider nicht der Fall.


Interview: Simone Schmollack 

Über Vera Chytilová

Vera Chytilová (geboren 1929 in Ostrava) studierte Philosophie, Architektur und Regie. Zusammen mit Milos Forman war sie Anfang der sechziger Jahre eine bestimmende Vertreterin der tschechischen „Neuen Welle“ (Nouvelle Vague“)
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