Interview

Die Einheits-Falle

11. März 2009
Vor 20 Jahren erregte das Buch „Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR“ von Hans-Joachim Maaz großes Aufsehen. Darin beschreibt der Psychoanalytiker und Psychiater das Lebensgefühl der Ostdeutschen nach der Wende. Damit anvancierte er zum „Wende-Analytiker“. Wie sieht es heute mit dem Lebensgefühl der Ostdeutschen aus. Wir haben den Experten noch einmal befragt.


Nach einer aktuellen Studie der Universität Hohenheim und des Versicherers Allianz, der sogenannten Zufriedenheitsstudie, sehen 54 Prozent der Deutschen ihre eigene Zukunft als positiv, die des Landes jedoch eher negativ. Wie erklärt sich der Auseinanderfall in der Einschätzung zur persönlichen Situation und der Lage der Nation?
Die globale Krise ist im Land deutlich spürbar, aber in der Mehrheit noch nicht beim Einzelnen angekommen. Das heißt, es gibt Entlassungen, natürlich, und diejenigen, die davon betroffen sind, bewerten ihre Zukunftsaussichten sicher auch eher düster. In einem halben oder in einem dreiviertel Jahr stellt sich die Situation sicher für weit aus mehr Menschen nicht mehr so positiv dar wie jetzt.

Am zufriedensten sind die Menschen in Baden-Württemberg, danach kommen die in Rheinland-Pfalz und in Hessen. Die letzten sind die Brandenburger. Die Schere geht also immer noch auseinander?
Wir müssen unterscheiden zwischen äußerer und innerer Freiheit. Äußere Freiheit hilft dem eingeschüchterten Menschen wenig. Zur Ausgestaltung freier Möglichkeiten braucht es Erfahrung, Kompetenz und zum Teil auch eine materielle Grundlage. Soziale Toleranz ist die Freiheit der Seele. Der Lebensstandard, die Qualität des Alltags und vor allem die Arbeitssituation sind im Osten noch lange nicht so gut ausgeprägt wie im Westen. Vor allem in Brandenburg und in Mecklenburg-Vorpommern gibt es entvölkerte Landstriche, die Arbeitslosigkeit ist hoch, es gibt rechtsradikalen Zentren. Das verursacht eine kollektive Unzufriedenheit.

Es heißt doch aber immer: Geld macht nicht glücklich. Offensichtlich doch.
Bis zu einer gewissen Grenze ist Geld natürlich wichtig, um leben zu können. Wenn jemand zu wenig Geld hat, bekommt er erhebliche Probleme, weil er seine Grundbedürfnisse nicht erfüllen kann. Aber es gibt einen Eichstrich, ab dem Geld nicht mehr wirklich wichtig ist, damit der Mensch zufrieden ist.

Was braucht der Mensch für seine Zufriedenheit?
Vor allem gute Beziehungen, in denen er sich aufgehoben und angenommen fühlt, und zwar so, wie er ist. Ist das nicht erfüllt oder ein Mensch hat innerliche Spannungen, vermag Geld in der Regel nicht aus dieser Misere herauszuhelfen. Das Gefühl, viel zu besitzen, hat dann keine kompensatorische Wirkung mehr. Viel Geld macht nicht automatisch glücklicher.

Die Forscher der „Zufriedenheitsstudie" sind auf zwei entscheidende Glücksfaktoren gestoßen: Freiheit und soziale Toleranz. Inzwischen sagen aber viele Ostdeutsche, dass sie die vielen Freiheiten heute gar nicht brauchen, weil sie die aufgrund von Geldmangel ohnehin nicht nutzen können.
Jeder Mensch will in seiner Einmaligkeit, mit seiner Identität anerkannt und bestätigt werden. Erlebt er das nicht, geht es ihm nicht gut. Außerdem wird ein Mensch unglücklich, wenn er sich immer nur anpasst. Dann nämlich wird sein Bedürfnis auf Entfaltung nicht befriedigt. Er entfremdet sich von sich selbst und das wird als große Belastung empfunden.

Erleben das Ostdeutsche?
Ja, auch heute noch, zwanzig Jahre nach der Wende. Die Entfremdung ist eine Hauptschwäche der deutschen Einheit. Nach der Wiedervereinigung zählten ausschließlich wirtschaftliche Aspekte, auf die Psyche der Menschen wurde keine Rücksicht genommen. Die meisten Ostdeutschen fühlten sich in ihrer Würde und mit ihren Biographien nicht akzeptiert. Ihnen wurde immer nur gesagt: Passt Euch an, dann wird was aus Euch! Das empfanden sie als Kränkung. Aber nicht wenige spielten das Spiel mit und passten sich an, in dem Glauben, dass sie dadurch glücklicher und zufriedener würden. Aber dieser Wunsch blieb für viele eine Illusion.

Es ist aber auch ein neues ostdeutsches Selbstbewusstsein zu beobachten: Viele Ostdeutsche haben keine Lust mehr sich zu erklären und schweigen lieber, wenn ihnen ein Westdeutscher heute immer noch sagt, wie ihr Leben in der DDR war.
Nach der Wende haben sich die meisten Ostdeutschen geschämt: für die materiellen Verhältnisse in der DDR und für ihre Geschichte. Sie haben sich einfach schlecht und als Deutsche zweiter Klasse gefühlt. Aber jetzt stellt sich heraus, dass sie gar nicht schlechter sind, nur anders. Ostdeutsche haben keine geringeren Fähigkeiten als Westdeutsche. Nur die unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen haben auch verschiedene Fähigkeiten gefördert und andere vernachlässigt oder unterdrückt. Wenn ich mal etwas Kühnes sagen darf: Erst ostdeutsche und westdeutsche Fähigkeiten gemeinsam ergeben den ganzen Menschen – im Guten wie im Schlechten.

Ist das eine echte deutsch-deutsche Annäherung?
An dieser Stelle ist sie zumindest sichtbarer als in anderen Bereichen. Und angesichts der derzeitigen Wirtschaftskrise, die ja kein Ost und kein West kennt, verspüren manche Ostdeutsche auch so etwas wie Genugtuung: Es stimmt heute nicht mehr, dass der real existierende Kapitalismus so viel besser ist, als der real existierende Sozialismus war. Beide Systeme werden von Menschen gestaltet und da gibt es hier und da Betonköpfe, Bürokraten, Spekulanten, Denunzianten und Mitläufer und – vom Menschen gemachte bedrohliche Krisen.

Wird heute noch die sogenannte Siegermentalität empfunden?
Es war ein großer Fehler, zügig nach dem Mauerfall die ostdeutschen Eliten zum größten Teil durch Westdeutsche auszutauschen, die auch nicht immer gut qualifiziert waren. Die Fähigkeiten und Kompetenzen vor Ort wurden häufig missachtet und vernachlässigt. Dadurch fühlten sich viele Ostdeutsche erneut abgewertet und ein wirklicher Vereinigungsprozess, der auch ostdeutsche Lebens- und Berufserfahrungen sowie regionale Kenntnisse integriert hätte, hat sich gar nicht entwickeln können.

Was hat das für Folgen?
Die westdeutsche, sehr häufig auf Konsum und Geld orientierte Lebensart hat sich durchgesetzt. Damit sind aber viele Ostdeutsche benachteiligt, sie können auf dieser Werteskala nicht mithalten. Enttäuschungen, Kränkungen, Existenzängste, Arbeitslosigkeit und Verarmung haben Folgen: Gewalt, Rechtsradikalität und Fremdenhass, Entvölkerung ganzer Regionen. Jeder ist bemüht, sich den neuen Verhältnissen anzupassen, die Erfolge sind sehr unterschiedlich.

Die Ostdeutschen haben sich also nicht behauptet?
Als Ostdeutsche mit einer wirksamen Ausstrahlung auf ganz Deutschland nicht! Und individuell geht es weit auseinander: vom Obdachlosen bis zur Bundeskanzlerin. Beide Karrieren gab es zu DDR-Zeiten nicht.

Wie groß sind die Kulturunterschiede noch?
Ostdeutsche haben nach wie vor ein Bedürfnis, sich persönlicher mitzuteilen und auszutauschen. Sie sind auch eher bereit über persönliche Probleme zu reden. Westdeutsche bleiben oft distanzierter, belehrender und sie sprechen eher über Äußerlichkeiten, die mit Geld und Geltung, mit Konsum, Besitz und Reisen zu tun haben.

Sind wir ein Einheitsvolk?
Ich verwende dieses Wort nicht. Es suggeriert, dass wir alle einheitlich sein sollten. Aber jeder will in seiner Individualität respektiert sein. Mir ist es auch wichtig – übrigens wie vielen anderen Ostdeutschen –,dass meine Biographie und Sozialisation gewürdigt bleibt. Das Leben in der DDR war eine Herausforderung, menschlich zu bestehen und auch unter schwierigen Bedingungen gut zu leben. Auch alle individuellen Fehler und Schwächen sollten verstanden werden. Ich möchte mich nicht als Bürger eines Einheitsvolkes verstehen. Ich bin ein Mensch mit ostdeutschem Hintergrund und damit auch mit ganz spezifischen Stärken und Schwächen, die ich in die vereinigte deutsche Gesellschaft einbringe. Die auch reflektiert, bewertet, weiterentwickelt und verbessert werden können. Und so sehe ich auch jeden Westdeutschen.

Wann werden die letzten Ost-West-Unterschiede verschwunden sein?
Das muss man differenziert sehen. Der soziale und wirtschaftliche Ausgleich zwischen Ost und West ist überfällig – das muss die Politik regeln. Durch „Wanderbewegungen“ hinter der Arbeit oder der Karriere her gibt es zunehmend Vermischungen und die Herkunft wird unwichtiger. In den Mentalitäten, den regionalen Sozialisationen und gesellschaftlich geprägten Erfahrungen sollten Unterschiedle gewahrt bleiben und sogar gepflegt werden. Eine kritiklose Anpassung an westliches Leben, das betonte Nachmachen ist im Osten vielen peinlich. Im Zuge der wachsenden Wirtschaftskrise wird man sich auf ostdeutsche Erfahrungen mit Mangel umzugehen, sich zu bescheiden und nachbarschaftliche Hilfen zu gestalten, immer mehr besinnen.


Interview: Simone Schmollack

Über Hans-Joachim Maaz

Hans-Joachim Maaz, geboren 1943, Psychiater, Psychoanalytiker und Autor. Bis zu seiner Pensionierung vor einem Jahren war er Chefarzt der Psychotherapeutischen Klinik im Evangelischen Diakoniekrankenhaus Halle. Zu DDR-Zeiten kämpfte er dort für psychoanalytische und tiefenpsychologische Therapieformen, die damals tabuisiert waren. Bekannt wurde Maaz vor allem durch sein Buch „Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR" (1990), das das Lebensgefühl der Ostdeutschen nach der Wende beschrieb.
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