Literatur

Neugier, Staunen, Unwissen

Von Barbara Bollwahn
Lese ich vor Schulklassen aus meinem Ost-West-Jugendroman „Der Klassenfeind und ich“, komme ich mir manchmal vor wie eine Märchentante und mir liegt der Satz „Es war einmal …“ auf der Zunge. Dass ich den nicht ausspreche, liegt daran, dass Erzählungen über die DDR keine Märchenstunden sind und das  Ende der DDR so gar nichts mit dem typisch versöhnlichen Schluss eines Märchens zu tun hat. Auch wenn der letzte Satz „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ dann doch wieder zutrifft.  Obwohl es dieses Land schon lange nicht mehr gibt, lebt es auf unterschiedliche Weise in seinen ehemaligen Bewohnern weiter. Bei vielen Jugendlichen, vor allem im Osten,  sitzt die DDR in Gestalt der Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel zu Hause am Küchentisch oder auf dem Sofa. Ihr Bild von der DDR entsteht maßgeblich durch deren Erzählungen. Erzählen sie nichts, wissen die jungen Menschen nichts. Malen sie ein rosarotes Bild, verklären sie die DDR. Stellen sie keine Fragen, erfahren sie nichts.

Ich bin ein Zeitzeuge, wenn ich vor Jugendlichen in Brandenburg, Sachsen, Hamburg oder Mecklenburg-Vorpommern lese. Ich wurde 1964 in Sachsen geboren und habe 25 Jahre in einem Land gelebt, das es seit 20 Jahren nicht mehr gibt. Ich weiß aus eigenem Erleben, wie es sich mit einer Mauer und ohne Reise- und Meinungsfreiheit lebt. Und ich weiß zu schätzen, wie es ist, sich frei bewegen, reisen und offen seine Meinung sagen zu können.  Ich erzähle den Jugendlichen von einem Land und einem Gesellschaftssystem, das so ganz anders war als das im wiedervereinigten Deutschland und so tiefe Spuren hinterlassen hat, dass Unterschiede zwischen Ost und West heute noch zu spüren sind.

Auch wenn 20 Jahre ein relativ kurzer Zeitraum sind, wissen Jugendliche, die nach dem Mauerfall im November 1989 geboren wurden, oftmals sehr wenig oder gar nichts über die Neuen Bundesländer, manchmal nicht einmal, wie viele es sind. Nicht wenige glauben, dass die DDR ein witziges kleines Land gewesen sein muss mit lustigen Ampelmännchen, ulkigen kleinen Autos namens Trabant und dem Sandmännchen, in dem alle Menschen Arbeit hatten und zufrieden waren.  Nicht selten beschränken sich ihre Kenntnisse auf Kinofilme wie „Good bye Lenin“ oder „Sonnenallee“.

„Der Klassenfeind und ich“ ist der Titel eines Ost-West-Jugendromans, den ich über mein Leben in der DDR, vorwiegend in Sachsen, geschrieben habe. Etwa 90 Prozent sind autobiografisch. In Tagebuchform erzählt die Protagonistin von ihrem Alltag: Ihr Vater will ihr verbieten, Westfernsehen zu gucken und Jeans aus dem Westen zu tragen. In der Schule soll sie im Wehrkundeunterricht lernen, den Sozialismus gegen den Kapitalismus zu verteidigen. Ihre beste Freundin darf kein Abitur machen, weil sie Verwandtschaft im Westen hat. Die Versorgungslage ist manchmal so schlecht, dass es nicht einmal Tampons zu kaufen gibt. Als sie mit 17 Jahren in Ungarn ihre erste große Jugendliebe kennenlernt, einen Jungen aus dem Westen, einen sogenannten Klassenfeind, schlägt ihre Unzufriedenheit mit dem Leben in der DDR in Verzweiflung um. Weil die Mauer zwischen ihnen steht, weil die Staatssicherheit Briefe abfängt und weil sie nicht einmal problemlos miteinander telefonieren können,  ist eine Beziehung zwischen dem Mädchen aus dem Osten und dem Jungen aus dem Westen so gut wie unmöglich.

Die Reaktionen der Jugendlichen bei den Lesungen sind höchst unterschiedlich: Entweder fragen sie gar nichts, weil sie sich so ein Leben überhaupt nicht vorstellen können. Nicht selten tauchen Fragen auf, die erkennen lassen, dass die Eltern zu Hause ein verklärtes Bild von der DDR zeichnen:  „War es nicht so, dass die Menschen in der DDR viel mehr Kontakte untereinander hatten als die Menschen heute?“ In der Tat war das so. Nur, und das erkläre ich ihnen dann, wird dabei oft der Grund für die vielen Kontakte vergessen. So gut wie alle Menschen hatten unter der gleichen schlechten Versorgungslage zu leiden und da war es wichtig, möglichst viele Verkäuferinnen und Handwerker zu kennen. Schon allein, um regelmäßig ein gutes Stück Fleisch zu bekommen, ein dringend benötigtes Ersatzteil, ein paar Bananen oder Fliesen fürs Bad. Die häufigste Reaktion aber ist die, dass die Jugendlichen aufmerksam und oft staunend zuhören, weil sie von einer Zeit, einem Land, einem Gesellschaftssystem und Lebensbedingungen erfahren, die ihnen völlig unbekannt sind.

Weil „Der Klassenfeind und ich“ ein sehr kritisches Bild auf die DDR wirft, stellen Jugendliche im Osten oftmals auch diese Frage: „War wirklich alles schlecht in der DDR?“  Natürlich lässt sich die DDR nicht allein auf die Allmacht von Partei und Staatssicherheit beschränken. Und natürlich haben die Menschen auch in der DDR gelacht und Urlaub gemacht. Weil sich die öffentlichen Diskussionen, Forschungen und die Aufarbeitung der DDR-Geschichte aber in erster Linie auf die Staatssicherheit mit ihrer Funktionsweise und auf die Verfolgung Andersdenkender konzentrieren, empfinden das nicht wenige DDR-Bürger als Angriff auf  ihr persönliches Leben. So, als wolle ihnen jemand ihre Geschichte, ihre Vergangenheit wegnehmen. Ich erzähle den Jugendlichen dann, dass es überhaupt nicht darum geht. In zwei völlig verschiedenen Gesellschaftssystemen gelebt zu haben, ist eine Bereicherung der eigenen Biografie. Um sich dessen bewusst zu sein, bedarf es aber eines gewissen Selbstbewusstseins. Doch das war und ist eine ähnliche Mangelware wie es Bananen oder Apfelsinen in der DDR waren. Dort zählte das Kollektiv und nicht der Einzelne. Statt einer eigenen Meinung war der vermeintlich richtige Klassenstandpunkt gefragt. Dann sehe ich in den Gesichtern der Jugendlichen oft ungläubiges Staunen, als würde ich von einem Leben auf einem fremden Stern erzählen.

Es sind aber nicht nur die Jugendlichen, die mitunter keine Ahnung haben. Nicht wenige Erwachsene ziehen es vor, ihre Vorurteile zu pflegen anstatt neugierig auf den anderen Teil Deutschlands zu sein. Ich habe das deutlich gemerkt, als ich mich 2007 für eine Stelle als Dorfschreiberin in einem kleinen Ort im Hochschwarzwald beworben habe. Dort war, fast zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, die Skepsis gegenüber einer  Bewerberin aus der ehemaligen DDR groß. In einer Mischung aus Unwissenheit und Ignoranz hatte sich die Überzeugung breit gemacht, alle Menschen im Osten müssten in der Partei gewesen sein oder für die Staatssicherheit gearbeitet haben.  Als ich mich im Sommer 2008 persönlich im Schwarzwald vorgestellt habe, war es ein Leichtes, diese Vorbehalte aus dem Weg zu räumen und das Interesse für etwas zu wecken, was bis dahin unglaublich weit weg schien. Die Erklärung dafür ist ganz simpel: Wir haben miteinander statt übereinander gesprochen.

Über Barbara Bollwahn

Barbara Bollwahn wurde 1964 in Sachsen geboren. Sie studierte von 1984 bis 1986 an der Universität in Leipzig Spanisch und Englisch. Nach dem Mauerfall ging sie nach Westberlin und kam über Umwege zum Journalismus. Von 1991 bis 2007 hat sie in Berlin bei der „tageszeitung“ (taz) als Redakteurin, Reporterin und Kolumnistin einer Ost-West-Kolumne gearbeitet. Seitdem ist sie selbständige Journalistin und Jugendbuchautorin. „Der Klassenfeind und ich“ ist im Stuttgarter Thienemannverlag erschienen und wurde für den Jugendbuchpreis „Buxtehuder Bulle 2008“ nominiert. Im Mai 2009 erscheint „Der Klassenfeind und ich“ als Taschenbuch im Hamburger Carlsenverlag.
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