Die verlorenen Wege zur Wismut
Arwed Messmer und ich hatten 2003 eine gemeinsame Recherche über das erste Kernkraftwerk der DDR in Rheinsberg gemacht, aus der das Buch Kontrakt 903. Erinnerung an eine strahlende Zukunft entstand. In Altenburg begegneten uns nun die Hinterlassenschaften der Wismut, des Uranbergbaus, den wir, wie viele andere, immer im Erzgebirge, nahe der tschechischen Grenze, verortet hatten, dabei waren die Uranschächte des Ronneburger Reviers mit ihren Spitzkegelhalden nur eine halbe Autostunde von der ehemaligen Residenzstadt Altenburg entfernt. Zeitweise wurden 11 Prozent des weltweit abgebauten Urans um Ronneburg gefördert. Von 1951 und 1968 waren fünf Dörfer mitsamt ihren Kirchen, Dorfteichen, Storchennestern, Kneipen, Gärten und Höfen von der Landkarte Thüringens verschwunden: Sorge-Settendorf, Schmirchau, Lichtenberg, Gessen, Culmitzsch. Ihre Namen wurden zur Bezeichnung von Halden und Schächten benutzt.
Die Wohnungen für die Beschäftigten der Wismut waren seit Anfang der siebziger Jahre in Altenburg und Gera entstanden, in Altenburg 5000, in Gera 13000. Von dort fuhren die Kumpel mit Bussen und Zügen zu den Schächten. Uns interessierte die Topgraphie: die Arbeitswege, die sich wie Muster in die Landkarten des vergangenen Jahrhunderts geprägt hatten und die mit der Einstellung der Uranproduktion, der Schließung der Schächte und der Renaturierung der Landschaft nach der Wende nicht mehr gebraucht wurden. Da war der Anblick der entwidmeten, das heißt aus jeder Landkarte verschwundenen Bahnstrecke, zwischen deren Gleisen die Birken einen kleinen Wald gebildet hatten, da war der die Apfelbaum, der zwischen den Ritzen der Treppenstufen zum Eingang der Kantine in Beerwalde in zwanzig Jahren aus einem achtlos weggeworfenen Kerngehäuse gewachsen war, da waren die Koniferen, die jeden Abriss überstanden hatten und nun als letzte Zeugen in der Landschaft standen. Da waren die leeren, die verschwundenen und die sanierten Plattenbauten in Altenburg-Nord und Südost mit ihren noch verbliebenen Bewohnern, die die unglaublichsten Geschichten zu erzählen wussten. Die Wege zur Wismut haben Spuren in der Landschaft hinterlassen, die kaum noch sichtbar, für die Menschen, die sie täglich zurücklegten, aber durchaus noch von Bedeutung sind, denn sie sind Teil ihrer Biographien. Nach diesen Geschichten haben wir gefragt, haben die Wege abgefahren und in Archiven nach Akten gesucht.
In der späten DDR haben die meisten nicht viel über die Wismut gewusst. Es gab die dunklen Geschichten der Anfangszeit, als viele eher unfreiwillig in den Uranbergbau gingen oder um Abenteuer zu suchen, eine Zeit, die bis heute kaum jemand überlebte, denn es gab kaum Strahlenschutz. Aus dieser Zeit erzählte der Anfang der sechziger Jahre entstandene, noch vor Erscheinen auf dem 11. Plenum der SED 1964 verbotene und deshalb sagenumwobene Roman Rummelplatz von Werner Bräunig, der erst 2007 erstmals veröffentlicht wurde. Und auch unsere Zeugen wussten noch eine Menge aus der Anfangszeit zu erzählen.
- [Lokführer 2:] Mein Vater hat auch bei der Wismut gearbeitet. Und wenn es mein Wunsch gewesen wäre, wäre ich vielleicht auch dort gelandet. Ob ich dann noch hier sitzen würde, weiß ich nicht. Mein Vater ist mit 53 gestorben.
- [Der Markscheider:] Wir haben immer nur die Geschichten gehört aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Wenn die Bergmänner sich damals auf die Erzkisten gesetzt haben, dann konnten sie manchmal zwei, drei Tage lang nicht mit ihren Frauen poppen. Das war alles, was die uns erzählt haben.
- [Der Anschlussbahndispatcher:] Ich glaube kaum, dass von den Kollegen, die die fünfziger Jahre schon mitgemacht haben, noch einer lebt. Denn was da in die Kisten gepackt und transportiert wurde, war ja die reine Pechblende.
In den achtziger Jahren gab es die mutigen, weil illegalen und von der Stasi überwachten Recherchen von Michael Beleites über die gesundheitlichen und ökologischen Folgen des Uranbergbaus in der DDR, die unter dem Titel Pechblende. Der Uranbergbau in der DDR und seine Folgen in den Kirchen und Küchen kursierte und zum ersten Mal das Ausmaß der Zerstörungen halböffentlich anprangerte. Damals wusste noch keiner, dass dieses Kapitel sehr schnell zu Ende gehen würde, denn mit dem Ende des Kalten Krieges wurde auch das Uran nicht mehr in diesen Mengen gebraucht, schon Jahre vor der Wende rechnete sich die Förderung nicht mehr.
Mit der Schließung der Schächte verloren viele ihre Arbeit. Wir wollten wissen, wie diejenigen, deren Leben viele Jahre mit der Wismut verbunden war, im Nachhinein darüber dachten. Wir wollten sie selbst sprechen lassen, jenseits von ideologischen Zuschreibungen. Was war von diesem Leben geblieben?
Als wir nach der Arbeit bei oder für die Wismut fragten, war von ihr nicht mehr viel zu sehen. Die Spitzkegelhalden waren fast abgetragen. Tag und Nach fuhren riesengroße Dumper die Erdmengen in ein altes Tagebauloch oder schütteten einen neuen Berg auf. Die Bundesgartenschau zeigte blühende Landschaften, wo einst die Schächte waren, ohne dass man genau wusste, ob es mit der Überformung der Landschaft schon getan war, ob nicht unter dem neuen Mutterboden doch noch eine Bombe tickte.
Mit unserem Ausstellungsbeitrag, einer Wandzeitung im Lindenau-Museum und dem daraus entstandenen Buch Verlorene Wege haben wir die Spuren noch einmal freigelegt. Es ist eine Collage aus Stimmen von Menschen, die täglich die Wege zur Wismut zurücklegten oder sich an ihren Rändern aufhielten: Aus Interviews mit Lokführern, Zugführern, Fahrmeistern, Bahnhofsmitarbeitern, Mitropakellnern, Zimmerlingen, Hauern und Markscheidern, aus Zeitdokumenten, Archivmaterial, Familien- und Brigadefotos, Fahrplänen, Propagandamaterial, Schwindelbüchern der deutschen Reichsbahn und Fotos Arwed Messmers entstand eine polyphone, aus vielen Mosaiksteinchen bestehende Text-Bildkomposition, eine Art Kulturtopographie als Mosaik. Geschichte und Privates werden ineinander verschränkt. Text und Bilder beschreiben den Weg von den Neubauwohnungen Altenburgs und Geras in die Schächte des Ronneburger Reviers, im Zeitraum von 1972 bis zum Ende des Wismut-Personenverkehrs auf der Schiene, 1990.
Wie schon in unserem Buch Kontrakt 903. Erinnerung an eine strahlende Zukunft entschieden sich Arwed Messmer und ich die Leute, die Akten, die Fotos und Dokumente für sich sprechen zu lassen. Wir waren die, die zuhörten und nachfragten und das Material schließlich montierten. Die Protagonisten sollten selbst sprechen, nachdem jahrzehntelang in ihrem Namen gesprochen worden war.
- [Der Hauer-Brigadier:] Wer nicht unten war, hat keine Ahnung. Es gab genug Idioten, die über die Wismut Scheiße erzählt haben. Deswegen hatte die auch keinen guten Ruf. Aber machen wir uns nichts vor, wir waren ein Rüstungsbetrieb, obwohl das nie einer gesagt hat. Das Erz wurde aufbereitet in Seelingstädt und dann gings zu den Russen, zügeweise. Natürlich hieß es, das dient der Erhaltung des Friedens und so'n Blödsinn.
- [Lokführer 1:] Uns wurde in der Schule erzählt, dass mit dem Erz von der Wismut der Atomeisbrecher Lenin angetrieben wird.
- [Der Hauer-Brigadier:] Da hat der aber viel Uran gebraucht.
- [Der Markscheider:] Wir wussten schon, dass das Uran, was wir da abbauen, für Atombomben ist. Da musstest du ja wirklich auf allen Augen blind sein, wenn du noch an atombetriebene Eisbrecher geglaubt hast. Doof waren die Leute ja nicht bei der Wismut, auch wenn man uns Glauben machen wollte, dass es für den Weltfrieden ist.
- [Agit-Prop:] Uran - Sonne in Menschenhänden, sollst niemals das Antlitz der Erde schänden!
Annett Gröschner [Text] / Arwed Messmer [Bild]: Verlorene Wege, Verlag für moderne Kunst Nürnberg 2009.
s.a. Altenburg: Provinz in Europa. Eine künstlerische und kulturtopographische Anthologie, Lindenau Museum Altenburg, Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2007.



