Schluss mit Engagement? Eine gefährliche Tendenz
Von Jan Philipp Albrecht
Katrin ist 21 und studiert Physik. Während der Schule hat sie eine Philosophie-AG ins Leben gerufen und findet die Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen gerade in Verbindung mit ihrem Physikstudium äußerst interessant. Doch seit sie Ihr Studium aufgenommen hat, ist sie nicht mehr dazu gekommen, sich damit weiter zu beschäftigen. Das modularisierte Bachelor-Studium verlangt viel Zeit und Arbeit. Anrechnen könnte sie ihr Hobby im Studium nicht und für den Lebenslauf ist es wichtiger, Praktika in bekannten Unternehmen zu machen, als sich in der Freizeit mit Kant und Foucault zu beschäftigen.
Nur ein fiktives Beispiel?
Nein: Hunderten geht es so oder so ähnlich an jeder deutschen Universität. Kommt dann noch der Nebenjob dazu, um neben dem geringen BaföG-Satz noch was für die Studiengebühren oder den Lebensunterhalt dazu zu verdienen, sieht es sogar für das „karrierefördernde Engagement“ schon schlecht aus. Der Druck, möglichst schnell mit allen Scheinen fertig zu werden und gleichzeitig noch bestmögliche Noten zu bekommen, lässt Eigeninitiative neben dem Studium oft im Keim ersticken.
Wer sich dennoch neben dem Studium im Jugendumweltverband, im Parteivorstand, in der Menschenrechtsinitiative oder im selbstorganisierten Studentencafé engagiert, riskiert schlechtere Noten und damit automatisch die Zulassung zu einem im Arbeitsmarkt regelmäßig vorausgesetzten, aber tatsächlich nur begrenzt verfügbaren Masterstudium. Der Bologna-Prozess stellt damit einen tiefgreifenden Einschnitt in das ehrenamtliche Engagement junger Menschen dar. Die Folgen dieser Entwicklung sind nur zu erahnen – waren es doch in der Geschichte regelmäßig studentische Gruppen, die für Bewegung in der Demokratie gesorgt haben und gesellschaftliche Debatten angestoßen haben.
Die Erfahrungen, die junge Menschen in gesellschaftspolitischen und sozialen Tätigkeiten abseits der beruflichen Ausbildung haben sammeln können, sind stets die „soft skills“, die sie zu tragenden Säulen der Gesellschaft machen. Es ist dringend nötig, dass der „Europäisierung“ der Hochschullandschaft eine europaweite Unterstützung für die Förderung und Ermöglichung eigeninitiativer Projekte durch mehr Freiräume im Studium folgt.
Jan Philipp Albrecht ist ehemaliger Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung und junggrüner Kandidat zur Europawahl.



