Krise der Studierenden – Krise der Demokratie?

Von Stefanie Groll
Von Stefanie Groll

Politisches Interesse bei Studierenden nimmt ab

Im März 2009 sorgte die Studie „Wandel politischer Orientierungen und gesellschaftlicher Werte der Studierenden“ für öffentliches Aufsehen. Sie beinhaltet Teilergebnisse des 10. Studierendensurvey der AG Hochschulforschung an der Uni Konstanz. Der Studierendensurvey wird seit 1983 etwa alle zwei Jahre erhoben. Die WissenschaftlerInnen belegen damit empirisch, was viele schon lange empfinden: Das politische Interesse und damit auch die Vorraussetzungen zu politischer Partizipation nehmen bei den Studierenden seit 25 Jahren beständig ab. Egal ob Universität oder Fachhochschule, ob Natur- oder SozialwissenschaftlerIn: Durch die Bank weg erklären die Studierenden, dass sie weniger Zeit, Lust und Interesse für allgemeine Politik und für Hochschulpolitik haben. Entsprechend niedrig ist auch die Anzahl derjenigen, die sich in politischen Hochschulgruppen, Gewerkschaften, Bürgerinitiativen oder Parteien engagieren.

Sozial engagieren und studieren?

Der Hochschulforscher Lars Fischer zeigt in der Studie „Studium und darüber hinaus?“ (HISBUS 2006) auf, dass sich rund zwei Drittel der Studierenden zumindest gelegentlich gesellschaftlich engagieren. Das dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, so Fischer, dass Studierende ihr Engagement zu erheblichen Anteilen in Aktionsfeldern ansiedeln, die nicht per se als gemeinwohlbezogen bezeichnet werden können. Er meint damit etwa den großen Jugend-, Sport- und Freizeitbereich. Oftmals erwachse das gesellschaftliche Engagement aus dem Hobby, und „nur wenige Studierende engagieren sich in Bereichen, die eindeutig in die Kategorie "gemeinnützig" fallen“, steht in seiner Studie. Oftmals seien auch die Grenzen zwischen eigennützigen Hobbies und gemeinnützigen Aktionsfeldern fließend.

Folgt man Soziologen wie dem US-Forscher Robert Putnam, dann macht es Sinn, die Ergebnisse dieser beiden Studien in Bezug zu setzen. Putnam stellte schon vor einigen Jahren fest, dass die Zahl der politisch Interessierten und sozial Engagierten seit den 1960ern ständig abnimmt. Gerade auch bei Studierten und Höhergebildeten. Putnam beobachtet das mit Sorge, denn er geht davon aus, dass der Einsatz in gemeinnützigen Vereinen, in Gewerkschaften und politischen Gruppierungen einem Menschen gut tun und gleichzeitig für die demokratische Gemeinschaft nützlich ist. Engagement macht Spaß, bedient idealistische Überzeugungen und nicht zuletzt werden Qualifikationen erlangt und Kontakte geknüpft, die in anderen Sinnzusammenhängen, etwa im Berufsleben, von Vorteil sind. Auf Ebene der Gemeinschaft entfaltet sich soziales Kapital in einem Mehrangebot von kulturellen Einrichtungen, in Hilfsangeboten, die der Staat in Zeiten knapper Kassen verwährt und schließlich in der Stärkung der Zivilgesellschaft. Der Clou von sozialem Kapital ist, dass es in zweifacher Hinsicht - für die Engagierten und die für die Gesellschaft - Renditen abwirft.

Förderung von studentischem Engagement

Wenn kontinuierliches Engagement Renditen produziert, sollte doch einiges getan werden, um dieses zu fördern. Damit entspricht man den altruistischen und utilitaristischen Motiven des Individuums und stärkt gleichzeitig die Zivilgesellschaft. Hochschulen, Hochschulpolitik, Stiftungen und auch Wirtschaftsverbände sollten sich überlegen, wie sie studentisches Engagement unterstützen könnten. Die Förderung von langfristigen Engagements, die zur Bildung von sozialem Kapital beitragen, müsste im Sinne aller sein, die eine starke Zivilgesellschaft wollen. Übrigens: Der Ansatz des service learnings, des Lernens durch Engagement, wie er für Schulen entwickelt worden ist, lässt sich auch in Uni-Curricula integrieren. Die Lernmethode fördert gleichzeitig den Praxisbezug der Lehre und lässt Studierende demokratische und soziale Verantwortung übernehmen.

Stefanie Groll hat Politikwissenschaft studiert und arbeitet bei der Heinrich-Böll-Stiftung.

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