Über das Selbstverständnis der Universität kann man in Deutschland nicht sprechen, ohne den Berliner Philosophen, Politiker und Universitätsgründer Wilhelm von Humboldt (1767-1834) zu bemühen: „Einsamkeit und Freiheit“, das wurde zum bekanntesten Zitat, wenn man mit Humboldt sagen wollte, dass die Universität ohne individuelle Forschungsleistung und Autonomie gegenüber dem Staat nicht handlungsfähig sein kann.
Die „Einheit von Forschung und Lehre“ gehört ebenfalls in diesen Traditionsbestand, geeignet, die spezifische Lernkultur zu charakterisieren, die zu einer modernen Universität gehören sollte. „Collegienhören“, auch das sagt Humboldt, ist dann „eigentlich nur zufällig“, wesentlich sei, „dass der junge Mann zwischen der Schule und dem Eintritt ins Leben eine Anzahl von Jahren ausschließend dem wissenschaftlichen Nachdenken an einem Ort widme, der Viele, Lehrer und Lernende in sich vereinigt.“ Diese in intellektueller Arbeit vereinte „Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden“ definiert die Universität, und sie ist zugleich „societas litterarum“, repräsentiert also alle Wissenschaften, unter dem Anspruch, sie zum Thema der Forschung zu machen.
Ideal und Realität
Das Problem ist nur, dass die Realität der Universität in Deutschland diesem Ideal in keiner Phase ihrer Geschichte entsprach. Die Unabhängigkeit vom Staat war begrenzt, das Recht der Selbstkooptation über Berufungen wird bis heute vom Staat kontrolliert, in den Finanzen waren die Universitäten abhängig; politisch missliebige Gelehrte, Juden oder Sozialisten hatten bis weit ins 20. Jahrhundert keine Berufungschance. Vor allem die Lehre war weit davon entfernt, dem Ideal zu entsprechen und vielmehr ein ungeliebtes Kind, von Staatsexamina bestimmt und meist nur chaotisch. Die Professoren waren eher mächtige Ordinarien als gleichberechtigte Partner in einer „societas scholarum“. Die Abwehr von Reformen, die heute unter Berufung auf Humboldt geschieht, ist denn auch vielfach nur Verteidigung hergebrachter Privilegien; damit wird nicht Humboldts Universität bewahrt, weil Humboldts Ideal die Realität von Lehre und Studium nicht definierte. Man kann eher die Intentionen des Bologna-Prozesses als den Versuch lesen, der Universität endlich eine Lehrverfassung zu geben, die sowohl berufsbezogen als auch für akademisches Studium kompetent macht.
Heinz-Elmar Tenorth ist Professor für Historische Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin.



