Glosse
Wissenstransfer auf dem Pavianfelsen
Nachdenkender Pavian im Hamburger Zoo.
Foto: perreira. Dieses Foto steht unter einer Creative Commons-Lizenz
von Helmut Höge
Von Helmut Höge

"Derjenige, der den Pavian versteht, würde mehr zur Metaphysik beitragen als Locke," vermutete Charles Darwin.

Was meinte  er mit "Locke"? Den Philosophen John Locke, Begründer des Empirismus? Der schrieb: "Erstens nämlich ist es offensichtlich, daß alle Kinder und Idioten nicht im geringsten eine Vorstellung oder einen Gedanken von diesen Sätzen haben. Schon dieser Mangel genügt, um jene allgemeine Zustimmung zunichte zu machen, die notwendig und unbedingt die Begleiterin aller angeborenen Wahrheiten sein müßte." Locke begründete damit, dass das Bewusstsein zunächst nur ein weißes Blatt Papier ist, das durch Wahrnehmung und Wissen beschrieben wird.

Der aufgeklärte Mensch zählt sich seit Lenné ebenso zu den "Herrentieren" (Primaten) wie der Pavian, obwohl letzterer weder Sprache noch Arbeit hat - was angeblich den Übergang von Natur zu Kultur ausmacht. Noch  Friedrich Engels begann seinen Text über die Entwicklungsgeschichte der Arbeiterbewegung mit diesem Übergang, den er als "Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen"  bezeichnete.

Obwohl die Pavianforschung  seitdem enorme Fortschritte gemacht hat - und dabei viel mehr Kultur in der Natur entdeckte, als die noch vor Kurzem von Trieben, Instinkten und Genen ausgehenden Biologen jemals gedacht hätten, trägt doch der Engelsche Arbeitsbegriff nach wie vor.

Der Schweizer Pavianforscher Hans Kummer spricht sogar von "Berufen" bei seinen Affen - einer Horde im äthiopischen Hochland. Ohne Sprache und vor allem nahezu ohne "Werkzeuge" (Auto, Haus, Kreditkarte) sind die Paviane quasi ununterbrochen damit beschäftigt, das Soziale (wieder)herzustellen bzw. zu erhalten: Gesellschaft sans phrase. Was nicht heißt, dass nicht auch unter ihnen viel Bluff passiert.

Für die amerikanische Pavianforscherin Shirley Strum war es geradezu eine "revolutionäre Entdeckung", dass ihre kenianische Pavianhorde nicht urhordenmäßig von einem "Pascha" autoritär zusammengehalten wurde wie ein Harem, sondern eher durch die älteren Weibchen - und diese taten das "ausgesprochen nett" und klug.

Erst kürzlich beobachtete der Biologe Andreas Weber Ähnliches bei seiner Feldforschung in einem Osttiroler Bergdorf: "Überhaupt die alten Frauen hier," schrieb er, "in Wahrheit sind sie es, die das Tal zusammenhalten." Inzwischen gibt es neben der Pavianforschung, die vor allem von US-Akademikerinnen vorangetrieben wird, auch eine (feministische)  Primatenforscherinnen-Forschung, von Donna Haraway z.B.. Sie eint, dass sie sich, durch Darwin evolutionär eingestimmt, an Lockes "Metaphysik" des Bewusstseins abarbeiten.

Die oben erwähnte Pavianforscherin Strum holte dazu auf dem von ihr organisierten ersten und letzten internationalen "Paviankongress" in New York den französischen Wissenssoziologen Bruno Latour mit ins Boot. Dieser baute daraufhin die Paviane in seine forschungspolitische "Akteur-Netzwerk-Theorie" (ANT) ein, die hierzulande vor allem von linken Geisteswissenschaftlern goutiert wird. In seinem letzten Werk - einer "neuen Soziologie für eine neue Gesellschaft" - kommt er noch einmal auf die Paviane zurück, die er unter die "nicht-menschlichen Akteure" subsumiert.

Dazu gehören neben den Affen auch alle benutzbaren und hergestellten "Dinge", die am Zustandekommen unseres Sozialen mitwirken. Diese Konzentration des Wissenssoziologen auf die Akteure/Aktanten hat Latour zu einem ganzen "Parlament der Dinge" inspiriert. Die Dichotomie von Natur und Kultur, Subjekt-Objekt weicht damit einer quer durchgehenden Geschichte des Sozialen, der "Assoziation": Auch aus der Pavianforschung wird wohl einmal eine historische Wissenschaft werden. Und, wer weiß? Vielleicht bekommen wir von diesen Affen sogar einmal eine Geschichte der ihnen namentlich bekannten PavianforscherInnen (zurück).


Helmut Höge, geb. 1947, arbeitete zunächst als Dolmetscher bei der US Air Force und bei einem indischen Großtierhändler, studierte dann Sozialwissenschaften in Berlin und Bremen und arbeitete als landwirtschaftlicher Betriebshelfer in West- und Ostdeutschland, seit 1972 ist er daneben auch journalistisch tätig, u. a. als taz-Kolumnist.

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