Interview

"Hey, das ist mal was anderes!"

Der ehemalige Präsident der Universität Oldenburg und neue Leiter des Wuppertal Instituts Prof. Dr. Uwe Schneidewind über den Mangel an fantasievollen Leitbildern für die Hochschulen, wie man ihn beseitigen kann und warum die Rolle der Studierenden oft unterschätzt wird.

 

Es gibt in Deutschland knapp 100 Universitäten und 300 Fachhochschulen. Ist es eigentlich egal, an welcher Uni oder FH man heute studiert?

Prof. Dr. Uwe Schneidewind: Wo man studiert macht für den Berufseinstieg heute einen größeren Unterschied als früher – vor allem beim Master. Beim Bachelor - das haben auch die Studierendenproteste gezeigt - sind die Unterschiede kleiner. Da haben auch alle mit ähnlichen Umsetzungsproblemen zu kämpfen. Allerdings bieten immer mehr Hochschulen auch hier Besonderes. Zum Beispiel die Universität Duisburg-Essen mit spezifischen Angebote für Studierende mit Migrationshintergrund oder die Leuphana Universität Lüneburg mit dem Schwerpunkt auf nachhaltige Entwicklung. So etwas gab es früher nirgendwo in der Republik. Auch die wachsende Zahl privater Hochschulen bietet in einigen Fächern völlig andere Studiengänge, als bislang an staatlichen Hochschulen üblich.

Obwohl die Unterschiede zunehmen, haben Sie in Ihrem Buch "Nachhaltige Wissenschaft" einen Leitbildmangel an deutschen Hochschulen diagnostiziert. Was verstehen Sie darunter?

Prof. Dr. Uwe Schneidewind: Wenn es egal ist, wo man studiert, spielen auch Leitbilder für die Hochschulen kaum eine Rolle. Wenn man sich die Orientierungen der Hochschulen heute anschaut, erkennt man eine erschreckende Einförmigkeit. Ein interessanter Gradmesser sind die Antrittsreden neuer Hochschulleitungen. Die können Sie fast beliebig austauschen. Es geht immer um exzellente Forschung, forschungsorientierte Lehre, ein gutes Hochschulklima und den guten Kontakt zum regionalen Umfeld. Es gibt wenige Hochschulen bei denen man freudig überrascht sagt: Hey, das ist mal was anderes!
Das wird sich aber ändern. Wir werden eine Ausdifferenzierung der Hochschullandschaft bekommen. Hochschulen müssen sich positionieren. Dafür brauchen sie Identifikationsprozesse, die über Leitbilder laufen.

Sie schlagen "Nachhaltigkeit" als Hochschulleitbild vor. Was verstehen Sie unter einer "nachhaltigen" Hochschule?

Prof. Dr. Uwe Schneidewind: Es geht mir um eine Wissenschaft, die sich der zentralen Herausforderungen unserer Zeit annimmt und zum Gegenstand von Forschung und Lehre macht. Das zweite zentrale Moment ist Transdisziplinarität. Das heißt nicht nur Kooperation über Disziplingrenzen hinweg, sondern auch Integration der Vielfalt von Wissensformen, auch jenseits klassischer Wissenschaft. Für die gesellschaftliche Transformation in Richtung Nachhaltigkeit brauchen wir eine intensive Kooperation aller "change agents" in der Gesellschaft: Politik, Initiativen und Unternehmen. In der Wissenschaft brauchen wir eine unverkrampfte Kopplung von klassischer Grundlagenforschung und anwendungsorientierter Forschung.

Welche Rolle spielen dabei die Studierenden?

Prof. Dr. Uwe Schneidewind: Die Rolle der Studierenden wird stark unterschätzt. Das Abstimmen mit den Füßen ist ein wichtiger Impuls. Aber auch die Studierenden haben auch vor Ort eine wichtige Funktion. Zum Beispiel ist die ökologisch orientierte Lehre an den Universitäten in St. Gallen, an der TU Berlin oder in Lüneburg ist ganz entscheidend von Studierendeninitiativen vorangebracht worden. So haben sie sich dafür eingesetzt, dass neue Lehrstühle eingerichtet wurden.

Die Studierenden bemängeln jedoch, dass sie bei der Hochschulentwicklung nicht einbezogen werden. Der Studierendenprotest fordert eine Demokratisierung der Hochschulen.

Prof. Dr. Uwe Schneidewind:Es gibt einen klassischen Reflex wenn Demokratisierung gefordert wird. Für viele, die in der klassischen Gremienuniversität sozialisiert wurden, ist das ein rotes Tuch. Die Frage ist doch: Wie sehen eigentlich neue Formen von Demokratisierung, Beteiligung aus? Was ist zum Beispiel mit studentische Vizepräsidentinnen und -präsidenten, die in Rostock und in Friedrichshafen eingerichtet wurden. Was ist mit projektmäßiger Beteiligung, die wirklich etwas bewirken kann? Einige Studierende verteidigen mit nachvollziehbaren Gründen die klassische, demokratisch legitimierte Form der Teilhabe. Angesichts des Legitimationsproblems, das dadurch entsteht, dass nur wenige Studierende zur Wahl gehen brauchen wir aber mehr Kreativität bei der Entwicklung neuer Beteiligungsformen.

Gibt es einen Widerspruch zwischen dieser Profilierung der Hochschulen und dem Ziel des Bolognaprozesses, die Mobilität der Studierenden zu erhöhen?

Prof. Dr. Uwe Schneidewind: Wir haben ein Mobilitätsproblem innerhalb der Bachelor-Studiengänge. Das wird sich schwer nach dem Muster auflösen lassen, wie wir früher Mobilität organisiert haben. Von den Studierenden selbst organisierte Auslandsaufenthalte werden schwieriger. Es wird nur so gehen, dass Hochschulen mit Kooperationspartnern Mobilitätsprogramme abzustimmen. Für die Profilbildung von Hochschulen ist das ein Vorteil. Über die gemeinsame Themenorientierung ergeben sich interessante Netzwerke.
Daneben haben wir die eigentliche Mobilitätserhöhung an der Schnittstelle Bachelor/Master. Da stellen wir heute ja auch schon fest: Die beweglichen Studierenden haben entweder einen Bachelor im Ausland gemacht und kommen nach Deutschland zurück oder umgedreht, oder sie wechseln innerhalb Deutschlands.  Dabei suchen sie Hochschulen, die etwas Besonderes bieten, die ein klares Profil haben.

Wie kann man die Profilbildung befördern und gegen die Fantasielosigkeit bei den Hochschulleitbildern angehen?

Prof. Dr. Uwe Schneidewind: Wir brauchen mutige Hochschulleitungen, die Visionen haben und die Fähigkeit, die Hochschule mitzunehmen. Die Politik muss Anreize setzen, die nicht nur eindimensional in eine Richtung weisen. Die Exzellenzinitiative hat den Blick auf eine bestimmte Form von Forschungsexzellenz verengt. Wir benötigen Wettbewerbe, die neue Profilierungen fördern, die für Anerkennung und Sichtbarkeit innovativer Modelle sorgen. Der föderale Wettbewerb könnte produktiv genutzt werden, wenn einzelne Bundesländer Anreize für besondere thematische Schwerpunkte setzen.

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