Gesucht: Hochschulen zum Mitmachen!
Von Theresia Bauer
Mit dem Slogan des Bildungsstreiks „Die Uni gehört allen“ kommt frischer Wind in die Hochschulen. Der selbstbewusste Anspruch auf Teilhabe und Mitwirkung an der eigenen Bildungsinstitution stößt auf viel Sympathie und weckt Hoffnungen. Er eröffnet die Chance, Hochschulen durch eine neue Beteiligungskultur aus ihrer doppelten Misere zu befreien:
Hochschulen mehr Autonomie zu geben, damit sie eigene Profile entwickeln und mehr Verantwortung übernehmen, gilt seit langem als Konsens. Das hat jedoch nicht vor der Identitätskrise geschützt, in der sich die Hochschulen derzeit befinden. Bemerkenswert arm stehen sie da an Ideen, wer sie selbst sein und wie sie sich organisieren wollen. Der Autonomie-Gedanke ist allenfalls in halbierter Form realisiert – als Freiheit des Rektorats gegenüber dem Rest der Hochschule oder als Freiheit des Wissenschaftsministers gegenüber dem Parlament. Lediglich das Leitbild der „unternehmerischen Hochschule“ hat sich einen gewissen Namen gemacht. Das Projekt, die Hochschulen umzubauen nach dem Vorbild von Wirtschaftsunternehmen darf dennoch als gescheitert angesehen werden: RektorInnen sind keine Vorstandsvorsitzenden, Hochschulräte keine Aufsichtsräte, Studierende keine – zahlenden - Kunden und die Suche nach Erkenntnis ist etwas anderes als die Suche nach Gewinn. Deshalb hat das Projekt das Selbst-Bewusstsein der Institution eher geschwächt als gestärkt. Es ist an der Zeit, dass Hochschulen sich neu erfinden, und gemeinsam mit allen Beteiligten ihre Leitbilder und Organisationsformen weiter entwickeln. Stark werden die Kräfte der Selbstorganisation in den Hochschulen nur dann, wenn Studierende und der wissenschaftliche Nachwuchs auf Augenhöhe beteiligt sind.
Der Bologna-Prozeß startete als die tiefgreifendste Hochschulreform des Jahrhunderts, nach zehn Jahren steht er – zumindest in Deutschland - mit seiner mißglückten Umsetzung als größter Murks und als Symbol für die Reformunfähigkeit unserer Hochschulen da. Die wirkliche Studienreform steht noch aus. Dabei wäre darüber zu reden, was es bedeutet, „citizenship“ als Studienziel ins Zentrum zu stellen. Denn Bologna zielt nicht nur auf Beschäftigungsfähigkeit („employability“), sondern ebenso auf gesellschaftliche Teilhabefähigkeit („citizenship“). Nur hat es bislang nicht interessiert, wie ein Studium aussehen muss, das Studierende befähigt, als mündige Bürgerinnen und Bürger verantwortungsvoll zu handeln. Die Bologna-Reform wird erst dann gelingen, wenn Studierende sowie der Mittelbau, von dem große Teile der Lehre getragen werden, zu Beteiligten des Prozesses werden, die wirksam Einfluss nehmen. Dann kann Bologna Türöffner werden für andere Studieninhalte, für neue Formen des Lernens, für eine Kultur der Selbstständigkeit, der Problemorientierung und der kritischen Urteilsfähigkeit.
Die Suche nach neuen Leitbildern für die Hochschulen hat begonnen. Die Überarbeitung der Bologna-Reform auch. Der Erfolg von beidem hängt davon ab, dass die gesamte Hochschulgemeinschaft sich daran beteiligt. Dazu gehören Hochschulverfassungen, die transparente und verlässliche Strukturen der Mitbestimmung, Entscheidungsfindung und Rechenschaftslegung etablieren . Und dazu gehören neue Wege der Partizipation, die die alten Kommunikationsblockaden zwischen den Statusgruppen überwinden. Ich freue mich schon auf die Grundordnungen, in denen die Hochschulen ihre neue Architektur und Leitbilder der Öffentlichkeit präsentieren. Welches Ministerium sollte sich da querstellen, die Hochschulen sind doch autonom!
Theresia Bauer (MdL), hochschulpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag Baden-Württemberg



