Neue Rezepte für die Lehre Bolognese

Von Stephan Ertner
Von Stephan Ertner

Bologna ist keine Stadt, sondern ein Prozess. Zumindest für die zwei Millionen Studierenden in Deutschland. Zusammen mit ihren Kommilitonen aus den europäischen Nachbarländern haben sie mit Hörsaalbesetzungen und Demonstrationen gezeigt, wie unzufrieden sie mit dem Bolognaprozess sind, der einen einheitlichen europäischen Hochschulraum schaffen soll.
Dabei hält die Mehrheit der Studierenden die Ziele der Reform durchaus für vernünftig. Ein Team um den Konstanzer Hochschulforscher Tino Bargel hat im Auftrag des Bundesbildungsministerium herausgefunden, dass rund 80 Prozent der Studierenden Internationalisierung, die Förderung von Mobilität und bessere Vergleichbarkeit von Studium und Abschlüssen für wichtig erachten. Das Kernelement der Reform, die Einführung der gestuften Studienstruktur mit den neuen Abschlüssen Bachelor und Master, halten immerhin noch 75 Prozent aller Befragten für sinnvoll.

Geht es aber um die Details schwindet die Zustimmung. Die Beschränkung des Bachelors auf sechs Semester findet nur noch die Hälfte gut. Und schon ist man mitten drin in der Debatte, um die Umsetzung der Bolognareform. Kurz gesagt ergibt sich das folgende Bild: Die Reform ist gut gemeint, aber nicht immer gut gemacht worden. Zu stark verdichtete Lehrpläne, zu viele Prüfungen, rigide Anwesenheitspflichten, unklare Übergänge zwischen Bachelor und Master, neue Mobilitätsbarrieren durch hoch spezialisierte Studienangebote. Die Liste der Kritikpunkte ist lang. Nun, nach einer Phase, in der sich Hochschulen und Politik den die Schuld zuschoben, scheint die Botschaft der Studierenden angekommen: Es bedarf einer Reform der Bolognareform. Bildungsministerin Schavan will Geld zur Verbesserung der Lehre einsetzen und die Studierenden sollen stärker mitreden dürfen, wenn es um die Verbesserung der Studienbedingungen geht.

Doch so wichtig die Verbesserungen im Detail auch sind, es besteht die Gefahr angesichts der vielen Baustellen der Reformreform den Überblick zu verlieren. Was wirklich benötigt wird, ist eine Diskussion darüber, was wir vom Hochschulstudium verlangen. Welche Leitbilder haben wir für die Lehre? Bei der Umsetzung der Reform sind der Fantasie zu enge Grenzen gesetzt worden. Oft sind alte Studieninhalte einfach in neue Strukturen gegossen worden.

Stattdessen muss die Reform genutzt werden, um Angebote zu kreieren, die den vielfältigen Anforderungen zu entsprechen, die heute an ein Studium gestellt werden.

Beispiel Strukturiertheit des Studiums: Von der Verschulung des Masterstudiums profitieren heute all jene, die sich in der Regellosigkeit der alten Studiengänge verloren hätten. Das waren in früheren Zeiten nicht Wenige! Jedoch wollen nicht alle so stark an die Hand genommen werden. Viele brauchen vielmehr ein gewisses Maß an Freiheit als Quelle der Eigenmotivation. Warum sollte es nicht Angebote für beide Bedürfnisse geben?

Beispiel: Praxisbezug. Dass Hochschulen sich mit Unternehmen vernetzen und berufliche Praxis ins Studium integrieren, erleichtert vielen Studierenden den späteren Einstieg in den Beruf. Was ist aber mit denen, die eine wissenschaftliche Karriere anstreben. Für sie heißt Praxisbezug, möglichst früh mit Forschung in Kontakt kommen zu können.

Wir brauchen eine Diskussion darüber, wie Bologna genutzt werden kann, um eine neue Vielfalt an Angeboten in der Lehre zu schaffen. Dafür braucht es entsprechende Freiräume und ein wenig Mut derjenigen, die Studienangebote kreieren und akkreditieren.

Neue Wege in der Lehre zeigen heute schon die Hochschulen, die als Sieger aus dem Förderprogramm "Exzellenzinitiative für die Lehre" hervorgegangen sind, den der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft und Kultusministerkonferenz ausgeschrieben hatten. Auch das Förderprogramm "Bologna - Zukunft der Lehre" von Volkswagenstiftung und Mercatorstiftung prämierte Anfang des Jahres Hochschulen, die zeigen, dass die Lehre Bolognese nicht immer gleich schmecken muss. So plant beispielsweise die Fachhochschule Bielefeld in Kooperation mit einer Berufsfachschule einen dualen Studiengang "Pflege", in dem hochschulische Bildung und berufliche Ausbildung verknüpft werden. Und die TU München will ein Studium naturale einführen, das Studierenden vor Beginn des eigentlichen Studiums ermöglicht, sich eine breite Grundlage in Mathematik und den Naturwissenschaften zu erarbeiten und das ihnen dabei helfen soll, sich danach für den richtigen Studiengang zu entscheiden.


Stephan Ertner ist Referent für Bildung und Wissenschaft in der Heinrich-Böll-Stiftung.

Ihr Warenkorb

 

Lieferbedingungen
Allgemeine Geschäftsbedingungen der Heinrich-Böll-Stiftung (AGB hbs)
Hier finden Sie Informationen rund um die Bestellung: Porto-Kosten, Hinweise zum Datenschutz, Ausnahmeregelungen oder die Nummer der telefonischen Beratung. mehr»
Hilfe
So bestellen Sie auf boell.de
Der Bestellvorgang auf boell.de Schritt für Schritt erklärt: Hier erfahren Sie ausführlich, wie Publikationen auf boell.de bestellt werden. mehr»
Der Clip zur Campustour
Vorlesungsreihe Gender Studies Revisited FAQ - Exzellenzinitiative hochschule@zukunft Das Studienwerk der Heinrich-Böll-Stiftung