Die Vision des Wahnsinns

Von Martin Kaul
Von Martin Kaul

Ist ja klar, die größten Visionäre waren immer Beides: Genies. Und Wahnsinnige. Ganz in diesem Sinne sind die Hochschulreformen der letzten zehn Jahre äußerst effektiv. Sie treiben die Studierenden konsequent in den Wahnsinn. Vielleicht entsteht dabei ja etwas Geniales. Keine schlechte Idee.

Nun darf man sich allerdings fragen: Wenn die Querdenker von Morgen heute breitgeschlagen, plattgedrückt und ausgelutscht werden - wird aus deren Wahnsinn dann Vision? Eher nicht.

Dabei haben die Hochschulproteste der vergangenen Semester gezeigt: An den Unis geht es drunter und drüber. Und dennoch, fragt wer nach Auswegen, so sind die Antworten nur langweilig: Weiterweiterweiterweiterreformieren, sagen die einen. Bloß zurück in Humboldts Schoß, sagen die anderen. Und in der Mitte stehen sie und schreien: Bittesoeinbisschenverbessernaberbloßnichtzuviel!

Gewiss, es hat natürlich kreatives Potential, wenn die anarchistischsten Asta-Punker heute wilde Ehen mit den professoralen Belehrungsbewahrern der universitären Gelehrtenrepublik eingehen - und auf den alten Humboldt schwören. Und, na klar: Ist schon auch kreativ, welche Tricks den Studis auf die immer absurderen Kontrollinstrumente der Neuen Uni heute einfallen: "Kollege, kannst du mir in der Vorlesung heute vielleicht eine Kopie meines Fingerabdrucks auf die Anwesenheitsliste stempeln? Ich geb Dir auch meinen Pass mit." Kurz: Es mangelt nicht an Visionärem. Nur sind die Visionen allzu retro. Und zur Verteidigung gedacht.

Das lässt sich den Studierenden nicht vorwerfen. Und doch: Will die Uni, wollen die Studierenden sich aus ihrem strategischen Drama befreien, dann braucht es dringend neue Ideen. Bislang aber deutet nichts darauf hin, dass aus dem Chaos-Prinzip der Hochschulreformen der letzten zehn Jahre etwas ordentliches wird. Das ist allzuschade. Ohne neue Utopien kommt die Uni von Morgen - in Deutschland heute eine der selektivsten der Welt - nicht weiter.

Um wieder utopiefähig zu werden, brauchen die Breitgeschlagenen und Langgezogenen wieder echten Spielraum zum Quer- und Selberdenken. Und auch wenn sie den nicht kriegen: Sie sollten ihn nutzen. In diesem Sinne: Auf den Wahnsinn!


Martin Kaul
ist Hochschulredakteur bei der tageszeitung (taz).

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