Das Netzwerk Mesa de Mujeres de Ciudad Juárez

von
(f.l.) Amanda Camilo Ibarra (Coordinator “Movimiento Ruta Pacifica de las Mujeres”, Colombia), Estela Barnes de Carlotto (President of the Organization Abuelas de Plaza de Mayo (Grandmothers of Plaza de Mayo), Argentina) and Imelda Marrufo Nava (Lawyer and Human Rights Activist, Red Mesa de Mujeres de Ciudad Juárez, Mexiko)Urheber: Deutsche Welle. Creative Commons LizenzvertragDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Im Netzwerk Mesa de Mujeres de Ciudad Juárez (Frauentisch von Ciudad Juárez) haben sich zehn Organisationen zusammengeschlossen, die sich für Frauen in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Arbeit, Gemeindeentwicklung und Menschenrechte einsetzen und gefährdete Frauen betreuen [1]. Jede Organisation hat eine eigene Expertise und arbeitet an verschiedenen Punkten der Stadt; als Netzwerk sind sie auf Stadtteilebene mit spezifischen Programmen aktiv. Die Arbeit, die alle Mitgliedsorganisationen miteinander verbindet, ist die Einflussnahme auf die öffentliche Politik im Thema Frauenrechte.

Juárez liegt an der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten, gegenüber ihrer Zwillingsstadt El Paso in Texas, und gehört zu Chihuahua, dem größten mexikanischen Bundesstaat. Juárez übt traditionell eine große Anziehungskraft aus, da es stark vom Handel geprägt ist, ein reges Nachtleben hat und die Möglichkeit bietet, über die Grenze in beide Richtungen (legale und illegale) Ware zu vertreiben.

Die Stadt hat in den vergangenen vier Jahrzehnten einen rasanten Wandel erlebt, der durch die Ansiedlung von Montagebetrieben (Maquilas) für den Export in die USA bestimmt war. Die Einführung dieses Industriemodells führte zu einem ungeordneten Wachstum der Stadt und zu einer starken Binnenmigration, vor allem aus den Bundesstaaten Oaxaca, Chiapas, Veracruz und Guerrero.

Ciudad Juárez war jedoch nicht auf einen derartigen Migrantenstrom vorbereitet, und die öffentliche Politik privilegierte die mit der Maquila-Industrie zusammenhängenden Dienstleistungen, während sie gleichzeitig die Grundversorgung vernachlässigte. Heute sind 26% der 1.3 Millionen Einwohner [2] junge Menschen zwischen 15 und 29 Jahren [3], und 37.7% der Gesamtbevölkerung leben in Armut [4].

Die Geschichte von Warenschmuggel, Nachtleben und großen Migrationsströmen hat die Stadt geprägt. Die unzureichende Grundversorgung kontrastiert mit dem Vorhandensein einer großen Zahl an Restaurants und Bars, wobei gleichzeitig ein Mangel an Bildungs- und Kultureinrichtungen herrscht, die alternative Freizeitbeschäftigungen ermöglichen würden.

Der Prozess der Normalisierung der Gewalt

Ciudad Juárez hat sich international einen traurigen Ruf als Stadt der Feminizide erworben, die seit 1993 verübt werden und sich nicht nur durch die Armut, die Stadtproblematik und die geografische Lage erklären lassen. Sie sind vielmehr das Ergebnis einer kontinuierlichen Verschlechterung der sozialen Bedingungen, die vielfältige Arten von Gewalt gegen die Bewohner hervorgerufen hat, vor allem aber Gewalt gegen Frauen.

Die Ansiedlung der Maquila-Industrie schuf vor allem Arbeitsplätze für Frauen, jedoch unter höchst prekären Arbeitsbedingungen und einer erniedrigenden Unternehmenspolitik, die z.B. Schwangerschaftstests als Voraussetzung für den Erhalt des Arbeitsplatzes einschloss. Die langen Arbeitstage und niedrigen Gehälter, die geringe Zahl an Kindergärten und die spärliche oder nicht existierende Mitarbeit der Männer im Haushalt, zu denen die fehlende Grundsicherung und eine schwache Sozialpolitik hinzukamen, führten zu einer Verschlechterung der Betreuungsökonomie und der Beziehungen innerhalb der Familie. Die Dynamik der Stadt mit ihren langen Arbeitszeiten und monotonen, sich immer wiederholenden Tätigkeiten, mit einem miserablen öffentlichen Transportsystem und in der praktisch das einzige Freizeitangebot aus Bars jeder Couleur besteht, hat zu einem hohen Alkoholkonsum unter den Männern und zu vielfältigen Problemen innerhalb der Familien (Vernachlässigung und Verlassen der Familie, Gewalt) geführt, insbesondere in den Armenviertel der Stadt.

  • „Die jungen Männer aus den ärmeren Stadtvierteln, die Cholos, benutzten die jungen Frauen in erster Linie wie eine Ware, als ein Symbol ihres Erfolgs… sie benutzten sie, um sich mit ihnen zu zeigen, sie unter sich weiterzureichen… das war ihre Art, ihre Männlichkeit zur Schau zu stellen.“
  • „So entstanden die männlichen Anführer, die mit den Banden und mit dem Waffenbesitz in Verbindung stehen, und so entstand eine Vorstellung dessen, was als positiver Wert anerkannt wurde: es wurde als positiv bewertet, andere anzugreifen, es war rühmlich, viele Frauen zu haben.“
  • „Was wir schließlich bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, bei diesen Mädchen, die anfingen, eine Beziehung zu haben, und auch in den Paarbeziehungen erkannten, war, dass viele Beziehungen zwischen Verlobten gewalttätig waren, da gab es nicht nur Schläge, sondern auch Beleidigungen.“
  • „In dieser Vorstellung, in einer Gesellschaft, in der die Aggression und die physische Stärke positiv besetzt, anerkannt, das Normale sind, wo die Männer diejenigen sind, die sagen, wo es lang geht, hat es niemanden alarmiert, wenn die Jungs die jungen Mädchen anschrien… .“

Zwar sind einige Aspekte der Unternehmenspolitik der Maquilas inzwischen abgeschafft worden, sie waren aber Teil einer Realität, in der die Gewalt gegen Frauen immer mehr zu etwas Natürlichem gemacht wurde und dies ausgehend von den Institutionen und den Firmen, die sich dort ansiedelten. Die staatlichen Behörden und selbst die Kirche suggerierten, dass die Frauen die Angriffe durch ihr „Benehmen“ provozierten. Auf allen drei Regierungsebenen wurde die Problematik zunächst geleugnet; sehr spät wurden äußerst spärliche Maßnahmen ergriffen, um sich dem Problem der Feminizide zu stellen und sie zu untersuchen.

Die Ankunft internationaler Organisationen in den Jahren 2002-2003 [5] sorgte zwar für eine gewisse Aufmerksamkeit für die Frauenmorde, verhinderte jedoch weder den allmählichen Anstieg der allgemeinen Gewalt, noch die Brutalität dieser Morde. Die Neuausrichtung der Kräfte zwischen den Gruppen des organisierten Verbrechens und die Auseinandersetzungen um die begehrten Routen in die USA führten zu einer neuen Welle der Gewalt und ließen die Mordrate in außergewöhnliche Höhen schnellen. Obgleich es keine völlig zuverlässigen offiziellen Quellen gibt, galt Ciudad Juárez im Jahr 2010 als die gewalttätigste Stadt der Welt, mit ca. 205 Morden auf 100.000 Einwohner [6].

In diesem Kontext, in dem die Tötungen und das Verschwinden von Personen alltäglich geworden sind, sind die fortgesetzten und sogar zunehmenden Feminizide in den Hintergrund gerückt, und nicht etwa, weil sie weniger gravierend wären, sondern weil sie angesichts der Eskalation der allgemeinen Gewalt als weniger schwerwiegend betrachtet werden. Momentan wird die Mehrheit der Morde an Frauen dem organisierten Verbrechen zugeordnet, was das Problem nicht nur verharmlost, sondern auch die Arbeit der Organisationen erschwert, die sich aktiv in dieser Sache engagieren.

“Die Behörden sagten: ‚Vergesst die Feminizide, vergesst die Morde, das ist vorbei, ihr erfindet das, diesen Hass‘… das wird jetzt wirklich komplexer, es wird schwieriger zu recherchieren; glücklicherweise… arbeiten die Mitglieder der Organisationen an der Basis und sind so in ständiger Tuchfühlung mit dem, was in den Siedlungen, Stadtvierteln oder Nachbarschaften passiert.“

Falldokumentation und Stadtteilarbeit

Die Mesa de Mujeres setzt voraus, dass nicht alle Frauenmorde mit dem organisierten Verbrechen in Verbindung gebracht werden können. In den Fällen, in denen Schusswaffen benutzt wurden, gehen sie davon aus, dass, solange nicht einmal eine minimale Untersuchung zur Erhellung der Umstände stattgefunden hat, unter denen die Opfer umgekommen sind, diese Morde nicht automatisch dem organisierten Verbrechen zugeordnet werden können. Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen Frauen direkt beteiligt sind, aber in der Mehrzahl der Fälle geschieht dies auf der untersten Stufe der Straffälligkeit oder sie werden von kriminellen Gruppen dazu gezwungen.

„… vor allem, wenn in den schlimmsten Elendsvierteln Männer und Söhne getötet wurden, zwang man die Frauen, Drogenverkaufsstellen zu eröffnen; [man sagte ihnen] ‚ihr kümmert euch jetzt um den Verlauf, und wir kommen dann und holen das Geld ab‘, so wurden sie gezwungen… Es gibt auch Frauen, die sich tatsächlich zur Mitarbeit entschließen, aber sie dürfen immer nur den Kleinhandel übernehmen… diese jungen Frauen, die sie beim geringsten Anlass töten… Auf der einen Seite erhöht diese Situation durchaus die Präsenz von Frauen auf dieser Stufe des organisierten Verbrechens, aber auf der anderen Seite, wenn ein Pakt zwischen Kartellen gebrochen wird, werden Attentate gegen Frauen und gegen die ganze Familie, einfach gegen irgendwen verübt.“

Durch die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren, wie der Hochschule Colegio de la Frontera, werden nach und nach die einzelnen Fälle aufgedeckt. Dies geschieht mithilfe des Informationsaustausches und durch Anzeigen, die bei einigen Organisationen des Netzwerks eingehen, sowie durch das Monitoring, das diese durchführen. Die Arbeit auf Stadtteilebene verschafft ihnen einen sehr kompletten Überblick über die Probleme, die in einer bestimmten Gegend der Stadt bestehen.

Das Netzwerk setzt sich aus zehn Organisationen mit jeweils eigener Expertise zusammen, deren Büros sich über die Stadt verteilen. Für jeden Themenbereich gibt es eine Organisation, die ein bestimmtes geografisches Gebiet abdeckt, aber gleichzeitig in benachbarten Bezirken Hilfeleistungen anbietet und andere Dienstleistungen in der Stadt zur Verfügung stellt. Als Netzwerk agieren sie in den einzelnen Stadtvierteln mit spezifischen Programmen: als „defensoras comunitarias“ (diese begleiten Frauen, die Opfer von Gewalt sind, um ihnen Zugang zu Dienstleistungen und zur Justiz zu verschaffen), Rechts- oder psychologische Beratung, Arbeit mit Familien, mit Drogenkonsumentinnen und Sexarbeiterinnen; alternative Gesundheit wie Bachblüten-Therapie, Massage und Reiki; andere unterstützen Arbeiter und Arbeiterinnen der Maquilas. In den Gegenden der Stadt, wo eine der Organisationen sitzt oder eine Institution sie darum bittet zu intervenieren, führen sie Aktionstage durch, die etwa Bildungsarbeit im Thema Menschenrechte oder sogar die Erfassung und Dokumentation von Mordfällen zum Thema haben.

 

Dieser Text basiert auf institutioneller Information und einem Interview mit Imelda Marrufo, Koordinatorin des Netzwerks Mesa de Mujeres de Ciudad Juárez und wurde von Dolores Rojas, Koordinatorin im Büro Mexiko der Heinrich-Böll-Stiftung zusammengestellt.

 

Information über das Netzwerk

Ziel des Netzwerkes ist die Erarbeitung von Vorschlägen, die Einfluss auf die öffentliche Politik im Sinne der Erfüllung der Menschenrechte der Frau und der Schaffung eine Kultur der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen ausüben.

Aktionslinien: Koordination, Fortbildung, Forschung, Einflussnahme auf öffentliche Politik, Sichtbarkeit nach außen und Kommunikation ausgehend von den Menschenrechten der Frau.

Das Netzwerk setzt sich aus 10 Organisationen zusammen, von denen jede eine spezifische Expertise besitzt: Casa amiga; Salud y bienestar comunitario; Centro de estudios y taller laboral, A.C.; Centro de mujeres Tonantzin; Mujer de Pacto; Grupo el Camino; Centros de estudios de la mujer Itziar Lozano; Centro de crecimiento cusmaniano; Sin violencia A.C.; Misioneras de María Dolorosa; Compañeros.

Sie verfügen über 18 Anlaufstellen für die Entwicklung und Betreuung der Frauen und arbeiten in 40 Stadtvierteln, in denen folgende Dienste angeboten werden: Gesundheit und Versorgung von Gewaltopfern, Zuflucht für Gewaltopfer, Bildung und Fortbildung, juristische und psychologische Beratung, Verteidigung der Menschrechte, lokale Entwicklung, Projekte im Bereich Solidarwirtschaft.

Sie implementieren Modelle lokaler Intervention mit Genderperspektive für die soziale Entwicklung, die Vorbeugung und Beseitigung von Gewalt und die Verteidigung der Menschenrechte.

Sie entwickeln Synergien mit verschiedenen sozialen und politischen Akteuren auf lokaler, staatlicher und internationaler Ebene.

Sie  widmen sich der Verteidigung in Fällen von Menschenrechtsverletzungen, wie z.B. Feminizide, versuchte Feminizide, Verschwindenlassen, Folter, u.a.

Unter Anwendung verschiedener Mechanismen beobachten sie die Umsetzung des Gesetzes für das Recht der Frauen auf ein freies Leben (Ley Estatal del derecho de las mujeres a una vida libre) in Chihuahua und die Einhaltung des Urteils des Interamerikanischen Gerichtshofes gegen den mexikanischen Staat, das als „Campo Algodonero“ bekannt wurde.

Das Netzwerk Mesa de Mujeres, in Zusammenarbeit mit der Academia Mexicana de Derechos Humanos und dem UNESCO-Lehrstuhl der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM), führt ein Monitoring der internationalen Empfehlungen für Ciudad Juárez bzgl. der Einhaltung des Artikels 8 des Zusatzprotokolls der Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW) durch.

 

[1] Information der Homepage des Netzwerks.

[2] Zahlen für 2012 laut Instituto Nacional de Estadística y Geografía (INEGI).

[3] Ibid., Daten für 2010.

[4] Zahlen für 2010 laut Consejo Nacional de Evaluación de las Política de Desarrollo Social.

[5] Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt bei einer Rate von mehr als acht Morden auf 100.000 Frauen eine Mord-Epidemie vor. Im Jahr 2009 wurden in Ciudad Juárez 163 Morde registriert, das entspricht einer Rate von 23 auf 100.000 Frauen und liegt somit fast dreimal über dem Wert, ab dem laut WHO eine Epidemie vorliegt.

[6] Eigene Rechnung basierend auf der Zahl von 2.738 Morden, entnommen der Datenbank über Tötungen, die mutmaßlich in Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen stehen (Base de datos de homicidios presuntamente relacionados con la delincuencia organizada) und zu Beginn des Jahres 2011 vom Nationalen System für Öffentliche Sicherheit (Sistema Nacional de Seguridad Pública) veröffentlicht wurde. Allerdings beschlossen 2012 die Staatsanwälte und die Generalstaatsanwaltschaft der Republik diese Datenbank zu abzuschaffen, zum einen, weil sie Unstimmigkeiten enthielt, zum anderen, weil sie die Opfer stigmatisierte, indem deren Beziehung zum organisierten Verbrechen vorausgesetzt wurde. Siehe “Procuradores reharán lista de muertos del narcotráfico”. Aus diesem Grund handelt es sich nur um eine annähernde Rate, was das Problem aber nicht weniger schwerwiegend macht.

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