Die Digitalisierung der Favelas

von
Was passiert in Rocinha? Michel Silva berichtet. Urheber/in: Julia Jaroschewski. All rights reserved.

Feuerwehrautos rasen mit lauter Sirene die Hauptstraße der Favela Rocinha in Rio de Janeiro hinauf. Michel Silva zückt sofort sein Handy, schießt ein paar Fotos, dann läuft er dem Einsatzwagen hinterher und spricht einen der Feuerwehrmänner an. Sekunden später erscheint die Nachricht auf der Facebookseite von „Viva Rocinha“: Der Brand war durch einen Stromadapter ausgelöst worden, das Feuer ist bereits unter Kontrolle.

Löcher in den Straßen, Müllprobleme, abrutschende Häuser, aber auch Favelakultur: Auf der Onlineplattform “Viva Rocinha”, auf Facebook und Twitter berichtet Michel Silva täglich darüber, was in der Favela passiert. Zusammen mit seiner Schwester Michele hat der 19-Jährige das Portal Ende 2011 gegründet. Sie wollen Probleme sichtbar machen – aber vor allem „die guten Seiten“ des Armenviertels zeigen.

Unzugängliche Orte

In der Vergangenheit wurden die vom Staat vernachlässigten Favelas von den brasilianischen Medien als Schandflecken porträtiert, als von Gangs beherrschte, unzugängliche Orte voller Drogen, Waffen, Armut und Gewalt. Selbst von den Stadtkarten wurden die Favelas verbannt. Dabei sind Favelas eine brasilianische Realität, die sich schwer verdrängen lässt: Mehr als 1000 Favelas gibt es allein in Rio de Janeiro, etwa ein Viertel der 6,3 Millionen Einwohner/innen Rios lebt in Armenvierteln - einige der Favelas liegen auf Bergen, die direkt in die wohlhabenden Viertel von Rio ragen.

Mit Webseiten, Blogs und Portalen, aber auch sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter wird transparenter, was in den Favelas geschieht, das Netz erleichtert Favelabewohner/innen die Verbreitung und den Zugang zu Informationen. Soziale Medien seien nicht nur ein Spielzeug, schreibt die 24-jährige Thamyra Thâmara aus dem Complexo do Alemão auf ihrem Blog „(In)visíveis“: „Die Nutzung der sozialen Netzwerke für Aktivismus öffnet einen Raum für neue Diskurse und Sichtweisen.”

Etablierte Bürgerjournalismus-Projekte wie das 1999 gegründete Magazin „O Cidadão“ aus dem Complexo da Maré, die Zeitung „Voz da Comunidade“ aus dem Complexo do Alemão oder Gemeinschaftsradios erreichen mit ihrer Webpräsenz mehr Leser/innen, auch außerhalb der Favelas. Heute erfolgen Neugründungen oft zuerst im Internet - und erst später kommt manchmal noch eine Printpublikation dazu. So berichtet Michel Silva seit Ende 2011 online auf „Viva Rocinha“, 2012 gründete er mit anderen Jugendlichen aus der Favela die Zeitung „Fala Roça“.

Den Bürgermeister antwittern

Onlineaffine Favelabewohner/innen, die mit vielen Twitter-Followern oder Facebook-Fans eine Multiplikatorenwirkung haben, können über die sozialen Netzwerke Probleme in den Favelas öffentlich machen und sogar Druck auf Entscheidungsträger aufbauen, sie zu lösen.

Der „Viva Rocinha“-Reporter Michel Silva twittert die zuständigen Behörden direkt an - oft mit Erfolg. Als bei einem Gewitter im Dezember 2013 überall in der Favela Santa Marta das Licht ausging, der Strom ausfiel und sogar einige Personen in der Mini-Seilbahn der Favela gefangen waren, wandte sich auch der Favelabewohner Thiago Firmino per Twitter sofort an den Energiekonzern Light, den Bürgermeister Eduardo Paes, den Gouverneur von Rio, Sérgio Cabral, an das Medien-Imperium „O Globo“ und an Favela-Medien.

Dem brasilianischen Energieversorger Light schlägt häufig Gegenwind aus dem Internet entgegen: Favelabewohner/innen teilen Fotos von Stromrechnungen per Facebook, vergleichen untereinander die Höhe ihrer monatlichen Abrechnungen, die manchmal willkürlich festgelegt erscheint, und beschweren sich dann öffentlich beim Konzern – oft per Twitter.

Surfen mit dem Mobiltelefon

In der Favela Santa Marta fotografiert Thiago Firmino auch die überteuerten Stromrechnungen älterer Bewohnerinnen und Bewohner, die das Internet selbst nicht nutzen. Vor allem für die jüngeren Favelabewohner/innen gehören digitale Medien zum Alltag – einer Studie zufolge haben 90 Prozent der Jugendlichen aus den Favelas Rocinha, Cidade de Deus, Manguinhos, Complexos do Alemão und Penha Internetzugang auf ihren eigenen digitalen Endgeräten wie Computer, Laptop oder Smartphone – und sind nicht mehr auf Internetcafés angewiesen.

Auch die Zahl der Favelabewohner/innen, die sich WLAN nach Hause bestellen, steigt. Michel Silva meint, dass er mit “Viva Rocinha” sowohl junge als auch ältere Favelabewohner/innen erreicht: „Alles spielt sich heute im Internet ab“, findet der junge Reporter.

----

Die Journalistinnen Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl haben für das Multi-Media-Projekt BuzzingCities seit 2011 zahlreiche Interviews in den Favelas von Rio geführt, selbst in der Favela Rocinha gewohnt und live aus der Favela gebloggt.

Am 22.1.2014 sprechen wir mit den Autorinnen in der Heinrich-Böll-Stiftung über die Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung in den Favelas im Hinblick auf gesellschaftliche und politische Partizipation.

All rights reserved.
Weiterführende Links

Neuen Kommentar schreiben