"Ich wünschte, ich wäre ein Fisch"

von
Protestierende gegen den Bau des weltgrößten Aquariums in Fortaleza.Protestierende gegen den Bau des weltgrößten Aquariums in Fortaleza. Der Name der Bewegung "Ich wünschte, ich wäre ein Fisch" spielt darauf an, dass die Fische im Acquário vermutlich besser behandelt werden, als die Bürger/innen der Stadt. Urheber: Casa Fora do Eixo Nordeste. Creative Commons LizenzvertragDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Mit 2,4 Millionen Einwohnern ist Fortaleza, die Hauptstadt des Bundesstaates Ceará, die fünftgrößte Stadt Brasiliens. Im Nordosten gelegen, ist sie mit ihren schönen Stränden und einem fast ganzjährig warmen und sonnigen Klima eine der touristischen Hauptattraktionen des Landes. Doch die Schönheit Fortalezas kann nicht über die soziale Ungleichheit der Stadt hinwegtäuschen. So gibt es beispielsweise in fast der Hälfte des Stadtgebietes (auf 43 Prozent der Stadtfläche) keine geschlossene Abwasserentsorgung. Die Luxushotels am Strand von Iracema bilden einen starken Kontrast zu den Vororten, in denen wegen Bauvorhaben für die Fußball-Weltmeisterschaft die Grundrechte der Menschen verletzt wurden.

In einer hiervon betroffenen Gegend befindet sich die Favela Poço da Draga. Ganz in der Nähe baut der Bundesstaat Ceará das große Ceará Aquarium. Mit der Begründung, den Tourismus der Hauptstadt ankurbeln zu wollen, investiert die Regierung hier über 90 Millionen Euro. Bei den Bewohner/innen Fortalezas stieß dies auf große Kritik und es formierte sich eine Bewegung mit dem Namen "Ach wären wir doch Fische", die die massiven Kosten sowie Unregelmäßigkeiten bei der Ausführung des Bauprojekts beklagt. Ihren Namen verdankt die Bewegung einem Lied des beliebten und in Ceará geborenen Sängers Fagner, in dem es heisst, dass die Fische des Aquariums besser behandelt würden als die arme Bevölkerung Fortalezas.

Präsidentin Dilma Rousseff bei der Einweihung des Stadions Castelão in Fortaleza am 16. Dezember 2012. Urheber: Roberto Stuckert Filho. Creative Commons LizenzvertragDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.
Eine weiteres großes Bauvorhaben in Fortaleza war die Erneuerung des Stadions Plácido Aderaldo Castelo, genannt "Castelão". 167 Millionen Euros kostete der Umbau für die Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Von allen Austragungsorten war dies das erste fertiggestellte Stadion. Insgesamt sechs Partien werden hier ausgetragen, darunter das Spiel Brasilien gegen Mexiko am 17. Juni und Deutschland gegen Ghana am 21. Juni.

In den Kontext der Vorbereitungen auf die WM gehören auch die städtischen Mobilitätsprojekte. Dafür wurden mehrere Siedlungen zwangsgeräumt. Erwartet wird auch, dass es mit dem Großereignis WM zu einer Zunahme von sexueller Ausbeutung kommen wird, das in Fortaleza bereits jetzt ein ernstes Problem darstellt. All dies hat die Stadt Fortaleza grundlegend verändert.

Eine Favela steht im Weg

"Das ist die WM, die keiner sieht", sagt Roger Pires, Mitglied des WM-Volkskomitees von Fortaleza und des unabhängigen Kollektivs "Nigeria Comunicação e Audiovisual". "Wir stellen das Entwicklungsmodell der nationalen Regierung in Frage, die Wirtschaftswachstum predigt, dabei aber das Wohl der Menschen und der Umwelt völlig außer Acht lässt und sich auch nicht um die Zukunft schert". Dem Journalisten zufolge veröffentlichen die staatlichen Stellen statt klarer Fakten nur Schätzungen darüber, wie viele Familien bereits aufgrund der Weltmeisterschaft zwangsumgesiedelt wurden. Nach Berechnungen des Komitees sind es in Fortaleza 5.500 Familien, die entweder zwangsumgesiedelt wurden oder davon bedroht sind. Damit sind insgesamt 20.000 Menschen betroffen. Zu ihnen gehören auch die Bewohner/innen der Favelas Alto da Paz, im Stadtteil Pinzón und in Serviluz. Hier sollen neue Wohnungen gebaut werden, es handelt sich also nicht um ein offizielles Bauprojekt im Rahmen der Weltmeisterschaft. Dies wird jedoch von Wohnrecht-Experte kritisiert – so  geschehen im Februar bei einer öffentlichen Anhörung des Zentrums für Wohnen der "defensoria pública" des Bundesstaats Ceará – eine Art Staatsanwaltschaft für schutzwürdige Gruppen. In ganz Brasilien räumten bzw. räumen noch 250.000 Menschen freiwillig oder unfreiwillig ihre Häuser und Wohnungen, schätzt die ANCOP, die Vereinigung der zwölf WM-Volkskomitees.

Auch Patrícia Oliveira, Anwältin des Nationalen Netzwerks von Volksanwält/innen (RENAP), weiß wie schwierig es ist, die genaue Anzahl der zwangsgeräumten Familien zu bestimmen: "Die Zahlen ändern sich andauernd. Manchmal ändern die Baufirmen die Zahlen noch während die Ausschreibung läuft". Laut Patricia Oliveira führt diese Unklarheit letztlich zu einer Schwächung des Widerstands in den bedrohten Gemeinschaften.

Ihrer Erfahrung nach versucht die Regierung grundsätzlich, mehr Familien umzusiedeln als eigentlich nötig wäre. Einen Dialog mit der vom Bauvorhaben betroffenen Bevölkerung gibt es nicht. Die Anwältin beklagt auch, dass alte und bereits zu den Akten gelegte Projekte bei den Vorbereitungen für das Großereignis wieder auf den Tisch kommen - und so das besondere Klima mit den vielen Erwartungen an das Event ausgenutzt wird. "Das sind groß angelegte, politische Machenschaften mit dem Ziel, Geld in die Wirtschaft zu pumpen - zum Vorteil derer, die sowieso schon Gewinne machen, wie zum Beispiel der Bauunternehmen und der Tourismusbranche".

Einen späteren Nutzen der Investitionen bezweifelt die Anwältin. "Wir stehen kurz vor der WM, und die Bevölkerung hat nun verstanden, dass für sie hier nicht viel drin ist." Patricia Oliveira glaubt, dass viele der Bauvorhaben nicht rechtzeitig zur WM fertig werden, einschließlich der Straßenbahn, der sogenannten "Leichtbahnschienenfahrzeuge" (VLT), eines der großen Versprechen der Regierung Cearás und auch in anderen Bundesstaaten Brasiliens.

Der Name der Bewegung "Ich wünschte, ich wäre ein Fisch" ist dem Lied "Borbulhas de amor" des in Ceará geborenen Sängers und Komponisten Fagner entnommen. Urheber: Casa Fora do Eixo Nordeste. Creative Commons LizenzvertragDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.
Der große Widerstand der Bevölkerung

Der Handwerker Ivanildo Lopes ist einer der Sprecher der Favela Lauro Vieira Chaves, im Stadtteil Vila União, in dem er auch geboren wurde und wo er seit 47 Jahren lebt. Diese Favela ist eine der 22 Siedlungen, durch die die Straßenbahn VLT führt. Im Juli 2010 erhielt Ivanildo einen Brief der Regierung von Ceará, der ihn und die anderen Bewohner/innen zu einer Versammlung einlud. Dort wurden sie informiert, dass ihre Häuser bereits fotografiert, vermessen und nun abgerissen werden müssten, weil sie der Baustelle im Weg stehen würden.

"Wir haben uns dann sofort zusammengeschlossen, um die Situation zu besprechen. Offenkundig hatte man uns ja nicht eingeladen, um zu diskutieren, sondern bloß, um uns in Kenntnis zu setzen. Und sie wollten uns für die Häuser nur sehr wenig bezahlen", erinnert sich Ivanildo Lopes. Einigen seien gerade mal 1.000 Euro angeboten worden; sein Haus wurde mit 4.000 Euro bewertet. Da er keine Besitzurkunde für das Grundstück hat, hätte er weniger als 3.000 Euro ausbezahlt bekommen. Das ist weniger als die 13.000 Euro, die er erwartet hätte. "Mein Haus lag an einer wichtigen Straße, allein das steigert den Wert sehr", sagt er.

Die Häuser sind bereits abgerissen und die Bauarbeiten für die Straßenbahn laufen an. Aber Ivanildo Lopes ist zufrieden über mindestens drei Dinge, die die Bevölkerung in den letzten vier Jahren erreicht hat: die Regierung hat den Streckenverlauf der Straßenbahn verändert, so dass weniger Familien umgesiedelt werden mussten; Eigentümer, deren Häuser unter dem Wert von 13.000 Euro geschätzt wurden, bekamen neben einer Entschädigung eine neue Wohnung; und der dritte Erfolg war, dass die neuen Wohnungen nun nicht wie ursprünglich vorgesehen in vierzehn Kilometern Entfernung liegen, sondern im gleichen Stadtteil. "Wir fanden heraus, dass ein unbebautes Gelände in unmittelbarer Nähe der Stadt gehörte. Die Stadt und die Regierung des Bundesstaats haben sich dann über dieses Grundstück geeinigt und nun werden dort die Wohnungen gebaut, die 2014 fertiggestellt werden sollen."

Der 14jährige Schüler Gabriel Matos wohnt ebenfalls in Lauro Viera Chaves und ist Mitglied des WM-Volkskomitees. Er findet, dass die Mobilisierung der Bevölkerung wichtig ist, um sichtbar zu machen, was in den betroffenen Gemeinden passiert. Er produziert Inhalte für einen Blog und filmt Interviews mit Bewohnern der Region. Diese zeigt er einmal im Monat in einem Kino-Klub für Kinder und Jugendliche, der auf den Straßen des Stadtteils veranstaltet wird. Das Haus, in dem Gabriel wohnt, sollte zunächst auch abgerissen werden. Die Änderungen der Baupläne haben den Abriss jedoch verhindert. Als Fußballfan wird er bei der Weltmeisterschaft der brasilianische Nationalmannschaft die Daumen drücken, aber die Veranstaltung als solche ist für ihn kein Grund zum Feiern: "Es ist egal, ob die WM hier in Fortaleza oder in China stattfindet. Meine Familie kann sich die Eintrittskarten für das Stadion nicht leisten, also werden wir uns die WM sowieso im Fernsehen anschauen. Für uns ist das Erbe dieser Weltmeisterschat nur die Traurigkeit".

Laut Pressestelle des Infrastrukturministerium des Bundesstaats Ceará (SEINFRA), ist für den Bau der VLT Straßenbahn mit 1.185 Immobilienenteignungen zu rechnen, allerdings ändert sich die genaue Anzahl beinahe täglich aus vielerlei Gründen: wegen Änderungen am Projekt, nicht festgelegten Details oder aufgrund des Widerstands der Bewohner/innen gegen die städtischen Beamten, die Häuser begutachten und deren Bewohner registrieren. Die erste Prognose sah 3.000 Enteignungen vor. Die Anzahl der betroffenen Häusern entspricht dabei nicht der Anzahl der zu entschädigenden Parteien, denn es gibt Mieter, Besitzer, Pächter, Besetzer und weitere Arten von Betroffenen.

Gigantische Budgets für das größte Aquarium der Welt

Für die VLT Straßenbahn wurden laut Infrastrukturministerium 91,3 Millionen Euro investiert - 2,76 Millionen mehr als ursprünglich vorgesehen. Die Straßenbahn soll ab dem 31. Mai 2014 rechtzeitig vor der Weltmeisterschaft den Betrieb aufnehmen. Eigentlich hätte das 2012 begonnene Projekt bereits Ende 2013 abgeschlossen sein sollen.

Die Mobilitätsprojekte, die von der Stadtverwaltung verantwortet werden, kosten insgesamt 97,5 Millionen Euro. Dafür sind 585 Enteignungen vorgesehen. Das am weitesten fortgeschrittene Projekt ist die "Bus Rapid Transit"- Linie (BRT, Metrobus) auf der Avenida Alberto Craveiro, die zu 98 Prozent fertiggestellt ist und noch vor der WM übergeben werden soll. Das andere BRT-Projekt an der Avenida Dedé Brasil hingegen, ist erst zu neun Prozent fertiggestellt. Neues Ziel der Stadtverwaltung ist es, wenigstens 10 Prozent des im September 2012 begonnenen Projektes vor der Weltmeisterschaft abzuliefern und den Rest im Jahr 2015.

Auch der Ausbau des Internationalen Flughafens Pinto Martins und des Seehafens von Mucuripe sind noch nicht fertiggestellt. Beide Projekte werden von der Bundesregierung finanziert. Laut INFRAERO, dem staatlichen Betreiber der Flughäfen Brasiliens, sollte das Flughafenprojekt in zwei Stufen übergeben werden - die erste vor der Weltmeisterschaft und die zweite 2017. Tatsächlich aber erklärte der zuständige Minister Moreira Franco vor kurzem, dass der Flughafen von Fortaleza wegen der zu großen Verspätungen beim Umbau der einzige des Landes sei, bei dem für die Weltmeisterschaft ein Alternativplan verfolgt werden müsse. Um die Besucher der Spiele empfangen zu können, musste nun für 600.000 Euro ein provisorisches Terminal gebaut werden, das 90 Tage lang genutzt wird. Einschließlich dieses Terminals belaufen sich die Kosten der ersten Projektphase auf 57 Millionen Euro. Die Pressestelle des Hafens von Mucuripe meldete im Februar 2014, dass die Erweiterungsarbeiten zu 86,2 Prozent fertiggestellt seien. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 68 Millionen Euro.

Das Schild eines Protestierenden gegen den Bau des Acquário Ceará in Fortaleza. Urheber: Casa Fora do Eixo Nordeste. Creative Commons LizenzvertragDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.
Die Demokratie aufs Spiel gesetzt

Auch Fortaleza beteiligte sich aktiv an den Demonstrationen vom Juni 2013. Essig gehörte als Gegenmittel zu Tränengas zur üblichen Ausrüstung der Demonstranten bei Konflikten mit der Polizei. Einem Bericht der Kommission für Bürger- und Menschenrechte zufolge nahm die Polizei zwischen dem 20. und 27. Juni 2013 163 Demonstranten fest.

Anwältin Patricia de Oliveira berichtet, dass auch Minderjährige auf brutale Weise festgenommen wurden. Allein am 20. Juni 2013 wurden 14 Jugendliche ohne ausreichende und konkrete Beweise festgenommen. Die Polizisten trugen dabei keinerlei Identifizierung, einige waren in zivil. Die Beamten weigerten sich auch auf Nachfrage, sich zu identifizieren. Der Bericht weist auf weitere Übergriffe der Polizei hin – von körperlicher Gewalt bis hin zu sexuellen Übergriffen bei der Durchsuchung eines Mädchens, obwohl dieses verlangt hatte, von einer weiblichen Polizistin durchsucht zu werden. Nach Ansicht der Anwältin handelt es sich hierbei nicht nur um Verfehlungen einzelner Polizisten – viele der Übergriffe sind struktureller Art und müssen als Teil der Polizeistrategie zur Unterdrückung von Demonstrationen verstanden werden.

Im Internet erschien eine Flut von Videoaufzeichnungen, die Demonstranten mit Digitalkameras und Mobiltelefonen gemacht hatten. Der Journalist Pedro da Rocha, wurde von einem Gummigeschoss im Auge getroffen, als er am 20. Juni über die Demonstration in Fortaleza berichtete. Fast genesen von seiner Verletzung, war Pedro da Rocha am Tage des Halbfinales des Confederations Cups wieder auf den Straßen unterwegs, um die Konflikte zu dokumentieren. In der Umgebung der Arena Castelão, dem Stadion des Confederations Cups und der Weltmeisterschaft 2014, wurde er von der Polizei angehalten. Er war mit einem Kollegen und anderen Demonstranten unterwegs. "Sie haben unsere Gruppe 'gestellt' und uns aus nächster Nähe mit Waffen bedroht – tatsächlich wurde jemand getroffen – und beschimpft. Dann forderten sie uns auf, unsere Rucksäcke zu leeren und setzten uns dann zusammen mit anderen Demonstranten fest." Die Aufzeichnungen vom Juni 2013 sind in den Dokumentarfilm

Vandalismo"

eingeflossen.

Auch nach dem Confederations Cup gab es Repression gegen Demonstranten in Fortaleza. "Es gab friedliche Demonstrationen, bei denen die Polizei Tränengas und Gummigeschosse eingesetzt hat. Das zeigt, dass die Willkür aus den Zeiten der Diktatur in unserem Land nie überwunden wurde", so Patricia de Oliveira. Sie weist auch auf die Investitionen in das Waffenarsenal für diese Repression hin, die von den Regierenden nicht öffentlich gemacht werden, und die für das Gesundheitswesen, Erziehung und menschenwürdige Unterkünfte für die Bevölkerung Fortalezas hätten genutzt werden können.

Eine Anfrage an das Sekretariat für öffentliche Sicherheit und soziale Sicherheit Cearás (SSPDS) mit der Bitte um Stellungnahme zur Kritik an den Vorgängen von 2013 und zur Sicherheitsstrategie für die WM 2014 blieb ebenso unbeantwortet wie Anfragen bezüglich der Anschaffung so genannter nicht-tödlicher Waffen für die Polizei.

Großereignisse und das erhöhte Risiko von sexueller Ausbeutung, Missbrauch und Menschenhandel

In Fortaleza gibt es sehr viele Fälle sexuellen Missbrauchs und sexueller Ausbeutung, die Stadt ist ein Hauptziel des internationalen Sextourismus und ein Drehkreuz des Menschenhandels in Brasilien. Mit dem Großereignis Fußball-WM wird die Bekämpfung dieser Verbrechen noch schwieriger. Zu den internationalen Touristen hat mit den Arbeitern auf den WM-Baustellen die männliche Bevölkerung rapide zugenommen. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) erwartet, dass aufgrund der Weltmeisterschaft im Jahr 2014 7,2 Millionen statt der sonst jährlichen 5,5 Millionen Touristen Brasilien besuchen wird.

Laut der "Untersuchung über den Handel mit Frauen, Kindern und Jugendlichen zum Zweck kommerzieller sexueller Ausbeutung" (PESTRAF 2002) ist Fortaleza einer der Hauptursprungsorte dieses Menschenhandels. Das Zentrum zur Unterbindung des Menschenhandels im Justizministeriums Cearás hat im Jahr 2013 22 Fälle registriert, im Jahr 2014 bislang 3 Fälle.

Magnólia Said, Anwältin und Expertin beim Beratungs- und Forschungszentrum Esplar, erklärt, dass ein solches Großereignis mehr Gelegenheiten für Kriminelle schafft. Auch die Macho-Kultur des Landes, die die Schönheit der brasilianischen Frauen immer noch als Teil des Tourismuspakets preist, sowie die prekäre sozio-ökonomische Situation der Bevölkerung tragen zu dieser Problematik bei. 

"Der Menschenhandel steht in direktem Zusammenhang mit der Armut; deswegen ist der Nordosten Brasiliens besonders anfällig", sagt Magnólia Said. Unter den 27 brasilianischen Bundestaaten nimmt Ceará 2013 nach dem Index für menschliche Entwicklung (Human Development Index - HDI) den 17-ten Platz ein. Die Anwältin ist überzeugt, dass ein radikaler Wandel in der Erziehung notwendig ist, um die Unabhängigkeit und das Selbstwertgefühl der Frauen zu stärken und ein ausgeglichenes Verhältnis der Geschlechter zu erreichen. Doch es werde nur wenig in die Lösung dieser Probleme investiert; bestehende Programme werden nicht ausgebaut und Aktionen finden nur punktuell statt. "Während des Karnevals sieht man hier und da einen Fernsehspot und einige Plakate, die die Menschen dazu aufrufen, Verbrechen zu melden, aber was passiert danach? Man muss sehr viel mehr tun, damit sich etwas ändert, man muss das ganze Jahr über in Schulen und in den Medien an dieser Frage arbeiten", fordert sie.

Sara Luiza Moreira, Mitglied des Internationalen Frauenmarschs und Koordinatorin des Esplar, erklärt, dass Großereignisse wie die WM Frauen vom Land motivieren könnten, in die Hauptstadt zu kommen, um sich zu prostituieren. "Wir hören von Mädchen, die davon sprechen, sich für die Weltmeisterschaft schön zu machen, die in die Hauptstadt kommen wollen, um zu arbeiten und ihren Familien Geld schicken zu können. Wir befürchten, dass sie dann schließlich Opfer sexuellen Missbrauchs werden." Dabei spielt laut Sara Luiza Moreira auch der Traum vom Märchenprinzen und einem besseren Leben im Ausland eine wichtige Rolle in der Gedankenwelt der Frauen, die dadurch zu potentiellen Opfern des Menschenhandels werden.

Magnólia Said beklagt, dass das Netzwerk, das vor sexuellem Missbrauch schützt und Verbrechen zur Anklage bringt, in Ceará schwach und unzusammenhängend ist. "Oft werden die Opfer von genau jenen Stellen, bei denen sie sexuelle Gewalt und Missbrauch, Ausbeutung und Menschenhandel melden, entmutigt oder gar der eigenen Schuld bezichtigt." In ganz Ceará gibt es nur neun auf Frauen spezialisierte Polizeiwachen. Laut Gesetz sollten es mindestens 23 sein.

Die Stadt Fortaleza hat über die Abteilung für Frauenpolitik ihres Sekretariats für Menschenrechte und Bürgerrechte mitgeteilt, dass sie im Einklang mit bundesstaatlichen Plänen und Programmen politische Arbeit und Aktionen durchführem wolle, die Gewalt verhindern und bekämpfen sollen, darunter auch den Menschenhandel.


Übersetzung von Manuel von Rahden.

Neuen Kommentar schreiben