ISIS und Syrien: Angst vor dem Zerfall

von
Karte ISIS EinflussgebietEinflussgebiet von ISIS. Rot = kontrollierte Gebiete, hellrot = reklamierte Gebiete (Stand: 9. Juli 2014). Urheber/in: NordNordWest, Spesh531 (Commons.Wikimedia.org). Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Es scheint ein Albtraum: Mitten in der Krisenregion Nahost entsteht ein islamisches Staatengebilde, das Grenzen wegspült und die Region in einen Krieg radikaler Milizen verwickeln könnte. Dabei hat der Westen nicht so sehr Angst vor einer Neuordnung - sondern vor dem drohenden Zerfall.  

Das "Ende von Sykes-Picot" oder die "Kulmination des 1.400 Jahre alten sunnitisch-schiitischen Konfliktes" – an großen historischen Referenzen mangelt es in der Berichterstattung über die derzeitigen Ereignisse im Nahen Osten nicht. Dahinter steht die Furcht, nicht so sehr vor einer Neuordnung des nahöstlichen Staatensystems - sondern vor ihrem Zerfall.

Neues Konstrukt geschaffen

Insbesondere angesichts der jüngsten Entwicklungen im Irak wird diskutiert, ob der Siegeszug der islamistischen ISIS-Kämpfer ein Zeichen dessen ist, dass historische Kräfte koloniale Grenzen hinweg spülen. Dabei ist allein schon der Name des von ISIS proklamierten Kalifatsstaates ein Hinweis darauf, dass es nicht um die Wiederbelebung einer einstmals existierenden territorialen Einheit geht: "Islamischer Staat in Syrien und Irak" zeigt, dass es für das Gebiet keine historische Benennung gibt und mithin ein neues Konstrukt geschaffen würde.

Das ISIS-Vorgehen hat überdies selbst koloniale Züge: Wo immer ISIS die Macht übernimmt, sind es ausländische Kämpfer, die politische Schlüsselpositionen besetzen – nicht lokale Kräfte.  Auch wenn das Gebiet derzeit eher die Form einer Kartoffel hat, wird es medienwirksamer gern als "sunnitischer Halbmond" beschrieben, ein passendes Gegenstück zu dem mutmaßlich von Iran in Zusammenarbeit mit Baschar al-Assad und der libanesischen Hisbollah angestrebten "schiitischen Halbmond". Auch wenn dabei strategische Interessen mitschwingen: Die konfessionelle Note steht im Vordergrund.

Doch die Lesart, es handele sich um einen historisch-religiös vorbestimmten Konflikt, ist in mehrerlei Hinsicht problematisch. Der Westen distanziert sich damit von der eigenen Verantwortung, redet die der politischen Eliten im Nahen Osten klein, oder überhöht gar die integrierende Funktion von Tyrannen wie den Assads. Es wirft die Frage auf, ob einem solch fundamentalen Konflikt mit politischen Mitteln überhaupt beizukommen ist. Und ein konfessionelles Verständnis entrückt den Konflikt auch der Lebenswelt einer westlichen Öffentlichkeit, in der sich nicht zuletzt deswegen wenige mit den Opfern solidarisieren.

Nicht das Aufbegehren der Sunniten

Dabei begann die syrische Revolution nicht als Aufbegehren sunnitischer Kräfte gegen einen als zu westlich gesehenen Regenten: Ihre Forderungen klangen ganz im Gegenteil nach dem Wertekanon westlicher Demokratien: Würde, Freiheit und ein Ende der Korruption. Statt eine politische Lösung für politische Fragen zu suchen, versuchte Assad die Revolution gewaltsam niederzuschlagen und heizte religiöse Ressentiments am.

Legitimität stärken

ISIS versucht derweil, mit religiös-geschichtlichen Referenzen ihre Legitimität zu stärken. Das ist nicht unüblich: Je brutaler Milizen vorgehen, desto mehr neigen sie dazu, sich auf höhere Ziele und Autoritäten zu berufen. Letztlich sind sich ISIS und das syrische Regime viel ähnlicher als man meinen könnte: Sie leben von Einschüchterung, spalten die Bevölkerung und kaufen sich Loyalität, indem sie politische und ökonomische Privilegien vergeben.

Gerade in dieser Hinsicht beschert die Einnahme Mossuls und die dabei gemachte Beute ISIS ungeahnte Möglichkeiten, Kämpfer zu rekrutieren. Wie brüchig solche Machtbasen sind – und wie wenig sie mit Ideologie zu tun haben – kann man wiederum am syrischen Raqqa beobachten. Die gleichen Stämme, die zu Beginn der Revolution als Assads verlängerter Arm lokale Proteste niederschlugen und Bashar al-Assad bei seiner Reise nach Raqqa im November 2011 die Treue schworen, versicherten zwei Jahre später in einer ähnlichen Veranstaltung ISIS ihrer Gefolgschaft.

ISIS kämpft im Wesentlichen gegen andere Rebellen. Statt gemeinsam mit ihnen den Kampf gegen das Regime zu führen, konzentrieren sie sich darauf, bis ins Detail das Verhalten der Bevölkerung zu kontrollieren. Assad vergilt es ihnen, indem er sie weitestgehend in Ruhe lässt.

Interessen der Akteure

Wer eine Antwort auf den Konflikt in Syrien und Irak finden will, muss sich mit den politischen und wirtschaftlichen Interessen der Akteure auseinandersetzen, statt es bei einem oberflächlichen Blick darauf zu belassen, wofür sie zu stehen scheinen. So wenig, wie ISIS aus Frömmigkeit handelt, ist Bashar al-Assad ein Vertreter westlicher Werte. Was die Schreckensherrschaft beider ermöglicht, sind lange Jahre einer Politik, die die Interessen der Bevölkerung vernachlässigt hat.

Assad verlässt sich derweil auf die gängige und von ihm aufs Kräftigste geförderte Wahrnehmung des Konfliktes: dass es eine Wahl zwischen ihm und den Extremisten sei, und er dabei besser dastehen wird. Wer die fortdauernde Vertreibung von Millionen Menschen im Nahen Osten und das Sterben von Hunderten jede Woche beenden will, wird dies nicht mit einem Schmalspurprogramm zur Bekämpfung von ISIS erreichen.

Dieser Text erschien zuerst bei heute.de.

All rights reserved.

Kommentare

Wäre die Organisation
»IsIs « nicht vorhanden, hätten die Iraner sie erschafft, angesichts der vielfältige Funktion von. » IsIs «
Diese Aussage bekräftigt sich durch die genauer Beobachtung der Laufbahn von » IsIs « denn sie sind diejenigen, die die Opisitionsgebiete in Syrien erobert haben, und immerhin Unterstützung vom Assads Regime bekommen. Die Fragen die sich von allein stellen; wer lässt solche Dekorateuren wie Assad und Maliki an die Macht weiter bleiben ? Nicht sie ? Im Namen des Kampfs gegen die Terrariums ! Also da Profitiert man was, Der Vormarsch der radikalislamischen Isis-Kämpfer verteilt die Karten im irakischen Machtpoker neu. Droht eine Dreiteilung des Landes? Und wie steht die sunnitische Bevölkerung zu den Dschihadisten ? Wären die Sunniten nicht in die Ecke gezwungen- wären sie in der politische Leben, in der Militär beteiligt- hätten sie IsIs mitkämpfen nicht angenommen.
Dass in Syrien die beiden Seiten das Böse verkörpern-wie die westliche poltik zum glauben zwingt- hat nichts mit der Realität zu tun und das lässt die extremsten stark werden .........

Leider muss ich anmerken, dass die Schuld der Westlichen Welt und insbesondere Europas an diesem Debakel schwer wiegt. Ich will jetzt nicht weiter auf die Fehler bei der Aufteilung des Nahen Ostens nach dem 1. Weltkrieg eingehen, wo Grenzen mit dem Lineal gezogen wurden, ohne Rücksicht auf ethnische oder religiöse Besonderheiten zu nehmen. Ein großer Fehler war bis heute, den Kurden keinen eigenen Staat zu geben.
Die Schuld Europas liegt aber klar in der ignoranten Politik der letzten dreißig Jahre. Hätte man in den 70iger Jahren die Palästinenser integriert und die Freiheitsgedanken in den arabischen Regimen gefördert durch kulturelle und bildungspolitische Weichenstellungen, so würde man heute vielleicht von einer besseren arabischen Welt sprechen. So aber ging es immer nur um Machtpolitik (USA, UK, Frankreich) oder um Rohstoffe. Menschen, Kulturen, Religionen etc. waren den Europäern völlig egal. Keinerlei Unterstützung!

Den Scherbenhaufen können wir nun betrachten. Und die EU würde gut daran tun, sich jetzt gar nicht mehr einzumischen, denn sie ist weder kompetent noch interessiert an den wirklichen Problemen dieser Region. Vielleicht schaffen es jetzt die lokalen Eliten, die Karten neu zu mischen und die Resourcen neu zu verteilen. Gelingt ihnen das nicht, kann man schwarz sehen für den ehemals blühenden Nahen Osten.

Zwischen den Zeilen von Frau Bente Scheller (Heinrich Böll Stiftung)

Was meinte denn die Leiterin des Beiruter Büros der Heinrich Böll Stiftung, wenn sie von dem "Schmalspurprogramm zur Bekämpfung von ISIS" schreibt? Mehr Bomben? Mehr Waffen? Die Ausbildung und Bewaffnung der, von Frau Bente Scheller bezeichneten Rebellen, sowie die Bombardierung der Stellungen der IS in Syrien ist doch nun durch den Senat der Vereinigten Staaten abgesegnet worden. Das Morden geht weiter. Also, was meinte Sie mit diesem Begriff "Schmalspurprogramm"?
Kein Wort und kein Gedanke zu einer möglichen Intervention durch die UNO. Dieses Wort sucht man bei Frau Schellers Anklage vergeblich. Vielleicht weil es mittlerweile auch hier nur ein Wort ist und kein Gedanke? Dafür aber ihre Konklusio: "Letztlich sind sich ISIS und das syrische Regime viel ähnlicher als man meinen könnte". Was meint Frau Bente Scheller damit? Das "Regime" und dessen Anhänger gleich mit hinwegbomben? Kein Wort über die schändlichen Aktivitäten eines Kalid Abu Saleh und Danny Abdul Dayem. Kein kritisches Wort über die außenpolitisch fragwürdige Rolle der Türkei.

Was meint Frau Bente Scheller mit diesem Begriff "Schmalspurprogramm" ?
Mario Jaillet

Neuen Kommentar schreiben