Ein bisschen Frieden?

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Panzer in der OstukraineReal statt nur auf Leinwand: Kriegsszenen aus der Ostukraine. Urheber: Kyryl Savin/Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons LizenzvertragDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Acht Tage lang war die Friedensfilmpreisjury auf der Berlinale unterwegs, um den diesjährigen Preisträgerfilm zu finden. Acht Tage, in denen in der Ukraine um den Frieden gerungen wird.

Mittwoch 4.2.
+++ Spiegel Online meldet: "In der umkämpften ostukrainischen Stadt Donezk hat mindestens eine Granate ein Krankenhaus getroffen. Offenbar gibt es mehrere Tote und Verletzte. Woher die Geschosse kamen, ist unklar." +++

Jurysitzung bei der IPPNW (Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges). Altes Kreuzberg 61, an den Wänden Aufkleber: Atomkraft. Nein Danke, Frieden schaffen ohne Waffen. Erinnerungen an Wackersdorf, an den Bonner Hofgarten kommen hoch – wie leicht damals die Unterscheidung zwischen Gut und Böse fiel.

14 Filme werden zur Sichtung ausgewählt: 14mal Geschichten über Gewalt und deren Folgen in nur acht Tagen. In mir macht sich ein ungutes Gefühl breit.

Donnerstag, 5.2.
+++ Heute Mittag wird US-Außenminister Kerry in Kiew erwartet. Er soll sich laut Medienberichten inzwischen offen für Waffenlieferungen an die Ukraine gezeigt haben. Auch der designierte neue Verteidigungsminister Carter schloss bei einer Anhörung im Senat einen solchen Schritt nicht aus. +++
 
Eröffnungsfeier der Berlinale: Kulturstaatsministerin Grütters sieht die Berlinale als ein Fest künstlerischer Freiheit, wünscht sich mehr starke Frauen an der Spitze und freut sich auf den Eröffnungsfilm der Katalanin Isabel Coixet. Ich freue mich auch. Schade, dass es kein starker Film ist.

Freitag, 6.2.
+++ Bundeskanzlerin Merkel und der französische Präsident Hollande sprechen heute mit dem russischen Staatschef Putin über ihre neue Friedensinitiative für die Ukraine. Hollande warnt vor einem umfassenden Krieg und kündigt einen neuen Lösungsvorschlag an. Waffenlieferungen an die Ukraine, wie von Kiew gefordert, lehnt er entschieden ab. +++

Taxi. Der Film des Iraners Jafar Panahi ist ein wunderbar leichtes und ebenso subversives Dokument eines Ungebrochenen: Allen staatlichen Repressionen zum Trotz, Kunst zu machen und ganz nebenbei uns Europäern das andere Bild eines modernen, vitalen Teheran zu vermitteln. Den Perspektivwechsel schafft auch Flotel Europa: Diese Coming of Age Geschichte aus der Sicht eines Flüchtlings in einem schwimmenden Übergangsheim wird zu einem spielerischen und deshalb so wichtigen Beitrag in der aufgeheizten Flüchtlingsdebatte.

Samstag 7.2.
+++ Das Ausmaß von Flucht und Vertreibung hat laut António Guterres, UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, den höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg erreicht. +++

Ixcanul: Hier ist er – der Film über das Leben starker Frauen mit der ganzen Verführungskraft des Genres: großartige Bilder, eindrucksvolle Darsteller, gute, sparsame Dialoge – so gelingt der Brückenschlag in eine fremde Welt.

Sonntag, 8.2.
+++ Im Fernsehen diskutiert Günther Jauch mit Gästen zum Thema "Schicksalstage in Europa – Auf wen hört Putin noch?" +++

The Look of Silence. Ein Film wie ein Donnerschlag. Ein ungeheuerliches Verbrechen im  Indonesien des Militärputschs von 1965. Die Täter frei und bekannt, die Opfer ohne Stimme. Warum die alte Wunde aufreißen und die Konfrontation suchen? Die Tochter eines Täters bittet den Bruder eines Opfers um Vergebung. Durch das Verbrechen stehen sie in einer unauflöslichen Beziehung.

Verschiedene Welten oder doch ganz nah? Rund 2.000 Kilmeter trennen diesen roten Teppich vom Krisengebiet um Donezk und Lugansk. Urheber: Songkran. Creative Commons LizenzvertragDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.Montag, 9.2.
+++ Wladimir Putin im Interview: Die Gewalt in der Ostukraine ist eine Reaktion "auf einen vom Westen unterstützten Staatsstreich" in Kiew, Der Konflikt werde so lange andauern, wie sich die "Ukrainer nicht untereinander einig werden." +++

Stories of Our Lives.: Fünf queere Lebensgeschichten aus Kenia, wo Homosexuelle kriminalisiert und existentiell bedroht werden. Regisseur und Darsteller arbeiten unter der Gefahr, verhaftet zu werden. Was für ein mutiger Film! Nach dem zweiten Film Nuclear Nation (Fukushima und die Folgen) drängt der nächste Termin – noch im Abspann eile ich aus dem Kino und treffe vor der Tür eine der im Film portraitierten Frauen aus Fukushima. Was würde ich machen, für was hätte ich Zeit, wenn das Leben plötzlich so stehen bliebe wie am 11. März 2011?

Dienstag, 10.2.
+++ Der Tagesspiegel  berichtet: "Einen Tag vor dem geplanten Krisengipfel hat das ukrainische Militär eine Offensive gegen die prorussischen Separatisten bei Mariupol begonnen. Russland wiederum startete erneut Manöver auf der Krim. Der Ton gegen die USA wird dabei schärfer." +++

Der Perlmuttknopf (El botón de nácar). Ein chilenischer Beitrag über den Ozean als Lebensquelle und als Menschheitsgedächtnis. Ich merke, wie sehr mir dieses Innehalten, Rückblicken in vielen Diskursen fehlt.

Mittwoch, 11.2.
+++ Der ukrainische Außenminister Pawlo Klimkin fordert die Lieferung von Abwehrwaffen an sein Land: „Wir müssen die Kosten für Russland in die Höhe treiben. Erst wenn die Kosten für die Aufrechterhaltung des Konfliktes steigen, kann es eine gewisse Stabilität geben." +++

Censored voices. Viele wichtige Sätze aus diesem Dokumentarfilm mit Interviews, die der Schriftsteller Amos Oz mit heimkehrenden Soldaten aus dem Sechstagekrieg führte, bleiben mir im Gedächtnis hängen: „Was ist eine Tragödie? Wenn jeder zu 100 Prozent im Recht ist - von seinem Standpunkt aus“ und “Sind wir dazu verdammt, alle zehn Jahre wieder in den Krieg zu ziehen und nur in den Pausen dazwischen zu leben?“ Welchen Preis haben diese jungen Männer damals gezahlt, welche Zinsen fallen heute an?

+++ Nach Angaben der Bundeswehr wurden 2014 insgesamt 431 Einsatzsoldaten wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) behandelt. Unter dem Strich stieg die Zahl der psychischen Neuerkrankungen damit um 25,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. +++

Donnerstag, 12.2.
+++ Die Presse teilt mit: "In der umkämpften ostukrainischen Stadt Debalzewe sind nach Darstellung des russischen Präsidenten Wladimir Putin bis zu 8.000 ukrainische Soldaten von Rebellen eingeschlossen." +++

Tornerrano i Prati – Erster Weltkrieg, italienische Soldaten auf einem Vorposten hoch in den Alpen, eingeschlossen vom Feind, das Leben vorbei, ehe es begonnen hat. Die Granateinschläge kommen näher, ich merke, wie ich zunehmend dünnhäutiger werde.

Freitag, 13.2.
+++ Auch einen Tag nach dem Gipfeltreffen in Minsk dauern die Kämpfe im Osten der Ukraine unvermindert an. +++

Jurysitzung in der Heinrich-Böll-Stiftung. Lange, leidenschaftliche Diskussionen über den Friedensfilmpreis, die Preiswürdigkeit der Filme, die Schwierigkeit, ein so komplexes Phänomen wie Frieden oder seine Bedrohung filmisch zu erzählen. Entscheidung für The Look of Silence von Joshua Oppenheimer.

+++ Der Bundespräsident hat zivile Experten in weltweiten Friedenseinsätzen empfangen. Man hört, dass es für beide Seiten ergiebiger als gedacht wurde. Am Sonntag sollen schwere Waffen aus den umkämpften Gebieten in der Ukraine abgezogen werden. +++

Ist es also doch so einfach: Frieden schaffen mit weniger Waffen?
Im Nachbarraum diskutiert die Grüne Akademie zum Thema : „Die neue Welt-(Un)Ordnung“.

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