Fukushima: „Die Götter haben Beistand geleistet“

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Der ehemalige Premierminister Japans, Naoto Kan, im Gespräch mit Matthias Nass (Die Zeit) am 13. Oktober 2015. Urheber: Japanisch-Deutsches Zentrum Berlin. All rights reserved.

Naoto Kan war Japans Regierungschef in der Zeit der Tsunami- und Nuklearkatastrophe von Fukushima. Die Katastrophe, bei der noch Schlimmeres nur knapp vermieden werden konnte, hat ihn zum Atomkraftgegner gemacht. Am 13. Oktober 2015 berichtete er in der Heinrich-Böll-Stiftung von seinen Erfahrungen.

Japan, am 11. März 2011: Ein Seebeben vor der Küste mit nie zuvor erlebter Heftigkeit. Ein Tsunami, der ausgedehnte Küstengebiete verheert, als er sie mit einer Wasserwand von mehr als zehn Metern Höhe überschwemmt. Und die Zerstörung mehrerer Reaktorblöcke des Atomkraftwerks Fukushima direkt am Pazifikufer. Rettungsarbeiten wurden durch unpassierbare Straßen und den Ausfall aller Kommunikationsmöglichkeiten zu einer fast unmöglichen Aufgabe.

Von der Regierung eines Landes, das von einer solchen Dreifachkatastrophe heimgesucht wird, erwartet man vor allem wirksames Krisenmanagement und dass sie alles in Bewegung setzt, um Hilfe für die Betroffenen zu organisieren. Und hinterher ist es spannend zu erfahren, wie die verantwortlichen Politiker die Herausforderung erlebt haben und wie sie ihr Handeln in einer solchen Krisensituation begründen.

Naoto Kan war in jenen dramatischen Tagen Japans Regierungschef. Er hat jetzt in einem Buch seine Sicht der Katastrophe dargelegt. Kurz vor der Frankfurter Buchmesse hat er es bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin vorgestellt und Fragen aus dem Publikum beantwortet.

Er schilderte, warum das Krisenmanagement in jenem März so schlecht funktioniert hat und er kurzzeitig befürchtete, 50 Millionen Japaner/innen müssten evakuiert werden. Sein Vertrauen in die technologischen Fähigkeiten Japans sei heftig erschüttert worden. Unmittelbar nach dem Erdbeben, als er im Parlament während einer Befragung erlebte, wie die Kronleuchter im Saal zu wackeln begannen, war ihm im Krisenzentrum die erfolgreiche Notabschaltung der AKWs in Fukushima nach dem Erdbeben gemeldet worden.

Vom Stromausfall zur Kernschmelze

Eine Stunde später wurde dies korrigiert: Im AKW Fukushima Daiichi mit seinen sechs Reaktorblöcken – drei davon in Betrieb – sei der gesamte Strom ausgefallen – und damit auch die Kühlung der Brennstäbe. Als Physiker, sagte Kan, seien ihm die zwangsläufigen Folgen bewusst gewesen: Ohne Kühlung drohte die Kernschmelze. Doch noch seien die Brennstäbe von Wasser bedeckt, hieß es. Aber auch diese Information erwies sich als falsch, denn die Wasserstandsanzeige war defekt. Tatsächlich hatte schon um 18 Uhr, drei Stunden nach dem Erdbeben, im ersten Block von Fukushima Daiichi die Kernschmelze begonnen. Um 20 Uhr seien die geschmolzenen Brennstäbe auf den Boden des Sicherheitsbehälters hinabgefallen. Am Ende bewahrte eine nur noch 15 Zentimeter dicke Schicht Beton die Region vor einer großflächigen radioaktiven Verseuchung.

Wie sich herausstellte, hatte der Tsunami das Reaktorgebäude erreicht und die Notstromaggregate lahmgelegt. Sie waren, um Kosten zu sparen, im Untergeschoss der Reaktorgebäude untergebracht worden, anstatt auf erhöhtem, vor Flutwellen sicheren Gelände. Da der AKW-Betreiber Tepco einen Tsunami von 17 Metern Höhe für unmöglich gehalten hatte, war das ursprünglich 35 Meter hohe Baugelände bis auf zehn Meter über dem Meeresspiegel abgetragen worden.

Im Reaktorblock 2 liegen die Brennstäbe noch heute auf dem Boden des Sicherheitsbehälters, in dem eine Strahlung von 70 Sievert herrscht – stark genug, um einen Menschen in fünf Minuten zu töten. Wäre die Radioaktivität nach außen gelangt, hätte sich das komplette Personal für die insgesamt zehn Reaktorblöcke und elf Abklingbecken von Fukushima I und II zurückziehen und die Anlagen unkontrolliert ihrem Schicksal überlassen müssen. Das wäre der worst case gewesen, mit der hundertfachen Strahlenbelastung von Tschernobyl. Unter einem solchen Szenario wäre die gesamte Region bis ins über 200 Kilometer entfernte Tokyo verstrahlt worden. Die 50 Millionen dort lebenden Menschen – 40 Prozent der japanischen Bevölkerung – hätten so schnell wie möglich für Jahre umgesiedelt werden müssen. Für Naoto Kan wäre dies eine undenkbare Perspektive gewesen, in seinem Buch stellt er sich die Frage: Auch wenn es möglich wäre, 50 Millionen Menschen zu evakuieren, könnte Japan dann als Nation überleben?

„Ich hielt unsere nukleare Technologie für hochwertig und sicher. Ein Unfall wie im sowjetischen AKW Tschernobyl wäre doch in Japan nicht möglich, dachte ich. Aber nachdem ich beinahe die Evakuierung von 50 Millionen Menschen anordnen musste, habe ich meine Meinung um 180 Grad gewendet: Die Welt muss aus der Atomkraft austeigen.“

Noch gab es keinen Grund zur Entwarnung. Die transportablen Notstromaggregate, die hastig nach Fukushima gebracht wurden, konnten nicht eingesetzt werden, da ihre Stecker die falsche Form hatten. Die Institutionen, die über die Nuklearwirtschaft des Landes wachen und im Katastrophenfall eingreifen sollten, erwiesen sich als untauglich. Als Kan den Leiter der Atomaufsichtsbehörde um Auskünfte bat, erhielt er nur unbrauchbare Antworten, denn er hatte als Ökonom von Nuklearphysik kaum Ahnung. Für die Rettung und Versorgung der Bevölkerung in einem atomaren Notfall sollten die örtlichen Behörden zuständig sein, doch im Katastrophengebiet waren sie ohne befahrbare Straßen und funktionierende Telefonnetze heillos überfordert.

Dann kam es am 12. März zu einer Wasserstoffexplosion im Gebäude von Reaktor 1. Am 14. März folgten die Kernschmelze und der Austritt des spaltbaren Materials in den Sicherheitsbehälter in Reaktor 3, und schließlich die Explosionen in den Reaktoren 2 und 4. Reaktor 4 wurde gewartet und enthielt keine Brennstäbe, es hätte also keine Wasserstoffexplosion geben dürfen. Doch das explosive Gas hatte sich offenbar durch die Röhren vom Reaktor 3 aus ins Nachbargebäude verbreitet. Beim Reaktor 4 bestand vor allem die Gefahr, dass die Brennstäbe im Abklingbecken, das nicht von einem Sicherheitsbehälter geschützt ist, nicht mehr gekühlt werden. Wären sie geschmolzen, hätte man alle Menschen im Umkreis von 250 Kilometern evakuieren müssen. Es war ein Glücksfall, sagte Naoto Kan, dass noch genug Wasser im Abklingbecken war. „Die Götter haben uns Beistand geleistet.“

Naoto Kan - ein ungewöhnlicher Politiker

Der 69-jährige Naoto Kan ist ein für sein Land ungewöhnlicher Politiker. An jenem Abend stellte Matthias Nass von der Redaktion "Die Zeit" ihn vor. Er kam nicht aus den Reihen der LDP und der traditionellen Politikerfamilien, die seit Jahrzehnten die Geschicke des Landes bestimmen, sondern aus den Bürgerbewegungen und engagierte sich in sozialen und ökologischen Fragen. 1996 wurde er Gesundheitsminister und deckte einen Skandal in seiner Behörde um verseuchte Blutkonserven auf. Er spielte eine wichtige Rolle in der Demokratischen Partei Japans, die 2007 im Oberhaus und 2009 auch im Unterhaus eine Mehrheit gewann. Kan wurde Vizepremier, dann Finanzminister und im Juni 2010 Regierungschef. Nach der Fukushima-Katastrophe bot er der LDP eine große Koalition an, doch die LDP lehnte ab.

Sylvia Kotting-Uhl, Bundestagsabgeordnete von Bündnis90/Die Grünen, würdigte seine Leistungen, die ein noch größeres Fiasko verhindert und den Weg für eine Energiewende in Japan bereitet hätten. Die Voraussetzungen dafür seien besser als bei uns, wobei in Japan vor allem Photovoltaik genutzt wird, um die mehr als 50 Atomkraftwerke zu ersetzen. Solarstrom liefert bereits so viel Energie wie 15 AKWs. Doch auch Windenergie und Geothermie böten viele Möglichkeiten.

Vor wenigen Wochen ging in Sendai das erste AKW seit dem Tsunami wieder ans Netz. Viele andere Meiler erfüllen die strenger gewordenen Sicherheitsnormen nicht mehr und werden abgeschaltet bleiben. In der abschließenden Fragerunde erläuterte Kan, dass die Energiewende, die in seiner Regierungszeit eingeleitet wurde, auch ein Rezept gegen die Militarisierung seines Landes sei, denn wenn man Energie selbst erzeugt, ist es nicht mehr nötig, die Handelswege für Öl militärisch abzusichern. Er schilderte die Interessenkoalition aus Industrie, Gewerkschaften und Medien, die in Japan trotz der großen Erdbebenrisiken so lange für breite Akzeptanz der Atomkraft gesorgt habe - jenes Phänomen, das in Japan "Atomares Dorf" genannt wird. Um deren Macht endgültig zu brechen, bräuchte es nach Kans Worten mehr Druck aus der Bevölkerung. Nötig sei aber auch ein anderes Wahlrecht, das auch kleinen, atomkritischen Parteien eine Stimme im Parlament verschafft.

 

Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin (JDZB) und mit Unterstützung des Ostasieninstituts der Hochschule Ludwigshafen statt.

 

Buchhinweis
Naoto Kan
Als Premierminister während der Fukushima-Krise
München 2015.
Iudicium-Verlag, 165 Seiten, 14.80 Euro

 

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Kommentare

Gott hat den Tsunami geschickt. Das habe ich in Europa gehört.

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