Roman "Zone": Eine Irrfahrt durch die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts

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Mathias Énard. Foto: Georges Seguin. Creative Commons LizenzvertragDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

boell.de: Francis Servain Mircovic, der Ich-Erzähler Ihres Romans ist ein von Alkohol, Drogen und Depression aufgeriebener Mann, der sich im Lauf des Buchs als Faschist, Mörder, Vergewaltiger und Doppelagent darstellt und von sich selbst behauptet, ihm graue vor der Welt. Wie übersteht man es, sich in eine derart zwiespältige und unsympatische Figur hineinzuversetzen, Tag für Tag viele Stunden mit einem Erzähler wie Francis zu verbringen? Warum erzählt uns gerade so ein Protagonist seine Geschichte, und warum ausgerechnet auf diese Art?

Mathias Enard: Ich habe die Geschichten und Ereignisse, von denen im Roman die Rede ist, über Jahre hinweg gesammelt, habe mit Betroffenen gesprochen, die Archive durchsucht, Historiker befragt, ein riesige Menge Material zusammengetragen. Mir fehlte dann nur noch eine Form, in die ich diese unsortierte Fülle bringen könnte, und ich war auf der Suche nach einer Rahmenhandlung, in die alles eingebunden werden könnte. Dann bin ich eines Tages selbst, wie Francis zu Anfang des Romans, in Mailand am Bahnhof einen offensichtlich geistesgestörten Mann begegnet, der mir zugerufen hat: „Ein letzter Handschlag noch, Kamerad, vor dem Weltuntergang!“

Diese Szene habe ich dann auch an den Anfang gesetzt, sie war wie eine Initialzündung für den Roman. Ich wusste, ich brauche einen Erzähler, der selbst in diese Geschichten eingeflochten ist, und der sie sich erinnernd vergegenwärtigt, einen Menschen, der unterwegs ist an sein persönliches „Ende der Welt“. Da hatte ich die Stimme des Francis gefunden: Die Stimme dieses Ich-Erzählers auf einer Zugreise von Mailand nach Rom wurde das Gerüst für meinen Roman. Durch den Rhythmus des über die Schienen ratternden Zuges wurde auch der Rhythmus von Francis‘ Monolog vorgegeben, eine Reise von einer Stadt in die andere, eine Reise durch die Ereignisse der „Zone“, eine Transformation in eine andere Existenz. Als ich diese Rahmenhandlung und Francis‘ Erzählerstimme gefunden hatte, konnte ich endlich den Roman in seiner jetzigen Form schreiben.

boell.de: Was hat es mit diesem Koffer auf sich, den Francis bei sich trägt, und den er, laut eigener Aussage für ein „Blutgeld“ an den Vatikan verkaufen will? Warum sammelt jemand wie dieser Mann akribisch über fünf Jahre hinweg die Zeugnisse sämtlicher Gräueltaten und Kriegsverbrechen, deren er habhaft werden kann?

Enard: Was es mit dem Koffer auf sich hat? (Lacht) Nichts hat es damit auf sich, er ist leer, eine Fiktion, so etwas wie Alfred Hitchocks McGuffin! Im Lauf des Romans füllt er sich vielleicht für die Leser mit den Ereignissen und Geschichten, aber es wird nichts damit geschehen, sie sind einfach da, werden am Ende des Romans womöglich in den Tiber geworfen, das ist nicht sicher. Ich glaube nicht, dass man einen solchen Koffer loswerden kann.

Auch der Koffer ist ein erzählerisches Hilfsmittel, wenn ich es so ausdrücken darf: Viele dieser Geschichten haben autobiographische Hintergründe, ich habe sie erlebt oder erzählt bekommen und sie dann für dem Roman weiterentwickelt oder modifiziert. So erzählen zum Beispiel historische Figuren fiktive Geschichten und fiktive Personen historische Ereignisse. Das ist die Freiheit des Schriftstellers, die ich mir genommen habe.

boell.de: Ich meine in einem Interview gelesen zu haben, Sie hätten sich selbst einmal als „mediteranen Menschen“ bezeichnet. Was bedeutet das für Sie?

Enard: Nein, ich würde mich eher als Mensch des Nordens bezeichnen, jemand, der in der Nähe des Atlantiks angesiedelt ist und sich als solcher zum Mittelmerraum hingezogen fühlt. Vielleicht rührt diese Affinität aus meiner Herkunft: Der Mann des Nordens sehnt sich nach dem Süden. Mich hat diese Region immer sehr interessiert.

boell.de: Warum aber dann so explizit als Raum des Krieges, als Zone der Vernichtung?

Enard: Weil es so ist, es gibt all diese Gewalt, die Kriege, die Verbrechen, das sind ja bekannte Tatsachen. Wir Europäer blenden das gerne aus, wiegen uns in der trügerischen Sicherheit einer befriedeten, demokratischen Region, aber spätestens seit dem Balkankrieg wissen wir, dass diese Sicherheit brüchig ist und dass es mit dem Frieden sehr schnell vorbei sein kann.

Vielleicht werde ich einmal auch von den schönen, sonnigen Seiten des Mittelmeerraums erzählen, die es ja auch gibt. Letzte Woche erst war ich auf Mallorca und habe es sehr genossen. Ich könnte eines Tages ein Buch schreiben, das von glücklichen Menschen an mallorkinischen Stränden handelt, auch das ist möglich. Aber es war eben nicht das, was mich für diesen Roman interessiert hat. Ich musste die dunkle, die gewalttätige Seite beleuchten, damit es das Buch werden konnte, dass ich schreiben wollte.

boell.de: Francis nimmt als neue Identität für sein künftiges Leben die des Yvan Desroy an, eines im Irrenhaus vor sich hindämmernden rechtsradikalen Menschenhassers, von dem nur Übles berichtet wird. Francis sagt von sich selbst: „für seine Wiedergeburt ist Francis in den Körper von Yvan dem Schrecklichen geschlüpft“. Warum hat er sich ausgerechnet diesen schrecklichen Menschen dafür ausgesucht?

Enard: Ein in der Psychiatrie untergebrachter Langzeitpatient, der voraussichtlich nie wieder in der Lage sein wird, seine Interessen selbst wahrzunehmen, eignet sich besonders gut, um sich dessen Identität anzueigenen, das hat mir ein Agent erzählt, mit dem ich gesprochen habe. Ein solcher Geisteskranker wird nirgendwo in der Öffentlichkeit auftreten, sich keinen Reisepass ausstellen lassen, keine Kreditkarte benutzen, keine Geschäfte tätigen. Das ist ideal, um sich in seinem Namen einen legalen Pass zu besorgen, was gar nicht so schwierig zu sein scheint, wie man denkt. Diesen Yvan Desroy hat es tatsächlich gegeben, ich habe ihn gekannt und ihn als Figur in den Roman eingebaut, weil ich ihn als Identitätslieferanten für Francis gut gebrauchen konnte. Ein anderer Agent hat mir einmal gesagt: „Geh in eine fremde Stadt, wo dich niemand kennt, kaufe Dir nagelneue Kleider, vernichte deinen Pass, nimm dir ein Hotelzimmer unter falschem Namen und trinke dort so viel Alkohol, bis Du besinnungslos zu Boden fällst. Falls du dann nach zwei Tagen wieder erwachst, kannst du deine neuen Kleider anziehen, das Hotel verlassen, in die Stadt gehen und deine alte Identität wird vergessen sein.“

boell.de: Haben Sie das einmal selbst ausprobiert?

Enard: Das habe ich bis jetzt noch nicht gewagt. Ich hatte zu viel Angst, dass es tatsächlich funktioniert.

Mathias Enard

Mathias Enard, geboren 1972 in Niort, Westfrankreich, studierte Arabisch und Persisch am Institut national des langues et civilisaton orientales in Paris. 

Es folgten längere Aufenthalte im Nahen Osten: Er bereiste den Libanon, lebte für einige Monate in Teheran, um Persisch zu studieren, danach für ein Jahr in Damaskus, um am französischen Institut für arabische Studien zu studieren. Zwei Jahre lang lebte er in einem Dorf im Süden Syriens, danach kehrte er nochmals nach Teheran zurück und schrieb an seinem ersten Roman, in dem er die Geschichte eines zwischen Mord und Liebe hin- und hergerissenen Scharfschützen erzählt. 2000 ging er nach Barcelona, wo er Mitarbeiter verschiedener Kulturzeitschriften war, seit 2010 lehrt er Arabisch an der Universität Barcelona. Er ist auch als Übersetzer aus dem Arabischen tätig.

Mathias Enard veröffentlichte zwei Gedichtbände: „Travail de nuit“, Nachtarbeit, und „Parfois entre nous la mer“ (Manchmal zwischen uns das Meer).

2003 veröffentlichte er den bereits erwähnten 1. Roman, „La Perfection du tir“ (die Perfektion des Schusses), 2005 den Roman „Remonter l‘Orénoque“ (den Orinoco stromaufwärts), 2007 einen burlesken Essay über den Terrorismus, „Bréviaire des artificiers“ (das Stundengebet des Sprengmeisters), 2008 den Roman „Zone“, der von Holger Fock und Sabine Müller ins Deutsche übersetzt wurde und 2010 im Berlin Verlag erschienen ist. 2010 ist in Frankreich sein jüngster Roman erschienen: „Parle-leur des batailles, de rois et d‘elephants („Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten“), der im Oktober auch auf Deutsch erscheinen wird.

Die Liste seiner Ehrungen und Preise ist lang. Unter anderem erhielt er 2008 für Zone den „Prix Decembre“ und den deutsch-französischen „Candide-Preis“, und den 2009 den „Prix du Livre inter“, für seinen jüngsten Roman wurde er mit dem Prix Goncourt es Lyceens ausgezeichnet. 

Der Literarische Abend

DER LITERARISCHE ABEND ist eine Veranstaltungsreihe der Heinrich-Böll-Stiftung in Kooperation mit dem Deutschen Theater Berlin und dem Stadtgarten Köln. Seit September 2011 präsentieren die Schriftstellerinnen Hilal Sezgin und Veronika Peters alle zwei Monate Autor/innen aus dem In- und Ausland, die aus ihren aktuellen Büchern lesen, vom Leben und Schreiben erzählen und davon, was sie sonst noch bewegt. Zur Dokumentation»

 
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