Der Unterschied zwischen der iranischen und der ägyptischen Revolution

Der Unterschied zwischen der iranischen und der ägyptischen Revolution

Iranische Revolution, Auschnitt der Zeitschrift Khandaniha
Iranische Revolution, Auschnitt der Zeitschrift Khandaniha im Februar 1979. Foto: Kebria. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

16. Februar 2011
Bahman Nirumand
Von Bahman Nirumand

Iran sieht in der Erhebung der arabischen Völker eine islamische „Weltrevolution“. „Das Zusammenfallen des Sturzes von Mubarak mit dem Jahrestag der islamischen Revolution im Iran zeigt, dass der 11. Februar der Tag des Sieges der Völker der Region ist und der Tag des Scheiterns der USA und des Zionismus“ Israels, sagte der Sekretär des Obersten Sicherheitsrates im Iran, Said Dschalili, in Teheran. „Mit 30-jähriger Verspätung haben Mubarak und seine amerikanischen Unterstützer die Stimme des ägyptischen Volkes erhört.“ Bereits vor einige Tagen versuchte Revolutionsführer Ayatollah Ali Chamenei den Eindruck zu erwecken, als handele es sich bei den Aufständen in den arabischen Ländern um ein „Erwachen des Islam“. Er forderte die islamische Geistlichkeit auf, die Proteste mit aller Kraft zu unterstützen, bis ein auf der islamischen Religion basierendes Regime des Volkes gebildet sei. Demgegenüber warnte Israel aus Furcht vor einer Machtübernahme der Islamisten vor einem Regimewechsel in Ägypten. Auch die USA und die europäischen Staaten zögerten bis kurz vor dem Sturz, Mubarak fallen zu lassen und sich voll hinter die Aufständischen zu stellen.   

Tatsächlich gibt es zwischen der Revolte in den arabischen Ländern und der islamischen Revolution im Iran eine Parallele. Auch im Iran richtete sich damals der Volksaufstand gegen ein vom Westen militärisch gut gerüstetes Regime mit einem von den USA abhängigen Potentaten an der Spitze. Folgerichtig lautete die Parole der Revolution Freiheit und Unabhängigkeit.

Doch weit größer als diese Ähnlichkeit sind die Unterschiede. Was die Ägypter oder Sudanesen auf die Straße getrieben hat, sind die katastrophalen wirtschaftlichen Verhältnisse, die hohe Arbeitslosigkeit, die Perspektivlosigkeit der Jugend. Im Iran gab es damals zwar ebenfalls Armut, Misswirtschaft und Korruption. Aber der Aufstand ging zunächst nicht von den verarmten Massen aus, sondern vom Mittelstand, der dank des rapiden Anstiegs der Öleinnahmen ökonomisch mächtig geworden war und daher politisches Mitspracherecht verlangte. Erst in der letzten Phase des Volksaufstands kamen die Streiks der Arbeiter und die Slumbewohner, die sicherste Basis der Islamisten, hinzu. Erst dann konnten die Islamisten sich an die Spitze des Volksaufstands setzen und dem Ruf nach Freiheit und Unabhängigkeit die Forderung nach einer islamischen Republik hinzufügen.

Ganz anders als heute in Ägypten war auch die Lage der Militärs im Iran. Die iranischen Offiziere, zumeist in den USA ausgebildet, korrupt und ohne Nationalstolz, gerieten schon bei den ersten Massendemonstrationen in Panik. Generäle ergriffen zum Teil die Flucht, einige steckten heimlich die Fühler nach der aufkommenden Macht aus. Die wenigen, die standhaft blieben, vermochten nicht mehr den Apparat zusammenzuhalten. Die angeblich stärkste und mit modernsten Waffen ausgerüstete Armee des Nahen und Mittleren Ostens zerfiel wie ein Kartenhaus.

Für die Tatsache, dass die von dem laizistisch und modern orientierten Mittelstand geführte Bewegung in der letzten Phase eine islamische Wende nahm, gibt es viele Gründe. Dem Schah-Regime war es gelungen, jeden Versuch der Opposition, sich zu organisieren, im Keim zu ersticken. Die beiden bewaffneten Gruppen der Volksmudjahedin und Volksfedain, die sich im Untergrund gebildet hatten, konnten das Regime nicht ernsthaft gefährden. Die einzige Organisation, an die sich die Sicherheitsdienste und Militärs nicht heranwagen konnten, war die der Schiiten. Über einhunderttausend Mullahs, verteilt im ganzen Land und in engstem Kontakt mit der Bevölkerung wurden innerhalb kurzer Zeit zu politischen Aktivisten, die Moscheen verwandelten sich in Parteizentralen und das Gläubigervolk zu treuen Mitgliedern und Sympathisanten.

Dass diese Mobilmachung trotz des Widerstands einiger mit dem Hof liierten Großayatollahs gelingen konnte, lag nicht zuletzt an der Person Ayatollah Ruhollah Chomeinis. Wenige Monate vor dem Sturz des Regimes wurde Chomeini, der seit Jahrzehnten im irakischen Exil im stillen Kämmerlein seine Tage mit Beten verbracht hatte, auf Drängen des Schahs aus dem Irak ausgewiesen. Kein islamisches Land war bereit, den Gottesmann aufzunehmen. Gezwungenermaßen begab er sich nach Paris, in eine Stadt, die aus der Sicht der Islamisten als Inbegriff der westlichen Dekadenz und des moralischen Verderbens gilt. Diese Umsiedlung, ob Zufall oder ein ausgetüftelter Plan, machte den Ayatollah mit einem Schlag weltberühmt. Unter dem polizeilichen Schutz der Grand Nation, die den Laizismus auf ihre Fahnen geschrieben hat, verkündete der exotische Ayatollah unter einem Apfelbaum im Garten eines Hauses im Neauphle-le-Chateau sitzend, seine Botschaften an das iranische Volk. Westliche Rundfunksender, allen voran die BBC, sorgten dafür, dass diese an die Adressaten gelangten. Innerhalb weniger Wochen wurde Chomeini, der radikal und ohne wenn und aber den Sturz des Schahs forderte, zum unumstrittenen Führer der Revolution. Die Vertreter der Mittelschicht baten der Reihe nach in Paris um Audienz, nicht etwa um sich mit dem Ayatollah zu beraten, sondern nur um seine Anweisungen zu empfangen.

Eine vergleichbare Situation existiert in Ägypten nicht. Die Bewegung hat noch keine Führung. Die Armee scheint zumindest bislang geschlossen und handlungsfähig zu sein. Ihr ist es gelungen, obwohl sie ein Teil der Macht ist, sich souverän zwischen der Führung und dem Volk zu stellen und damit den Machtapparat, auch nach dem erzwungenen Rücktritt von Mubarak, zu retten. Anders als damals im Iran wird, wie es im Moment aussieht, auch nach dem Sieg des Volksaufstands der Gewaltapparat des Staates nahezu unangetastet bleiben. Das bedeutet, dass die Entwicklung zumindest vorerst zwar einen Führungswechsel erreicht hat, jedoch keine Umwälzung der Verhältnisse wie damals im Iran. Sollten nun die Militärs, die zunächst die Macht übernommen haben, tatsächlich ihr Wort halten, die Verfassung im Sinne einer Demokratisierung ändern und freie Wahlen durchführen, wird es in Ägypten einen friedlichen Übergang von einem autokratischen Staat hin zu einer Demokratie geben.

In dieser Phase des Demokratisierungsprozesses scheint jeder Gedanke an einer absoluten Macht der Islamisten völlig abwegig. Es gibt weder die Charismatische Figur eines Ayatollah Chomeini, noch sind die seit Jahrzehnten in Ägypten organisierten Muslime gesellschaftlich und ideologisch so radikal, dass sie sich einer Koalition mit säkularen Gruppen zur Durchsetzung sozialer und politischer Reformen weigern würden. Es sei denn, die alte Staatsmacht, sprich die Armee, würde nachdem der revolutionäre Elan abgeflaut ist und die Gemüter sich beruhigt haben, der Reformbewegung Steine in den Weg legen, um die bisherigen Pfründe zu behalten. Ein Scheitern der Reformen würde dann sicherlich zur Radikalisierung nicht nur der Muslime führen.

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Bahman Nirumand ist Journalist und Iran-Experte. Für die Heinrich-Böll-Stiftung gibt er seit Jahren den Iran-Report heraus. Dieser Artikel erschien zu erst in der "tageszeitung".

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