Abschied von der Wachstumsgesellschaft

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Video Special

Abschied von der Wachstumsgesellschaft

Szene auf einem bargeldlosen Tauschmarkt in Barcelona. Foto: Thurnfilm/Heinrich-Böll-Stiftung Lizenz: CC-BY-NC-ND

15. Januar 2013
Karin de Miguel Wessendorf
In Zeiten der Krise gewinnt die Diskussion um die Grenzen des Wachstums an Bedeutung. Schon lange warnten Experten und Expertinnen, in einer wachstumsorientierten Gesellschaft seien Krisen vorprogrammiert. Schließlich sei unendliches Wachstum in einer endlichen Welt nicht möglich.  Die ursprünglich aus Frankreich stammende Décroissance-Bewegung schlägt als Alternative eine Abkehr von der Wachstumsgesellschaft vor. Unter dem Motto „Weniger haben, um besser zu leben“ plädieren die Verfechter/innen der Décroissance für eine Wachstumsrücknahme. Diese bedeutet aber nicht nur eine Reduzierung des Konsums, der Produktion und des Ressourcenverbrauchs, sie setzt ein grundlegendes Umdenken und eine Umstrukturierung des gesellschaftlichen Zusammenlebens voraus, hin zum Aufbau von autonomen, sparsamen und solidarischen Gesellschaften. In den von der Krise erschütterten Ländern Südeuropas gewinnt die Décroissance-Bewegung zunehmend Anhänger/innen. Die Menschen zweifeln an einem System, das das Versprechen von Wohlstand nicht gehalten hat, und experimentieren mit alternativen Formen der ökonomischen und sozialen Organisation. 

Experimente mit alternativen Formen ökonomischer und sozialer Organisation

In Spanien hat die Krise das Leben vieler Menschen in wenigen Jahren dramatisch verändert. Die Zahl der Arbeitslosen stieg im November 2012 auf fast 5 Millionen. Die Arbeitslosenrate bei Menschen bis zu 35 Jahren beträgt über 50%. Betroffen sind vor allem junge Akademiker/innen, die trotz hoher Qualifizierung keinen Einstieg in den Arbeitsmarkt finden. Angesichts der angespannten Lage auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt  in den Städten, ziehen immer mehr Menschen aufs Land. Die sogenannten neorurales versuchen ihr Glück in der Landwirtschaft oder hoffen zumindest auf geringere Lebenshaltungskosten. In den Städten entsteht währenddessen eine neue ökonomische Kultur, die in vielen Fällen auf Geld verzichtet und stattdessen auf  tauschen, recyceln und teilen setzt. Aus der Protestbewegung der Empörten sind die asambleas de barrio, die Stadtviertelversammlungen, entstanden, in denen Nachbarschaftshilfe organisiert wird.

Barcelona ist eine Brutstätte für das Experimentieren mit alternativen und solidarischen Formen der Ökonomie. Während viele Betriebe schließen müssen, starten hier Hunderte von Kooperativen. Gleichzeitig blühen die Initiativen zur Wiederverwertung von Geräten und Materialien. In von der Stadtverwaltung finanzierten Kursen lernen die Menschen zu nähen, Möbel zu restaurieren oder Haushaltsgeräte zu reparieren. In städtischen Gärten bauen die Nachbar/innen gemeinsam Gemüse zum Eigenkonsum an. Es wachsen auch die Formen des kollaborativen Konsums. Das Car-Sharing erfreut sich großer Beliebtheit, Leute tauschen Dienste und Gegenstände aus oder organisieren gemeinsam die Pflege von Kindern. Verbraucher/innen schließen sich in Gruppen zusammen, um ohne Zwischenhandel direkt bei Erzeuger/innen aus der Region Lebensmittel einzukaufen. Der sogenannte consumo de proximidad (regionaler Konsum) findet immer mehr Anhänger/innen und unterstützt die ökologische Landwirtschaft in der Region. Die Krise scheint ein neues Bewusstsein hervorgebracht zu haben: es wächst die Wertschätzung von Rohstoffen und Ressourcen. Aber nicht nur das. Es wächst auch das Bedürfnis nach solidarischen Strukturen und nach einer grundlegenden gesellschaftlichen Transformation. 

Bargeldlose Tauschmärkte

In diesem Kontext erleben Tauschmärkte in Barcelona einen regelrechten Boom. Im Stadtteil Poble Sec findet der Tauschmarkt viermal im Jahr statt. Organisiert wird er von der Initiative Trocasec, einer Kommission der asamblea de barrio. Hier werden Kleidung, Bücher, elektronische Geräte und Spielzeug bargeldlos getauscht. Der Tauschmarkt bietet den Bewohner/innen von Poble Sec die Möglichkeit, nicht mehr Benötigtes zu entsorgen, ohne Müll zu produzieren und Neues zu bekommen, ohne Geld ausgeben zu müssen. Gleichzeitig bietet er die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen und fördert den Zusammenhalt im Stadtviertel.

Die in Spanien aufkommenden neuen Formen des kollaborativen Konsums und der solidarischen Ökonomie werden mit Interesse von einer internationalen Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verfolgt, die sich der Décroissance-Forschung widmen. „R & D“ (“Research & Degrowth“ oder „Recherche & Décroissance“) ist eine internationale Vereinigung von Forscherinnen und Forschern aus den Bereichen der Ökonomie, der politischen Ökologie und der Sozialwissenschaften, die hauptsächlich in Spanien und Frankreich leben und arbeiten. Ein Teil von ihnen ist an der Universitat Autònoma de Barcelona in Zusammenarbeit mit dem renommierten Ökonomie-Professor Joan Martínez Alier tätig.

Die Mitglieder von „R & D“ widmen sich nicht nur der Décroissance-Forschung sondern sie sehen sich als Akteure und Akteurinnen eines Prozesses, den sie als freiwillig eingeschlagenen Weg zur Reduzierung von Produktion und Ressourcenverbrauch definieren und der auf ökologische Nachhaltigkeit, gutes Leben, Freiheit und soziale Gerechtigkeit zielt. Ein wichtiger Teil der Arbeit von „R & D“ besteht in der Organisation der internationalen Degrowth Conferences, die im Zweijahresrhythmus bisher in Paris, Barcelona und Venedig stattgefunden haben. Mit ihrer Arbeit möchte „R & D“ Wissenschaftler/innen, Praktiker/innen, Aktivisten/innen und die Zivilgesellschaft dazu bringen, gemeinsam Vorschläge für eine nachhaltige Wachstumsrücknahme zu entwickeln.

Im folgenden Videoclip sprechen Federico Demaria und Filka Sekulova von  „Research & Degrowth“ über die Notwendigkeit einer Wachstumsrücknahme und über den Unterschied zwischen Décroissance und Rezession. Sie erklären auch warum die Krise eine Chance sein kann, unser Konzept von Wohlstand zu überdenken und eine Gesellschaft aufzubauen, in der wir weniger konsumieren und mehr teilen.

Decroissance: Forschung und Praxis

Vor Jahren sorgte François Schneider in Frankreich für Schlagzeilen, als er einen Fußmarsch gegen Wirtschaftswachstum durch das Land startete. Allein mit einem Esel und mit etwas Handgepäck begann er 2004 eine ein Jahr dauernde Tour, um in ganz Frankreich mit seinen Zeitgenossen und Zeitgenossinnen darüber zu diskutieren, ob Wirtschaftswachstum noch ein sinnvolles Ziel sein könne. Schneiders Aktion zog überraschend viel Aufmerksamkeit auf sich und sorgte dafür, dass die Décroissance als soziale Bewegung öffentlich wahrgenommen wurde.

Heute lebt der Industrieökologe zusammen mit anderen Aktivist/innen und Forscher/innen der Gruppe „Research and Degrowth“ in einem Haus namens „Can Decreix“ am Rande von Cerbère, einer schrumpfenden Stadt an der französisch-spanischen Grenze.

„Can Decreix“ ist ein Projekt, das sich im Aufbau befindet und regelmäßig von Besuchern und Besucherinnen aus verschiedenen Ländern unterstützt wird. Hierher kann kommen, wer sich in Theorie und Praxis mit der Wachstumskritik auseinandersetzen und ein nachhaltiges Leben in der Gemeinschaft führen möchte. „Can Decreix“ ist eine Art Labor, in dem mit den Möglichkeiten eines einfachen Lebens experimentiert wird.

Die simplicité volontaire (freiwillige Einfachheit) ist neben dem politischen Aktivismus und dem Widerstand gegen umweltschädigende Großprojekte eine wichtige Strategie der Décroissance-Bewegung. Sie besteht in dem Versuch, durch weniger Konsum und geringeren Ressourcenverbrauch den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. Die freiwillige Vereinfachung des Lebens soll gleichzeitig dazu dienen, das Wohlbefinden der Menschen zu verbessern und mehr Raum für persönliche und künstlerische Entfaltung zu schaffen. Dennoch ist der freiwillige Verzicht für die Wachstumsverweigerer und-verweigerinnen kein Ziel an sich. Vielmehr dient die Suche nach einfachen, energiesparenden Technologien dazu, das Bewusstsein für Alternativen zum Überfluss zu schärfen und gesellschaftliche Spielräume zu eröffnen.

Die Bewohner/innen und Besucher/innen von „Can Decreix“ möchten den Aufbau von alternativen Lebensformen, die akademische Arbeit und den politischen Aktivismus unter einem Dach vereinen. Gleichzeitig soll „Can Decreix“ einen Raum für wissenschaftliche und politische Diskussionen bieten, die in die Zivilgesellschaft weitergetragen werden, weswegen regelmäßig Konferenzen und internationale Treffen veranstaltet werden.

Im folgenden Videoclip führt François Schneider durch das Projekt. 

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