Critical Consumer Practice

Salon

Critical Consumer Practice

Nuage Vert. Foto: ©  transmediale. Alle Fotos wurden mit der freundlichen Erlaubnis von transmediale, festival for contemporary art and digital culture, ermöglicht.

boell@transmediale

Die transmediale ist das größte Festival für Kunst und die kreative Anwendung digitaler Medien in Deutschland. Das Festival zeigt einmal im Jahr neue und bedeutende Projekte der digitalen Kultur und bietet Reflexionen über die Rolle digitaler Technologien in der heutigen Gesellschaft. Schwerpunkte bilden die jährlich stattfindende Konferenz zum jeweils aktuellen Thema des Festivals, eine zweijährig ausgerichtete thematisch gebundene Ausstellung, der offene Wettbewerb sowie der assoziierte club transmediale, der sich mit elektronischer Musik und Clubkultur befasst.

Unter dem Titel DEEP NORTH blickte das Festival 2009 über die schrillen klimakatastrophischen Szenarien hinaus, die in den Debatten um die globale Erwärmung mitschwingen und verschob dabei den Fokus auf potenzielle kulturelle, gesellschaftliche und philosophische Konsequenzen, die mit einem Zusammenbruch der polaren Eisbarrieren erwachsen können. Stehen wir an einem neuen historisch prägnanten Wendepunkt, einem unvermeidlichen und unumkehrbaren Wandel, der unkontrollierbare globale Veränderungen impliziert? Nimmt der Klimawandel einen Kulturwandel vorweg, oder muss man einen Zusammenbruch etablierter, systemischer Normen befürchten? Diese Fragestellung verbanden die Kuratoren mit dem Aufruf an Künstler, Medienaktivisten und Kulturschaffende, „die Funktion zu überdenken, welche Kunst und digitale Kultur bei der Neudefinition von Medienstrategien zukommt, die jenseits der gängigen Rhetorik des Klimawandels liegt.“

In ihrer Begrüßung im Haus der Kulturen sprach Hortensia Völckers, künstlerische Direktorin der Bundeskulturstiftung, von einem „Gefühl der Lähmung“, das sich angesichts täglich neuer Negativprognosen breit mache. In Anlehnung an den amerikanischen Stadttheoretiker Mike Davis forderte sie einen „Optimismus der Phantasie“, um aus dieser Paralyse herauszutreten. Hierbei berief sie sich besonders auf die Rolle der Kunst als eine Art Übungsraum, wo sich die ästhetische Reaktion auf veränderte Umweltbedingungen mit einer experimentellen „Lust an der Zukunft“ verbinden lasse.

Die Heinrich-Böll-Stiftung war in diesem Jahr Partnerorganisation für die inhaltliche Ausgestaltung des Digital Greenhouse Salon, das Forum der transmediale für die strategische und künstlerische Sondierung des Klimawandels. Am 31. Januar 2009 moderierte Jan Engelmann, Kulturreferent der Heinrich-Böll-Stiftung, den zweiteiligen Workshop „Critical Consumer Practice“. Zusammen mit den amerikanischen Kunstkritikern Brian Holmes und Claire Pentecost wurde mit Bezug auf die vorgestellten Arbeiten internationaler Künstler/innen (siehe unten) über folgende Fragen diskutiert:

  • Wie können Künstler/innen die soziale Wahrnehmung des Klimawandels beeinflussen?
  • Wie erfolgreich ist dabei die oftmals angewandte Logik der Transformation, bei der etwa klimatologische Daten in visuelle Schemata oder in Soundscapes verwandelt werden?
  • Wie können sperrige oder elitäre Positionen an individuelles Konsumverhalten und alltagskulturelle Praxen angedockt werden?
  • Wie vermeidet man den Eindruck einer „ökorrekten“ Haltung, die im Kunstbetrieb zumeist negativ sanktioniert wird?
  • Wie vermeidet man das generelle Problem, dass ein aufgeklärter Skeptizismus sich leicht in eine zynische Haltung verwandeln kann?
  • Wie können wir alle – als Künstler im weiten, Beuys`schen Sinne – andere Leute gerade in der Wirtschaftskrise zu einer strategischen Konsumpraxis anstiften?
  • Welche neuen Wege der ökologischen Ressourceneinsparung und Energieeffizienz sind auch für Künstler/innen umsetzbar, ohne sich der eigenen Mittel und Materialien zu berauben?

Eine Videoaufzeichnung des ersten Workshops findet Sie auf der Seite der transmediale.

Liste der beteiligten Künstler/innen:

Nuage Vert. Foto: © transmediale 

Nuage Vert

Umweltverschmutzung ist selten mit bloßem Auge erkennbar

Datentabellen bilden ein abstraktes Modell der Visualisierung, das sich aus dem lokalen Kontext und den spezifischen sozioökonomischen Bedingungen löst, die die Luftverschmutzungen eigentlich verursachen. In ihren Arbeiten bezieht das Künstlerduo hehe den Zuschauer in einen Prozess der Echtzeit-Visualisierung der Luftverschmutzung ein. Werke wie Nuage Vert arbeiten daher bewusst in lokalen, sozialen Topografien, um dort die ökologischen Folgen als Effekt des individuellen Konsums zu materialisieren.

Nuage Vert basiert auf der Idee, ökologische Projekte und die Visualisierung von umweltpolitischen Aspekten in unserem täglichen Leben bewusst zu machen und umzusetzen. Eine städtische Lichtinstallation auf die Dunstwolke eines Kohlekraftwerks – das Symbol für industrielle Verschmutzung – alamiert die Öffentlichkeit: Vom 22.- 29. Februar 2008 wurde die Dunstwolke des Kohlekraftwerks Salmisaari in Helsinki, Finnland mit einer leistungsstarken grünen Laserinstallation beleuchtet. Der Laser zeichnete einen Umriss der sich bewegenden Wolke auf die Wolke selbst; durch die grüne Färbung wurde die Laseranimation zu einer neonfarbenden Anzeige, die als Skala für den Verbrauch von Strom im Stadtgebiet diente. Je größer die grüne Wolke, desto weniger Elektrizität wurde von den Bewohnern konsumiert.

Quelle: Text zur Ausstellung "Nuage Vert" / http://hehe.org.free.fr

Animal Messaging Service A.M.S. von Michita Nitta. Foto: © transmediale

Michiko Nitta

Michiko Nitta und das Projekt Extreme Green Guerilas

Das Projekt The Extreme Green Guerillas untersucht das Zusammenwirken von Hightech und grüner Bewegung.

"Nittas Projekt bringt gegenwärtige grüne Tendenzen auf die Spitze: Die Extreme Green Guerillas bilden ein Netzwerk aus Menschen, die sich selbst versorgen und ihren Lebensstil zugunsten der Umwelt einschränken und beispielsweise die Nutzung von Internet oder Mobiltelefonen verweigern, um damit keine Großkonzerne zu unterstützen. Zur Reduktion des CO2-Ausstoßes verweigern sie gewöhnliche Briefzusendungen und propagieren Postzustellung z.B. per Brieftauben und nennen dies "Animal Messaging Service" (A.M.S.).  Um das Ausmaß großstädtischen Ungeziefers zu verringern, verarbeiten sie Ratten und Tauben zu "delikaten Speisen". Ziel dieser individuellen, provokativen Geste ist an die Gesellschaft zu appellieren, Ursachen von Umweltkatastrophen zu erkennen und zu diskutieren. Dabei dient ihre Radikalität der Irritation des Gewöhnlichen. Die Antihaltung der Guerillas schwenkt vor allem dann in Ironie und Sarkasmus um, wenn sie sich auf kreative, selbsterklärende Systeme berufen, die auf spielerisch künstlerischer Umsetzung basieren."

Quelle: Exhibition Text Extreme Green Guerilas, http://www.myportfolio.me.uk/EGGs.htm

Tantalum Memorial. Foto: © transmediale

Tantalum Memorial

Ein Mahnmal für drei Millionen Toten

"Die Installation ist ein Mahnmal für die drei Millionen Toten aus den "Koltankriegen", die seit 1998 um den Abbau von Koltan im Kongo geführt werden. Die Installation dient zudem als Zentrale eines sozialen Telefonnetzwerks für kongolesische Migranten. Angelehnt an eine traditionelle kongolesische Tradition, Neuigkeiten und Klatsch ohne staatliche Zensur auf den Straßen von Passant zu Passant weiterzugeben, ruft "Telephone Trottoire" über ein Londoner Radioprogramm die kongolesische Hörer an, spielt Nachrichten ab, welche dann von diesen kommentiert und weitergeleitet werden.

Diese komplexe Arbeit wird für die transmediale umgebaut, nachdem sie bereits 2008 auf der SJ01 Biennale in San José und auf der Manifesta7 in Italien zu sehen war. Entscheidend für eine Normierung war die Ausführungsqualität, die Dichte der Vorstellungskraft sowie die konzeptuellen und metaphorischen Stärken. Das Werk erinnert an die mehr als drei Millionen Menschen, die im Laufe der letzten zehn Jahre in kriegerischen Auseinandersetzungen im Kongo getötet wurden.

Es setzt auf vielen Ebenen an, indem es die Nutzung der Telephonie mit Computertechnologie verbindet. Ein Gestell mit elektromagnetischen Strowger-Schaltwählern wird durch einen Computer aktiviert, so dass Anrufe aus dem "Telephone Trottoire", d.h. einem Netzwerk "sozialer Telefonie", das für die internationale kongolesische Diaspora erdacht wurde, zurückverfolgt werden können. Dieses Projekt baut auf dem "Radio Trottoire" auf, ein in Kongo übliches Kommunikationsmittel, mit dem Neuigkeiten an Straßenecken von Mund zu Mund weitergegeben werden, um staatlicher Kontrolle zu entgehen. Der Jury erschien die Vorstellungskraft und die Einbeziehung von gesellschaftspolitischen Zielen außergewöhnlich. Durch ihre aussergewöhnliche Vorstellungskraft haben die Künstler einen erfolgreichen Ansatz gefunden, sich mit Themen auseinander zu setzen, die uns auf globaler Ebene betreffen, sich aber anfänglich auf lokaler Ebene zeigen. Diese Arbeit verdient im Rahmen der transmediale 09 in jedem Fall Anerkennung."

Quellen: Exhibition Text und Award Text zu Tantalum Memorial

Online-Event


Eléonore Hellio, Dicoco Boketshu (Kinshasa), Dominique Malaquais, Thomas Lucas (Berlin) / MOWOSO Mikili Way

"In einer Welt, die im Krieg liegt und von Ignoranz, postkolonialer Politik und Vorurteilen bestimmt wird, gibt es nur wenige Möglichkeiten für einen Austausch. Mikili ist ein Ort, der kulturellen Begegnung. Unsere Absicht ist es, Berlins transmediale und Kinshasa, Hauptstadt der demokratischen Republik Kongo zu defragmentieren und auszutauschen. MOWOSO, ein in Kinshasa ansässiges, transmediales Kollektiv wird dies ermöglichen. Mikili ist ein audiovisuelles Live-Interface: Über Screens, Chats, Videos, Fiktion und Narration wird das globale Satellitensystem durch unsere soziale Interaktion herausgefordert."

Quelle: www.eternalnetwork.org/mowoso


Special guest: Jaromil discussing Coltan and Blood

"Ursprünglich ausgebildet als Linguist, ist Denis Rojo (Jaromil) ein Künstler, Theoretiker und Programmierer, der zur Zeit in Amsterdam arbeitet. Durch seinen Einsatz für die Entwicklung und Distribution von freier und offener Software versucht er vorhandene Beschränkungen und Grenzen zu überwinden, seien sie wirtschaftlicher, sozialer oder wissenschaftlicher Natur. Er bezieht eine alternative Position zu Systemen, die sich an "Profit und Macht" orientieren und engagiert sich rückhaltlos für den Aufbau von Netzwerken als ein Mittel, Werkzeuge zu teilen – und entscheidet sich damit, Wissen als einen dialogischen und nichthierarchischen Prozess zu begreifen. Indem er persönliches Wissen in gemeinschaftliche Aktionen einbringt, zeigt er ein tiefes Verständnis der Probleme unserer Zeit und möglicher Lösungen."

Quelle: http://jaromil.dyne.org, http://tbt.dyne.org

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