Die LGBTI-Bewegung und soziale Medien in Afrika: Eine Bestandsaufnahme

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Die LGBTI-Bewegung und soziale Medien in Afrika: Eine Bestandsaufnahme

Sokari Ekine ist eine Aktivistin für soziale Gerechtigkeit mit einem multidisziplinären Hintergrund im Bereich Menschenrechte und Gender in Afrika, Erziehung und sozialen Medien.

22. April 2010
Sokari Ekine
Zur Zeit wird Homosexualität in 38 Ländern Afrikas - die Mehrheit davon ehemalige britische Kolonien - als Straftatbestand geahndet. Die Strafen fallen unterschiedlich hart aus: von Bußgeldern über Haftstrafen (3 Monate - 14 Jahre) bis hin zur Todesstrafe in manchen islamisch geprägten Staaten. In den letzten sechs Jahren hat sich eine lautstarke Gemeinschaft von AktivistInnen aus allen Ecken des Kontinents immer vehementer für LGBTI-Rechte (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle) und die Entkriminalisierung gleichgeschlechtlicher Beziehungenen stark gemacht. Drei sich überschneidende Fragen sollen in diesem Überblick über die LGBTI-Bewegung in Afrika beantwortet werden: Wie reagieren nationale Regierungen auf das neue, offensive Auftreten der Bewegung? Wie bewältigt die Bewegung die zahlreichen Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert wird? Und wie wird die Bewegung von der internationalen queeren Community sowie den Mainstream-Medien wahrgenommen und dargestellt? Besonders die letzte Frage ist von großer Bedeutung, da sie uns anregt Homophobie und LGBTI-Rechte aus einer globalen und historischen Perspektive zu betrachten statt sie nur im afrikanischen Kontext zu problematisieren.

Der Fall Uganda

Während LGBTI-AktivistInnen zunehmend Präsenz zeigen, reagieren viele afrikanische Regierungen mit verschärften Mitteln: Einschüchterung, Verhaftungen, Folter, Ausweitung der existierenden Rechtsprechung, lebenslängliche Haft oder sogar Todesstrafe. Ugandas „Anti-Homosexuality Bill“, im September 2009 von dem Abgeordneten der ugandischen Regierungspartei David Bahati, eingebracht, ist hierbei die drakonischste Rechtsprechung die im Moment diskutiert wird. Und warum braucht Ugandas Strafrecht, das aus der britischen Kolonialzeit stammt, eine Erweiterung, stellt es Homosexualität doch bereits unter Strafe? Hierzu muss zunächst begriffen werden dass der Gesetzesentwurf auf einer religiösen Moralität beruht, die sich u.a. den „Schutz der Familie“ auf die Banner schreibt. Es wird beabsichtigt die bestehende Gesetzgebung auf jedes Individuum zu erweitern, „das mit Personen, die gleichgeschlechtliche Beziehungen pflegen, verkehrt, diese unterstützt oder Zeuge solcher Beziehungen wird“. Der Gesetzesentwurf erweitert somit die Definition eines „homosexuellen Akts“ und erhöht die Strafe. Während ursprünglich die Todesstrafe für wiederholte Vergehen, für HIV-Positive und für alle gleichgeschlechtlichen Akte mit Minderjährigen vorgesehen war, wurde diese Bestimmung nun infolge internationalen Drucks durch lebenslange Haft ersetzt.

MenschenrechtsaktivistInnen und MitarbeiteInnen von HIV/AIDS-Organisationen wären zunehmend Gefahren ausgesetzt, da das neue Gesetz ihre Arbeit in den Bereich der Illegalität verlagert. Zudem würde die Diskriminierung gegen LGBTI institutionalisiert: sie hätten keinen Anspruch auf Wiedergutmachung, wenn sie angegriffen, vergewaltigt oder diskriminiert werden. Auch die moralische Unterstützung wird sinken. Sogar jemanden auf eine „schwule“ oder „lesbische“ Weise anzufassen wäre strafbar. Frauen werden noch mehr als bisher von Vergewaltigung bedroht sein, da der Täter sie als Lesbe diffamieren kann, womit impliziert wird, dass sie die Vergewaltigung verdient habe.

Diskriminierung und Anti-LGBTI Propaganda in anderen afrikanischen Ländern

Uganda ist nicht das erste und einzige Land Afrikas in dem die Kriminalisierung von Homosexualität weiter vorangetrieben wird. In Nigeria gab es zwei entsprechende Gesetzesvorschläge – die Same Sex Marriage Bill (2005) und die Same Gender Marriage Bill (2007). Die Todesstrafe war indes nicht Bestandteil dieser Entwürfe, und nach einer intensiven Kampagne von Nigerianischen MenschenrechtsaktivistInnen wurden beide ad acta gelegt. Zwar gilt unter der in vielen nordnigerianischen Bundesstaaten eingeführten Schari’a die Todesstrafe für Männer. Da die Schari’a jedoch nach Bundesrecht verfassungswidrig ist, ist es unwahrscheinlich dass es tatsächlich zu einer Hinrichtung kommt.

In anderen Ländern ist es zu besorgniserregenden Gerichtsfällen gekommen. So wurden 2005 in Kamerun neun Männern Sodomie und homosexuelle Akte angelastet, eine Freilassung auf Kaution wurde verwehrt. Zwar ließ man die Anklage nach einem Jahr fallen und die Männer frei – die Traumatisierung und Stigmatisierung durch das Erlebnis sind jedoch nicht wieder gutzumachen. Ein ähnlicher Fall ereignete sich im Senegal, wo männliche Mitarbeiter einer HIV/AIDS-Advocacy-Organisation zu 14 Jahren Haft wegen Sodomie verurteilt wurden, ein Richterspruch der in der Berufung revidiert wurde. Ebenso nahm die Polizei 2007 im Norden Nigerias 18 Männer fest, die sich als Frauen verkleidet hatten. Der Straftatbestand lautete auch in diesem Fall Sodomie. In Malawi, schließlich, wurde im Dezember vergangenen Jahres ein schwules Paar bei seiner Hochzeit festgenommen und wegen „unnatürlicher Verstöße“ sowie „unsittlichen Praktiken zwischen Männern“ angeklagt. Die beiden Männer, die immer noch auf ihr Gerichtsverfahren warten, wurden ohne ihre Zustimmung einer medizinischen Untersuchung unterzogen - eine unmittelbare Verletzung ihrer Menschenrechte.

Die Inhaftierung der neun kamerunischen Männer war entscheidend für die Politisierung der LGBTI-Bewegung im Land und hat zur Entstehung der politischen Plattform lesbi beigetragen, die heute aktiv für LGBTI-Rechte eintritt. Es ist sehr gut möglich, dass sich eine ähnliche Entwicklung in Malawi abspielen wird, wo AktivistInnen dem Paar bereits mit juristischer Beratung zur Seite stehen. Allgemein gesprochen hat die Einschüchterung und Verhaftung von LGBTI-Personen also die Kampagnen für sexuelle Rechte und Entkriminalisierung bedeutend vorangetrieben. Gleichzeitig sind der malawische und nigerianische Fall insofern interessant, als dass ersterer gegen die Verfassung von Malawi verstößt, da diese alle Formen von Diskriminierung verbietet. Im Norden Nigerias, wiederum, gibt es eine Tradition des cross-dressing unter Männern die vor der Sodomie-Anklage gesellschaftliche Akzeptanz fand. Die Liste der Länder, in denen religiöse oder politische Autoritäten sich abfällig gegenüber LGBTI-Personen äußerten ließe sich noch fortsetzen (Kenia, Simbabwe, Sambia).

Südafrika: Das vermeintlich queere Mekka Afrikas

Obwohl Südafrika 1996 als erstes Land weltweit den Schutz vor Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung in seiner Verfassung verankerte, ist die Gesellschaft immer noch stark von Homophobie geprägt. Schwarze Lesben, die in Townships wohnen, werden besonders häufig Opfer von Vergewaltigungen, Gewalt und sogar Mord, wie im Fall der berühmten Fußballerin Eudy Simelane. Der Gerichtsprozess um ihren Ermordung wurde begleitet von einer regen Kampagne unter der Führung des Lesbian and Gay Equality Project. Obwohl das Interesse für den Fall in den internationalen Medien sehr groß war, musste die Kampagne mit äußert geringen Ressourcen zurechtkommen und sich vielen Schwierigkeiten stellen. Dennoch konnte ein Mindestmaß an Gerechtigkeit erkämpft werden: Eudys Mörder wurde letztlich im September 2009 zu lebenslanger Haft verurteilt. Darüber hinaus hat das Verfahren die öffentliche Aufmerksamkeit auf Hassverbrechen gegen Lesben in Südafrika gelenkt.

Eine verzerrte Sicht auf Homophobie in Afrika

Ohne Zweifel, es gibt gravierende Verstöße gegen nationale und internationale Menschenrechte in Afrika und die Entwicklungen in Uganda erfordern massive Proteste um die Verabschiedung der „Anti-Homosexuality Bill“ zu verhindern. Allerdings sind Behauptungen von internationalen Medien, Bloggern und sogar internationalen LGBTI-Organisationen, dass „eine Lawine von Homophobie“ oder „eine neue Welle von Hass und Intoleranz über Afrika hinwegrollt“ übertrieben und unfundiert. Solche Aussagen laufen Gefahr Homophobie durch eine rassistische Brille zu betrachten, als etwas spezifisch Afrikanisches: schwarz und muslimisch / nahöstlich / POC (person of colour). AfrikanerInnen die von der Gender-Norm abweichen oder gleichgeschlechtliche Begierden haben, werden als Opfer einer heimischen Homophobie und religiösen Intoleranz dargestellt, obgleich beide Phänomene auch außerhalb des Kontinents verbreitet sind, v.a. in der evangelisch-christlichen Rechten in den USA. Es ist diese Gruppe, die im globalen Süden – und in Uganda im Besonderen – ihre Propaganda verbreitet und erheblichen Schaden anrichtet. Problematisch ist auch die Übertragung westlicher, eurozentrischer Identitäten auf afrikanische LGBTI-Personen. Diese wird den zahlreichen historischen und gegenwärtigen Ausdrucksformen gleichgeschlechtlichen Begehrens zwischen people of colour außerhalb des globalen Nordens nicht gerecht.

Erfolge der LGBTI-Bewegungen

Zu wenig wird berichtet über die Erfolge und Kampagnen afrikanischer LGBTI- und MenschenrechtsaktivistInnen in den letzten fünf Jahren, deren bedeutendster Verdienst die erhöhte Sichtbarkeit von LGBTI-Personen ist. Öffentlich Präsenz zu zeigen hat viele Leben gekostet und bleibt mit einem hohen Risiko vor allem für Lesben und Transgender verbunden. Je sichtbarer LGBTI-Personen in der Gesellschaft sind, umso mehr kann das Mantra religiöser und politischer Wortführer, gleichgeschlechtliches Verlangen und Abweichungen von Gender-Normen seien „unafrikanisch“, durchbrochen werden, so die Vermutung der AktivistInnen. Die erhöhte Präsenz hat eine öffentliche Diskussion angestoßen, Zugang zu Informationen erleichtert und Leute dazu angeregt über die Ausgrenzung ganzer Gesellschaftsgruppen von grundlegenden Rechten nachzudenken.

In diesem Rahmen wurden einige nationale und pan-afrikanische Organisationen gegründet, die auf der grassroots-Ebene ansetzen und versuchen Gemeinden zu sensibilisieren. In Uganda sind in erster Linie SMUG (Sexual Minorities Uganda) und CAL (Coalition of African Lesbians) als Flaggschiffe der Kampagne gegen die „Anti-Homosexuality Bill“ zu nennen. Große Wellen schlug der Fall von Victor Mukasa, Begründer von SMUG, dessen Wohnung 2005 durchsucht und Dokumente beschlagnahmt wurden. Victor beschloss den Kampf gegen Ugandas Generalstaatsanwalt aufzunehmen, und im Dezember 2008, nach drei Jahren des Versteckens, voller Enttäuschungen und Beeinträchtigungen seiner physischen und emotionalen Gesundheit endete das Gerichtsverfahren zu seinen Gunsten. Der zuständige Richter kam zu dem Schluss, dass die Aktionen der Polizei „verfassungswidrig und unmenschlich waren, und verurteilt werden sollten.“ Es sei wichtig, „die Menschenrechte zu respektieren und zu schützen, im Geiste der Brüder- und Schwesterlichkeit“.

Von dem eben diskutierten Prozess ging ein Impuls aus, der immer mehr Leute in Uganda dazu ermutigte sich für die Menschenrechte von LGBTI-Personen einzusetzen. Dieses Muster ist in vielen Teilen Kontinents zu beobachten: Mit jedem Strafverfahren gegen LGBTI-Personen wächst die Kraft der Anti-Diskriminierungs-Bewegung.

Ein weiteres positives Beispiel ist die südafrikanische NGO Gender Dynamix, die es geschafft hat Transgender-Themen auf die politische Agenda zu setzen. 2008 fand der erste „Afrikan Trans Workshop“ in Kapstadt statt, mit Teilnehmern aus allen Gegenden des südlichen Afrika. Es war ein bahnbrechendes Treffen, ein visionärer Moment für Transgender des ganzen Kontinent. Andere Organisationen, wie zum Beispiel AMSHeR (African Men for Sexual Health & Rights) verschaffen Männern, die Sex mit Männern haben (MSM) Zugang zu HIV/AIDS-relevanten Informationen und zu antiretroviralen Medikamenten. Letztlich ist es zu einem großen Teil der LGBTI-Bewegung zuzuschreiben, dass Menschenrechte im politischen Diskurs vieler afrikanischer Länder einen immer wichtigeren Platz einnehmen.

Die Rolle der sozialen Medien

LGBTI-Gruppen in Afrika nutzen soziale Medien bisher nur in geringem Maße für ihre Kampagnen. Auch wenn die meisten Organisationen eine Website haben, findet man dort hauptsächlich Informationen über die jeweilige Gruppe statt kampagnenrelevanter Texte. Ausnahmen bilden Gender Dynamix, die ein Ressourcen- und Nachrichtenportal für Transgender und –sexuelle Themen betreiben, sowie Behind the Mask, einer pan-afrikanischen Homepage mit LGBTI-Ressourcen. Stattdessen laufen die meisten Kampagnen, Nachrichten und Debatten über das soziale Netzwerk Facebook. AktivistInnen greifen auf Funktionen wie Pages, Groups, Petitions und Notes zurück, um sich zu koordinieren, genauso wie hier viele Schrifststeller, Fotografen und Filmemacher aus der afrikanischen LGBTI-Bewegung Profile angelegt haben. Hier findet rege Interaktion statt, Kampagnen werden an ein internationales Publikum herangetragen. Andere soziale Medien wie Twitter werden hingegen kaum genutzt, und es gibt erst ein paar Blogs (Gay Uganda, African Activist, Black Looks), die sich regelmäßig mit LGBTI-Themen in Afrika auseinandersetzen. Es wird jedoch ausschlaggebend für die zukünftigen Erfolge der relativ kleinen Zahl afrikanischer LGBTI-AktivistInnen sein, wie sie zugleich Online-Kampagnen intensivieren und ihre extrem wichtige nationale Arbeit, sowohl gegenüber der Regierung als auch auf grassroots-Ebene, beibehalten können.

Ausblick

LGBTI-Kampagnen in Afrika müssen in einem globalen Kontext wachsender Homo- und Transphobie verstanden werden, die zuallererst von religiösen Institutionen und der politischen Rechten befördert wird. Es steht durchaus noch ein langer Kampf aus, nicht nur um Homosexualität zu entkriminalisieren, sondern auch um Gemeinden dafür zu sensibilisieren, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen zum Spektrum menschlicher Sexualität gehören. Gleichzeitig sollte nicht übersehen werden, dass AktivistInnen sich bereits aktiv mit Regierungen auseinandersetzen, um einer kriminalisierenden Rechtsprechung entgegenzutreten. Sie zeigen immer mehr Präsenz, sei es durch Kampagnen an der Basis oder in sozialen Medien wie Facebook – und das trotz der Gefahren, die sich daraus ergeben. Die Kampagne gegen Ugandas „Anti-Homosexuality Bill“ ist ein hervorragendes Beispiel für eine Aktionsform, die den Kontinent vereint. In Anbetracht der derzeitigen Bemühen und des Muts afrikanischer LGBTI-AktivistInnen glaube ich, dass die Gesetzesvorlage im besten Fall zurückgezogen, und im schlimmsten Fall mit bedeutenden Abänderungen verabschiedet wird. Und sei es nur um das Gesicht derer zu wahren, die den Entwurf ursprünglich einbrachten.

Sokari Ekine ist eine Aktivistin für soziale Gerechtigkeit mit einem multidisziplinären Hintergrund im Bereich Menschenrechte und Gender in Afrika, Erziehung und sozialen Medien. Sie war als Pädagogin tätig, arbeitete an zahlreichen Onlinepublikationen mit und ist die Autorin des Blogs Black Looks. Zur Zeit ist Sokari freischaffend in Journalismus und Forschung tätig.

CAL (Coalition of African Lesbians) ist langjähriger Projektpartner der Heinrich-Böll-Stiftung in Südafrika

Weitere Information über LSBTI/LGBTI in Afrika.

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