Der lange Weg in die Freiheit

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Der lange Weg in die Freiheit

Repräsentanten des South African Native National Congress 1914 in England
Logo des ANC

Die wechselvolle Geschichte des ANC bis zur Freilassung Nelson Mandelas

4. Januar 2012
Renate Wilke-Launer

Der African National Congress (ANC), Afrikas älteste Befreiungsbewegung, hat 80 Jahre darum kämpfen müssen, überhaupt als Verhandlungspartner akzeptiert zu werden. Die Gründungsväter schrieben Petitionen, die entrechteten Afrikanerinnen und Afrikaner verweigerten sich mit zivilem Ungehorsam, die Gewerkschaften streikten und die Guerillas verübten Sabotageakte. So entstand ein breites Bündnis, das am Ende mit Unterstützung von Menschen in aller Welt die Apartheidregierung zum Einlenken zwang. Eine bewegte und bewegende Geschichte des ANC.


Kompromiss zu Lasten der Afrikaner

Den bitteren, über mehrere Jahre militärisch ausgefochtenen Kampf um die Kontrolle über Land und Leute, um Liberalität und Lebensstil hatten die Buren ¹  1902 zwar verloren, doch bei den Verhandlungen über die gemeinsame Zukunft der vier Republiken an der Südspitze Afrikas kamen ihnen die siegreichen Briten weitgehend entgegen. Beide, die überwiegend auf dem Land lebenden holländischstämmigen Siedler und die britisch dominierte Minenindustrie, waren daran interessiert, weiter billige Arbeitskräfte zu haben. Und die Briten hatten mit dem Kolonialreich vom Kap bis nach Kairo noch ganz andere Pläne. Den Buren in der für sie so wichtigen Frage des Ausschlusses der Afrikaner vom Wahlrecht entgegenzukommen – das kostete sie nicht viel.

So erfolgte der Kompromiss zu Lasten der übrigen Bevölkerungsgruppen Südafrikas: der Schwarzen, der Coloureds und der Inder. Während die – ohnehin begrenzten – Rechte der Mehrheit zur Disposition gestellt wurden, erwuchs den Buren aus der militärischen Niederlage ein politischer Sieg, der für die Entwicklung Südafrikas im 20. Jahrhundert bestimmend wurde, aber auch zu wachsendem Widerstand führte.

Appelle an die Briten

Afrikaner, die an der Seite der Briten gekämpft und ihre Siege als Beginn einer besseren Zukunft begrüßt hatten, sahen sich nach Kriegsende bitter enttäuscht. Die aus den Missionsschulen hervorgegangene Elite begann, sich besser zu organisieren. Die Mitglieder der verschiedenen Vereinigungen, etwa des 1898 gegründeten South African Native Congress (SANC), richteten ihre überaus höflichen Petitionen, Kampagnen und Leitartikel immer noch an die Briten, von denen sie sich Interventionen zu ihren Gunsten erhofften. Als 1909 der Entwurf für den South Africa Act für die Gründung der Südafrikanischen Union bekannt wurde, der ein weißes Parlament vorsah und lediglich das an bestimmte Qualifikationen gebundene Wahlrecht der Afrikaner in der Kapkolonie absicherte, löste dieser „Verrat“ eine hektische Aktivität aus.

Beflügelt und eloquent vorgetragen wurde der Protest vom früheren Premierminister der Kapprovinz, Rechtsanwalt William Schreiner. Er warnte, die Verweigerung von Rechten sei ein gravierendes Unrecht, das „am Ende mit bösen Folgen auf weiße Südafrikaner zurückfallen“ würde. Im Juli 1909 lancierte Schreiner ein Schreiben an mehr als 1000 britische Politiker und reiste mit einer Delegation schwarzer und farbiger Vertreter nach London. Doch ihre Appelle fruchteten nichts, am 19. August wurde der South Africa Act vom britischen Unterhaus verabschiedet – mit den nach Hautfarbe diskriminierenden Bestimmungen.  

Der Widerstand überschreitet Grenzen

Zu der neunköpfigen Delegation gehörte Dr. Abdullah Abdurahman, ein in Schottland ausgebildeter südafrikanischer Arzt. Er war 1905 zum Vorsitzenden der African Political Organisation (APO) gewählt worden, die er bis zu seinem Tod 1940 leitete und zur mächtigsten Interessenvertretung der diskriminierten Bevölkerungsgruppen ausbaute. Ursprünglich als Organ der überwiegend in der Kapprovinz lebenden Coloureds gegründet, suchte Abdurahman den Schulterschluss mit den Organisationen der schwarzen Bevölkerung. Mit „der Bezeichnung ‚coloured’ seien alle gemeint, die britische Untertanen in Südafrika und nicht Europäer seien“, erklärte er 1909 unter dem Beifall der Delegierten.  

Die überwiegend in der Provinz Natal lebenden Inder wurden zwischen 1893 und 1914 von Mahatma Gandhi inspiriert, organisiert  und juristisch vertreten. Sie waren als fünf Jahre gebundene Vertragsarbeiter nach Südafrika geholt worden oder als selbständige Händler gekommen, wurden nun aber zunehmend daran gehindert, sich niederzulassen oder als Händler tätig zu sein. Gandhi gründete 1894 den  Natal Indian Congress und entwickelte in Südafrika verschiedene Formen des gewaltlosen Widerstandes, die er später in Indien in großem Rahmen einsetzte. Das Verbrennen der den Indern im Transvaal aufgezwungenen Meldescheine (1908 in Johannesburg) hat später afrikanische Frauen zu ähnlichen Aktionen inspiriert.

Aufstand gegen die Steuer

In Natal gab es 1906 auch den letzten bewaffneten Aufstand gegen die koloniale Politik. Um die über Arbeitskräftemangel klagenden Farmer zu unterstützen, hatten die Behörden zusätzlich zur Hütten- noch eine Kopfsteuer für Männer erlassen, wohlwissend, dass diese dazu Arbeit in den Minen oder auf Farmen annehmen mussten. Zu denen, die die Zahlung der Steuer verweigerten, gehörte der Chief des Zondi-Klans, der aus dem Nkandla-Wald heraus einen Guerilla-Kleinkrieg führte. Die Briten verhängten das Kriegsrecht und ließen ihre Soldaten den Aufstand niederschlagen. Bewaffneter Kampf, so die Botschaft, werde nicht geduldet. Mehr als 3000 Zulus starben, mehr als 7000 wurden inhaftiert und über 4000 ausgepeitscht. „Das war kein Krieg, sondern Menschenjagd“, hat Gandhi später die ungleiche Auseinandersetzung kommentiert.   

Weiße Union …

Die Auseinandersetzungen im Umfeld der Unionsgründung (1910) hatten das politische Bewusstsein insbesondere der schwarzen Mittelschicht gestärkt und zum ersten Mal im ganzen Land zu bedeutenden Aktivitäten geführt. Die „weiße Union“ war für die schwarzen Südafrikaner eine große Enttäuschung. Mit ihr schwand das Vertrauen, dass liberale und ihnen freundlich gesonnene weiße Vertreter etwas für sie durchsetzen würden oder könnten. Schon mit Gründung der Union waren die relativ liberalen Traditionen der Kapprovinz missachtet und den Afrikanern das passive Wahlrecht genommen worden. Und bald danach zeichnete sich ab, dass es weitere Beschränkungen geben würde, dass die drei konservativeren Landesteile den Ton angeben würden. Die relativ kleine, aber wachsende schwarze Elite setzte deshalb auf eine eigene nationale Organisation, die ihre politischen Ziele friedlich vertreten sollte.  

… provoziert schwarze Opposition

Pixley ka Isaka Seme, ein in den USA und Großbritannien ausgebildeter Rechtsanwalt, wollte der „weißen“ Union eine der schwarzen Bevölkerung („native union“) entgegensetzen. In einem Beitrag für die Zeitung Imvo Zabantsundu schrieb er im Oktober 1911: „Der Dämon der rassischen Unterscheidung und Unterschiede muss begraben und vergessen werden; er hat unter uns für genügend Blutvergießen gesorgt. Wir sind ein Volk. Diese Spaltungen, diese Eifersüchteleien sind die Ursache all unserer Sorgen und auch Grundlage all unserer derzeitigen Rückständigkeit und Ignoranz.“ 

Nach drei Monaten intensiver Planung war es soweit: Mehr als 60 prominente Vertreter des schwarzen Südafrika versammelten sich am 8. Januar 1912 in Bloemfontein, umringt und beobachtet von mehreren hundert Menschen. Nach Gebet und Gesang wandte sich Seme an seine Mitstreiter („Häuptlinge königlichen Bluts und Gentlemen unserer Rasse“): „Wir haben festgestellt, dass Afrikaner in dem Land, in dem sie geboren sind, wie ‚Holzhauer und Wasserträger’ (hewers of wood and drawers of water, eine biblische Metapher) behandelt werden.“ In der von den Weißen institutionalisierten Union hätten sie weder bei der Verabschiedung der Gesetze noch bei ihrer Anwendung irgendein Mitspracherecht.

Dem rauschenden Beifall für diesen Beitrag folgte die einstimmige Gründung des South African Native National Congress (SANNC), der dann 1923 in African National Congress (ANC) umbenannt wurde. Zum Präsidenten wurde – in absentia – John Langalibalele Dube gewählt, Pfarrer und Schulrektor aus Natal. Dr. Walter Rubusana, ebenfalls Pfarrer und als erster Schwarzer gewähltes Mitglied des Rates der Kapprovinz, wurde Ehrenpräsident. Sol T. Plaatje, der sich als Autodidakt zu einem angesehenen Schriftsteller und Journalisten entwickelt hatte, wurde Generalsekretär, Pixley ka Isaka Seme bekam das Amt des Schatzmeisters und der Bauunternehmer Thomas Mtobi Mapikela das des Sprechers.

Plädoyer für Moral und Vernunft

Die Versammlung ernannte einen Arbeitsausschuss, der eine Satzung erarbeiten sollte, nach der die neue nationale Organisation ein Dachverband für die zerstreuten und schwachen afrikanischen Organisationen sein und ihnen ein Forum bieten sollte, um beim Unionsparlament vorstellig zu werden, weiße Mitstreiter zu mobilisieren und im Namen aller Afrikaner des Landes politischen Druck auszuüben. Wie sehr viele der honorigen Herren immer noch auf Gehör und Einsicht für ihre sehr berechtigten Forderungen setzten, zeigt ein Zitat von Präsident Dube: „Ausdauer, Geduld, Vernunft und die gentlemanartigen Züge der Afrikaner sowie ihr gerechtes Anliegen“ würden am Ende die auf die Hautfarbe bezogenen Vorurteile zu Fall bringen und „sogar unsere Feinde dazu zwingen, zu unseren Bewunderern und Freunden zu werden“.

Von den weißen Zeitungen des Landes berichtete keine einzige über die Gründungsversammlung. Die gebildeten Herren (Pfarrer, Rechtsanwälte, Lehrer und Journalisten) gründeten aber mit Abantu Batho schnell ihre eigene Wochenzeitung; finanzielle Unterstützung dafür kam von der regierenden Königinmutter Swazilands. Das Blatt hatte Seiten in Zulu, Xhosa, Sotho und Englisch und wurde im ganzen Land vertrieben.

Landraub per Gesetz

Gleich nach dem Gründungskongress musste sich der SANNC mit der Landfrage beschäftigen. Die neue Regierung war bestrebt, die Spielregeln in der Union schnell festzulegen, und das hieß, die Rechte und Möglichkeiten der schwarzen Bevölkerung durch immer neue Gesetze so zu beschränken, dass sie nur „hewers of wood and drawers of water“ sein, also einfache Arbeiten verrichten konnten. Im April 1913 wurde im Eilverfahren ein drakonisches Gesetz durch das Parlament gebracht, das den etwas mehr als vier Millionen Afrikanern (67 Prozent der Bevölkerung) Landbesitz nur auf 7,5 Prozent des Territoriums und nur in dafür vorgesehenen Gebieten erlaubte.    

Der SANNC war schockiert; Sol. T. Plaatje hat darüber in seinem 1916 erschienenen Buch „Native Life in South Africa“ geschrieben: „Wenn jemand uns zu Beginn des Jahres 1913 gesagt hätte, dass eine Mehrheit der Mitglieder des Unionsparlaments bereit sein würde, ein Gesetz wie den Natives Land Act zu verabschieden, dessen Ziel es ist, Schwarze daran zu hindern, jemals über den Status von Dienstpersonal für die Weißen hinauszuwachsen – eine solche Person hätten wir als geeigneten Insassen für ein Irrenhaus betrachtet.“

In einer Petition an Premierminister Louis Botha erhob John Dube keine grundsätzlichen Einwände gegen getrennte Entwicklung, sofern sie fair und praktikabel umgesetzt werde; er sprach aber deutlich aus, was das Gesetz bewirken sollte: Afrikanern die Möglichkeit zu nehmen, wirtschaftlich selbständig zu sein. Stattdessen müssten sie zu niedrigen Löhnen dienen und dann auch noch hohe Mieten bezahlen. Doch diese und alle weiteren Petitionen wurden missachtet, auch die 1914 angetretene Reise einer Delegation nach London blieb ergebnislos.

Missachtete Loyalität

Mitten in die Jahreskonferenz des SANCC 1914 platzte die Meldung vom Ausbruch des 1. Weltkrieges. Die Delegierten beschlossen sogleich, auf öffentliche Kritik an der Regierung zu verzichten und sie in dieser Krise zu unterstützen. Mehr noch: Walter Rubusana wurde beauftragt, Jan Smuts, dem Verteidigungsminister, die Rekrutierung von 5000 Mann für den militärischen Dienst in Deutsch-Südwestafrika anzubieten.

Dass Smuts dieses von patriotischer Loyalität getragene Angebot ablehnte und dann aber unbewaffnete afrikanische Hilfskräfte in den Krieg gegen die Deutschen schickte, verletzte die Afrikaner tief. Als auch ihre Forderung, einen Afrikaner mit zu den Friedensgesprächen nach Versailles zu nehmen, missachtet wurde, machte sich eine eigene Delegation nach Frankreich auf. Der Empfang beim britischen Premierminister Lloyd George war freundlich, in der Sache aber ergebnislos. Und so war dies der letzte Versuch, über Großbritannien auf die südafrikanische Regierung einzuwirken.

Die erste Massenorganisation …

So klar der SANCC erkannte, worauf die Unionsregierung hinauswollte, so begrenzt blieb doch seine Opposition der moralischen Argumentation, der Petitionen und Proteste: Konfrontationen waren seine Sache nicht. Weil er sich auch wenig um die „Brot-und-Butter“- Fragen des Alltags kümmerte, erwuchs ihm mit der 1919 von Hafenarbeitern in Kapstadt gegründeten und von Clements Kadalie geleiteten Industrial and Commercial Workers’ Union (ICU), einer Mischung aus Gewerkschaft und politischer Partei, bald eine mächtige Konkurrenz. Sie rekrutierte nicht nur in den Städten Mitglieder, sondern auch bei den Arbeitern und Pächtern auf weißen Farmen. An verschiedenen Orten des Landes kam es zu Protestmärschen, Konfrontationen mit der Polizei und Aufbegehren gegen die alltäglichen Diskriminierungen. Doch trotz der numerischen Stärke der ICU mit angeblich mehr als 150 000 Mitgliedern führten schlechte Organisation, erbitterter Streit, finanzielle Skandale und enttäuschte Hoffnungen nur zehn Jahre später zu ihrem Niedergang.

… und eine kommunistische Kaderpartei

Etwa zur gleichen Zeit, 1921, wurde die zunächst rein weiße Communist Party of South Africa (CPSA) gegründet, die erstmals während der Witwatersrand-Rebellion weißer Minenarbeiter von sich reden machte. Auslöser des Aufstandes waren Pläne der Bergbaukonzerne, auch schwarze Arbeiter zu Aufsehern zu befördern. Obwohl die SACP seit ihrer Gründung gegen Rassismus eintrat, unterstützte sie die weißen Vorarbeiter unter der Parole Workers of the world, unite and fight for a white South Africa! (Arbeiter aller Länder, vereinigt euch und kämpft für ein weißes Südafrika!).

Nachdem der Arbeiteraufstand gescheitert war, orientierte sich die Partei auf dem Parteikongress 1924 um, sie „afrikanisierte“ sich. 1926 waren bereits 1600 der 1750 Parteimitglieder Coloureds und Schwarze. Doch die Bemühungen um Klassensolidarität zwischen weißen und schwarzen Arbeitern blieben weitgehend erfolglos. 1928 beschloss die Kommunistische Internationale auf dem 6. Komintern-Kongress in Moskau eine neue Ausrichtung für die Partei in Südafrika: Ziel der Arbeit sollte eine „unabhängige Eingeborenenrepublik als Schritt auf dem Weg zu einer Republik der Arbeiter und Bauern“ sein; diesem „korrekten“ Slogan - so hieß es in der Resolution über „Die südafrikanische Frage“ - habe die Partei sich bisher leider „dickköpfig“ verweigert. Zum Jahreswechsel 1928/29 wurde die neue Linie dann in Johannesburg folgsam angenommen.

Richtungsstreit im ANC

Im Rahmen ihrer neuen Ausrichtung bemühte sich die CPSA auch um den ANC, den sie bis dahin für einen reaktionären Verein gehalten hatte. Sidney Bunting und Edgar le Roux, zwei führende Kommunisten, gründeten 1929 die African League of Rights (ALR) und überredeten den ANC-Präsidenten Josiah Tshangana Gumede, den Vorsitz zu übernehmen. Die groß angelegte Unterschriftensammlung der ALR wurde bald darauf mit einem Telegramm aus Moskau gestoppt: Die KPdSU wähnte das kapitalistische System vor dem Zusammenbruch und wollte deshalb die Zusammenarbeit mit nichtmarxistischen Organisationen beendet sehen.

Gumede, Gründungsmitglied des ANC und seit 1927 dessen Präsidenten, war im gleichen Jahr zum Gründungskongress der Liga gegen den Imperialismus nach Brüssel und von da über Berlin weiter nach Moskau gereist. Was er in der Sowjetunion, insbesondere in Georgien, sah, begeisterte ihn so, dass er es später gegenüber seinen Zuhörern als „das neue Jerusalem“ beschrieb.

Den konservativen Kräften im ANC ging die Zusammenarbeit mit den Kommunisten zu weit. Einer der Chiefs fragte: „Der Zar war ein großer Mann in seinem Land, von königlichem Blut wie wir Chiefs, und wo ist er jetzt? Wenn der ANC weiter mit ihnen (den Kommunisten) fraternisiert, können wir Chiefs ihm nicht mehr angehören.“ Einen anderen bekümmerte die Perspektive, „von einem Mann regiert zu werden, der meine Kühe melkt und mein Feld bestellt.“ Der Richtungsstreit auf der Nationalkonferenz 1930 endete mit einem Sieg der konservativeren Kräfte. Mit 39 zu 14 Stimmen wurde Pixley ka Isaka Seme, der die Delegierten vor dem „Humbug des Kommunismus“ gewarnt hatte, zum Vorsitzenden gewählt.

Widerstand von anderer Seite

In den dreißiger Jahren ging es sowohl mit dem ANC als auch mit der CPSA bergab; der ANC war mehr oder weniger inaktiv, die Kommunisten beschäftigten sich mit Richtungsstreitigkeiten und internen Säuberungen. Von der ICU war, außer in Natal, kaum noch etwas übrig. Den bereits 1926 begonnenen, angestrengten Bemühungen von Premierminister Barry Hertzog, das ohnehin schon eingeschränkte Wahlrecht für Schwarze in der Kapprovinz endgültig auszuhöhlen, hatten diese Organisationen kaum etwas entgegenzusetzen.

Die Opposition wurde von anderen Persönlichkeiten und in neuem Rahmen organisiert. Abdullah Abdurahman hatte schon 1927 die erste Non-European Conference nach Kimberley einberufen. 45 Delegierte vertraten die schwarze Bevölkerung, 39 die Coloureds und 14 die Inder. Professor Davidson Don Tengo Jabavu und Dr. Alfred Bitini Xuma - später ANC-Präsident, damals aber noch nicht Mitglied - übernahmen Führungsrollen in der All-African Convention, die 1935 gegründet wurde und den Widerstand aus den verschiedenen Bevölkerungsgruppen bündelte. Doch am Ende stimmten 1936 nur 11 Parlamentarier gegen die Representation of Natives Bill. Ob man in dem neuen, lediglich beratenden Gremium mitarbeiten sollte, darüber waren die Mitglieder der All-African Convention unterschiedlicher Meinung. Trotz erheblicher Bedenken entschied sich Jabavu schließlich dafür.

Reform an Haupt und Gliedern

Dass die Führung des afrikanischen Widerstandes nun in den Händen der All-African Convention lag, erweckte den ANC zu neuem Leben. Bei der Jubiläumskonferenz 1937 wurde der methodistische Geistliche Zaccheus Richard Mahabane wieder zum Präsidenten und der anglikanische Pfarrer James Arthur Calata zum Generalsekretär gewählt, der in mühevoller Kleinarbeit die Ortsvereine wieder belebte und Xuma überredete, 1940 für den Vorsitz zu kandidieren. Xuma und Calata machten die bis dahin chaotische Organisation wesentlich effizienter und luden schwarze Intellektuelle wie ZK Matthews zur Mitarbeit ein. Der anklagende, auf Beteiligung pochende Grundton wurde ersetzt durch die selbstbewusste Erklärung, dass alle Individuen gleiche Rechte hätten – unabhängig von der Farbe ihrer Haut.    

Frauen werden aktiv

Frauen war es lange nicht gestattet, Mitglied im ANC zu werden. Dabei verstanden sie sehr gut, was bestimmte Maßnahmen für sie bedeuteten, und organisierten eigene Petitionen und Protestaktionen. Als 1913 im Orange Free State (OFS) verfügt wurde, dass sie ihre Aufenthaltserlaubnis monatlich würden erneuern müssen, hielten Frauen in der Waaihoek Location von Bloemfontein ein Protesttreffen ab und marschierten später zum Bürgermeister. Als das nichts fruchtete, zerrissen sie die Genehmigungen und provozierten ihre Festnahme. Der Polizei sollen sie zugerufen haben: „Wir haben genug von der Bittstellerei, wir fordern jetzt.“ Die Proteste weiteten sich auch auf andere Orte im Orange Free State aus. Unter ihrem Eindruck und dem des heraufziehenden Weltkrieges gaben die Behörden schließlich nach.

Aus den Protestaktionen ging die Bantu Women’s League (BWL) hervor. Ihre Präsidentin Charlotte Maxeke, die erste schwarze Akademikern des Landes, organisierte den Widerstand gegen den neuen Anlauf der Behörden des Orange Free State und führte 1918 eine Delegation zu Premierminister Louis Botha. 1922 konnten sie als Erfolg verzeichnen, dass die Regierung auf den Passzwang für Frauen verzichtete. Vorerst fand sie andere Wege, das Aufenthaltsrecht von Frauen zu beschränken. Die Bantu Women’s League wird heute offiziell als Vorläuferin der 1948 gegründeten ANC Women’s League in Anspruch genommen. Wenige Jahre zuvor (1943) waren Frauen offiziell als Mitglieder im ANC zugelassen worden.

Opposition in der Stadt

Der Zweite Weltkrieg brachte auch in Südafrika wirtschaftliche und soziale Veränderungen mit sich und – damit verbunden – politische Unruhe. Die elenden Lebensbedingungen auf dem Land und die während des Krieges gelockerte Zuzugskontrolle hatten immer mehr Schwarze in die Städte strömen lassen, wo der Wohnraum knapp und der Weg zur Arbeit weit war. Dagegen wehrten sie sich mit der Errichtung gut organisierter illegaler Siedlungen (squatter movement, 1944-1947) und lang andauernden Boykottaktionen gegen Preiserhöhungen bei den lebensnotwendigen Bussen (Alexandra bus boycotts, 1940-1945). Schon zuvor war mit dem Council of Non European Trade Unions (CNETU) ein mächtiger Gewerkschaftsdachverband gegründet worden.

Auch der CPSA, die 1939 gerade noch 300 Mitglieder in ihren Listen führte, gelang es, sich über patriotische Töne - schließlich war Südafrika ja indirekt mit der Sowjetunion verbündet - wieder ins Spiel zu bringen und neue Anhänger zu gewinnen. Gemeinsam mit dem ANC im Transvaal initiierte sie 1941 die Gründung der African Mineworkers’ Union, die bald schon 25 000 Mitglieder hatte. Im August 1946 legten 60 000 Minenarbeiter die Arbeit nieder, einer der größten Streiks in der südafrikanischen Geschichte. Er wurde von der Regierung Smuts brutal niedergeschlagen. Die Kommunisten erarbeiteten sich unter der Arbeiterschaft und im ANC in dieser Zeit viel Respekt.

Unruhe und Aufbegehren gab es auch im ANC. Eine Gruppe talentierter junger Männer, unter ihnen  Peter Mda, Nelson Mandela, Walter Sisulu und bis zu seinem frühen Tod als Vordenker und Anführer Anton Lembede, war mit der aus ihrer Sicht elitären und lahmen „alten Garde“ unzufrieden. Als Zugeständnis erklärte sich ANC-Präsident Xuma 1943 mit der Gründung der Congress Youth League (CYL) einverstanden. Sie warb schnell Mitglieder und erarbeitete ein Aktionsprogramm, das durch Boykotte, Streiks, zivilen Ungehorsam und andere Formen von Verweigerung die Abschaffung aller Institutionen erzwingen wollte, die nach Hautfarbe unterschieden. Dieses Programm, das bis dato radikalste, wurde 1949 auf der ANC-Jahreskonferenz angenommen. Als der lange gesprächsbereite und diese Ideen nicht grundsätzlich ablehnende Xuma sich für seine Wiederwahl von der Jugendliga keine Vorschriften machen lassen wollte, wurde nicht er, sondern ein radikalerer Kandidat, Dr. James Moroka, gewählt. Walter Sisulu wurde mit einer Stimme Mehrheit zum Generalsekretär gekürt, Nelson Mandela kam ins nationale Exekutivkomitee.  

Institutionalisierte Apartheid

Im Jahr zuvor hatte überraschenderweise die National Party (NP) von Daniel Malan die Wahlen der weißen Südafrikaner gewonnen. Die Afrikaner, so schrieb Albert Luthuli später in seiner Autobiographie, habe das zunächst nicht weiter beunruhigt: „Es schien nicht besonders wichtig zu sein, ob die Weißen uns mehr Smuts geben oder zu Malan wechseln würden. Unser Los hatte sich immer nur verschlechtert, und keine Wahl sah danach aus, dass sich die Richtung, in die wir gezwungen wurden, ändern würde.“

Doch die nun an die Macht gekommenen Afrikaaner (wie die Buren sich selbst nannten) machten sich daran, ihre Vorherrschaft systematisch festzuschreiben, Weiße und Schwarze auf allen Ebenen zu trennen und Gegner einer solchen Politik nicht nur einzuschüchtern, sondern aus dem öffentlichen Lebens zu verbannen.

Die Südafrikaner wurden nach Hautfarbe klassifiziert (Population Registration Act), gemischtrassische Ehen verboten (Prohibition of Mixed Marriages Act), die Wohngebiete nach Hautfarbe zugewiesen (Group Areas Act), die Menschen in öffentlichen Einrichtungen nach Hautfarbe getrennt (Reservation of Separate Amenities Act), minderwertige Bildung (Bantu Education Act) wurde institutionalisiert. 1950 wurde die unter Gewerkschaftern wieder präsente und respektierte CPSA verboten (Suppression of Communism Act), sie ging als South African Communist Party (SACP) in den Untergrund. Weitere Gesetze sollten Protestaktionen im Keim ersticken, begrenzen und kriminalisieren.  

Ziviler Ungehorsam

Die jungen Afrikanisten der CYL, die ursprünglich weder mit den Organisationen der anderen Bevölkerungsgruppen noch mit den Kommunisten gemeinsame Sache machen wollten, sahen bald ein, dass vereintes Vorgehen eher Erfolg versprechen würde. Zudem spürten jetzt auch Coloureds und Inder die ganze Härte der Apartheidpolitik. Vertreter des ANC und des South African Indian Congress (SAIC) planten gemeinsam die Defiance Campaign von 1952. Zur Auftaktveranstaltung in Fordsburg kamen im April allein 50 000 Menschen. Freiwillige brachen ab dem 26. Juni an ganz vielen Orten gezielt „ungerechte Gesetze“, setzten sich auf für Weiße bestimmte Parkbänke, bestiegen für sie verbotene Waggons, hielten sich nicht an Ausgehverbote. Die Regierung ließ mehr als 8000 Menschen verhaften und machte hastig neue Gesetze; 21 ANC-Führer wurden vor Gericht gestellt. Nachdem Präsident Moroka sich einen eigenen (weißen) Anwalt genommen hatte, der für ihn auf milde Behandlung plädierte, und selbst erklärte, er glaube nicht an die Gleichheit von Schwarzen und Weißen, war er als ANC-Vorsitzender nicht mehr tragbar. Neuer Präsident wurde 1952 Albert Luthuli.

Freiheitscharta von 1955

Der organisatorisch geschwächte, aber keineswegs demoralisierte ANC machte sich zusammen mit Vertretern anderer Bevölkerungsgruppen daran, die Zusammenarbeit zu stärken und so etwas wie eine gemeinsame Vision für ein Zusammenleben in Südafrika zu entwickeln. Trotz widriger Umstände, Überwachung und Behinderung durch die Polizei beteiligten sich sehr viele Menschen mit Eingaben an der Vorbereitung der „Freiheitscharta“ durch die Congress Alliance, einem Zusammenschluss von ANC, des SAIC, der Coloured People’s Organisation (später SA Coloured People's Congress, CPC) und dem Congress of Democrats (COD) – weißen Südafrikanern, die sich mit der Bewegung und ihren Zielen identifizierten.

Die Freiheitscharta wurde am 25./26. Juni 1955 vom Congress of the People - 2884 Delegierte: Schwarze, Coloureds, Inder und Weiße - auf einem staubigen Platz in Kliptown in der Nähe von Soweto feierlich angenommen. Mehr als 40 Jahre hat dieser kurze Text Menschen darin bestärkt, für ein Südafrika zu kämpfen, das „allen gehört, die daran leben“.

Dass die Polizei während der Beratungen Adressen notierte und Dokumente konfiszierte – davon haben sich die Delegierten in Kliptown nicht beirren lassen. Die Regierung aber ließ es dabei nicht bewenden, sie hat bald danach die Polizei Wohnungen durchsuchen lassen, Dokumente beschlagnahmt und Menschen durch Bann mundtot gemacht. 1956 wurden - generalstabsmäßig geplant - führende Persönlichkeiten verhaftet. 156 Aktivisten wurden wegen Landesverrats (Treason Trial) angeklagt - aber am Ende des Prozesses, 1961, sprach das Gericht alle frei. Das aber, so notierte Nelson Mandela in seiner Autobiographie, „bestärkte (…) den Staat nur in seiner Härte gegen uns. Die Lehre, die er aus allem zog, war nicht etwa, dass unsere Klagen begründet waren, sondern dass er noch rücksichtsloser vorgehen müsse.“

20 000 Frauen demonstrieren in Pretoria

Frauen aus der Kongressallianz hatten 1954 die Federation of South African Women (FEDSAW) gegründet, die bald darauf gegen die Ausdehnung des Passzwangs auf Frauen mobilisierte. Nach mehreren dezentralen Aktionen marschierten 20 000 Frauen im August 1956 zu den Union Buildings in Pretoria, um Premierminister Strijdom eine Petition zu übergeben. Der aber hatte es vorgezogen, an diesem Tag nicht im Büro zu sein. Die Frauen hielten eine halbe Stunde stumm Mahnwache und sangen dann zum Abschied ihre Hymne: „Strijdom, Du hast Dich mit den Frauen angelegt, Du bist auf Granit gestoßen.“ Lillian Masediba Ngoyi, Vorsitzende der ANC Women’s League und der Federation of South African Women, und Helen Joseph, Generalsekretärin der FEDSAW, wurden später verhaftet und im Treason Trial mit angeklagt.  

Abspaltung vom ANC

Unter dem Eindruck der Freiheitscharta hatte sich der Streit mit den verbliebenen „Afrikanisten“, die nicht mit den Oppositionellen anderer Bevölkerungsgruppen zusammengehen wollten, im Transvaaler ANC zugespitzt. Nach unschönen Auseinandersetzungen entschlossen sie sich 1958, den ANC zu verlassen und eine eigene Organisation zu gründen, den Pan Africanist Congress. Der wählte dann Robert Sobukwe zu seinem Vorsitzenden. Der PAC, so Sobukwe, stehe für eine Regierung von Afrikanern für Afrikaner. Weiße könnten auch dann nicht zu den Afrikanern gerechnet werden, wenn sie intellektuell für die afrikanische Sache streiten würden, da sie von der gegenwärtigen Ordnung materiell profitierten.

Sowohl der mitgliederstarke ANC als auch der nun Anhänger mobilisierende PAC planten zu Beginn des Jahres 1960 Kampagnen gegen die Passgesetze. Um dem ANC zuvorzukommen, startete der PAC seine Aktionen eine Woche vor dem geplanten Beginn der ANC-Proteste. Am 21. März versammelte sich in Sharpeville im Transvaal eine große Menschenmenge, der Protest war friedlich. Als es später zu einer Rangelei kam, schoss die nervöse Polizei auf die Demonstranten und tötete 69 Menschen; viele von ihnen wurden von hinten erschossen, als sie zu fliehen versuchten.

ANC und PAC werden verboten

Nach einer Woche wütender Proteste rief die Regierung am 30. März 1960 den Ausnahmezustand aus, ließ mehr als 18 000 Menschen verhaften und erklärte am 8. April mit einem extra dafür verabschiedeten Gesetz (Unlawful Organisations Bill) sowohl ANC als auch PAC zu verbotenen Organisationen. Dieses Verbot sollte 30 Jahre Bestand haben. Das Massaker, das Verbot und die internationale Empörung darüber machten diesen Tag zu einem Wendepunkt in der südafrikanischen Geschichte.

Oliver Tambo, der Vizepräsident des ANC, verließ unter dem Eindruck der Krise das Land, um im Ausland um Unterstützung zu werben. Am 16. Dezember 1961 rief der ANC Umkonto we Sizwe (Speer der Nation, abgekürzt MK) ins Leben, seinen bewaffneten Arm, der Sabotageakte verüben sollte. Die Entscheidung über die Gründung von MK war so geheim, dass selbst Albert Luthuli, der 1960 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war, darüber zunächst nicht informiert wurde (was Nelson Mandela in seiner Biographie allerdings bestreitet). Auch der PAC etablierte mit Poqo (Xhosa für „allein stehend“) einen bewaffneten Flügel. Während der ANC bei seinen etwa 200 Sabotageaktionen Blutvergießen zu vermeiden suchte, fühlte sich der PAC auch zum Töten von Menschen, etwa von Polizeiinformanten, berechtigt.  

Bewaffneter Widerstand

Dem MK konnten, anders als dem ANC selbst, auch Mitglieder anderer Hautfarbe angehören. Oberkommandierender wurde Nelson Mandela. Er begab sich im Januar 1962 ins Ausland, um für MK Unterstützung zu organisieren. Bald nach seiner Rückkehr wurde er am 5. August 1962 in Natal verhaftet und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Am 11. Juli 1963 stürmte die Sicherheitspolizei die Lilliesleaf-Farm, wo sich die Befehlshaber von MK versteckt hielten,  nahm die komplette Führungsspitze fest und beschlagnahmte Hunderte von Dokumenten.

Nelson Mandela und die anderen MK-Kader wurden im Oktober 1963 wegen Sabotage, Umsturzversuch und kommunistischer Aktivitäten vor Gericht gestellt; ihnen drohte die Todesstrafe. Dass sie am 12. Juni 1964 „nur“ zu lebenslanger Haft verurteilt wurden, wird der Aufmerksamkeit zugeschrieben, die das Verfahren weltweit gefunden hatte. Mandelas eloquente Verteidigungsrede wurde in vielen wichtigen Zeitungen in aller Welt nachgedruckt: „Ich habe mein Leben dem Kampf des afrikanischen Volkes geweiht. Ich habe gegen weiße Vorherrschaft und ich habe gegen schwarze Vorherrschaft gekämpft. Ich bin stets dem Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft gefolgt, in der alle Menschen friedlich und mit gleichen Möglichkeiten zusammenleben. Für dieses Ideal lebe und kämpfe ich. Aber wenn es sein muss, bin ich bereit, dafür zu sterben.“

Die Verurteilten wurden - mit Ausnahme von Dennis Goldberg, der weiß ist und deshalb seine Strafe im Zentralgefängnis von Pretoria absitzen musste - auf die Gefängnisinsel Robben Island gebracht und waren dort einem harschen Regiment und erniedrigender Behandlung ausgesetzt; erst später wurden die Haftbedingungen besser. Robert Sobukwe wurde ebenfalls, aber getrennt von den ANC-Gefangenen, auf Robben Island inhaftiert, nach seiner Entlassung 1969 gebannt und in das township Galeshewe bei Kimberly verbannt, wo er 1979 starb.
   
Der ANC im Exil

Der ANC im Exil brauchte lange, um wieder Tritt zu fassen. Im April 1969 wurde in Morogoro (Tansania) über die weitere Zukunft beraten. Das dort verabschiedete Dokument über Strategie und Taktik sprach sich für einen umfassenden Kampf auf allen Ebenen aus und spiegelte, wie sehr sich ANC und SACP im Exil personell und ideologisch angenähert hatten: Der ANC verortete sich nun im anti-imperialistischen Lager und verordnete sich die „Nationale Demokratische Revolution“ als Ziel. Die mehr als 70 Delegierten erkoren Oliver Tambo zum neuen Vorsitzenden und setzten einen revolutionären Rat ein, in den sie mit Dr. Jusuf M. Dadoo, Reginald September und Joe Slovo drei „erprobte Revolutionäre“ aus anderen Bevölkerungsgruppen, aber keine einzige Frau wählten. 

Nach bitteren Jahren und bescheidenen Anfängen erarbeitete sich der ANC im Exil viel Sympathie. Er fand im Ostblock Unterstützung, konnte dort auch Menschen militärisch ausbilden lassen. In Afrika hatte er von Anfang an Rückhalt und gewann an Bewegungsspielraum, als immer mehr Länder im südlichen Afrika unabhängig wurden. Aber auch in verschiedenen westlichen Ländern gab es viel Zuspruch. Die Vereinten Nationen erkannten sowohl ANC als auch PAC als „Beobachter“ an; die Bewegungen konnten so an den UN-Konferenzen teilnehmen und um Unterstützung werben.

Dagegen bestand der „bewaffnete Kampf“ gegen Südafrika eigentlich nur aus Nadelstichen, von einigen spektakulären Anschlägen, etwa auf die Ölraffinerie in Sasolburg (1980), abgesehen. Die Angst vor Unterwanderung durch Spitzel des Regimes förderte Paranoia und Menschenrechtsverletzungen in den ANC-Lagern in den Nachbarländern. Moralisch aber war die Existenz von „MK“ für viele schwarze Südafrikaner ein Zeichen der Hoffnung.

Neues Selbstbewußtsein

In Südafrika selbst herrschte einige Jahre Friedhofsruhe. Ende der sechziger Jahre faszinierte Steve Biko viele schwarze Südafrikaner mit seiner Philosophie des „Black Consciousness“, des Vertrauens auf eigene Werte und in die eigene Kraft; daraus entwickelten sich zahlreiche Organisationen des Black Consciousness Movement (BCM). Biko wurde durch Bannverfügungen und andere Auflagen drangsaliert und schließlich 1977 von der Polizei so misshandelt, dass er an den Folgen starb. Die Organisationen des „Black Consciousness“ wurden am 19. Oktober 1977 verboten.

Doch auch ohne die Institutionen blieb der Geist in dem Enthusiasmus lebendig, mit dem die Jugendlichen den Schulunterricht boykottierten und die entstehenden schwarzen Gewerkschaften streikten. Das neue Selbstbewusstsein hatte sich schon 1976 gezeigt. Als die Behörden in Soweto eine Anordnung durchsetzen wollten, nach der der Unterricht in bestimmten Fächern nur noch in Afrikaans stattfinden sollte, der „Sprache der Unterdrücker“ (Bischof Desmond Tutu), gingen Schülerinnen und Schüler auf die Straße. Die Polizei eröffnete das Feuer, das Foto des als erster getöteten Hector Pieterson ging um die Welt und wurde zum Symbol. Der Aufruhr griff schnell auf andere Städte über, der Polizei gelang es lange nicht, ihn zu unterdrücken. Am Ende waren 700 Menschen tot.

Selbstorganisation

Der Aufstand von Soweto wurde zum weiteren Meilenstein auf dem Weg zu einem neuen Südafrika, denn von nun gärte es überall im Land. Die Jugendlichen hatten ihre Eltern angestachelt, nicht länger passiv zu sein. Daraus entstand im Juni 1977 in Soweto das Committee of 10 unter dem Arzt Dr. Nthatho Motlana, das für sich in Anspruch nahm, für die Bewohner zu sprechen. In den achtziger Jahren zeigte sich in vielen townships ein hohes Maß an Selbstorganisation (Civics) in Form von Protesten gegen Mieterhöhungen, schließlich Verweigerung von Mietzahlungen überhaupt und der weitgehenden Ablehnung der durch den Black Local Authorities Act von 1982 eingeführten örtlichen Verwaltungen.

Auch den ANC stärkte dieser Aufstand der Schülerinnen und Schüler. Viele junge Leute, die danach das Land verließen, schlossen sich der exilierten Befreiungsbewegung an. Eine ganze Reihe von Schülern dieser „Klasse von 1976“ sind später im Rahmen der ANC-Aktionen ums Leben gekommen. Im Land selbst entstanden in den Folgejahren immer neue Bewegungen und Organisationen, in denen der ANC, obwohl weiter verboten, indirekt mehr und mehr präsent war. Ab 1979 wurde er auch wieder öffentlich sichtbar, etwa in der „Release Mandela“-Petition der Sunday Post.

Der ANC: verboten und doch präsent

Am 20. August 1983 wurde in Mitchells Plain, Kapstadt, die United Democratic Front  (UDF) gegründet, um den einzelnen Aktivitäten und Gruppen einen Rahmen und mehr Gewicht zu geben. Kleine Gruppen erfuhren so nationale Aufmerksamkeit und gaben umgekehrt dem Kampf gegen Apartheid ein sehr vielfältiges Gesicht. Der moralische Ernst, die emotionale Euphorie und der intellektuelle Absolutismus der Oppositionsgruppen faszinierten im In-, aber auch im Ausland, das die Ereignisse inzwischen sehr genau verfolgte. Viele der der UDF angeschlossenen mehr als 500 Organisationen beriefen sich auf die Freiheitscharta als grundlegendes Dokument, die UDF selbst nutzte immer häufiger die gleiche Sprache und die gleichen Symbole wie der ANC. „Ab 1984 liefen fast alle demokratischen Strömungen in Südafrika auf den ANC zu“, sagte der gern als ANC-Vordenker bezeichnete und respektierte Pallo Jordan.

Aus dem Exil rief Oliver Tambo am 8. Januar 1985 dazu auf, das Land unregierbar zu machen. Das wurde Südafrika auch immer mehr - nicht nur wegen der Proteste und der zunehmenden internationalen Isolation, sondern auch wegen der inneren Widersprüche der Apartheidpolitik. Die goldenen sechziger Jahre des wirtschaftlichen Wohlstands hatten innerhalb der weißen Bevölkerung Verstädterung, neue Konsummuster und eine sinkende Geburtenrate zur Folge. Damit begann eine demographische Verschiebung zu ihren Lasten. In den siebziger Jahren ging es wirtschaftlich nicht mehr so voran, Apartheid erwies sich für die Ökonomie teilweise als hinderlich und für den Staatshaushalt als teuer.

Reformen der Regierung– zu wenig und zu spät

Die Regierung reagierte mit „Reformen“ u.a. im Arbeitsrecht, bei der Zuzugskontrolle und durch Einrichtung eines „Drei-Kammer-Parlaments“, in das Vertreter der Coloureds und der Inder eingebunden werden sollten. Doch die Veränderungen blieben begrenzt und wurden als „kosmetisch“ zurückgewiesen und bekämpft. Auch südafrikanische Zeitungen ermunterten ihre Leserinnen und Leser, der Wahl zu den Parlamenten der Coloureds und der Inder fernzubleiben.

Manche Änderungen entwickelten aber eine eigene Dynamik, wie etwa die Zulassung und Anerkennung schwarzer Gewerkschaften (1979) und die Abschaffung von Restriktionen in der Arbeitswelt. Bald schlossen sich die Gewerkschaften in Dachverbänden zusammen, wie 1985 im Congress of South African Trade Unions (COSATU). Als kampferprobte und erfahrene Verhandler in der Welt der Wirtschaft engagierten sich die Gewerkschaften auch im Kampf um politische Rechte. Nachdem die UDF 1988 durch den erneuten Ausnahmezustand stark behindert war, übernahm COSATU im dann entstehenden Mass Democratic Movement (MDM) eine führende Rolle.

Nelson Mandela ergreift die Initiative…

Aus Anlass von Nelson Mandelas 70. Geburtstag kamen 1988 im Londoner Wembley-Stadion 72 000 Menschen zu einem Konzert zusammen, das seine Freilassung forderte. Es wurde in 67 Länder übertragen und von schätzungsweise  600 Millionen Menschen gesehen. Der immer noch inhaftierte Mandela wurde damit endgültig zu einer Ikone. Mandela selbst, der 1982 von Robben Island ins Kapstädter Pollsmoor-Gefängnis verlegt worden war, hatte bereits 1985 an Justizminister Kobie Coetsee geschrieben und um ein Gespräch ersucht, ohne Wissen seiner Mithäftlinge und der ANC-Führung in Lusaka. „Manchmal“, so Mandela später, „muss man als Führer eben vorangehen.“ Daraus entwickelten sich 47 Gesprächsrunden mit Repräsentanten des Staates, insbesondere Dr. Niel Barnard vom Geheimdienst – mit Wissen und Billigung von Oliver Tambo und in der etwas komfortableren Umgebung des Victor-Verster-Gefängnisses in der Nähe von Paarl, wo Mandela ab 1988 einen eigenen Bungalow bewohnte. 1989 traf er dann heimlich auch mit Premierminister Pieter Wilhelm Botha und seinem Nachfolger Frederik Wilhelm de Klerk zusammen.

Auch Intellektuellen, Journalisten und Wirtschaftsbossen war inzwischen klar geworden, dass sie mit dem so lange dämonisierten ANC würden verhandeln müssen. Bereits im Juli 1987 hatten Afrikaaner-Akademiker, Journalisten und einige prominente kirchliche Repräsentanten in Dakar das Gespräch mit dem ANC gesucht, Wirtschaftsvertreter hatten sich noch früher in Lusaka mit ANC-Vertretern zusammengesetzt. Diese Annäherung wurde mit Erleichterung, von manchen sogar euphorisch beschrieben. Bei weiteren Gesprächen wurden bereits Detailfragen erörtert. 

… und wird freigelassen

Am 2. Februar 1990 überraschte de Klerk das Parlament, seine Landsleute und die Weltöffentlichkeit mit der Ankündigung, dass das Verbot des ANC und 30 weiterer Organisationen aufgehoben und die Abschaffung der Apartheid eingeleitet werde. Nelson Mandela wurde noch nicht sofort freigelassen; er hatte sich noch ein paar Tage Zeit erbeten. Am 11. Februar verließ er das Victor-Verster-Gefängnis und sprach am Abend vom Rathausbalkon in Kapstadt zu einer riesigen Menschenmenge. Afrikas älteste Befeiungsbewegung hatte den langen „Kampf um die Freiheit“ gewonnen. Und zumindest den schwarzen Südafrikanern war an diesem Tag klar, dass da ihr zukünftiger Präsident sprach.

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 (1) Der anglo-burische Krieg (1899-1902) wird in Deutschland immer noch als „Burenkrieg“ erinnert. In Südafrika hat neuere historische Forschung gezeigt, dass viele schwarze Südafrikaner involviert waren, weshalb er jetzt als „Südafrikanischer Krieg“ bezeichnet wird.

Renate Wilke-Launer

Renate Wilke-Launer

Renate Wilke-Launer ist Journalistin, war von 1990 bis 2007 für die Zeitschrift "der überblick" verantwortlich, hat sich viel mit Südafrika beschäftigt und 2010 das Buch "Südafrika - Katerstimmung am Kap" herausgegeben.

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