Afghanistan: Heiraten nach Sharia-Recht

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Afghanistan: Heiraten nach Sharia-Recht

Schaufenster mit Hochzeitskleiderin in Kabul
Foto: Bente Scheller, Kabul, 2011.

3. Mai 2011
Bente Aika Scheller
Gesetzesentwurf des Frauenministeriums: Moralwächter sollen private Feiern überwachen

Die für viele ruinösen Preise von Hochzeitsfeiern in Afghanistan sollen mittels eines neuen Gesetzes beschränkt werden. Die gute Absicht wird jedoch durch die gleichzeitig drohende Regierungseinmischung in private Angelegenheiten getrübt.10 Jahre nach dem Sturz der Taliban belebt das Frauenministerium die Einrichtung der Moralwächter. Die Bürger sollen nicht  mehr feiern dürfen, was sie wollen, die Bürgerinnen sich dabei nicht mehr kleiden, wie sie wollen. Es scheint sich um einen weiteren Vorstoß der Regierung zu handeln, um sich den konservativen Kräften im Lande anzubiedern.

Ein Seufzer der Erleichterung ist oft die erste Reaktion, wenn man auf das neue Hochzeitsgesetz zu sprechen kommt, das gerade die Runde macht. In den letzten Jahren sind Afghanistans junge Leute immer stärker unter den Druck drastisch ansteigender Ausgaben für Hochzeitsfeiern gekommen. Viele junge Männer verschulden sich hoch, nicht nur, um den Brautpreis zahlen zu können, sondern auch, um eine der farbenprächtigen, glitzernden Hochzeitshallen anzumieten. Zudem müssen sie Geschenke und Kleider kaufen und die Kosten der Bewirtung von hunderten von Gästen übernehmen.

Eines der Langzeit-Projekte der HBS thematisiert dieses Problem, denn die sozialen Auswirkungen sind gravierend. Eine Studie der Women and Children Legal Research Foundation hat schon vor Jahren auf einen Zusammenhang zwischen steigenden Hochzeitspreisen und häuslicher Gewalt hingewiesen. Der gesellschaftliche und finanzielle Druck auf Bräutigam und Familie bedingen unter anderem, dass man die Braut als Besitz betrachtet – und behandelt. Die hohen Schulden sind eine Bürde für die ganze Familie. Und Eltern verheiraten Töchter, um die Hochzeit ihrer Söhne zu finanzieren.

Geteilte Meinungen

Insofern wird die Initiative, eine Obergrenze für die Ausgaben und die Anzahl der Gäste festzusetzen, von vielen begrüßt. Weniger willkommen ist jedoch der Umstand, dass einmal angefangen, die Regelungswut der Behörden keine Grenzen zu kennen scheint. „Gebräuche und Traditionen abschaffen, die den Prinzipien der heiligen Religion des Islams entgegenstehen“, ist die erste Zielsetzung, die diesem Gesetz vorangestellt ist. Viele Afghanen sind tiefreligiös, aber mindestens ebenso stolz auf die reichen, über Jahrhunderte gepflegten lokalen Traditionen. Nun will sich der Staat in alte wie neue Gepflogenheiten einmischen. „Weder zu Hause noch in einer Festhalle“ heißt es in dem Gesetz, dürften Verlobungen, das erste Haareschneiden eines Kindes, Beschneidungszeremonien, die Rückkehr von der Pilgerreise oder Abschlüsse gefeiert werden.

Hinsichtlich der Ausgaben beschränkt sich das Gesetz nicht auf die Festlegung einer Obergrenze, die nachvollziehbar wäre, sondern spezifiziert darüber hinaus, welche Ausgaben wofür getätigt werden können. Ein Hochzeitskleid darf demzufolge nicht mehr als 80 Euro kosten und die jeweilige Stadtverwaltung wird angehalten, die Ausgaben für das Essen auf 250 Afs (knapp vier Euro) pro Person inklusive Getränken und Früchten zu beschränken. Essen ist in der afghanischen Kultur wichtig und in der Gastfreundschaft ist es ein Gebot, den Gästen nur das Beste anzubieten. Selbst für eine sparsam geplante Hochzeit im eigenen Hause außerhalb Kabuls beginnen die Schätzungen für ein annehmbares Menü bei 300 Afs pro Person. Welche Qualität das Essen in einer Festhalle bei dieser Einschränkung haben mag, wollen viele lieber nicht schmecken.

Neue Kleiderordnung nach der Sharia

Die Paragraphen, die Frauenrechtsaktivistinnen auf die Barrikaden treiben, beziehen sich auf die Kleiderordnung. Zwar schließt das Gesetz gemischte Hochzeitsfeiern ohnehin kategorisch aus, aber darüber hinaus soll Frauen nur Kleidung erlaubt sein, die mit der Sharia vereinbar ist. Die Verfasser dieses Gesetzes scheinen allerdings wenig zuversichtlich, dass die Adressatinnen wissen, was gemeint ist, denn sie fahren fort, dies beziehe sich auf „Outfits, die halbnackt, nackt, transparent oder in einer Weise enganliegend sind, dass sie Teile des weiblichen Körpers enthüllen.“ Diese detaillierten Angaben provozieren förmlich die Frage, ob die Nennung von ausschließlich Frauen an dieser Stelle bedeutet, dass Männer das Recht haben, halbnackt oder schlimmer zu erscheinen – nicht zuletzt, weil an anderer Stelle als Aufgabe des Frauenministeriums hervorgehoben wird, „Menschen und insbesondere Frauen zur Einhaltung dieses Gesetzes aufzufordern.“

Interessanter Weise geht dieses Gesetz – wie auch schon die jüngste Offensive gegen Frauenhäuser – auf eben jenes Ministerium für Frauenangelegenheiten zurück. Statt seine Aufgabe ernst zu nehmen, die Rechte der Frauen zu sichern, entscheidet sich das Ministerium für das Gegenteil und erlaubt der Taliban-Ideologie, wieder alle Lebenssphären zu durchdringen.  

Vormarsch konservativer Trends

Es ist ein erneuter Vorstoß, um sich den konservativen gesellschaftlichen Trends anzubiedern. Befürworter des Gesetzes argumentieren, dass es auf dem Lande viele Gerüchte über die unmoralischen Feiern in den Städten gebe, denen durch dieses Gesetz die Grundlage entzogen werden soll. Statt in der Bevölkerung für Verständnis zu werben, dass nicht jede soziale Norm in ein Gesetz gegossen werden muss oder dass viele der Neuerungen eigentlich dem Wunsch von Bürgern entsprechen – beispielsweise die Hochzeitsmoden – üben sich staatliche Einrichtungen in vorauseilendem Gehorsam gegenüber konservativen Trends. Die Gründlichkeit, mit der man sich Marginalitäten widmet, steht in keinem Verhältnis zu den politischen Herausforderungen vor denen Afghanistan steht.  

Frauenrechtsgruppen und -aktivisten befinden sich im Gespräch mit dem Justizministerium, um das Gesetz zu verändern, bevor es ans Kabinett oder Parlament weitergegeben wird. Es wäre allerdings interessant zu sehen, wer in diesen Kreisen diese Gesetzesinitiative unterstützen würde. Kaum eine prominente Familie in Afghanistan gibt sich mit bescheidenen, unspektakulären Feiern zufrieden. Und einige betrachten festliche Gelegenheiten jeder Art als gute Gelegenheit zum „Netzwerken“. Als unlängst eine Abgeordnete die traditionelle „sechste Nacht“ nach der Geburt ihres Kindes feierte, mietete sie dafür das einzige Fünf-Sterne-Hotel in Kabul und erweiterte den üblicherweise familiären Kreis der Geladenen auf Minister und Botschafter.

Empfindliche Strafen

„Gestetzgebung muss in einer Art erfolgen, die erlaubt, Gesetze auch umzusetzen. Wenn es zu in der Praxis nicht handhabbar ist, taugt es nicht. Zweitens birgt ein detailliertes Gesetz mit widersprüchlichen Formulierungen die Gefahr, dass die Judikative der Lächerlichkeit preisgegeben wird“ konstatiert ein afghanischer Rechtsanwalt. Einer der Punkte, die den meisten Spott hervorrufen dürften, sind die empfindlichen Strafen, die für Beihilfe beim Unterlaufen der neuen Regelungen fällig sein sollen. Schneider, die unangemessene Hochzeitskleider nähen, sollen erst mit einer Geldstrafe, im Wiederholungsfall mit temporärer Schließung ihres Geschäfts und letztlich mit dem Entzug ihres Gewerbescheins bestraft werden. Moralisch unzulässige Hochzeitskleider dürfen nicht mehr verkauft oder vermietet werden. Hier sollen sogar Wirtschaftsministerium und Handelskammer eingeschaltet werden, um die Einfuhr dieses moralischen Gefahrenguts zu verhindern. Solange die afghanischen Bürger sich reellen Bedrohungen durch den Import verunreinigten Treibstoffs, nicht sicherheitsgeprüfter Gasflaschen oder gefälschter Medikamente ausgesetzt sehen, wirkt es wie ein bitterer Witz, wenn der Staat nun ausgerechnet gegen den Import umstrittener Kleider ein hartes Vorgehen fordert.(1) 

Die Regelungen kommen konservativen Kräften entgegen, doch viele sind überzeugt, dass auch materielle Interessen eine Rolle spielen. Wie es ein Bekannter diplomatisch umschreibt: „In einem Nachbarland hat der Staat einmal festgelegt, es dürfe bei Hochzeiten nur eine einzige Speise aufgetragen werden. Die Polizei hat für die Einhaltung gesorgt, indem sie alle anderen Speisen mitgenommen hat.“  Ein anderer bringt es deutlicher auf den Punkt: „Das öffnet der doppelten Buchführung Tür und Tor, Hotelbesitzer und Regierungsbeauftragte werden sich gegen ein Entgelt sicherlich davon abbringen lassen, zu genau hinzusehen.“

Neben staatlich eingesetzten Kontrolleuren, deren Aufgaben an die Moralwächter unter den Taliban erinnern, sollen die Betreiber der Hochzeitshallen bereits als Handlanger fungieren und unter anderem dafür sorgen, dass keiner der Gäste die Hochzeit filmt. „Normalerweise hätten Leute gerne eine Erinnerung an ihre Hochzeit“ meint eine Kabuler Bürgerin. „Aber vielleicht möchte man sich bei Einhaltung all dieser Standards später auch nicht so gerne an die Feier erinnern.“

(1) Eine andere Tatsache, welche die Zustände in ein gewisses Licht rückt: Militärische Uniformen sind wiederholt von Selbstmordattentätern und anderen Aufständischen genutzt worden, um sich Zugang zu öffentlichen Veranstaltungen und militärischen Einrichtungen zu verschaffen. Obwohl diese Bedrohung bereits lange bekannt ist, hat erst nach dem Angriff auf das afghanische Verteidigungsministerium am 14. April der Sprecher des Innenministeriums, Mr. Bashari, erklärt, dass es Bemühungen gäbe, den “Verkauf von Uniformen und militärischer Ausrüstung auf Märkten” zu unterbinden. Daily Outlook, 25.04.2011

 

Dossier

Afghanistan 2011 - 10 Jahre Internationales Engagement

Nach zehn Jahren internationalem Einsatz in Afghanistan wird im Dezember 2011 eine weitere Afghanistan-Konferenz in Bonn stattfinden. Die Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt seit 2002 aktiv den zivilgesellschaftlichen Aufbau in Afghanistan und fördert den Austausch zwischen deutscher und afghanischer Öffentlichkeit. Das folgende Dossier gibt Raum für Kommentare, Analysen und Debatten im Vorfeld der Bonner Konferenz zu Afghanistan.

 

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