Kontrollverlust der Politik: Eine andere Welt im Werden

Zwischenruf zur Aussenpolitik

Kontrollverlust der Politik: Eine andere Welt im Werden

Handelssaal der Deutschen Börse in Frankfurt am Main
Handelssaal der Deutschen Börse in Frankfurt am Main.
Foto: Astrid Walter Quelle: Flickr Lizenz: CC-BY-NC 2.0

16. August 2011
Joscha Schmierer

Als Thomas Mayer, der Chef-Volkswirt der Deutschen Bank, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk gefragt wurde, ob er einen Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Finanzkrise und den sozialen Unruhen in Großbritannien sehe, meinte er: "Ich wäre sehr vorsichtig, jetzt da einen Zusammenhang zwischen den Sparprogrammen der Regierung in Großbritannien, die meines Erachtens absolut notwendig sind, und diesen Unruhen zu sehen. Zum Teil, was man jetzt auch darüber gehört hat, waren das ja nicht nur jetzt sozial völlig benachteiligte Schichten – Leute, die da gekommen sind und geplündert haben. Also da wäre ich sehr, sehr vorsichtig." Wenn man einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Krisenpolitik der britischen Regierung und den Unruhen in London und anderen englischen Städten sehen wollte, würde man wahrscheinlich das zeitliche Zusammentreffen von Haushaltsentscheidungen der Regierung und Unruhen überinterpretieren. Noch haben die Regierungsentscheidungen ihre Wirkung nicht entfaltet und die Jugendlichen, die da auffällig wurden, brauchen keine Zukunftsforschung, um jetzt auf den Putz zu hauen. Der Zusammenhang zwischen allgemeiner Entwicklung, Regierungshandeln und Unruhen ist komplizierter und nachhaltiger, aber es gibt ihn.

Der Markt als "wilde Kraft"

Vielleicht findet sich in einer anderen Antwort von Thomas Mayer ein erster Hinweis auf den wirklichen Zusammenhang. Er wird gefragt, ob die Akteure auf den Finanzmärkten, nachdem sie erst vor kurzem von den Staaten aus dem gröbsten Schlammassel gerettet wurden und damit die Überschuldung der Staaten erzwungen und gefördert hätten, jetzt überhaupt die "moralische Kraft" hätten, "Anforderungen an die Politik zu stellen". Es sei sehr schwierig, hier eine "moralische Dimension" hineinzubringen, meint der Chef-Volkswirt: "Ich sehe den Markt als eine wilde Kraft. Ist es moralisch, wenn Wasserkraft den Berg herunter bricht, Schlammlawinen loslöst und Leute dabei umbringt? Ich frage nicht danach: Ist das moralisch? Es passiert. Und Märkte werden einfach auch durch Massenpsychologie bestimmt, und das entzieht sich meines Erachtens der Dimension der moralischen Frage. Man kann sagen, es ist bedauerlich, es ist extrem unschön. Aber mit Moral hat das meines Erachtens nichts zu tun."

Es hat einigen Witz, sich die "Masse" der Jongleure von Milliardenbeträgen als Naturgewalt vorzustellen, dass sie sich auf unsicherem Gelände bewegen, ist freilich wahr. "Es ist, als könne jederzeit alles passieren", heißt es über die Erfahrungen eines auf eigene Rechnung an der Börse spekulierenden "Day Traders" vom Dienstag, den 9. August. Sie findet sich im "Tagebuch einer Woche, in der die Welt angeblich pleitegehen sollte". Die FAZ hat es in ihrem Feuilleton vom 13. August veröffentlicht. Aufgezeichnet hat es Marcus Jauer. "Day Trader" erzählen einem was, aber selber schreiben ist eher nicht ihr Ding. Weiter heißt es dann vom Dienstag, den 9. August: "ich bin seit dreizehn Jahren Börsenhändler, aber gerade scheint mich meine Erfahrung sogar eher zu stören. Ich versuche immer Muster wiederzuerkennen, aber da sind keine. Als gestern Nachmittag die Kurse fielen, dachte ich, das muss doch irgendwann mal aufhören, es ist doch gar nichts passiert, aber sie fielen immer weiter. Am Ende wurden alle panisch, und ich war mit bis zu sieben Produkten gleichzeitig im Handel." Naturgewalt in actu. Am Freitag resümiert der Day Trader dann, "dass die Entwicklung so wenig mit der realen Nachrichtenlage zusammenhängt, hat es so bisher nicht gegeben. Man kann sich eigentlich auf keinen Indikator mehr verlassen." Das Wasser bricht den Berg herunter und der Trader wird von dem Naturereignis hin und her geschleudert in seinem Zimmer mit vier Bildschirmen. "Wenn ich einen Fehler mache, stand früher im Handelshaus mein Chef hinter mir, ich habe auf die Finger bekommen und daraus gelernt. Die Banken sind heute mit größerem Risiko im Markt als jemals zuvor." Der gute Mann ist stark verunsichert.

Die Angst, unterzugehen

Als es jetzt zu den Ausbrüchen in London und anderen englischen Städten kam, erinnerte sich der Deutschlandfunk an eine Sendung, die er schon 2008 im Programm hatte, versah sie mit einer neuen Anmoderation und brachte die damaligen Aussagen einiger Londoner Jugendlichen in Erinnerung. Nimmt man die Unsicherheit als Indikator, finden sich auf einmal Parallelen zwischen den Jugendlichen aus "Problemvierteln" und dem gestressten Day Trader. Die Jungs aus dem Londoner Nordosten jagen, so der Sprecher, aus Angst unterzugehen, anderen Angst ein. Im übersetzten Originalton erzählen sie von den Rivalitäten unter den Gangs: "Früher haben sie dich nur verletzt, heute wirst du abgeknallt. Oder erstochen. Ich geh nicht mehr aus meinem Revier heraus. Früher konntest Du bis nach Seven Kings gehen. Jetzt gibt es dort so viel Banden, da kommst du nicht mehr durch. Respekt, Respekt.. . es geht immer um Respekt. Wer bist du? Was hast du an dir? Ein Schritt auf ihrem Revier, und du riskierst dein Leben." Auf die Frage, "wie du dich schützen kannst?" hieß die Antwort für diese Jugendlichen: "Indem du jemand bist. In Edmonton kennen sie uns, aber in Tottenham wirst du abgemurkst. (…) Wenn du zu keiner Gang gehörst, hast du keine Chance in Frieden zu leben. Früher ging es um die größeren Viertel. Heute bekämpfen sich schon die Wohnblocks. Der Krieg kommt immer näher. Bald ist es Nachbar gegen Nachbar." Bandenbildung soll es ja auch unter Finanzjongleuren geben.

Unsicherheit, Angst und die den realen Verhältnissen oft widersprechende, aber in der Menschenwürde angelegte Forderung nach Respekt lassen den Ausbruch von Gewalt vielleicht besser erklären als unmittelbare Not. Es muss in den Ohren der Jugendlichen zynisch klingen, wenn ihnen der Richter nach dem Urteil im Schnellverfahren mit auf den Weg gibt: "Ich hoffe, du hast deine Lektion gelernt. Diese Gesellschaft hat ein Recht darauf, sich sicher zu fühlen. Die Leute in Manchester haben ein Recht darauf, ohne Angst auf den Straßen zu sein, so wie du ohne Angst durch dieses Gerichtsgebäude laufen kannst." Leute wie der Junge, dem hier eine Lektion erteilt wurde, seine Mutter und Schwester "nennt man in England 'Chavs', die weiße Unterschicht", erzählt der Reporter der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (14.8.): "Es gibt einen Witz, Chav stehe für 'Council House and Violent', Sozialbauwohnung und gewalttätig." Der Mechanismus scheint unausweichlich und lebensgefährlich: Sicher bist du nur in der eigenen Gang, von der für die anderen tödliche Gefahr ausgeht. Oder, wie der Richter meint, im Gerichtsgebäude. Von einem "Recht auf Sicherheit" können die Jugendlichen, die die britischen Städte unsicher machen, nur träumen. 

Die Hybris des vermeintlichen Siegers

Unsicherheit, Angst und die Sorge um Respekt sind vielleicht nicht das allgemeine Signum der Epoche, aber doch Gefühle, die im Westen, das heißt den USA und der EU, in allen Sphären um sich greifen. Da werden dann Tea Parties ins Leben gerufen und dann tummelt sich einer, der akribisch an der Vorbereitung eines Massakers arbeitet, als "Fjordman" im Internet. Die gestressten Trader aber konstatieren wie ein anderer Chef-Volkswirt, diesmal der von der DZ-Bank: "Die Politik hat einen deutlichen Vertrauensverlust erlitten." Und stehen demgegenüber die Banker besser da? Vertrauen ist ein knappes Gut geworden.

Die jüngste Banken- und Finanzkrise ist vor allem eine Krise des Westens. Man kann von dort nicht mehr nach überall herunterschauen, sondern merkt auf einmal, wie abhängig man von anderen ist. Müssen es sich die USA gefallen lassen, von China ermahnt zu werden, eine verantwortungsvolle Haushaltspolitik zu betreiben? Ja, sie müssen. Müssen EU-Länder froh sein, dass China bei ihnen auf Einkaufstour ist und in sie investiert. Sie müssen.

Es war eine große und folgenreiche Dummheit des Westens und vor allem der USA als seiner Vormacht, den Zusammenbruch des Sowjetblocks und die Auflösung der Sowjetunion als eigenen Sieg und als Stärkung, ja Vollendung der eigenen Hegemonie zu verstehen, statt als Durchbruch der Globalisierung. Die Globalisierung der Globalisierung, als deren Vorreiter sich der Westen verstanden hatte, musste aber unvermeidlich das Ende der westlichen Hegemonie herbeiführen. Es heißt nun allenthalben, von Griechenland bis in die USA, "wir" hätten Jahrzehnte lang über unsere Verhältnisse gelebt. Wenn man vor gewaltigen Schuldenbergen steht, ist das keine große Einsicht. Die Frage ist doch, wie es dazu kam. Nach 1989 machte sich die latente Hybris des Westens vollends breit. Statt in Schulen, Infrastruktur und in eine umweltschonende Energieversorgung zu investieren, wurde darauf gesetzt, mit niedrigen Zinsen ließe sich nun alles kaufen. Eine Blase nach der anderen wurde produziert, bis die Blasen sich zuletzt in Schuldenbergen granitartig materialisierten.

Dem herrschenden westlichen Denken scheint sich gesellschaftliche und politische Ordnung nur in polaren Gegensätzen entfalten zu können. Im Ost-West-Gegensatz, der globalen Polarisierung mit Mauer, atomarem Gleichgewicht und allem Drum und Dran, konnte sich dieses mechanistische Denken noch zu Hause fühlen, als sich vor allem mit der Entwicklung Chinas schon abzeichnete, dass die vom Westen ausgehende Globalisierung diesen Ordnungsmechanismus bereits untergrub. Das Denken in globalen Gegensätzen, musste dazu verführen nach 1989 den Westen nun als siegreich und allein auf dem Schlachtfeld des Kalten Krieges verbliebene Macht zu verstehen oder sich einen neuen Großfeind zu konstruieren. Die beiden Irrwege ließen sich verknüpfen: Die einzig verbliebene Supermacht nahm den weltweiten Kampf gegen den islami(sti)schen Totalitarismus auf. So mussten die Diffusion von politischer Macht, die gesellschaftliche Fragmentierung und die Verselbständigung der "Märkte", die in den Äußerungen der Chefvolkswirte ständig als kollektiviertes und verdinglichtes mythisches Subjekt auftreten, nicht in ihrer vollen Bedeutung bedacht werden. Der Aufgabe, darüber nachzudenken und zu reden, wie eine globale Ordnung ohne Hegemonialmacht aussehen könnte, wurde ausgewichen. Noch in der Rede von der multipolaren Welt verbirgt sich die Prägung des politischen Denkens durch eine vergangene polare Weltordnung. So lässt sich die Tatsache verdrängen, dass an einer Ordnung der globalisierten Welt, ohne an sie die Denkschablone der Polarität anzulegen, jedenfalls auf Seiten des Westens noch kaum gearbeitet wird. Einstweilen werden in den Unsicherheiten der Day Trader an ihren vier Bildschirmen und der Gangs in den "Problemvierteln" immer neue Gespenster geboren. Und ausgerechnet die Gang der Chef-Volkswirte sieht Naturgewalten am Werk.

Portrait: Joscha Schmierer

Joscha Schmierer

Jeden Monat kommentiert Joscha Schmierer aktuelle außenpolitische Themen. Der Autor, freier Publizist, war von 1999 – 2007 Mitarbeiter im Planungsstab des Auswärtigen Amts.

 

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