Das andere Washington: Anacostia

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Das andere Washington: Anacostia

Robert Habeck, Foto: http://www.robert-habeck.de/

6. Februar 2009
Von Robert Habeck
Von Robert Habeck

Wenn ich über Washington in den Obama-Tagen berichte, dann will ich auch von Anacostia berichten. In den Zeitungen heute steht, „Obama’s bad week“ und „He shouldn’t bring a knife to a gun fight“. Nun - „bad weeks” sind Anacostia Alltag. Und Messer und Waffen gehören dazu.
 
Mein Reiseführer, „The Unofficial Guide to Washington“, warnt eindringlich: „Benutzen sie nicht öffentliche Transportmittel.“ „Anacostia liegt im Kriegsgebiet von Auto-Schießereien, Drogenhandel, Gewalt.“ Als Washington 2006 den Titel „Hauptstadt der Morde“ bekam, lag das ganz wesentlich am Stadtteil Anacostia, südwestlich des Potomac. Hier ist die Bevölkerung zu über neunzig Prozent afroamerikanisch, die anderen 10 Prozent sind lateinamerikanisch; Weiße gibt es gar nicht. Seit 1960 wurden hier 3000 Menschen ermordet. „Das musst du Dir ansehen, wenn du sehen willst, was Obama noch alles leisten muss“, hat mir die US-Korrespondentin der taz, Adrienne Woltersdorf, gesagt, als wir uns zum Kaffeetrinken trafen. „Aber sieh zu, dass Du wieder draußen bist, wenn es dunkel wird.“

„Kriegsgebiet von Auto-Schießereien, Drogenhandel, Gewalt“

Unter dem Strich ist es nicht so schlimm gewesen, wie ich es mir vorgestellt habe, nicht so dreckig (hier und da zerstreute Sperrmüllhaufen), nicht so kaputt (nur die Autos sind abgewrackt), nie wirklich bedrohlich. Aber ich habe noch nie so viele übergewichtige Menschen auf einem Quadratkilometer gesehen. Und wenn man über eine Krankenversicherung redet, wie es die Demokraten und Obama ja jetzt tun, dann wird man die nur bezahlbar halten können, wenn man den Konnex zwischen Armut und Fettleibigkeit aufbricht, und das bedeutet im Klartext: die Armut beseitigen. Schon in der Metro (ich hab doch die Öffentlichen genommen) waren Jogginganzüge in XXL die dominierende Mode.

Geht man durch Anacostia, dann sieht man: Die USA haben eine Unterschicht - und zwar heftiger, kasernierter und massiver als es in Deutschland absehbar der Fall sein wird. Die Arbeitslosigkeit liegt hier bei 50 Prozent. 77.000 Menschen leben hier. Aus solcher Ansammlung von Armut und Hoffnungslosigkeit sind in Europa vor 200 Jahren Revolutionen entstanden, und die Regierung kann froh sein, dass die Leute in Anacostia sich nur selbst bekriegen. Große Blöcke im Stadtbild Anacostias sind Sozialwohnungen, einer heißt „Skyland“ - es klingt zynisch. Die Sozialwohnungen waren wohl der Kardinalfehler. Man hat, nachdem die Weißen den ersten Vorort Washingtons verließen, der Anacostia mal war, alle Armen hier gesammelt und durch eine Autobahn den Zugang zur Stadt abgeschnitten.

Kardinalfehler: Sozialwohnungen

Viel ist derzeit die Rede in Washington davon, dass der alte Rassismus jetzt überwunden ist - unwiederbringlich. Und als ich mir die Ausstellung über die amerikanische Geschichte unter der Rotunde des Kongresses ansehe und an einem Dokument hängen bleibe, dass von einer Schlägerei im Senat über die „Sklavenfrage“ berichtet, kurz vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs, stellt sich der Kongress-Aufpasser zu mir und sagt: „Wenn man das liest, dann wird die Wirklichkeit bedeutsamer, finde ich.“ Und er hat recht. Amerika hat sich, das verkünden Marmor und Bronze, in den letzten 200 Jahren mehr als einmal neu erfunden. Aber geht man die Good Hope Road in Anacostia entlang, dann zweifelt man das an, dann kapiert man, dass man den theoretischen Rassismus, den ideologischen, vielleicht besiegen kann, aber den ökonomischen noch lange nicht. Faktisch ist dies ein Ghetto. Sein Zaun ist unsichtbar. Er besteht aus den Arbeitsbedingungen und der Sozialpolitik der USA. Und wenn Obama es wirklich ernst meint mit „Change“, dann macht er diesen Zaun erst sichtbar und reißt ihn dann ein. Anacostia ist die eigentliche Herausforderung. Die Wirtschaftkrise und der Einbruch an der Börse, hier wirkt das alles nicht bedrohlich, nicht wirklich.

Einige Häuser stehen leer, auch eine Schule. Das ist vielleicht das traurigste Bild. Auch wenn die Verwüstung weit weniger drastisch ist, als ich es mir ausgemalt hatte, auch wenn hier, wie fast überall in Washington, zwei-, maximal dreistöckige Häuser stehen, einige zwar runtergekommen, aber ständen sie in einer europäischen Kapitale, würde man gern in ihnen leben, so liegt über dem ganzen Viertel dennoch eine drückende Trostlosigkeit. Vielleicht besser: Eine Respektlosigkeit - eine Respektlosigkeit dem eigenen Leben gegenüber.

Ein Supermarkt für 70.000 Einwohner

Eine Menge Leute lungern auf der Straße herum - obwohl es bitter kalt ist. Es gibt kaum Läden in Anacostia. Im Internet lese ich später, dass es eine Eisbahn gibt und ein Kino, und einen Supermarkt habe ich auch gesehen. Einen für 70.000 Einwohner? Aber das Stadtbild ist nicht lebendig. Es gibt keine kleinen Läden, außer Alkoholbuden, deren Fenster mit Brettern verstellt sind, keine Restaurants, nichts, was einem das Gefühl geben würde, hier ließe es sich leben.

Markus Franz schrieb 2008 einen Report für die Friedrich-Ebert-Stiftung über Anacostia. Sein Bericht trägt den Untertitel „Misery and Change in the Shadow of the Capitol”. Er verwendet das Obama-Schlüsselwort vom „Change“. Er erzählt Geschichten von der Selbstorganisation des Viertels, von einer Ernährungsinitiative und Nachbarschaftssolidarität. Ich kann sie an diesem Tag nicht entdecken.

Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, die Leute einfach anzusprechen und nach ihrer Meinung zu politischen Geschehnissen zu fragen. Hier fällt es mir schwer. Ich traue mich auch nicht, zu fotografieren. Die Brücke schlägt dann Obama selbst. Eine Frau trägt ihn als Button am Revers. Ich frage sie, ob sie wählen war. Sie sagt, ja zum ersten Mal. Alle, die sie kennt, waren zum ersten Mal wählen. Ob es ihr etwas bedeute, dass nun ein Schwarzer erstmals Präsident ist, will ich wissen. Die Frage war eher rhetorisch gemeint, aber ihre Antwort ist es nicht: „Schon, aber vor allen Dingen kennt er sich mit Armut aus.“ Obama war Sozialarbeiter, bevor er Politiker wurde. Sie zeigt mir den Weg zurück zur Metro. Ein alter Mann geht neben mir her. Eine Euphorie für ihn gibt es hier nicht. Auch keinen Stolz. Und die beschworene Hoffnung ist nicht abstrakt. Es ist die Hoffnung, dass er die Probleme des Viertels nicht einfach wegsperrt, vor allen Dingen, dass er Jobs schafft. Arbeit zu finden, das ist die Hoffnung.

Wandel statt Politik

Obama und Anacostia - da ist viel Skepsis, eine Skepsis, die sich, um mit dem Kongress-Wächter zu reden, aus 200 Jahren amerikanischer Geschichte speist. Der Unterschied zu früher ist, dass Skepsis schon ein Fortschritt ist. „Weißt du, er ist kein richtiger Politiker“, sagt der alte Mann und meint es als Kompliment.

Gestern hat Obama zu den fehlgeschlagenen Nominierungen seiner Minister gesagt, „I screwed it up“, er gibt Fehler zu und er redet klar. Und heute hat er das „Child Health Care Law“ unterschrieben, das 3,5 Millionen Kinder in die Krankenversicherung mit einbezieht - gegen die Stimmen der Republikaner, einen Tag, nachdem Tom Daschle ihn eben im Gesundheitsbereich blamierte. Vielleicht kann man doch ohne Messer und Waffen siegen. Das würde bedeuten, um den Kommentatoren das Wort im Mund zu verdrehen, es einmal nicht politisch zu versuchen.

Robert Habeck ist Schriftsteller und Parteichef der Grünen in Schleswig-Holstein.

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