Nigeria: Die Hoffnung auf das große Geld

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Nigeria: Die Hoffnung auf das große Geld

 Foto: Katrin Gänsler

19. April 2011
Katrin Gänsler
Von Katrin Gänsler

Lagos – Suliat Yusuf wischt sich mit der rechten Hand den Schweiß von der Stirn. Dann holt die 16-Jährige mehrmals tief Luft und setzt sich an den Rand des Sportplatzes in Ikeja, einem Stadtteil von Lagos. Das Training ist heute besonders hart: Die 25 Fußballerinnen müssen verschiedene Laufeinheiten absolvieren, danach folgen Torschussübungen. Erschwerend kommt das schwül-heiße Klima hinzu, das sich monatelang wie eine Käseglocke über die nigerianische Wirtschaftsmetropole legt. Doch Suliat, die in wenigen Monaten ihre Schule beenden wird, ist gelassen und tut das, was sie am meisten liebt: Fußball spielen. „Nur so kann ich mein Talent zeigen“, strahlt sie.

Wir sind doch keine Lesben

Angefangen hat ihre Karriere als kleine Straßenfußballerin in der Street-Soccer-League, die „Search and Groom“ in verschiedenen Stadtteilen in Lagos ins Leben gerufen hat. Mittlerweile hat die nichtstaatliche Organisation ihr Angebot erweitert und bietet ein spezielles Frauentraining an. Für die Teilnehmerinnen ist das eine große Erleichterung, denn auf dem asphaltierten Platz in Ikeja können sie sich ganz auf ihren Sport konzentrieren und müssen sich nicht mit den gängigen Klischees auseinandersetzen: Fußball, das sei doch nur etwas für Männer, und kickende Frauen seien Lesben. „Ich bin hier, um zu zeigen, dass die Männer falsch liegen“, sagt deshalb Spielerin Toyosi Alogba. Dabei trifft sie der Vorwurf, lesbisch zu sein, ganz besonders. Schließlich ist Homosexualität in Nigeria ein riesiges Tabu. „Das, was über uns gesagt wird, stimmt doch alles nicht“, erklärt Toyosi und konzentriert sich wieder auf den Ball.

Der steht natürlich im Mittelpunkt. Trotzdem bietet „Search and Groom“ nicht nur Fußball-, sondern auch Lebenstraining an. Mitorganisatorin Oluwakemi Kuku setzt sich deshalb vor jeder Übungseinheit mit den jungen Frauen zusammen. Häufig besprechen sie, was passiert, wenn der Traum von der großen Karriere nicht in Erfüllung geht. „Ich erkläre ihnen, dass sie einen Beruf brauchen, der Geld bringt. Einen, mit dem sie unabhängig von ihren Ehemännern werden können“, sagt Oluwakemi Kuku.


Durch den Sport zum Ziel

Um darauf hinzuarbeiten, hilft der Sport enorm. Er vermittelt, wie wichtig es ist, Ziele zu haben und fokussiert zu sein. Suliat geht es nicht anders. Natürlich will auch sie Profifußballerin werden. Aber sie hat einen Plan B. „Ich möchte unbedingt Jura studieren“, sagt sie und nimmt wieder einen Schluck Wasser. Die Bedingungen sind optimal, denn die Schülerin glänzt mit guten Noten. Sie waren im vergangenen Jahr sogar so gut, dass sie Prüfungen vorziehen konnte. Notwendig wurde das, weil die Jugendliche zu einer kleinen Auswahl von Spielerinnen gehörte, die während der Fußball-Weltmeisterschaft nach Südafrika reisen durften. Für Suliat ein riesiger Erfolg: Denn für ihre guten Leistungen auf dem Platz und in der Schule ist sie doppelt belohnt worden. Daher sieht sie der Zukunft gelassen entgegen. „Fußball oder Jura – eins klappt auf jeden Fall.“


„Ich lasse mir das Kicken nicht verbieten“

So viel Selbstbewusstsein haben aber längst nicht alle Kickerinnen. Neben der Frage, wie sie später ihren Lebensunterhalt verdienen, quält sie häufig eins:  Was passiert, wenn ihr zukünftiger Mann das Spielen nicht mehr erlaubt? Akzeptieren oder rebellieren? Suliat hat sich entschieden: „Das kläre ich vor der Heirat. Ich lasse mir das Kicken nicht verbieten.“ Genau das ist aber häufig gängige Praxis. „Es passiert oft, dass gute Spielerinnen nach der Heirat nicht mehr auf den Trainingsplatz dürfen“, sagt Yomi Kuku, der Direktor von „Search and Groom“, und seufzt: „Die nigerianische Gesellschaft wird einfach von Männern beherrscht.“

Und das zieht sich durch alle Lebensbereiche. Frauen, die in Wirtschaft oder Wissenschaft Spitzenpositionen haben, sucht man oft vergeblich. Gleiches gilt für politische Ämter, die in dem einwohnerstärksten afrikanischen Land ebenfalls als hervorragende Einnahmequelle gelten. So nominierte Präsident Goodluck Jonathan bei seiner Amtsübernahme im Frühjahr 2010 nur fünf Frauen – und das bei 30 Mitgliedern. Verschiedene Frauenrechtsorganisationen forderten deshalb eine Quote von mindestens 35 Prozent. Doch Gehör haben sie auch ein Jahr später nicht erhalten. Deshalb ist niemand überrascht, dass im Präsidentschaftswahlkampf 2011 kein einziger Frauenname gefallen ist. Doch nicht nur bei Spitzenpositionen haben Frauen keine Chance: Schon auf lokaler Ebene scheitern Kandidatinnen häufig bei den Vorwahlen in ihrer jeweiligen Partei. Statt Solidarität gibt es Spott und Hohn.


Kein Land, kein Pass, kein Recht

Aber auch im Privatleben sind viele Nigerianerinnen von ihren Ehemännern abhängig. Häufig bestimmen sie, ob die Frau überhaupt arbeiten darf, ob sie einen eigenen Pass bekommt und wo die Familie lebt. Dabei tragen ausgerechnet Frauen massiv zum Familieneinkommen bei und ernähren ihre Familien, obwohl sie häufig schon Schwierigkeiten haben, überhaupt Minikredite von Banken und eigenes Land zu bekommen. Gar nicht erst zu heiraten ist jedoch auch keine Lösung. Wer mit Anfang 30 noch keinen Trauring trägt und keine Kinder hat, spürt massiven Druck von Eltern und Verwandten, gilt als „schwer vermittelbar“ und häufig als Enttäuschung für die Familie.

Um dieses Klima zumindest ein wenig zu ändern, setzt „Search and Groom“ nicht nur bei den Kickerinnen an. Zweimal pro Woche trainiert die Organisation auch junge Männer und veranstaltet in den Ferien gemischte Fußball-Camps. Dort wird gerade den Jungs vermittelt, wie wichtig die Mädchen sind, und zwar mit einem einfachen Trick: Wenn eins von ihnen ein Tor schießt, zählen die Punkte doppelt. „Die Jungs spielen daher den Ball ganz automatisch den Mädchen zu“, freut sich Yomi Kuku über die kleinen Erfolge.


Nigerias ernste Kickerinnen

Bei den kleinen Erfolgen soll es allerdings nicht bleiben. Die Spielerinnen wollen mehr: Anerkennung und ein bisschen Ruhm, aber vor allem ein eigenes Einkommen erwirtschaften. „Deshalb spielen sie sehr ernsthaft“, erlebt auch der Schweizer Hans Kraemer, der sich seit mehr als zehn Jahren für den nigerianischen Frauenfußball einsetzt und unter anderem Organisator des größten Frauenfußballturniers „All Stars“ sowie Mitglied der „Amalgamation of Nigerian Women Football Club Coaches“ (ANWFCC) ist.

Der Glaube daran, dass Fußball immer häufiger als eigener Berufszweig angesehen wird, ist von der Nationalmannschaft selbst ausgelöst worden. Denn die „Super Falcons“ gelten als stärkstes Team in Afrika. Ihre Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Deutschland war deshalb nur das Minimalziel. Mit ihren Erfolgen stellen die Damen oft sogar die Männer in den Schatten. Die bitterste Niederlage mussten diese während der WM in Südafrika einstecken: das Aus in der Vorrunde. Vier Wochen später machten es ihnen die „Falconets“, die U-20-Nationalmannschaft der Frauen, vor, wie das Siegen geht. Erst im WM-Finale in Bielefeld unterlagen sie Gastgeber Deutschland.


Arme Mädchen spielen Fußball, reiche Tennis

Einmal das Trikot der großartigen Falken tragen zu dürfen, das hofft auch der Fußballnachwuchs. Doch das Leibchen steht für viel mehr: Es ist die Hoffnung, den oftmals ärmlichen Verhältnissen den Rücken kehren zu können. Denn wer in Nigeria Fußball spielt, kommt selten aus einer wohlhabenden Familie. „Töchter von reichen Eltern suchen sich keinen Mannschaftssport wie Fußball. Sie spielen Tennis“, sagt Joy Nnenna Etim, die im Nationalstadion von Lagos eine Fußballschule betreibt.

Nach verschiedenen Schätzungen sollen bis zu 70 Prozent aller Nigerianer – rund 98 Millionen Menschen – unterhalb der Armutsgrenze leben. Die Gründe dafür sind vielfältig. So sind im Nigerdelta im Südosten traditionelle Einnahmequellen wie die Fischerei weggebrochen – die Gewässer sind viel zu stark mit Öl und giftigen Chemikalien verseucht. In anderen Regionen sieht es nicht besser aus. Nur eine Autostunde von Abuja, der künstlich-modernen Hauptstadt im Zentrum des Landes, entfernt ist längst nicht mehr gewährleistet, dass jedes Kind zur Schule gehen kann. Das Schulnetz ist zu dünn und die Wege dorthin viel zu weit. Ganz ähnlich ist es auf dem Land mit der Gesundheitsversorgung bestellt.


Die Schere geht immer weiter auf

Dabei ist Nigeria reich an Bodenschätzen. Das Öl aus dem Nigerdelta ist seit Jahren wichtigste Staatseinnahme. Doch von den Gewinnen profitiert nur eine hauchdünne Oberschicht. Stattdessen geht die Schere zwischen Armen und Reichen immer weiter auf. Daher ist ein Vertrag mit Europa wie ein Sechser im Lotto. Doch auch wer für die First Division, die erste Liga spielt, hat Hoffnung auf ein einigermaßen geregeltes Einkommen. Pro Monat sind das bis zu 30.000 Naira – umgerechnet gut 150 Euro. In einem Land, in dem der Mindestlohn bei 18.000 Naira (90 Euro) liegt, ist das viel Geld. Dazu können außerdem Bonuszahlungen kommen – vorausgesetzt, Manager und Trainer stecken die sich nicht in die eigene Tasche.


Profiliga ist schlecht organisiert

Allerdings ist der Weg dorthin steinig und kostspielig. Denn eine Förderung für Nachwuchsspielerinnen gibt es nicht, und trotz der internationalen Erfolge müssen Sponsoren mit der Lupe gesucht werden. Für Hans Kraemer ist dieses Problem zum Teil aber hausgemacht. Denn Anfang des Jahres ist die Liga nicht wie geplant gestartet, und niemand weiß genau, welches Team wann und wo spielt. Eine Erfahrung, die auch Yomi Kuku immer wieder gemacht hat. „Es gibt keine Planung“, ärgert er sich über die Nigerian Football Federation.

Daher ist ein eigenes Startkapital eine wichtige Voraussetzung, um überhaupt Trikots und Schuhe zu kaufen. Häufig scheitert es aber schon am Fahrgeld zum Training. Wie kostspielig das ist, erlebt Suliat Yusuf zweimal pro Woche. „Ich muss viermal umsteigen. Für die Hin- und Rückfahrt gebe ich an die 700 Naira aus.“ Doch die Spielerin hat Glück. Sie lebt aus alter Familientradition bei ihrer Großmutter. Und in ihr hat sie eine Verbündete gefunden. „Sie unterstützt mich und bezahlt die Fahrten“, ist Suliat erleichtert. Denn ohne das Geld könnte sie allenfalls irgendwo auf der Straße spielen.


Sexueller Missbrauch ist das größte Problem im Frauenfußball

Doch wenn Eltern und Großeltern in ihre kleinen Fußballerinnen investieren, dann entsteht ein großer Druck. Nicht nur die sportlichen Erfolge müssen stimmen, vielmehr bedeutet es: alles machen, damit ich meine Familie irgendwie ernähren kann. Das heißt oft, dass Spielerinnen von Trainern und Club-Vorständen sexuell missbraucht werden. Das Druckmittel ist einfach und perfide: „Wenn du keinen Sex mit mir hast, dann stelle ich dich beim nächsten Spiel nicht auf.“ Auch Suliat kennt die Angst der Fußballfrauen. „Mir selbst ist das zum Glück nie passiert. Aber man spricht darüber.“ Und auch das ist wohl eine der großen Schwierigkeiten: Es ist weithin bekannt, dass sexueller Missbrauch oft an der Tagesordnung ist. Aber niemand nennt die Verantwortlichen beim Namen. Sanktionen bleiben aus. „Die Spielerinnen sind total abhängig und müssen ihre Familien finanzieren. Und die interessiert das wenig, denn sie möchten Reis und Fisch auf dem Tisch haben“, erlebt Hans Kraemer oft und streitet sich ebenso regelmäßig mit Verantwortlichen darüber. „Es ist das größte Problem, dass der nigerianische Frauenfußball hat“, ist er sicher.  

Trainerinnen dringend gesucht

Deshalb wird in Nigeria die Forderung lauter, dass es mehr Trainerinnen geben muss. Coach Joy Nnenna Etim kann das nur unterstützen. Sie war vor genau 20 Jahren die erste Frau, die in dem einwohnerstärksten Land Afrikas den Trainerschein machte. Vorher spielte sie in den frühen Frauenclubs, die sich ab Mitte der 1980er Jahre gegründet hatten. Unterstützung während ihrer Ausbildung erhielt sie dann auch von einer Frau. „Sie hat mir gesagt, dass ich mich nicht unterkriegen lassen soll.“ Und genau das hat sie auch nicht getan und gleichzeitig alle Gerüchte zerstreut, die sich damals um den Frauenfußball rankten. „Uns ist gesagt worden, dass Fußballerinnen keine Kinder bekommen. Das hat uns Angst gemacht.“ Heute grinst sie, wenn sie daran denkt. „Ich bin selbst das beste Gegenbeispiel. Ich habe fünf Kinder.“ Dann setzt sie ihre Trillerpfeife an die Lippen und holt so ihre Fußballerinnen zusammen. Genug aufgewärmt und geredet. Jetzt wird endlich gekickt.

Katrin Gänsler
lebt und arbeitet als freie Journalistin in Westafrika.

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