Frauenmorde in Mexiko: Der Kampf gegen eine "Kultur des Schweigens"

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Frauenmorde in Mexiko: Der Kampf gegen eine "Kultur des Schweigens"

Statistik
Gewaltsame Morde an Frauen nach Bundesstaat.
Grau: 2007-2008. Schwarz: 2009 bis Juni 2010.
Grafik: Eva Bräth. Lizenz: Creative Commons BY-SA 2.0. Original: Flickr.

27. Juli 2011
Eva Bräth

Keine Frage der inneren Sicherheit wird in Mexiko derzeit so intensiv diskutiert wie der sogenannte Drogenkrieg. Seit Beginn des militarisierten Kampfes gegen den Drogenhandel im Jahr 2006 haben in den Auseinandersetzungen zwischen staatlichen Sicherheitskräften und Organisiertem Verbrechen sowie in den Kämpfen der Drogenkartelle untereinander mehr als 40.000 Menschen ihr Leben verloren. Die Unsicherheit, mit der sich die Bevölkerung konfrontiert sieht, wird aus einer staatszentrierten Perspektive diskutiert, aus der die eingeschränkte Regierungsfähigkeit des mexikanischen Staates als Hauptproblem erscheint. Ein anderes Gewaltphänomen gesellschaftlicher Tragweite gerät in diesem Kontext in den Hintergrund: Seit den 1990er Jahren verzeichnet das Land südlich des Río Grande eine sehr hohe Anzahl von Morden an Frauen, die zum Großteil nicht aufgeklärt werden und ungestraft bleiben.

Die extreme Gewalt gegenüber Frauen breitet sich aus

Laut Angaben des Instituto Nacional de Estádistica y Geografía (INEGI) wurden zwischen 2000 und 2009 12.636 Frauen umgebracht. Die zivilgesellschaftliche Organisation Observatorio Ciudadano Nacional del Feminicidio (OCNF), die seit 2007 diese Morde in 19 der 32 Bundesstaaten dokumentiert, verweist zudem auf die alarmierend steigende Tendenz der Verbrechen. So wurden laut Angaben der Organisation zwischen Januar 2007 und Dezember 2008 1.221 Frauen gewaltsam getötet; im kürzeren Vergleichszeitraum Januar 2009 bis Juni 2010 waren es schon 1.728. In Ciudad Juárez im Norden des Landes wurde bereits 1993 jeden zwölften Tag eine Frau umgebracht. Mittlerweile wird dort alle 20 Stunden eine Frau ermordet. Neuere Datenerhebungen des Abgeordnetenhauses sowie zivilgesellschaftlicher Organisationen zeigen darüber hinaus, dass sich die Morde nicht wie häufig angenommen auf die nördliche Region des Landes, Hochburg des Organisierten Verbrechens, beschränken. Der aktuelle Bericht des OCNF, der sich auf Daten aus 17 Staaten stützt, konstatiert, dass 51 % der Morde im Norden, 44% im Zentrum sowie 5 % im Süden der Republik verübt werden. Der Negativrekord findet sich in dem an die Hauptstadt grenzenden Bundesstaat „Estado de México“. Dort wurden nach Angaben des INEGI zwischen 2000 und 2009 2.881 Frauenmorde registriert, ein Vielfaches der für den gleichen Zeitraum in Chihuahua erhobenen Zahl von 384.

Bei den Ermordeten handelt es sich vorwiegend um junge Frauen zwischen 20 und 40 Jahren, die mehrheitlich wie in Ciudad Juárez Niedriglohnarbeiten in Montagebetrieben durchführen, wie im Estado de México in der informellen Wirtschaft arbeiten oder Hausfrau sind. Den wenig aufgeklärten Fällen kann man entnehmen, dass die Täter in Wohnort und sozioökonomischem Profil von ihren Opfern nicht abweichen. Die geographischen Räume, in denen eine Konzentration der Feminizide auftritt, sind zudem durch eine hohe Unsicherheit und die Operationen des Organisierten Verbrechens geprägt, wobei die Verbindung zu letzterem ungeklärt ist. Die Aktivistin Marisela Ortiz führt an, dass in mehreren Fällen, wie beispielsweise in dem national bekannten Mord an der 17-jährigen Sagrario González 1998 in Ciudad Juárez, Hinweise vorliegen, dass Drogenhändler die Entführung von Frauen in Auftrag geben. Die unbefriedigende Datenlage und die geringen Informationen der staatlichen Behörden lassen jedoch keine eindeutigen Aussagen über die Rolle der Drogenkartelle zu. Auf jeden Fall erscheint es vereinfacht, das komplexe Zusammenwirken zahlreicher Faktoren, die in die Gewalt gegen Frauen münden, auf die Standardantwort „Organisiertes Verbrechen“ zu reduzieren.

Feminizide sind ein gesellschaftliches und politisches Phänomen

Die Grenzstadt Ciudad Juárez im Bundesstaat Chihuahua ist die symbolische Hauptstadt der Frauenmorde. Ab 1993 begannen AktivistInnen und zivilgesellschaftliche Organisationen auf das massenhafte Verschwinden sowie auf die brutalen Morde an meist jungen, aus der Arbeiterklasse stammenden und in die Stadt immigrierten Frauen zu reagieren. Die systematische Dokumentation der Fälle liefert ein erschreckendes Resultat: Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation „Nuestras hijas de regreso a casa“ sind in der Metropole, die Hauptstandort der Maquiladora-Industrie und Anziehungspunkt für MigrantInnen ist, seit 1993 884 Mädchen und Frauen Opfer tödlicher Gewalt geworden. Die Körper der Opfer, die häufig als „Müll“ am Straßenrand oder an abgelegenen Orten „entsorgt“ werden, weisen hier wie auch in den anderen Staaten besonders extreme Formen der Gewaltanwendung auf.

Um den spezifischen Charakter der grausamen Verbrechen hervorzuheben, führten AktivistInnen den aus der feministischen Theorie stammenden Begriff des 'Feminizid' ein. Damit werden Frauenmorde durch Männer bezeichnet, die aufgrund ihres Geschlechts begangen werden, d.h. das Tatmotiv ist in extremer Geringschätzung oder Hass gegenüber Frauen zu finden. Die Behandlung der weiblichen Körper als Gebrauchsobjekt, das nach Belieben sexuell missbraucht, gefoltert, zerstört und weggeworfen werden kann, ist Ausdruck dieser Haltung und die wahrscheinlich brutalste Form männlicher Machtdemonstration. Das Konzept der Feminizide ist vor allem mit dem Anliegen verbunden, ein politisches Verständnis der Gewalt gegen Frauen einzufordern und die öffentliche Dimension eines Verbrechens sichtbar zu machen, das oftmals in den privaten Raum verbannt oder ganz verschwiegen wird. Die Klassifizierung als Feminizide verweist darauf, dass die Morde keine isolierten Einzeltaten darstellen, sondern vielmehr als Ausdruck der gesellschaftlichen und politischen Strukturen verstanden werden müssen, in welche sie eingebettet sind. Obgleich die Taten die Rechte von Individuen verletzen, stellen sie eine Form struktureller Gewalt dar. Die AktivistInnen und Nichtregierungsorganisationen, die sich für diese Perspektive einsetzten, betonen die Rolle der Gesamtgesellschaft sowie die Verantwortung des Staates im Zusammenhang mit geschlechtsspezifischer Gewalt.

Feminizide als Reaktion eines „Beleidigten Machismo“?

Im Hinblick auf die gesellschaftlichen Strukturen werden machistische Strukturen als Grundlage für die geschlechtsspezifische Gewalt angesehen. Dass es sich dabei nicht nur um Klischees und Vorurteile handelt, belegen die Ergebnisse der 2005 und 2010 vom Nationalrat für die Prävention von Diskriminierung (CONAPRED) durchgeführten Studien. Geringschätzung und Diskriminierung von Frauen sind so fest in der Gesellschaft verankert, dass es 2005 15 % der männlichen Befragten als legitim erachteten, weniger in die Bildung von Töchtern zu investieren. 22 % sprachen Frauen weniger Kapazitäten in der Ausführung verantwortungsvoller Posten zu, und 40% stimmten der Aussage zu, Frauen sollen einer ihrem Geschlecht angemessenen Arbeit nachgehen. Die geschlechtsspezifische Diskriminierung in Mexiko spiegelt sich nicht nur in den ungleichen Bildungschancen, höherer Arbeitslosigkeit und der schlechteren Bezahlung von Mädchen und Frauen wider. Sie zeigt sich auch darin, dass Gewalt gegenüber Frauen in weiten Teilen der Gesellschaft als normal oder zumindest gerechtfertigt angesehen wird. Obgleich nahezu die Gesamtheit der befragten Männer physische Gewalt gegen Frauen verbal ablehnt, sieht fast ein Viertel die Ursache von Vergewaltigungen in provokativem Verhalten der Opfer. Im Zusammenhang mit den Feminiziden ist ein solcher Stigmatisierungsdiskurs seitens der Polizei und anderer öffentlicher Amtsträger ebenfalls üblich. Die befragten Frauen geben an, dass die Verletzung des Rechtes auf ein gewaltfreies Leben die verbreitetste Form ihrer Diskriminierung darstellt, wobei Formen der familiären Gewalt noch einmal besonders hervorgehoben werden. Nach Erhebungen des INEGI 2006 sind 67 % aller über 15-jährigen Frauen bereits Opfer von Gewalt geworden. Mehr als die Hälfte dieser Altersgruppe hat Gewalt durch den Partner, davon 44 % physische Gewalt, erlitten.  Das Bundesamt für Frauen (INMUJERES) hob im Rahmen einer Kampagne gegen Gewalt im Juni dieses Jahres hervor, dass in Mexiko alle 15 Sekunden eine Frau angegriffen sowie alle 9 Minuten eine Frau vergewaltigt wird. Täglich sterben sechs Frauen an den Folgen gewaltsamer Übergriffe.

Die mexikanische Gesellschaft zeichnet sich durch ein im internationalen Vergleich sehr hohes Niveau an geschlechtsspezifischer Gewalt aus, die in das Alltagsleben eingeschrieben ist. Die extreme Gewaltform der Feminizide bedroht jedoch nicht alle Schichten gleichermaßen. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Feminizides zu werden, ist in bestimmten sozialen Kontexten wie Armut, Marginalisierung und Ausschluss von Bildungschancen besonders hoch.

Nelson Arteaga Botello und Jimena Valdés Figuerora, AutorInnen einer Studie über die Feminizide im besonders betroffenen Estado de México, bezweifeln aufgrund der sozioökonomischen Indikatoren, dass die Feminizide generell auf die Strukturen des Machismo zurückgeführt werden können. Sie vertreten die These, dass die extreme Gewalt gegenüber Frauen in den sozialen Zusammenhang der Veränderung der weiblichen Sexualität sowie der zunehmenden Berufstätigkeit von Frauen gesetzt werden muss, in dessen Rahmen sich die klassische Rollenverteilung der Geschlechter auflöst. Die Feminizide können dieser Auffassung folgend als Reaktion eines „beleidigten Machismo“ verstanden werden, der bestimme Subjektivierungsformen von Frauen verhindern und stattdessen traditionelle Wertemuster in den Geschlechterbeziehungen aufrecht erhalten möchte.

In Ciudad Juárez ist dies besonders sichtbar. Mit der massenhaften Beschäftigung von Frauen in den Montagebetrieben sowie dem gleichzeitigen Niedergang des traditionellen Handwerks und der Kleinindustrie änderten sich die Rollenverständnisse insofern, als die Männer nun nicht mehr die Hauptversorger der Familie darstellten und sich die Frauen zunehmend im öffentlichen Raum bewegten, anstatt Haus und Kinder zu hüten. Im Zuge dieses Wandlungsprozesses stieg die häusliche Gewalt in der Stadt sprunghaft an. Die Teilhabe von Frauen im öffentlichen Raum, ihr politisches Engagement ist nicht allgemein akzeptiert und wird durch Gewalt unterbunden - die kürzlich begangenen Morde an den Aktivistinnen Marisela Escobedo und Susana Chávez sind traurige Belege dafür.

Straflosigkeit und institutionelle Toleranz gegenüber Gewalt

Das Plädoyer für eine Klassifizierung der Frauenmorde als Feminizide ist darüber hinaus mit einer Kritik an den staatlichen Institutionen und der Forderung nach einer Integration der Genderperspektive im Justizwesen verknüpft. In dieser institutionellen Dimension verweist das Konzept des Feminizids in der lateinamerikanischen Debatte auf die Straflosigkeit der Verbrechen. Die Menschenrechtsorganisationen betonen, dass sich die geschlechtsspezifische Gewalt nicht auf Haushalt, Arbeitsplatz und Wohnviertel beschränkt, sondern darüber hinaus mit den Institutionen verbunden ist, die formal damit beauftragt sind, die Rechte von Frauen zu gewährleisten, sich in der Praxis jedoch durch hohe Nachlässigkeit auszeichnen. Die institutionellen Defizite zeigen sich in der geringen Aufklärungsrate der Verbrechen sowie in den Unregelmäßigkeiten innerhalb der polizeilichen Ermittlungen, die ein „Klima der Straflosigkeit“ erzeugen. In 69 % der 1.221 Morde, die 2007-2008 an Frauen verübt wurden, ist den Behörden das Tatmotiv sowie in 51 % der Täter unbekannt. Den 459 Morden in der ersten Jahreshälfte 2009 stehen lediglich acht Verurteilungen sowie 87 polizeilich Verdächtige gegenüber, wobei letztere aufgrund mangelnder Beweise nicht belangt werden konnten. Nach Angaben von INMUJERES bleiben 85 % der angezeigten Fälle von Gewalt gegen Frauen ungestraft. Indem die Gewaltverbrechen straffrei bleiben, tragen die staatlichen Institutionen zu einer Verstärkung der Menschenrechtsverletzungen bei und begünstigen zudem Wiederholungs- und Nachahmungstaten.

Die Berichte von Angehörigen der Opfer verdeutlichen, dass diese Bilanz nicht allein auf mangelnde Kapazitäten der Polizei und des Justizwesens zurückgeführt werden kann. Fehlendes Interesse und eine gewisse Toleranz der Verantwortlichen gegenüber der Gewalt verstärken die Problematik erheblich. So schildert die Mutter der 2003 in Ciudad Juárez ermordeten Diana Jazmín García Medrano, dass sich die Polizeibeamten zunächst weigerten, ihre Vermisstenanzeige aufzunehmen und die Frau damit zu beschwichtigen versuchten, dass Diana sicherlich „mit ihrem Freund rumhänge“. Wie auch in anderen Fällen geschehen, erhielt Hilda Medrano nach einigen Tagen einen Anruf von Justizbeamten. Ihr wurde mitgeteilt, man habe ihre Tochter in einer Bar angetroffen, und sie solle besser nicht mehr nach ihr suchen, da diese kein Interesse habe, nach Hause zurückzukehren. Die verzweifelte Mutter konnte sich nach dem Aufsuchen der entsprechenden Bar davon überzeugen, dass es sich nicht um ihre Tochter handelte. Vier Monate später wurde der Körper einer jungen Frau gefunden, den Hilda Medrano nach einer DNA-Analyse als den ihrer Tochter identifizieren konnte. Diese Maßnahme erschien ihr notwendig, da zuvor auf zahlreiche Angehörige von verschwundenen Frauen Druck ausgeübt worden war, in Plastiktüten überreichte Knochen als ihre Töchter zu identifizieren. Andere Fälle, wie jener von Nadia Muciño Márquez, legen eine weitere Praxis der Polizei offen, die dazu führen soll, die brutalen Morde zu vertuschen und/oder Statistiken zu beschönigen. Die 24-Jährige Mutter dreier Kinder war nach mehreren von der Polizei ignorierten Anzeigen gegen ihren gewalttätigen Mann von ihm und dessen Bruder gefoltert und stranguliert worden. Im Zuge der „Spurensicherung“ versuchten die Beamten laut der Mutter des Opfers Beweise für die vorangegangene Gewaltanwendung zu beseitigen und einen Selbstmord vorzutäuschen. Nadias Mutter kämpft seitdem für eine gerechte Bestrafung des Verbrechens, das von den drei Kindern beobachtet wurde und bezeugt wird. Im Februar 2010 wurde Nadias Ehemann freigesprochen und Suizid zur offiziellen Todesursache erklärt.

Solche Versuche, die geschlechtsspezifische Gewalt zu vertuschen oder zu verharmlosen, spielen sich keineswegs nur auf den unteren Ebenen der lokalen Polizeibehörden und Justizeinrichtungen ab, sondern durchziehen den gesamten Staatsapparat. Auch hochrangige Amtsträger reihen sich in einen Stigmatisierungsdiskurs ein, der die Opfer als (Teil)Verantwortliche der Feminizide abbildet. So zögerte der stellvertretende Leiter der Generalstaatsanwaltschaft Chihuahua Jorge López Molinar nicht, als Reaktion auf eine Stellungnahme der Nationalen Menschenrechtskommission die Morde in Ciudad Juárez damit in Verbindung zu bringen, dass „viele Arbeiterinnen ihren Lohn durch Prostitution aufbessern“. Der Gouverneur Enrique Peña Nieto, in dessen Regierungsgebiet 9 von 10 Feminiziden ungestraft bleiben, bestreitet das hohe Ausmaß der Gewalt gegen Frauen im Estado de México. Angesichts seiner wahrscheinlichen Kandidatur für die PRI bei den Präsidentschaftswahlen 2012 sowie den bundesstaatlichen Parlamentswahlen im Juli 2011 ordnet er die Kritik als parteipolitisch motivierte Strategie der konkurrierenden Parteien ein.

Stärkung der Zivilgesellschaft als Erfolgsbedingung

Vor diesem gesellschaftlichen und politischen Hintergrund geht es den zivilgesellschaftlichen Organisationen, AktivistInnen und Angehörigen der Opfer darum, die verbreitete Gewalt gegen Frauen sichtbar zu machen, mit der Kultur des Schweigens und dem Klima der Toleranz zu brechen und darauf aufbauend rechtliche Instrumente einzufordern, die ein gewaltfreies Leben von Mädchen und Frauen ermöglichen. Mexiko hat in seiner Verfassung zwar das Verbot geschlechtsspezifischer Diskriminierung festgeschrieben und zahlreiche internationale Abkommen gegen die Gewalt an Frauen unterzeichnet. Die Kluft zwischen rechtlicher Norm und empirischer Praxis ist jedoch verheerend. Das Land hat allein zwischen 2000 und 2006 140 Empfehlungen internationaler Organisationen im Zusammenhang mit der Menschenrechtssituation von Frauen erhalten, wobei sich die Mehrheit auf die Defizite im Bereich des Justizwesens und der öffentlichen Verwaltung beziehen. Die Urteile des Interamerikanischen Gerichtshofes im „Fall der Baumwollfelder“ stellen den bisherigen Höhepunkt der internationalen Kritik und die Basis für eine Verbesserung der Situation mexikanischer Frauen dar. Im Falle von drei Frauen, die ermordet auf einem Baumwollfeld in Chihuahua aufgefunden wurden, kritisiert der Gerichtshof die mangelnde Untersuchung und Strafverfolgung. Es verurteilte den mexikanischen Staat im Dezember 2009 wegen schwerwiegender Menschenrechtsverletzungen und verpflichtete ihn unter anderem dazu, seine Verantwortlichkeit einzugestehen, juristische Vorschläge gegen Straflosigkeit und Feminizide zu entwickeln sowie Informationen über das Verschwinden der Frauen bereitzustellen.

Das 2007 verabschiedete Bundesgesetz für ein gewaltfreies Leben von Frauen erwähnt erstmals den Begriff der feminiziden Gewalt und stellt damit die Grundlage für die Einbeziehung geschlechtsspezifischer Gewalt in die Analyse dar. Das Gesetz sieht zudem vor, im Falle von „Alarmzuständen geschlechterspezifischer Gewalt“ besondere staatliche Maßnahmen einfordern zu können. Die seit 2008 von Nichtregierungsorganisationen gestellten Dringlichkeitsanträge, welche die Gewalt gegen Frauen in den drei Bundesstaaten Oaxaca, Guanajuato und Estado de México problematisierten, wurden jedoch abgelehnt.

Diese Entwicklungen zeigen, dass das zivilgesellschaftliche Engagement für die Rechte von Frauen sowie der Druck internationaler Organisationen auf rechtlicher Ebene Fortschritte gebracht haben. Zugleich verdeutlichen sie, dass die Problematik nicht durch das Justizsystem gelöst werden kann, sondern eine grundlegende Veränderung gesellschaftlicher Machtbeziehungen erfordert. Die Feminizide stellen ein komplexes Phänomen dar, das in bestimmten gesellschaftlichen und politischen Bedingungen wurzelt. Aus diesem Grunde ist eine Stärkung der zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich seit Jahrzehnten für eine Veränderung dieser Strukturen einsetzen, die Erfolgsbedingung für eine Verbesserung der Situation von Frauen in Mexiko.


Eva Bräth ist Diplom-Politologin und war von Februar bis Juni 2011 Praktikantin am Regionalbüro Mexiko/Mittelamerika/Karibik (Sitz Mexiko Stadt).

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