Wie aus weniger mehr wird

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Wie aus weniger mehr wird

Palmöl-Plantage im malayischen Teil Borneos
Palmöl-Plantage im malayischen Teil Borneos
Foto: angela7dreams, Quelle: Flickr, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0 

17. Mai 2011
Christine Chemnitz
Von Christine Chemnitz

Natürlich braucht die Welt Wachstum in der landwirtschaftlichen Produktion, denn im Jahr 2050 werden mehr als neun Milliarden Menschen auf der Erde leben. Die Bedeutung des Wachstums in der Landwirtschaft scheint klar wie in kaum einem anderen Bereich der Wirtschaft. Erstaunlich nur, dass in den vergangenen 45 Jahren zwar die landwirtschaftlichen Produktion um fast das eineinhalbfache angestiegen ist, sich die Zahl der hungernden Menschen aber nicht verringert hat. In den vergangenen sechs Jahren ist sie sogar gestiegen. Zurzeit hungern weltweit mehr als eine Milliarde Menschen.

Was heißt das? Muss die Landwirtschaft noch viel stärker wachsen? Ein Blick auf soziale und ökologische Folgen einer wachsenden Landwirtschaft lässt nur eine Antwort zu: Nein. Ein „Weiter so“ ist keine Option. Rodung der Wälder, Verlust der Biodiversität, Versalzung von Böden, Absenkung des Grundwasserspiegels und der immense Ausstoß von klimaschädlichen Gasen; die Liste der ökologischen Katastrophen, die vornehmlich auf das Konto der Landwirtschaft gehen, ist beliebig zu erweitern. Dabei schafft diese Landwirtschaft kein Plus an sozialer Gerechtigkeit für ländliche Gesellschaften.

Wie in allen anderen Sektoren ist Wachstum in der Landwirtschaft kein Wert an sich. Eine der Hauptaufgaben der Landwirtschaft sollte sein, die Menschheit zu ernähren. Einfach mehr Nahrungsmittel zu produzieren ist aber kein gutes Instrument, um Hunger zu bekämpfen. Berechnungen der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO zeigen: Selbst wenn die landwirtschaftliche Produktion um weitere siebzig Prozent stiege (was ökologisch nicht wünschenswert ist), würden im Jahr 2050 noch immer mehr als 250 Millionen Menschen hungern. Diese Zahl würde sich noch einmal stark erhöhen, würden Auswirkungen des Klimawandels und Nachfrage nach Bioenergie in die Berechnungen einfließen.

Aber wie könnte man neun Milliarden Menschen ernähren? Durch nachhaltiges Wachstum, das dort stattfinden muss, wo Nahrungsmittel gebraucht werden. Indem Verluste von Nahrungsmitteln verringert und Produktionsressourcen fairer verteilt werden.

Derzeit gehen Schätzungen zufolge dreißig bis fünfzig Prozent der in Entwicklungsländern produzierten Nahrungsmittel nach der Ernte verloren. Das liegt vor allem an den schlechten Lager- und Transportmöglichkeiten. Investierte man stärker in diesen „Nacherntebereich“, würden nicht nur lokal mehr Nahrungsmittel verfügbar und zugänglich, die Bauern und Bäuerinnen würden auch deutlich mehr verdienen.

Auch in Industrieländern wird nach der Ernte fast die Hälfte der Nahrungsmittel nicht konsumiert. Hier liegt es aber nicht an den schlechten Lagerungsmöglichkeiten, sondern an unserem Konsumverhalten. Die Hälfte der eigentlich noch essbaren Lebensmittel werfen wir weg. Allein in Deutschland sind das im Jahr bis zu fünfzehn Millionen Tonnen. Reduzierte man die weltweiten Verluste nach der Ernte von Getreide um die Hälfte, müsste die Produktion nicht, wie von der FAO berechnet, um mehr als siebzig Prozent steigen, sondern um weniger als fünfzig Prozent.

Hinzu kommt, dass inzwischen ein großer Teil der weltweit produzierten Nahrungsmittel verwendet wird, um Tierfutter oder Bioenergie zu produzieren. In den USA wurden 1995 zehn Millionen Tonnen Mais zu Ethanol verarbeitet, 2009 waren es bereits 116 Millionen. Gleichzeitig ist der Konsum von Fleisch um ein Vielfaches angestiegen. Dadurch wird auch mehr Tierfutter verbraucht.

Landwirtschaftliches Wachstum hat natürliche Grenzen. Land und Wasser gibt es nur in begrenzten Mengen. Je mehr Menschen auf dieser Welt leben, desto mehr müssen sich die Industrieländer bewusst werden, wie sich ihr Konsumverhalten auf den Rest der Welt auswirkt.

Böll.Thema 2/2011: Grenzen des Wachstums - Wachstum der Grenzen

Die Lektionen aus der atomaren Katastrophe in Japan, die weltweite Jagd nach Rohstoffen oder die Diskussion um den Wachstumverzicht - das aktuelle Heft erörtet die Utopie einer „ökologischen“ Moderne aus unterschiedlichen Perspektiven und diskutiert die Alternativen eines auf Selbstbeschränkung zielenden grünen Puritanismus.
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