Petra Kelly als grüne Vorkämpferin - 25 Jahre Grüne und europäische Einigung

Petra Kelly als grüne Vorkämpferin - 25 Jahre Grüne und europäische Einigung

Ralf Fücks zur Preisverleihung an Wangari Maathai

19. März 2008
Dies ist das vierte Mal, dass die Heinrich-Böll-Stiftung den Petra-Kelly-Preis verleiht. 1998 war die erste Preisträgerin die Unrepresented Nations and Peoples Organisation – ein Zusammenschluss nationaler Minderheiten, die für ihr Recht auf kulturelle Autonomie und politische Gleichberechtigung kämpfen.   
   
Der Petra-Kelly-Preis 2000 ging an die Geschwister Berta und Nicolasa Quintreman – auch sie gehören zu einer Minderheit, die der Mapuche in Chile. Vor allem aber stehen sie für den weltweiten Widerstand gegen Staudamm-Projekte, die mit großangelegten Bevölkerungsvertreibungen und der Zerstörung traditioneller kultureller und sozialer Strukturen verbunden sind.
Der dritte Auszeichnung ging vor zwei Jahren an Ingrid Betancourt, Vorkämpferin der grünen Bewegung in Lateinamerika, Präsidentschaftskandidatin und Streiterin für Demokratie und Menschenrechte in Kolumbien. Ingrid wird seit Jahren von der kolumbianischen Guerillagruppe FARC gefangengehalten - die Verleihung des PKP war auch ein politisches Signal an die Öffentlichkeit in Deutschland wie in Kolumbien, sich für ihre Freilassung einzusetzen.
Unsere diesjährige Preisträgerin, Wangari Maathai, passt ebenso gut in diese Reihe ihrer Vorgängerinnen wie zu Petra Kelly als Namensgeberin des Preises. Über ihre Verdienste um die grüne Bewegung in Afrika werden Berufenere heute Abend noch sprechen. Statt dessen möchte ich gern zu Beginn ein paar Worte zu den Intentionen sagen, die wir mit diesem Preis verfolgen.
  • Erstens wollen wir die Erinnerung an Petry Kelly als Vorkämpferin der grünen Bewegung wach halten. Das mag dieses Jahr eine besondere Bedeutung haben, da sich die Grünen anschicken, ihr 25-jähriges Gründungsjubiläum zu feiern – so lange gibt es die Partei tatsächlich schon. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Grüne der jüngeren Generation noch wissen, auf wessen Schultern sie stehen. Es war Petra Kelly, deren missionarische Aktivität maßgeblich dazu beigetragen hat, die Grünen als eigenständige politische Kraft zu formieren, die inzwischen weit über Europa hinaus die politische Landkarte verändert hat.

    Wenn man heute nach der bekanntesten grünen Politikerin fragt, wird man in vielen Ländern des Südens oder in den USA immer noch den Namen Petra Kelly hören. Für sie war die Rede von der „Einen Welt“ gelebte Praxis, ob im Kampf gegen den Uranabbau in Australien oder in der Solidarität mit den Dissidenten des inzwischen untergegangenen sowjetischen Imperiums.

    Insofern ist dieser Preis ist auch eine Erinnerung an die idealistischen und internationalistischen Impulse, die am Anfang des grünen Projekts standen. Nicht im Sinne eines mahnenden Zeigefingers und schon gar nicht mit dem Gestus moralischer Überheblichkeit gegenüber den realpolitischen Wandlungen, die die Grünen auf ihrem langen Marsch durch die Institutionen vollzogen haben. Aber gerade in der Höhenluft des Regierens ist es wichtig, zu wissen, woher wir kommen und wofür grüne Politik gebraucht wird – und die Auseinandersetzung mit den Werten und Zielen, die Petra verkörperte, ist ein Teil dieser Selbstvergewisserung. 

  • Zum zweiten soll der Preis Personen und Initiativen ermutigen und öffentlichen Rückhalt geben, die heute einen herausragenden Beitrag für die Ziele leisten, für die Petra Kelly ihr kurzes, intensives Leben lang gekämpft hat: für die weltweite Achtung der Menschenrechte, das Recht auf kulturelle und politische Selbstbestimmung, für globale Gerechtigkeit, den Schutz der ökologischen Lebensgrundlagen und die Suche nach gewaltfreien Konfliktlösungen.

    Diese Grundwerte grüner Politik sind heute so aktuell wie zum Zeitpunkt der Gründung der grünen Partei vor 25 Jahren, auch wenn sich unser Politikverständnis und unsere Art des Politik-Machens inzwischen mehrfach gemausert hat.

    Wir stehen heute Abend kurz vor einem Ereignis von historischer Tragweite: dem Beitritt von 10 neuen Mitgliedsstaaten zur Europäischen Union. Dieser große Sprung nach vorn auf dem Weg der Einigung Europas auf der Basis von Demokratie und persönlicher Freiheit, deren Zeuge wir sind, war auch ein Traum, den Petra Kelly geträumt hat. Sie war eine visionäre Europäerin, auch wenn man nicht unbedingt sagen kann, dass sie von der Europäischen Union in ihrer heutigen Gestalt geträumt hat. Aber sie glaubte an die Überwindung der Blöcke und den Fall der im Kalten Krieg gezogenen Grenzen, als die meisten Politiker ihrer Zeit das noch für eine gefährliche Illusion hielten, übrigens auch so manche bei den Grünen. Auch in diesem Punkt war sie ihrer Zeit voraus.

    Ich bin deshalb ein wenig stolz darauf, dass wir gerade heute diesen Preis verleihen, und ich bin auch ein wenig stolz auf die Preisträgerin dieses Jahres.

Ralf Fücks ist Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung

Ralf Fücks ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Er publiziert in großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen, in internationalen politischen Zeitschriften sowie im Internet zum Themenkreis Ökologie-Ökonomie, Politische Strategie, Europa und Internationale Politik.

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