Frauen spielen Fußball - überall

Frauen spielen Fußball - überall

Frauen beim Kampf um den Ball - in der öffentlichen Wahrnehmung ist das noch immer kein alltäglicher Anblick. Bild: Pranav Singh Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA 2.0 Original: flickr.

16. Februar 2012
Barbara Unmüßig

Fußball – Männerfußball natürlich – hat meine Kindheit sehr geprägt. Sonntage habe ich über Jahre beim Fußballspiel verbracht. Das ganze Elternhaus fußballverrückt – bis heute. Mit ganzer Leidenschaft hat sich mein Vater dem Fußball gewidmet, Fußball war sein halbes Leben. Er war Fußballstar der Dorfmannschaft bis zur Altherrenmannschaft, er hat die Fußballjugend trainiert, gegen Maulwurfhügel auf dem Fußballrasen gekämpft, im Vorstand die Vereinsgeschicke gelenkt. Mit Sohn und Tochter auf dem „Hof“ gekickt. Auf die Idee selbst Fußball zu spielen, bin ich in den 60er Jahren einfach nicht gekommen. Keine role models, kein Angebot nirgends. Klar, dass der Sohn in die väterliche Fußstapfen treten sollte.

Ich gebe zu: Frauenfußball stand bislang nicht auf meiner (geschlechter)politischen Agenda. Das hat sich schlagartig geändert, seit klar ist, dass in Deutschland Frauenfußball WM ist. Ich entdecke ihn erst seit Kurzem: spielerisch und in seinen emanzipatorischen Potenzialen. Und ich genieße diesen biografischen Bogen in vollen Zügen und lerne viel dazu.

Frauen spielen Fußball überall. Unter welchen Bedingungen und seit wann dürfen sie überhaupt spielen? Gibt Fußball wirklich einen Kick für mehr Gleichberechtigung und Selbstbestimmung? Wird die Fußball-WM in Deutschland wirklich Sportgeschichte schreiben? Ist nach der WM nicht wieder alles beim Alten, der Frauenfußball ohne große Aufmerksamkeit? Welche Geschlechterstereotypen treffen wir an – werden sie sich ändern durch neue Bilder, neue Ästhetik, durch mehr Geld für den und im Frauenfußball?

Mit dem Web-Dossier zeigen wir: Die Teams kommen aus allen Ecken der Welt – Europa, Nord-, Mittel- und Südamerika, Afrika, Asien und Ozeanien. Bei aller Verschiedenheit: Die Vorurteile, Herausforderungen und Hindernisse, die Mädchen und Frauen überwinden müssen, wenn sie Fußball spielen wollen, ähneln sich häufig. Dies fängt bei den Zuschauerzahlen an: Sie sind einfach nicht vergleichbar mit denen des Männerfußballs. In Deutschland liegt der Zuschauerdurchschnitt eines Bundesligaspiels bei 836 – das berichtet Nicole Selmer . In Schweden liegt er bei ca. 1.000 – das ist Rekord im europäischen Durchschnitt. In den USA sind es immerhin im Schnitt 3.500. Länderspiele sind schon vielversprechender: Bei einem Spiel der U-20 zwischen Kolumbien und Brasilien in Kolumbien 2011 kamen 28.000 Zuschauer/innen! Den Rekord halten auch hier die USA. Als sie 1999 Weltmeisterinnen wurden, verfolgten 90.185 Zuschauer/innen das Spiel.

Fußball als Beruf?

Diese Zuschauerzahlen sind einsame Spitze, sonst ist es eher still um den Frauenfußball. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen spielt er so gut wie keine Rolle. Nicht einmal die Ergebnisse der Frauenbundesliga gibt es. Der Spartensender Eurosport brachte es laut einer Studie aus dem Jahr 2009 immerhin auf 230 Frauenfußballstunden im Jahr. ARD und ZDF schafften gerade mal 45 Stunden. Ein gewandeltes Medieninteresse könnte immerhin Anreize für Sponsoren schaffen. Weltweit stehen Frauenfußballvereine nämlich vor dem Problem, nicht genügend Geld zu haben.  Fußball als Beruf und insgesamt die Professionalisierung des Frauenfußballs sind noch ein weites Feld.  Es locken keine Millionen-Verträge der Vereine, keine lukrativen Werbeverträge, kurzum: Nur in seltenen Ausnahmen können Frauen Fußball zu ihrem Beruf machen. Darunter leidet die Professionalisierung des Sports insgesamt. In Nigeria müssen Sponsoren „mit der Lupe gesucht werden“, wie Katrin Gänsler  in ihrem Beitrag schreibt. In Mexiko kommt Sponsoring primär über persönliche Kontakte zu Stande, Werbung gibt es gar keine. Und selbst in den USA, wo Frauenfußball etabliert ist, hat sich Frauenfußball als Mediensport nicht langfristig durchsetzten können und lässt sich somit nicht lukrativ vermarkten. Und in Deutschland haben einige Spielerinnen der Nationalelf, darunter Fatmire Bajramaj, Babett Peter und Simone Laudehr, den Weg als Sportsoldatin gewählt, um das Trainingspensum einer professionellen Fußballerin trotz Beruf erfüllen zu können.

Das Dilemma der Sexualisierung

Die große Gemeinsamkeit, die Fußballerinnen in aller Welt erleben  müssen, sind die Vorurteile und Klischees. Das prominenteste Vorurteil ist sicherlich das der lesbischen Fußballerin. Ob Brasilien, Mexiko, Deutschland oder Nigeria – überall steht die Stereotypisierung von der Fußballerin als Lesbe im Raum. Der Verdacht trifft dort besonders hart, wo Homosexualität tabuisiert oder gar verboten ist, wie es in Nigeria der Fall ist. Aber auch unabhängig davon ist die Rollenzuschreibung gegenwärtig und damit belastend. Zumindest zwingt sie Fußballerinnen dazu, ob sie wollen oder nicht, sich mit derartigen Stereotypen, Zuschreibungen und Klischees auseinandersetzen zu müssen. Frauen mit maskuliner Erscheinung, der unterstellte Prototyp einer Lesbe, bietet außerdem kein Marketingpotenzial. Der Teufelskreis nimmt hier seinen Lauf, denn wenig Marktpotenzial bedeutet wenig Geld und wenig Geld hemmt die Professionalisierung.

Die andere Seite der Medaille ist, nicht die sportliche Kompetenz, sondern  die Attraktivität von Spielerinnen in den Mittelpunkt zu stellen. Doch so sehr Sponsoring für die Professionalisierung des Frauenfußballs notwendig ist, sexistische Ausbeutung ist es nicht! Das Dilemma von Weiblichkeit und Professionalität beschreibt Nina Degele eindrücklich. Letztlich sollte die Grenze, dass die sportliche Leistung gegenüber der äußeren Attraktivität der Spielerin in den Hintergrund tritt, nicht überschritten werden.

Kürzlich hat der Spielzeughersteller Mattel Bundestrainerin Silvia Neid und Spielerin Birgit Prinz als Barbie-Puppen hergestellt. Berichten zufolge hielt sich die Begeisterung von Birgit Prinz, deren Puppenabbild mit Streichholzbeinchen und Stupsnase gefertigt wurde, in Grenzen. Verständlich, denn Birgit Prinz lässt sich nicht gerne in Rollenbilder pressen. Was zählt, ist der Fußball! 

Dieser Artikel ist auch auf der Seite des Gunda-Werner-Instituts erschienen.

Portrait: Barbara Unmüßig

Barbara Unmüßig

Barbara Unmüßig ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie hat zahlreiche Zeitschriften- und Buchbeiträge zu Fragen der internationalen Finanz- und Handelsbeziehungen, der internationalen Umweltpolitik und der Geschlechterpolitik veröffentlicht. 

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