Sur-Place-Programm Russland

Sur-Place-Programm Russland

Sur-Place-Stipendienprogramm zur Förderung junger WissenschaftlerInnen in Russland


Die Heinrich-Böll-Stiftung fördert seit 1994 ein Sur-Place-Stipendienprogramm für russische Studierende und Promovierende. Ziel ist die Initiierung und Stimulierung neuartiger historischer, soziologischer und rechtswissenschaftlicher Forschungen durch junge WissenschaftlerInnen. Dabei wird ein besonderes Gewicht auf die Unterstützung von Frauen und von WissenschaftlerInnen aus der Peripherie gelegt – 70% der Geförderten sind Frauen , 2/3 der Geförderten kommen nicht aus den Großstädten Moskau oder St. Petersburg. Das Programm will zur Begründung einer neuen Wissenschaftsgemeinschaft mit einem veränderten Wissenschaftsverständnis beitragen, dadurch die Herausbildung einer demokratischen Gesellschaft in Russland befördern und die Einbindung Russlands in die europäische und internationale Rechtsgemeinschaft unterstützen.


> Hintergrund
> Aufgaben und Umfang
> Begleitprogramm
> Bisherige Ergebnisse
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Zum Hintergrund des Programms

Die gegenwärtige Lage der russischen Gesellschaft, die von schweren Krisen politischen, sozialen und ökonomischen Charakters geschwächt wird, ist für die Entwicklung neuer Forschungsrichtungen und -initiativen in den Geistes- und Sozialwissenschaften äußerst ungünstig. Unter der Situation leiden besonders junge WissenschaftlerInnen und Gelehrte, die häufig einen Teil ihrer Zeit und ihrer Forschungsarbeit für die Suche nach materiellen Lebensgrundlagen opfern müssen. Heute versanden die allermeisten geistes- und sozialwissenschaftlichen Initiativen und Projekte aufgrund fehlender materieller Unterstützung und fehlender professioneller Fertigkeiten ihrer Schöpfer schon im allerersten Stadium. Je weiter entfernt sich der Ort dieser Vorhaben von den Metropolen Moskau oder St. Petersburg befindet, desto problematischer erweisen sich die äußeren Bedingungen.

Angesichts dieser schwierigen Umstände soll im Rahmen des Stipendienprogramms jungen WissenschaftlerInnen die erfolgreiche Durchführung ihrer Forschungsvorhaben ermöglicht werden. Dies gilt besonders für die WissenschaftlerInnen, deren Engagement geeignet ist, zur Stärkung der Ideen von umfassender Demokratisierung aller gesellschaftlichen und staatlichen Bereiche und zur Durchsetzung von Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten beizutragen.

Das Sur-Place-Stipendienprogramm entstand in gemeinsamer Initiative von Heinrich-Böll-Stiftung und Memorial im Frühjahr 1994; seit 1995 ist das St. Petersburger Zentrum für unabhängige soziale Forschungen ein weiterer Partner im Programm.

Aufgaben und Umfang des Programms

Das Programm richtet sich an alle StudentInnen und PromovendInnen mit humanitärer Studien- und Forschungsrichtung (GeschichtswissenschaftlerInnen, PolitologInnen, JuristInnen, SoziologInnen), die zu den Themenbereichen "Aufarbeitung der sowjetischen Repressionsgeschichte“, "Aktuelle Menschenrechtssituation und Entwicklungsprobleme eines demokratischen Rechtsstaates in Russland“ und "Frauen im Tranformationsprozess“ arbeiten.

Die Stipendien werden für einen Zeitraum von 18 Monaten vergeben. Die Auswahl der 28 jungen StipendiatInnen findet auf der Grundlage eines gesamtrussisch ausgeschriebenen Auswahlwettbewerbs statt. Auswahlkriterien sind die Aktualität, die gesellschaftspolitische Bedeutung, die thematische und methodische Neuartigkeit der Themen sowie das gesellschaftspolitische Interesse und Engagement der BewerberInnen.

Begleitprogramm

Das Sur-Place-Programm bietet neben der finanziellen Unterstützung eine wissenschaftliche Betreuung der StipendiatInnen im Rahmen einer einwöchigen Konferenz in Moskau oder St. Petersburg. Während dieser Woche stellen die StipendiatInnen ihre Forschungsarbeiten und -ergebnisse vor und diskutieren sie im Kreise der TeilnehmerInnen und eingeladener ProfessorInnen aus Deutschland und Russland.

Aus der Runde der 28 werden acht bis zehn StipendiatInnen zu einem zweimonatigen Forschungsaufenthalt nach Deutschland eingeladen. Sie haben Gelegenheit, an verschiedenen selbst gewählten Universitäten ihre Forschungsarbeiten durch Bibliotheksrecherchen, Felduntersuchungen und Kontaktaufnahme zu wissenschaftlichen SpezialistInnen ihres Fachgebiets zu komplettieren.

Bisherige Ergebnisse des Programms

Die qualitativen Ergebnisse des Programms sind beachtlich:
So hat das Sur Place Stipendienprogramm in Russland bisher einen kleinen, jedoch zielgerichteten Beitrag zur Stärkung zivilgesellschaftlicher Ansätze geleistet. Die vor allem in den meisten dezentralen russischen Regionen einzigartige Möglichkeit, für wissenschaftliche Arbeiten zu weitgehend tabuisierten Themenbereichen am eigenen Standort finanzielle Förderung zu erhalten, hat das gesellschaftliche Engagement der StipendiatInnen in vielen Fällen gestärkt. In den Städten Irkutsk, Perm, Krasnojarsk, Novosibirsk und Petrosavodsk beispielsweise fanden von den StipendiatInnen organisierte öffentliche Diskussionsveranstaltungen zu mit den Arbeiten verwandten Themen statt.

Das Sur Place Programm Russland hat wesentlich zur Ausweitung der Kontakte zwischen deutschen und russischen WissenschaftlerInnen beigetragen. Dabei spielt die Teilnahme deutscher DozentInnen an den Konferenzen ebenso eine Rolle wie die zweimonatigen Forschungsaufenthalte einer Reihe der StipendiatInnen. Beide Gelegenheiten führen zu einem intensiven Austausch über Forschungsmethoden, über das Verständnis von Wissenschaft, über das Verhältnis von Wissenschaft und politischem Interesse und andere Fragen.

Die Vernetzung von russischen Nichtregierungsorganisationen, vor allem auch ProjektpartnerInnen der Heinrich-Böll-Stiftung mit den StipendiatInnen findet bereits während der Förderzeit aktive Unterstützung durch das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau sowie durch die Partnerorganisationen Memorial und dem Petersburger Institut für unabhängige soziale Forschungen. Nach der Förderung durch ein Stipendium bleiben viele der StipendiatInnen miteinander in Kontakt bzw. bauen  ihre Verbindungen zu NGOs aus; somit tragen die ehemaligen StipendiatInnen aktiv zur Ausweitung und Gestaltung des "Böll-Netzes“ in Russland bei.

Kontakt

Die näheren Ausschreibungsbedingungen und die der Bewerbung beizulegenden Formulare können eingesehen und herunter geladen werden auf der Webseite von Memorial (Internationale Gesellschaft für historische Aufklärung, Menschenrechte und soziale Fürsorge).
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