mensch macht stadt – Neue Möglichkeiten der Teilhabe schaffen

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Transparente an der Hauswand: "gegen Aufwertung und Verdrängung"Mieter in Berlin Neukölln protestieren mit Transparenten gegen steigende Mieten und Verdrängung. Urheber: FuldaWeichsel. Creative Commons LizenzvertragDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

mensch macht stadt – Neue Möglichkeiten der Teilhabe schaffen

Holger Lauinger.
Die städtischen Gesellschaften driften zunehmend auseinander. Zusammenhalt und Teilhabe sind gefährdet. In wachsenden Städten und in den Metropolen wird Wohnraum knapp und die Mieten steigen. Viele städtische Quartiere befinden sich im Umbruch. Anwohnermilieus werden latent durch Mietpreispolitiken ausgetauscht. Der städtische Sozialraum wird nach Finanzkraft von Bevölkerungsgruppen stringenter hierarchisiert. Die aktuelle Finanzkrise heizt diese sich zuspitzende Situation noch an. In- und ausländisches Kapital will sich vor einer eventuellen Entwertung in „Beton retten“. Der Miet- und Wohnungsmarkt überhitzt zu Ungunsten der Bevölkerung.

In schrumpfenden und strukturschwachen Städten stellen sich vermehrt Fragen der Finanzierbarkeit und zukünftigen Gestaltung der notwendigen Daseinsvorsorge für die Bürgerinnen und Bürger. Die deutschen Kommunen sind mit circa 130 Milliarden Schulden belastet. Die städtischen Kassenkredite, eine Art zinsintensiver kommunaler Dispo für die Bewältigung laufender Aufgaben, schnellt vielerorts in riskante Höhen. Fiskalpakt und Schuldenbremse werden die kommunalen Kämmerer zur strikten Reduzierung von Haushaltsdefiziten zwingen. Ostdeutsche Kommunen müssen sich zudem auf weniger werdende EU-Fördermittel ab 2014 und ein degressives Ende der Finanzmittel aus dem Solidarpakt II bis 2019 einstellen.

Kommunale Haushalte werden rigide sparen. Die sogenannten „freiwilligen Aufgaben“, also auch Bereiche von Kultur und Soziales werden noch stärker nach Sparvorgaben diskutiert und auch absehbar wegfallen.

Viele Ursachen dieser Sachzwänge sind auf der kommunalen Ebene nicht aufzuheben, hierfür müssten politische und ökonomische Rahmenbedingungen von höheren politischen Ebenen verändert werden. Umso wichtiger aber ist auf der
untersten politischen Verantwortungsebene den Gedanken der Inklusion zu stärken, auch wenn hierfür neue, alternative Entwicklungspfade beschritten werden müssen. Lebensqualitäten in Städten werden sich zunehmend dadurch unterscheiden, ob es der lokalen Politik gelingt, die Anliegen ihrer Bürgerinnen und Bürger ins Zentrum ihrer Entscheidungen zu nehmen und allen Bevölkerungsschichten soziale und politische Teilhabe zu ermöglichen. Ein enormer Anspruch, eine gesellschaftliche Suchbewegung, die auch den Mut von Verantwortungsträgern in Politik und Verwaltung bedarf. Viele neue Formen der Teilhabe setzen den Mut zur Verantwortungsübergabe und -übernahme voraus. Zu Gewinnen gibt es ein Mehr an lokalem Zivilengagement, Selbstorganisation und Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit Ihrem Lebensumfeld.

Der Bedarf an einem Ideentransfer von neuen Beteiligungsmöglichkeiten und Erfolgsgeschichten alternativer Projektansätze wächst stetig. Ein Film bietet sich hierfür als geeignetes Kommunikationsmedium an. Schon das Erlebnis gemeinsamen Schauens und Diskutierens von Projektbeispielen kann erste Impulse für zivilgesellschaftsfördernde Prozesse vor Ort in Gang setzen. Mit den Filmen „Nicht-Mehr|Noch-Nicht“ (2004), „Neuland“ (2007), „mensch macht stadt“ (2010) und „Wir könnten auch anders“ (AT, 2012) versucht die „Sein im Schein Filmproduktion“ die gesellschaftliche Umbruchsituation, Lebenswirklichkeiten wie auch alternative Projektansätze darzustellen und in den lokalen Diskurs einzubringen. In zahlreichen Film- und Diskussionsveranstaltungen sind auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung Bürger und ihre Kommunalpolitiker in angeregte Gesprächssituationen gekommen.
Während einer Diskussionsveranstaltung „mensch macht stadt“ in Schwerin setzte sich das Publikum den Erfahrungen von Anwohnern des Bahnhofviertels in Oldenburg aus. Dort löste eine kommunale Großplanung für ein benachbartes Wohnquartier Unbehagen und den Wunsch nach mehr Beteiligungsmöglichkeiten in Planungsprozessen aus. Das Publikum diskutierte die Oberflächlichkeit des Schweriner Stadtentwicklungskonzepts und die bisher vergebene Chance ernstgemeinter Beteiligung der Bürger.

Ideen wie Bürgerhaushalte als Möglichkeit der direkten Demokratie vor Ort oder Zwischennutzungen als Win-win-Situation bei Immobilienleerstand finden an immer mehr Orten wachsenden Zuspruch. Cross-over-Lösungen, beispielsweise die Verknüpfung Regenerativer Energien mit Ansätzen sozialer Teilhabe, stellen positive Beispiele dar. Ebenso könnten lokale Diskurse über Gemeinwohlgüter und Formen der Allmende die Attraktivität von Städten und Gemeinden stärken und auch den Zuzug neuer Einwohner bringen.

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Holger Lauinger interessiert sich für die Konstruktion von Umwelten und deren soziale Verhältnisse. Er arbeitet als selbständiger Journalist mit fachlichen Schwerpunkt „Stadt- und Regionalentwicklung“ von Berlin aus. Fachkenntnisse und persönliche Beobachtungen im städtischen wie ländlichen Lebensumfeld inspirieren ihn zur Entwicklung von Filmkonzepten. 2008 gründete er mit Daniel Kunle die Sein im Schein Filmproduktion.

» http://www.sein-im-schein.de/ (Künstlerischer Dokumentarfilm & engagierter Journalismus)

Publikation

Demokratische Stadtentwicklung im Osten

Die Chancen für demokratische Stadtentwicklung in den peripheren Zonen des Ostens, also außerhalb der wenigen Leuchtturmstädte zu untersuchen, steht im Focus der Broschüre „Demokratische Stadtentwicklung im Osten“. Vertiefende Beschreibungen von Beteiligungsmodellen und Projektbeispielen von Holger Lauinger »

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