Blogger Japheth Omojuwa: "Nigeria braucht einen Imagewechsel"

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Blogger Japheth Omojuwa: "Nigeria braucht einen Imagewechsel"

Bloggen für eine positive Transformation in Nigeria - dafür setzt sich Japheth Omojuwa ein.
Foto: Nicola Egelhof

25. März 2013
Stefanie Hirsbrunner
Der 28-jährige Japheth Omojuwa gehört zu den meistgelesenen Bloggern in Nigeria. Im Interview spricht er über seinen Beruf, den politischen Wandel im Land und die Rolle der Occupy-Nigeria-Bewegung.

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Sie gelten als Nigerias Nummer 1 der Politblogger. Kann man dort heutzutage vom Bloggen leben?

Als ich in Nigeria aufwuchs, war ein richtiger Beruf natürlich eher so etwas wie Lehrer, Doktor oder Buchhalter. Aber hier hat inzwischen ein Umdenken stattgefunden. Fotografen wie Kelechi Amadi Obi oder Obi Somto und Makeup Artists wie Tara Fela-Durotoye repräsentieren mit ihrer Arbeit heute die nigerianische Jugend und haben die Schubladen in den Köpfen der Menschen erweitert.

Bloggen wird trotzdem von der älteren Generation noch nicht als „richtiger“ Job angesehen, das musste ich mir gerade von unserem ehemaligen Präsidenten Olusegun Obasanjo sagen lassen. Meiner Auffassung nach ist allerdings alles, was man mit Leidenschaft tut und was gleichzeitig Geld und positiven Wandel innerhalb der eigenen und weltweiten Gemeinschaft hervorruft großartig.

Warum haben Sie selbst begonnen zu Bloggen?

Ich habe 2009 begonnen meine Gedanken, die ich bis dahin vor allem mit Freunden diskutiert hatte, einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Heute erreiche ich mit meinen Kampagnen bis zu 500.000 Menschen über Twitter. Millionen besuchen jährlich meine Homepage. Mein Ziel ist es Dinge zu verändern und zu einer neuen politischen Kultur anzuregen. Außerdem braucht Nigeria endlich einen Imagewechsel. Das Bild, das viele im Ausland haben, ist sehr stark von Klischees geprägt. Viele Nigerianer in der Diaspora schämen sich ihrer Herkunft, weil sie beispielsweise nicht als Internetkriminelle oder Terroristen per se gesehen werden wollen.

Aber wussten Sie, dass Nigeria die am besten ausgebildete Diaspora in den USA stellt? 17% haben dort einen Universitätsabschluss. Oder waren Sie schon einmal beim Calabar Karneval beispielsweise? Sie werden noch nie ein solch berauschend schönes Straßenfest gesehen haben. Nigeria verändert sich und Lagos ist heute nicht mehr das Mekka des Bösen, für das es von früher her noch bekannt ist. Lagos ist schön und entwickelt sich rasend schnell. Diese Geschichten müssen der Welt auch einmal erzählt werden.

Sie sind heute 28 Jahre alt. Können Sie beschreiben, was es bedeutet im heutigen Nigeria jung zu sein?

Das kommt darauf an, was man als jung bezeichnet. 28 Jahre als zu sein bedeutet sicherlich in den USA oder Deutschland etwas anderes, weil man hier bereits viel früher etwas aus seinem Leben machen kann, als in meinem Heimatland. In Nigeria sind fast 70% der jungen Menschen ohne festen Job und so bedeutet es vor allem ein sich tägliches Abrackern. Aber es gibt wiederum andere, sehr junge Leute wie Don Jazzy beispielsweise, der mit seiner Musik Nigeria in die Welt trägt und neu definiert, was Jungsein für uns bedeutet. Unsere politische Elite, die allerdings aus alten Männern besteht, zeigt kaum Interesse an Jugendbewegungen und jungen Menschen, die selbstverantwortlich politisch oder kulturell aktiv sind.

Nigeria könnte eine der reichsten Nation der Welt sein und ist es dennoch nicht. Wie frustriert ist die Jugend über diese Tatsache?

Alle sind frustriert darüber, nicht nur die Jugend. Wir haben 112 Millionen Arme in Nigeria, das sind 70% der Bevölkerung. Das ist ein Desaster für ein Land, das Hunderte Milliarden Dollar durch den Handel mit Öl verdient hat. David Cameron hat auf dem World Economic Forum im Januar 2013 darauf hingewiesen, dass in den Büchern eine Diskrepanz von 800 Millionen Dollar besteht. Das ist eine Menge Geld. Nigeria müsste nicht arm sein. Aber es wird zu viel Geld in unsinnige Investitionen und Frivolitäten der Mächtigen verschwendet und wir haben ein massives Korruptionsproblem. Aber um auf diese Missstände hinzuweisen sind Menschen wie ich da. Wir werden nicht weiter schweigen und zusehen, sondern wir machen von unserer Stimme Gebrauch und fordern ein  nigerianisches verantwortliches Handeln, das zum Wohlstand aller führt.

Können Sie uns in diesem Zusammenhang mehr über die Occupy Nigeria Bewegung erzählen? Wie ist diese entstanden?

Die Bewegung, der sich in Nigeria im Januar 2012 geschätzte 10 Millionen Menschen in mehr als 50 Städten des Landes anschlossen, wurde durch den Präsidenten Goodluck Jonathan selbst hervorgerufen, indem von heute auf morgen die Benzin-Subventionen gestrichen wurden. Das bedeutete in der Realität eine Verdopplung der alltäglichen Lebenshaltungskosten. In einem Land in welchem wir regelmäßig mit massiven Stromausfällen kämpfen, ist Benzin eines der wichtigsten Bestandteile des Lebens. Wir nutzen Benzin, um Strom zu generieren und um von A nach B zu kommen.

Die Occupy Bewegung, die weltweit gerade begonnen hatte, inspirierte nun auch uns Nigerianer. In den sozialen Netzwerken diskutierten wir, ob wir auch bei uns occupieren sollten und wir entschieden: ja. Die Bewegung hatte allerdings nie zum Ziel, die Regierung zu stürzen. Sie war Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses, das bis heute besagt, dass wir als Volk eine Stimme haben und das Recht von ihr Gebrauch zu machen.

Welche Erfolge hat denn die Bewegung konkret vorzuweisen?

Sie wollen, dass ich Ihnen jetzt konkrete Veränderungen benenne, die Occupy Nigeria hervorgerufen hat. Das geht aber nicht, da die Bewegung ein Prozess des Wandels ist. Es ging zunächst um das Statement, dass wir das als Nigerianer überhaupt können. Es ging darum eine Armee von aktiven BürgerInnen zu schaffen, die wir jetzt auch haben. Wir haben ein Bewusstsein für unsere gegenseitige Verantwortung als Gesellschaft erschaffen. Die Fragen, die diese Bewegung aufgeworfen hat, werden immer noch beantwortet. Es ist nicht so, dass Occupy Nigeria mit dem Ende der Proteste in den Straßen des Landes zu Ende gegangen ist.

Nigeria hat sich ja gerade den Titel „Champions of Africa“ durch den Sieg beim African Cup of Nations geholt. Kann das ein Zeichen für Nigerias Zukunft als Nation sein?

Die Schönheit dieses Sieges liegt ja darin, dass uns von Anfang an niemand eine Chance gegeben hat. Niemand hat irgendetwas von uns erwartet. Und ja, die Führungselite des Landes kann vom Nationaltrainer Steven Keshi und seinen Jungs lernen. Wenn man nämlich Erfolge vorzeigt, macht man sich keine Feinde. Erfolg bringt Sympathien. Es geht ja auch in der Politik darum, Ergebnisse zu erzielen, die nicht nur der persönlichen Bereicherung dienen, sondern der Gemeinschaft. Wirkliche Größe erreicht man nicht über die Erfüllung individueller Interessen, sondern nur über die Schaffung von Chancengleichheit und Wohlstand für die Bevölkerung als Ganzes.

Unsere Regierung hat die Möglichkeit Wandel hervorzubringen und unser Land hätte auch die Mittel hierzu. Die Occupy Nigeria Bewegung hat den Grundstein dafür gelegt, dass wir unsere Machthaber nicht mehr als allmächtig begreifen, sondern Rechte und Rechtschaffenheit, gerade auch im Umgang mit Nigerias Ressourcenreichtum, einfordern. Das ist ein sehr wichtiger Schritt in eine bessere Zukunft für mein Land. 

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Das Interview erschien in der Zeitschrift ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte.

Welche Rolle Twitter für die Occupy Nigeria-Bewegung spielt, lesen Sie in dem Artikel von Soji Apampa und im Beitrag von Christine K. über den Generalstreik und Proteste im Januar 2012.
Ein Bild von der Aufbruchstimmung zeichnet auch das Interview mit Firoze Manji, dem Leiter des Council for the Development of Social Science Research (CODESRIA).

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