Fukushima in den USA: Was wäre wenn?

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Fukushima in den USA: Was wäre wenn?

Bild: mikal lost Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA 2.0 Original: flickr.

13. März 2012
Arne Jungjohann
Die USA sind die globale AKW-Supermacht. 104 Reaktoren laufen landesweit. Viele der Atommeiler haben 30 und mehr Jahre auf dem Buckel. Sie sind alt und störungsanfällig. Der Klimawandel erhöht das Atomrisiko. In der breiten Öffentlichkeit wird das – anders als etwa in Deutschland – kaum diskutiert. Dabei haben allein im letzten Jahr Wirbelstürme, Tornados, Überschwemmungen und Erdbeben fünf AKWs in den USA vorübergehend lahmgelegt:

Anders als in Fukushima hat die Notstromversorgung, die Achillesferse jedes Atomkraftwerks, in diesen Fällen zum Glück funktioniert. Deshalb blieb der GAU aus. Allein im 50-Meilen-Umkreis dieser fünf AKWs leben rund 10 Millionen Einwohner. Etliche Millionenstädte wie New York City, Chicago und Washington DC liegen im direkten Umfeld von Reaktoren.

US-weit leben rund 120 Millionen Amerikaner im 50-Meilen-Umkreis von Atomkraftwerken. Beobachter fordern deshalb seit langem, die Sicherheitsvorkehrungen zu erhöhen und die Evakuierungspläne zu verbessern. Doch die Mühlen der staatlichen Behörden mahlen langsam. Die Atombehörde NRC wurde nach Fukushima damit beauftragt, die Sicherheitsstandards für den AKW-Betrieb zu überprüfen. Erst jetzt legt die NRC ihre Empfehlungen vor. Zwischendurch wurde kurzerhand das Genehmigungsverfahren für einen AKW-Neubau im Bundesstaat Georgia durchgewunken  – ein Skandal, weil die aktuellen Empfehlungen dabei keine Rolle spielen.

Wie schon im Mai 2011 gebloggt, haben die USA ein ernsthaftes Problem in der Sicherheitskultur von Atomanlagen. Der Fisch stinkt vom Kopf. Das Problem ist die US-Atomaufsichtsbehörde. Die NRC steckt unter einer Decke mit der Atomindustrie. Das liegt auch in ihrer Geschichte. Denn die Behörde wurde Mitte der 1970er Jahre als Atomic Energy Commission gegründet, um den Bau von Atomkraftwerken voranzutreiben. Atomkraft ausbauen und gleichzeitig scharf kontrollieren? Ein schwieriger Interessenkonflikt.

Die NRC schlägt jetzt halbherzige Verschärfungen der Sicherheitsstandards für den AKW-Betrieb vor. Dies betrifft vor allem Vorkehrungen gegen mögliche Terrorangriffe (zehn Jahre nach dem Angriff vom 11. September 2011), Hochwasser und Erdbeben. Doch soll den Betreibern bis 2016 Zeit gegeben werden, die Vorgaben umzusetzen. Selbst der Vorsitzende der NRC-Kommission, Gregory Jaczko, kritisiert, dass dies zu lange sei. Die Union of Concerned Scientists, eine Vereinigung unabhängiger Wissenschaftler, entlarvt gravierende Mängel des NRC-Konzeptes hier.

Die meisten der US-Atommeiler wurden in den 1960er Jahren geplant – in einer Zeit, als der Klimawandel und die dadurch zunehmenden Wetterkapriolen noch nicht absehbar waren. Seitdem hat sich wenig getan, um den AKW-Betrieb an diese Risiken anzupassen. Von Hinweisen auf die Zunahme extremer Wetterereignisse durch den Klimawandel sucht man in den NRC-Vorgaben vergeblich. Ein gefährliches Versäumnis, wie die Huffington Post in einem Hintergrund zusammenfasst.

Mit dem Klimawandel steigt das Risiko für den AKW-Betrieb. Es braucht keine Riesenwelle oder Erdbeben, um den GAU auszulösen.  Zwei Konsequenzen drängen sich auf: Erstens, die Sicherheitsstandards für den Betrieb müssen verschärft und umgesetzt werden. Zweitens, die alten Meiler sollten so schnell wie möglich abgeschaltet werden. Da bin ich ganz bei Peter Lustig von Löwenzahn: Abschalten!

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Arne Jungjohann
leitet das Umweltprogramm der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington D.C.

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