Großevents und Menschenrechtsverletzungen in Brasilien

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Großevents und Menschenrechtsverletzungen in Brasilien

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29. November 2012

In Brasilien war der Jubel groß, als am 30.10.2007 bekannt gegeben wurde, dass die Fußballweltmeisterschaft 2014 im eigenen Land stattfinden wird. Fußball gilt als der Nationalsport Brasiliens schlechthin und zählt seit vielen Jahrzehnten zu den wichtigsten Aushängeschildern des Landes. Als dann noch wenige Jahre später Rio de Janeiro als Austragungsort der Olympischen Spiele 2016 gewählt wurde, kannte die Euphorie endgültig keine Grenzen mehr.

Doch die anfängliche Euphorie in Brasilien hat in den letzten Jahren massiv nachgelassen. Was ist geschehen? Berichte über gigantische staatliche Investitionen in neue Stadien und Infrastruktur, die sämtliche Ausgaben aller bisherigen Fußballweltmeisterschaften bei weitem übertreffen und gewaltige Löcher in Brasiliens Haushalt reißen, Korruptionsskandale, Privatisierung öffentlicher Räume und Güter, bis hin zur Verdrängung von Anwohner/innen durch Immobilienspekulation schüren die Unzufriedenheit in der sonst so sportfanatischen Bevölkerung. Auf Verlangen des Fußballweltverbandes FIFA musste die brasilianische Regierung zudem eine Vielzahl an Gesetzesänderungen vornehmen, die die ökonomischen Rahmenbedingungen für die FIFA und deren Sponsoren massiv verbessern.

Große Teile der brasilianischen Bevölkerung merken immer deutlicher, dass die ökonomischen Vorteile dieser Großevents weniger den Interessen der eigenen Gesellschaft als vielmehr den privaten internationalen Unternehmen und den großen Sportverbänden dienen. Viel schlimmer noch: Vor allem einkommensschwache Bewohner/innen in den WM-Austragungsstädten werden zu Opfern von illegalen Zwangsräumungen, Vertreibung und polizeilichen Gewaltübergriffen. Diese Vorgehensweise verstößt in vielen Fällen gegen bestehendes brasilianisches Recht, wie im Planungs-, Flächennutzung-, Wohn- und Baurecht. Auch der gesetzlich vorgeschriebene Wohnungsschutz der einheimischen Bevölkerung wird dabei oftmals missachtet.

Die Betroffenen setzen sich zunehmend zur Wehr und kämpfen für ihre Rechte. In lokalen, oftmals losen Gruppen formiert sich eine über das gesamte Land vernetzte Bewegung. Diese Comitês Populares konnten sich als ernstzunehmender Akteur etablieren, der sich für die Rechte von Betroffenen einsetzt und auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam macht. Die Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt über ihr Büro in Rio de Janeiro die Arbeit der Comitês Populares. 2011 wurde die erste Auflage eines Dossiers zu Megaevents und Menschenrechtsverletzungen finanziert, das nationale wie internationale Aufmerksamkeit erregte.

Auch deutsche Akteure aus Politik und Zivilgesellschaft befassen sich verstärkt mit dieser Thematik. Die Heinrich-Böll-Stiftung möchte dazu beitragen, in Deutschland einen kritischen Diskurs zu Menschenrechtsverletzungen im Rahmen von Sportevents zu fördern und hat eine Zusammenfassung der 2. Auflage des Dossiers „Großevents und Menschenrechtsverletzungen in Brasilien“ ins Deutsche übersetzen lassen. Darin sind Verstöße gegen brasilianisches Recht, Menschenrechte und Missachtung brasilianischer städtischer Kultur systematisch dokumentiert. Damit soll auch in Deutschland der deutsch-brasilianische Dialog zu den Megaevents, der sich bisher überwiegend auf wirtschaftliche Kooperation beschränkt hat, für die sozialen Auswirkungen und Fragestellungen öffnen und dazu beitragen, dass Akteure aus Politik und Zivilgesellschaft für diese Themen sensibilisiert werden. 

 

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Lateinamerika-Referat der Heinrich-Böll-Stiftung e.V.
November 2012

 

 

 

Großevents und Menschenrechtsverletzungen in Brasilien  Herausgeber/inHeinrich-Böll-StiftungErscheinungsortBerlinErscheinungsdatum29. 2012Seiten66ISBN-Bereitstellungs-
pauschale
kostenlos

 

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 - Einführung
Regierungsgarantien für eine privatwirtschaftliche Weltmeisterschaft

Kapitel 2 - Das Recht auf Wohnen
Fußball: Ein Volkssport wird zum Geschäft

Kapitel 3 - Die WM als Arbeitgeber?
Erklärung des Planungsforums der Kampagne „Städte für alle“

Kapitel 4 - Zugang zu Information, gesellschaftliche Teilhabe und Partizipation
Die staatliche Entwicklungsbank BNDES und die Fußballweltmeisterschaft 2014

Kapitel 5 - Umweltschutz
Exkurs: Rio de Janeiro: Vila Autódromo: ein Stadtviertel zum Leben bestimmt

Kapitel 6 - Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen, Gütern und Mobilität

Kapitel 7 - Öffentliche Sicherheit

Mitwirkende

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