Angekommen: 50 Jahre Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Türkei

7. September 2011
Das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei am 31. Oktober 1961 markierte den Beginn der türkischen Einwanderung nach Deutschland. Zuvor waren bereits mit anderen Ländern wie Italien, Griechenland, Jugoslawien und Spanien „Gastarbeitnehmerabkommen“ zur Anwerbung von Arbeitskräften unterzeichnet worden. Millionen Menschen - nicht nur Arbeitskräfte - sind so nach Deutschland gekommen. Viele sind aus diversen Gründen wieder zurückgekehrt, viele sind in der Folge hier geboren, viele hier alt geworden und gestorben. Die Anwerbeabkommen haben die soziale, kulturelle und politische Realität Deutschlands nachhaltig verändert – viel mehr, als das den damaligen Verantwortlichen bewusst war. Aus „Gastarbeitern“ wurden Einwohner, aus Italienern, Jugoslawen, Türken millionenfach deutsche Staatsbürger. 

50 Jahre nach dem Anwerbeabkommen mit der Türkei ist die Bundesrepublik in der Realität eines Einwanderungslandes angekommen. Menschen türkischer Herkunft sind heute fester Bestandteil der Gesellschaft. Sie haben das Alltagsleben in vielen Bereichen verändert und spielen eine wachsende Rolle im öffentlichen Leben. Auch sie sind hier angekommen. Trotz aller Probleme und Abgrenzungen ist die türkische Einwanderung unter dem Strich eine Erfolgsgeschichte. Allerdings sind die Erfolge nicht auf alle Zeit verbürgt – ungelöste Probleme führen zu gegenseitiger Entfremdung aber auch zu selbstbewusster Konfliktbereitschaft. Wir wollen deshalb ein halbes Jahrhundert nach Inkrafttreten des Anwerbeabkommens Bilanz ziehen und den Blick nach vorn richten: Welche Lehren können wir aus der Geschichte der Einwanderung nach Deutschland für die Zukunft ziehen?

Auf der Konferenz Vom Gastarbeiterland zum Einwanderungsland geht es um Geschichten des Ankommens, Hierbleibens und Abschiednehmens, um Erfolge und Grenzen der Integration, um hybride Identitäten und Einbürgerung in einem umfassenden Sinn. Die Konferenz wird eingerahmt von der Filmreihe Blicke zurück und nach vorn, der Podiumsdiskussion Abschied aus Almanya? und der Fotoausstellung "beyond", in denen verschiedene Aspekte des deutsch-türkischen Lebens in Deutschland vor Augen geführt werden.

» Programm / Flyer

Filmplan

Mittwoch, 5. Oktober, 19 Uhr

E 5 - Die Todestrecke
S/TR  1978, 60 Min,  OmU
Dokumentarfilm, R: Tunçel Kurtiz
Die 2000 Kilometer lange E5 zieht sich quer durch Europa  bis Istanbul. Bis in die 1990er hinein war sie die Hauptverbindung der südeuropäischen ArbeitsmigrantInnen in die  Heimat: Fliegen war unerschwinglich und so war die „Gastarbeiterroute“ eine Strecke des permanenten Transits, völlig überlastet und als „Todesstrecke“ verrufen. Tunçel Kurtiz, der wohl bekannteste türkische Schauspieler bereiste 1978 von Berlin aus die E5, um Töne, Bilder, Stimmen zusammenzutragen, die inzwischen längst zu einer Legende geworden sind.

Anschließend
Stationen der Deutsch-Türkischen Migration im Film
Video-Vortrag von Martina Priessner und Tunçay Kulaoğlu

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Mittwoch, 12. Oktober, 19 Uhr

Shirins Hochzeit
D 1975, 125 min.,
Spielfilm, R: Helma Sanders-Brahms
mit: Ayten Erten, Jürgen Prochnow, Aras Ören, Aliki Giorgouli, Peter Franke

Die junge Shirin flüchtet vor einer Zwangsheirat aus ihrem Dorf und macht sich alleine auf den langen Weg nach Deutschland, um ihren geliebten Mahmut zu suchen. Bei der Ankunft in Köln sind die Deutschen abweisend, doch in den Fabrikhallen findet sie schnell Anschluss an andere Frauen aus verschiedensten Nationen. Als sie nach der ersten krisenbedingten Rückwanderungswelle entscheidet, in Deutschland zu bleiben, und ihren Arbeitsplatz verliert, setzt ein sozialer Abstieg ein. Helma Sanders-Brahms zeigt Shirins Eingliederung in die Arbeitswelt, bevor der Film eine melodramatische Wendung nimmt, die damals einen Eklat auslöste. Dass die türkische Hauptdarstellerin Ayten Erten in einem deutschen Film eine „Prostituierte“ spielt, sorgte für Protest-Demos vor dem WDR-Funkhaus und Hetzkampagnen der türkischen Presse. Aras Ören, einer der ersten literarisch aktiven türkischen Schriftsteller, spielt hier nicht eine Rolle, sondern arbeitete auch am Drehbuch mit.

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Mittwoch, 19. Oktober, 19 Uhr

Deutschland, bittere Heimat / Almanya aci vatan
Tr 1979, 85 min., OmU
Spielfilm, R: Serif Gören / Zeki Ökten
mit: Hülya Kocyigit, Rahmi Saltuk, Mine Tokgöz, Suavi Eren, Fikriye Korkmaz

Die kesse Güldane arbeitet fleißig in einer deutschen Montagefabrik; auf Urlaub in ihrem Dorf geht sie mit Mahmut eine Scheinehe ein, damit dieser auch nach Deutschland kann. Doch nach der Rückkehr lässt sie den unbedarften Neuankömmling links liegen, und kümmert sich weiterhin ums Geld. Erst als Güldane unausgesetzt von einem türkischen Nachbarn belästigt wird, wendet sie sich Hilfe suchend an ihren „Gatten“…Serif Gören, Altmeister des Türkischen Kinos, hat sich in mehreren Filmen der Situation der GastarbeiterInnen angenommen. In diesem mit dem Star Hülya Kocyigit besetzten Meisterwerk kehrt er die Geschlechterrollen humorvoll um, zeigt aber auch die Grenzen auf, die Industriekapitalismus und Tradition einer nach Selbstbestimmung strebenden Türkin setzen.

Vorfilm: Ben Kimim? (Wer bin ich?),
             R: Canan Yilmaz

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Mittwoch, 2. November, 19 Uhr

Gölge - Zukunft der Liebe
BRD 1980, 97 min, OmU
Spielfilm, R: Sema Poyraz, Sofoklis Adamidis
mit: Semra Uysal, Birgül Topçugürler, Yüksel Topçugürler, Fatos Alkan

Der Film beschreibt die erwachende Sexualität der Schülerin Gölge, Tochter türkischer Einwanderer. Sie versucht, im Berlin-Kreuzberg der 1970er/1980er Jahre zwischen migrantischer und deutscher Lebenswelt einen eigenen Platz zu finden.

Vorfilm: One Shot (2011)
            R.: Dietrich Brüggemann

Anschließend Gespräch mit Sema Poyraz und Dietrich Brüggemann.

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Mittwoch, 16. November, 19 Uhr

Wir haben vergessen zurückzukehren
D 2001, 60 min, R: Fatih Akin,
Dokumentarfilm mit Fatih Akın, Mustafa Enver Akın, Cem Akın, Adam Bousdoukos

Fatih Akin erzählt die Geschichte seiner Eltern rückwärts. Von Hamburg über Istanbul, bis in das türkische Dorf, aus dem die Familie stammt, zeigt er die einzigartige, aber auch exemplarische Reise einer Gastarbeiterfamilie, die für zwei Jahre nach Deutschland kam und 35 Jahre lang „vergaß, zurückzukehren”.

Vorfilm: Frizör (2003)
             Regie: Ayan Salar

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Mittwoch, 30. November, 19 Uhr

Wir sitzen im Süden
D 2010, 88’min, R: Martina Priessner
Dokumentarfilm mit: Cigdem Özdemir, Fatos, Yildiz, Murat Demirel, Bülent Kubulu

Ein Portrait von vier deutschtürkischen Mitarbeiterinnen Istanbuler Call-Center. Die Beweggründe ihrer „Rückkehr“ nach Deutschland sind unterschiedlich: besser Berufschancen, persönliche Spurensuche, Abschiebung oder Verschickung durch die Eltern. Das Call-Center wird zum Knotenpunkt der Kulturen, zum Durchlauferhitzer der Schicksale.

Vorfilm:  Ein Fest für Beyhan (1994)
              Regie: Ayse Polat

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