Böll.Thema 4/2011
Zur Zukunft Europas: Aus Beirut
Europa als entstehende politische und wirtschaftliche Einheit versucht, Brücken der Kommunikation, des Austauschs und des Dialogs zu einer Reihe wirtschaftlich aufstrebender Staaten in der Welt zu bauen. Gleichzeitig dominiert eine Politik von Mauern, Stacheldrahtverhauen und der verstärkten Grenzpatrouillen noch immer seine Beziehungen zu den Ländern am südlichen Rand des Mittelmeeres. Seit dem Gipfel von Barcelona 2002 und der Partnerschaft für das Mittelmeer richtete die EU das Augenmerk auf die Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich, in der Terrorismusbekämpfung und der Eindämmung illegaler Einwanderung. Das ging auf Kosten der Achtung der Menschenrechtsstandards, des Drucks zu politischen Reformen, des Kampfes gegen Korruption und der Förderung des kulturellen und wissenschaftlichen Austauschs.
Es ist mir nie eingefallen, vielleicht hatte ich auch nie die Gelegenheit, die französische oder deutsche Staatsangehörigkeit zu beantragen, ganz abgesehen von der Frage, inwieweit ich die dafür erforderlichen Bedingungen überhaupt erfüllt hätte, solange ich eine Art Fremdheit gegenüber den verwurzelten nationalen Identitäten spürte, aus denen solche Staatsangehörigkeiten entstehen. Soweit ich mich überhaupt zu einer hingezogen fühle, ist es die noch fiktive "europäische Staatsangehörigkeit ". Ich weiß nicht, ob dieser europäische Weg letztlich zur Schaffung einer solchen gemeinsamen europäischen Staatsangehörigkeit mit einem gemeinsamen Pass führen wird, sollte dies aber der Fall sein, werde ich sicher ernsthaft darüber nachdenken, sie zu beantragen, und sei es nur deshalb, weil wir bei uns zu Hause an der Südküste des Mittelmeeres bereits ein kleines, schönes Europa haben.
Übersetzung: Gert Himmler
Daniela Schwarzer, Stiftung Wissenschaft und Politik
