Jerome Ringo: "I Want to Be the Face"
„I want to be the face“, sagt Jerome Ringo. Er ist Präsident der Apollo Alliance, einer breiten Koalition für ein ökologisch nachhaltiges, sozial gerechtes und wohlhabendes Amerika. Jerome Ringos Stimme ist auf Weckruf gestellt, seine Sprache ist Now-or-Never-Rhetorik, doch obwohl er etwas von einem Pastor hat, gibt er nicht den grollenden Untergangspropheten, sondern den guten Hirten. „We can do it”, ist seine Botschaft. Wir können es schaffen, wenn wir gemeinsam, das, was wir kaputt gemacht haben, das Klima nämlich, wieder heil machen. „Heil machen“ ist so ein Wort, bei dem viel für die Seele mitschwingt. Schwieriger wird es für sein Publikum, wenn er vom amercian way of life spricht, der sich wandeln muss.
Das Gesicht des Mannes, der Amerika verändern will, ist schwarz
Der 51-jährige Familienvater hat zwanzig Jahre in der Petroindustrie gearbeitet, in den letzten Jahren aber eine Laufbahn eingeschlagen, die ihn steil nach oben führte: Im April 2005 wurde er zum Vorsitzenden der „National Wildlife Federation“ gewählt, einem Verein, der zu 65 Prozent aus Republikanern besteht. Und im Dezember des gleichen Jahres zum Präsidenten der „Apollo Alliance for Good Jobs and Clean Energy“. So tritt er in Doppelfunktion auf: als oberster Vertreter einer Naturschutzlobby mit fünf Millionen Mitgliedern und als oberster Repräsentant einer Koalition für ein besseres Amerika, einem Sammelbecken von Umweltorganisationen, Gewerkschaften, religiösen Gemeinschaften, von sozial und bürgerrechtlich Engagierten und auch von einigen Firmenverbänden.
Die Apollo Alliance repräsentiert 22 Millionen Amerikaner, bringt also kein ganz kleines Gewicht auf die Waage. Die 2003 gegründete Allianz ist ein Remake, das Original war Präsident Kennedys nationales Projekt, den Mond zu erobern. Das war wenige Monate, nachdem der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin im April 1961 als erster Mensch in einer Raumkapsel die Erde umrundet hatte. In den Worten der heutigen „Apollo Alliance“ heißt das: „1961 forderte John F. Kennedy die Nation heraus, innerhalb von zehn Jahren einen Menschen auf den Mond zu schicken und ihn heil wieder zurückzubringen.“
Ein kühnes Unterfangen, denn die Technologie steckte noch in den Anfängen. Aber Kennedy lenkte die öffentlichen Investitionen, die Forschung, die Bildung und Amerikas wirtschaftliche Kraft auf dieses große gemeinsame Vorhaben. Und tatsächlich, in weniger als acht Jahren hinterließ Neil Armstrong den ersten Fußabdruck auf der Mondoberfläche. Kennedy wollte der Sowjetunion gegenüber den Führungsanspruch der Vereinigten Staaten verdeutlichen, die Absicht der heutigen Allianz ist es, den Kampf gegen den Klimawandel zum Apollo Projekt des 21. Jahrhunderts zu machen: Bündelung aller Kräfte, Fähigkeiten und Energien für dieses eine große Ziel.
Und so ist Jerome Ringo auch ein wichtiger Kampfgefährte und Berater von Al Gore, der seit zwei Jahrzehnten landauf, landab durch Amerika reist, gewissenhafte Vorträge hält, unbequeme Fragen stellt und dabei irgendwie hölzern mit Apokalyptischem hantiert. Da ist Ringo das genaue Gegenteil des ehemaligen US-Vizepräsidenten: An ihm ist alles rund, warm, beweglich und auf „Welcome“ gestimmt.
„Wir haben die Kenntnisse, wir haben die Technologie, aber es muss Leidenschaft in einer Kampagne wie der unseren geben, sonst hat sie keinen Erfolg.“ Ringo hat das vor langer Zeit erkannt, und in der Umwandlung des Wissens über die mögliche Klimakatastrophe in Brennstoff, in Energie, in Leidenschaftlichkeit sieht er seine Aufgabe. „Gletscher schmelzen, Wasser verschwindet, Dürre legt sich auf das Land.“
Gelegentlich verfällt Ringo in einen alttestamentarischen Duktus, dann erinnert er an Martin Luther King, sein großes Vorbild. „Motivieren, anfeuern, beseelen – das ist
der Schlüssel.“ Jerome nimmt sich für jeden, der ihn anspricht, einen Moment Zeit, teilt Visitenkarten aus, stellt eine Frage. Dann zieht er sein Gegenüber zum Abschied an seine breite Brust und umarmt ihn herzlich. Man meint dabei, ein „brothers and sisters“ und den entfernten Nachhall von „I had a dream“ zu hören.
„Wir haben eine wichtige Botschaft, aber haben wir die richtigen Botschafter?“
Dass er auf der richtigen Seite steht, ist für Ringo längst erwiesen, aber wie mobilisiert man die Menschen? „Wir müssen den Kampf in eine Bewegung verwandeln! Anders geht es nicht!“ Ringo sieht seine Mission darin, die Armen und Reichen, die Farbigen und Weißen, die Arbeiter und Unternehmer, die Naturschützer und Luftverpester, die Kämpfer für erneuerbare Energien und die Repräsentanten der Kohleindustrie, diejenigen also, die ein Teil der Lösung, und diejenigen, die Teil des Problems sind, kurzum die gesamte Menschheit gegen den Klimawandel zu mobilisieren.
„Ich will die Stimme für alle sein, aber besonders für die Leute, die in der Vergangenheit nicht einbezogen waren, für Arme, Farbige, Menschen, die kein Interesse an diesen Themen haben, aber von ihnen betroffen sind.“ Als Bürger von Louisiana half Ringo nach „Katrina“ die Bewohner New Orleans zu evakuieren, bevor er wegen „Rita“ selbst evakuiert wurde. Sollte er die Farbigen und Benachteiligten, diejenigen also, die an keinem Runden Tisch anzutreffen sind, tatsächlich erreichen, hätte er damit in den Südstaaten Neuland betreten.
Für mehr Unabhängigkeit vom Öl und mehr erneuerbare Energien
Neben der Bekämpung der Erderwärmung sind es populäre Forderungen, die die Apollo Alliance vertritt: mehr Unabhängigkeit vom Öl, das Geld, das in die Sicherung der Ölfelder des Nahen Ostens gesteckt wird, in die Entwicklung erneuerbarer Energien in den USA selbst zu investieren, Hunderttausende von neuen Jobs in der Umweltindustrie. Er berät die Demokraten, aber lässt den Faden zu den Republikanern nicht abreißen.
„Spätestens nach der nächsten Präsidentenwahl sind auch die mit im Boot.“ Denn Politik werde von der öffentlichen Unterstützung und der öffentlichen Wahrnehmung, vielleicht dann auch von der öffentlichen Leidenschaft vorangetrieben, da können auch die Republikaner das Thema nicht mehr ignorieren. Bei einer Umfrage gaben die Amerikaner an, dass ihre größte Sorge der Irak-Krieg sei, gleich danach aber kommt der Klimawandel. Und es war der republikanische Senator John McCain, der den Gesetzesentwurf über globale Erwärmung für den Senat verfasst hat. „Wir brauchen in diesem Land neue Führungspersonen mit Visionen“, steht in der Selbstdarstellung der Apollo Alliance.
Anders als in den 60er-Jahren, als ein vitaler Präsident ein nationales Projekt ins Leben rief, ruft heute das Projekt nach Führung. Die Umweltbewegung ist nicht mehr jung, das macht sich bemerkbar. Schon vor gut zwanzig Jahren war Al Gore in den USA nicht der einzige Rufer in der Wüste mit seiner Warnung vor einer kommenden Klimakatastrophe. Und 1983 zogen die Grünen als Sonnenblumenpartei in den Bundestag ein. Erfolg produziert Nachahmer, inzwischen haben alle Parteien den Umweltschutz auf die eine oder andere Weise im Programm, und in Deutschland ist eine gewisse Abgeklärtheit spürbar.
Doch in den USA, wo auf höchster Regierungsebene Klimaschutz nicht nur vernachlässigt, sondern für überflüssig befunden wurde, haben sich eine unvernutzte Moralität und eine elementare Empörung erhalten. Vielleicht lassen sich die Europäer ja anstecken.
Der Schritt vom Wissen zum Handeln
„Ich habe das bei meiner Rede bemerkt“, so Ringo, der auf dem KyotoPlus-Kongress in Berlin begeisterten Applaus bekommen hat, „die Reaktionen des Publikums zeigten genau dieses: Die Leute hier in Deutschland sind hungrig nach Leidenschaft. Sie haben die Botschaft erhalten, sie kennen die Beweise, sie haben die nötige Technik, jetzt brauchen sie einen Schuss in den Arm.“
Und wie lässt sich die Affekttemperatur aufrecht erhalten? „Die Welt braucht einen etwas anderen Blick auf die Lösung des Problems“, erklärt Ringo. „So dass nicht gesagt wird: Das haben wir doch alles schon gehört. Dadurch geht viel Energie verloren.“ Worauf zielt der andere Blickwinkel? „Eine Akzentverlagerung wäre etwa die Personalisierung. Man muss die Bewegung mit einem Gesicht verbinden. Wir müssen den Leuten zeigen, dass der Klimawandel auch den Durchschnittsmenschen auf tiefgreifende Weise beeinträchtigen wird. Wenn man ein Thema mit einem Gesicht verbindet, eignen es sich die Leute an.“
Und Sie wollen das Gesicht sein? „Ich will das Gesicht sein.“ Also sehe ich jetzt das Gesicht?
„You see the face. I hope you like the face.”
Der Beitrag erschien in Böll.Thema, Ausgabe 3, 2006: Klimawandel - Neue Ziele. Neue Allianzen. Neue Politik




