Geld: Grüne Fonds lohnen sich

Foto: © Gerd Altmann/ Pixelio

22. Mai 2008
Grüne Fonds haben Zulauf und bieten überdurchschnittliche Renditen. Aber ist dabei von einem stabilen Trend auszugehen? Wie vertrauenswürdig sind ökosoziale Geldanlagen? Und lässt sich mit ihnen tatsächlich Sinnvolles erreichen? Hannes Koch im Gespräch mit Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur der Zeitschrift Finanztest der Stiftung Warentest.

Hannes Koch: Der Slogan „Grünes Geld“ nährt die Hoffnung, dass sich der  Kapitalismus besänftigen ließe. Können wir die Welt mit Geld tatsächlich besser machen?

Hermann-Josef Tenhagen: Der deutsche Konzern MAN Ferrostahl hat den Sohn des nigerianischen Diktators Sani Abacha beschäftigt – wohl in der Hoffnung auf Großaufträge. Daimler-Benz hat sich früh für die Gewerk- schaftsbewegung in Südafrika eingesetzt. Auch dabei ging es um einen Markt der Zukunft. Wenn man mit Geld schlimme Dinge bewirken kann, ist es auch möglich, damit gute Ziele zu erreichen. Der Trick besteht darin, die ungeheure Anziehungskraft des Geldes an der richtigen Stelle einzusetzen. Denken Sie an die Granmeen-Bank des Nobelpreisträgers Mohammed Junus, der an Millionen Arme Kleinkredite gibt. Oder an Fabriken, die Solarzellen herstellen.

Hannes Koch: Muss Grünes Geld dem sozialen Fortschritt verpflichtet sein?

Hermann-Josef Tenhagen: Nachhaltigkeit beinhaltet auch soziale Verantwortung jenseits der Erwartung von Profit. Weder sollten Unternehmen die Umwelt schädigen noch ihren Beschäftigten schlechte Arbeitsbedingungen zumuten. Das Recht, Gewerkschaften zu gründen, ein Anspruch auf Urlaub und fairen Lohn gehören international zum Basisstandard. Viele Unternehmen sind inzwischen bereit, mehr zu tun als das Minimum. Keiner der großen Konzerne kann es sich leisten, die soziale Verantwortung so zu vernachlässigen, wie es in der Vergangenheit mitunter geschehen ist.

Hannes Koch: Gegenwärtig werden weltweit 180 zusätzliche Autofabriken geplant oder gebaut, um die Produktionskapazitäten auf 110 Millionen Fahrzeuge pro Jahr zu verdoppeln. Das legt den Schluss nahe, dass es sehr schwer wird, Ökonomie und Ökologie zu versöhnen.

Hermann-Josef Tenhagen: Letztlich wird es gehen müssen, wir haben keine Alternative. Anfänge sind auch schon gemacht. Hunderttausende Jobs in Deutschland hängen nicht an der Autoindustrie, sondern an der Produktion von Wind- und Solarkraftwerken. So stünde die Maschinenbau-Firma Flender in Bocholt, NRW heute vor dem Aus ohne den deutschen Windkraftboom.

Hannes Koch: Täglich werden auf den internationalen Finanzmärkten zwischen 1000 und 2000 Milliarden Dollar investiert. Nur ein Bruchteil davon folgt ökosozialen Kriterien. Haben wir es beim „grünen Geld“ mit einer unbedeutenden Nische zu tun?

Hermann-Josef Tenhagen: Dieses Segment ist klein, aber es wächst stark. Die Financial Times, eines der Leitmedien des globalen Kapitals, unterhält neben dem klassischen britischen Aktienindex einen nachhaltigen Aktienindex FTSE4Good. Und im vergangenen Jahr haben die Briten den Hilton Hotel Konzern und die New York Timeswegen Nichteinhaltung von Umweltkriterien aus diesem Index verbannt. Jetzt verlangt der Index von den 250 Firmen, die dort gelistet sind, dass sie künftig ihre CO2-Emissionen jährlich um 2,5 Prozent reduzieren. Bislang erfüllen erst fünfzig der 250 Firmen diese Vorgaben. Solche Anforderungen finden natürlich ihren Niederschlag in der Politik der
Aktiengesellschaften selbst. So haben achtzig internationale Konzerne unlängst die Regierungen aufgefordert, mehr für den Klimaschutz zu tun. Und Siemens-Chef Klaus Kleinfeld ist nach Davos gereist und hat verkündet, dass der größte Teil seiner Innovationsanstrengungen dem Energiesparen diene.

Hannes Koch: Immer mehr Investoren richten ihre Anlagepolitik also danach aus, ob Unternehmen ökologische und soziale Kriterienbeherzigen?

Hermann-Josef Tenhagen: Wir haben es mit einem Trend zu tun. Eine ganze Branche lebt inzwischen von ökosozialem Investment. Hunderte Banken, Beratungsfirmen und Anlagegesellschaften konstruieren Geschäftsmoelle, die auf Grünem Geld basieren. „Ökovision“, der bekannteste ökologische Aktienfonds in Deutschland, verwaltet inzwischen allein 450 Millionen Euro.

Hannes Koch: Was versprechen sich die Investoren von einer Geldanlage, die nicht nur dem Profit gehorcht?

Hermann-Josef Tenhagen: Viele Investoren glauben, dass es für Unternehmen gut ist, sich ernsthaft mit der Zukunft zu beschäftigen. Wenn nun eine Firma die sozialen und ökologischen Herausforderungen, die auf uns zukommen, in ihrer Geschäftspolitik berücksichtigt, kann dies als Ausweis solider Zukunftsstrategie gelten. So etwas honorieren Investoren. Denn eine plausible Strategie spricht dafür, dass das betreffende Unternehmen noch lange am Markt ist – anders als möglicherweise seine Konkurrenten, die kurzatmiger wirtschaften.

Hannes Koch: Investoren scheuen das Risiko?

Hermann-Josef Tenhagen: Sie wollen keinen Verlust erleiden. Sie hassen nichts mehr, als Schocks, mit denen sie nicht gerechnet haben. Das ist einer der Gründe, warum sich die Versicherungsbranche so massiv für den Klimawandel interessiert.

Hannes Koch: Gibt es eindeutige Kriterien, denen ich trauen kann, wenn ich eine ökosoziale Geldanlage suche?

Hermann-Josef Tenhagen: Ja, mittlerweile stehen eine große Anzahl von Fonds und anderer Anlageformen zur Verfügung, die mit Hilfe von nachvollziehbaren Kriterien erklären, welche Werte die Anleger in ihr Portfolio aufnehmen. Man kann Anlagen mit oder ohne grüne Gentechnik, Tabak oder Rüstungsindustrie wählen. Und ökologisch bewusste Anleger können ruhig schlafen. Die grünen Fonds liegen bei der Rendite häufig weit vor den konventionellen Fonds. Gutes Gewissen müssen Sie nicht mehr mit geringerem Profit bezahlen – im Gegenteil. Es rentiert sich.

Hannes Koch: Kann ich daraus schließen, dass ökologisch und sozial arbeitende Firmen profitabler arbeiten als konventionelle Unternehmen?

Hermann-Josef Tenhagen: Bei manchen Firmen und Branchen ist das der Fall. Aus zwei Gründen ist die Rendite etwa in der Wind- und Solarenergie augenblicklich beachtlich. Es herrscht eine große Nachfrage aufgrund neuer politischer Sensibilität für das Thema. Und viele Regierungen unterstützen die sauberen Energien. In Deutschland beruht die Förderung auf dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz, das die Kosten der Markteinführung von Ökoenergie auf alle Stromverbraucher
verteilt.

Hannes Koch: Dann liegt das Erfolgsgeheimnis der Firmen im guten Zugang zu öffentlichen Geldquellen?

Hermann-Josef Tenhagen: So kann man das nicht sagen. Der japanische Fahrrad-Konzern Shimano, der in jedem Öko-Aktien-Index vertreten ist, bedient sich nicht aus den öffentlichen Haushalten. Und die sehr erfolgreiche Bio-Lebensmittelkette Whole Foods Market in den USA tut es auch nicht.

Hannes Koch: Der politische Rahmen ist wichtig für ökonomisches Handeln. Was sollte die Bundesregierung tun, um verantwortungsbewusst handelnden Unternehmen den Weg zu ebnen?

Hermann-Josef Tenhagen: Zum Selbstverständnis von Finanztestgehört es, keine politischen Empfehlungen zu geben. Deshalb nur so viel: Dass sich Kontinuität auszahlt, sieht man am Erfolg der langjährigen Förderung für die erneuerbaren Energien in Deutschland. So etwas wäre auch für andere Branchen vorstellbar. Denken Sie nur an die Wasser- oder auch an die Abfallwirtschaft.

Das Interview erschien zuerst in Böll.Thema, Grüne Marktwirtschaft, Ausgabe 1/07

Hinweis: Einen Überblick über Grüne Geldanlagen, den Naturaktienindex (NAI,) und ethisch-ökologische Fonds veröffentlichte Finanztest im Februar 2007.  Information: Tel. 030-2631-0

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